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Dienstag, 26. Juni 2018

Film-Rezensionen: Love, Simon

Mit 17 ist man voller Erwartung auf das Leben und die große Liebe, der man hoffentlich eines Tages begegnen wird. Bei Simon Spier (Nick Robinson) ist die Lage etwas schwieriger, denn er ist schwul und weder seine Familie noch seine Schulfreunde wissen davon. Eines Tages erfährt er auf einer anonymen Schulseite, dass es noch jemanden in seinem Umfeld gibt und ohne zu wissen, wer der andere ist, beginnt er mit Blue, wie der sich ihm gegenüber nennt, einen E-Mail-Flirt. Simon hat eine liebevolle Familie und gute Freunde, aber nun erfährt er das erste Mal wie es ist, von jemandem verstanden zu werden, der so fühlt wie er. Nach und nach wird der Wunsch stärker, herauszufinden, wer Blue ist und in seinen Gedanken spielt er alle in Frage kommenden Kandidaten durch. Leider liest eines Tages der bei niemandem sonderlich beliebte Martin (Logan Miller) eine seiner E-Mails und erpresst Simon damit, ihn zu outen, wenn er ihm nicht zu einem Date mit der schönen Abby Suso (Alexandra Shipp) verhilft, während die Schulfreundin Leah (Katherine Langford) wiederum heimlich in Simon verliebt ist, wodurch die Irrungen und Wirrungen für alle Beteiligten ihren Lauf nehmen...


Der Film ist ein weiterer gut gemachter Teenager-Film, der das Thema erste Liebe und Coming of Age um die Variante Homosexualität erweitert, nur um zu zeigen, dass es letztlich keinen Unterschied gibt, die Gefühle und die Schwierigkeiten, sich dazu zu bekennen, sind dieselben. Erleichtert wird die Identifikation des Zuschauers mit Simon und seinen Problemen dadurch, dass er ein absoluter Sympathieträger ist, charmant, liebenswert und hübsch. Er selbst hält bei seiner Suche nach dem anonymen Blue auch nur nach gutaussehenden, sympathischen Jungs Ausschau, wodurch sich die Frage stellt, wie die Geschichte ausgesehen hätte, wäre Simon klein, dick, pickligen oder unscheinbar, wären die Toleranz und das Mitgefühl des Zuschauers genauso ausgefallen?

Davon abgesehen hinterlässt der Film ein gutes Gefühl und gibt den offensichtlich immer noch notwendigen positiven Anstoß, einmal mehr darüber nachzudenken, ob Homosexualität für einen jungen Menschen nach wie vor ein solch großes Problem darstellen sollte und ob es immer noch so schwer sein muss, sich seinen Eltern und Freunden zu offenbaren, und vor allem, ob es auf der anderen Seite immer noch eines „Outings“ bedarf, einer Offenbarung intimster Dinge, die niemanden sonst etwas angehen. Noch scheint es notwendig zu sein, in die Offensive zu gehen, um sich nicht erpressbar zu machen und den Zeitpunkt für diese Offenbarung selbst bestimmen zu können. Erst wenn dies nicht mehr notwendig sein wird, wird der Druck, der leider immer noch gerade für junge Menschen besteht, verschwinden und der Film ist so liebenswert gemacht, dass er hierzu einen guten Beitrag leisten kann




 Regie: Greg Berlanti
Drehbuch: Elizabeth Berger, Isaac Aptaker, b/a dem 
Jugendroman von Becky Albertalli „Simon vs. The Homo Sapien’s Agenda“ 
Kamera: John Guleserian 
Musik: Rob Simonsen
Darsteller:
Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Logan Miller, Keiynan Lonsdale, Jorge Lendeborg Jr., Jennifer Garner, Josh Duhamel

USA 110 min.
Kinostart: 28. Juni 2018







Dienstag, 19. Juni 2018

Film-Rezensionen: Ocean's 8

Debbie Ocean (Sandra Bullock) kommt aus einer Familie, die kreative Jobs liebt. Ihr verstorbener Bruder Danny Ocean hatte wiederholt eine Gruppe von Spezialisten um sich geschart, um spannende und originelle Raubzüge zu organisieren, wie man in den Filmen Ocean’s Eleven, 12 und 13 sehen konnte.

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wohin sie ihr ehemaliger Freund Claude Becker (Richard Armitage) gebracht hat, macht sich nun Debbie daran, die Familientradition fortzusetzen. Das Besondere diesmal: die von ihr zusammengestellte Crew besteht ausschließlich aus Frauen, und die machen ihre Sache richtig gut. Der Film knüpft an die lange Tradition von minutiös geplanten Raubzügen – Heists, wie sie im Englischen genannt werden – an. Debbie und ihre Gang haben es auf das millionenschwere Diamantenkollier Toussaint abgesehen, das normalerweise fest verschlossen hinter schweren Tresortüren aufbewahrt wird. Ort des Beutezuges ist die jährliche exklusive und exquisite Met-Gala, die jedes Mal unter einem bestimmten Motto steht und eine illustre Schar an Gästen aus Gesellschaft, Film- und Showbusiness anzieht. Der Plan sieht vor, die Schauspielerin Daphne Kluger (Anne Hathaway) dazu zu bringen, das Toussaint-Kollier zu tragen, um es ihr dann in einer raffinierten Aktion vom Hals zu lösen und gegen ein Imitat auszutauschen. Die einzelnen Schritte sind genauestens ausgearbeitet, jede der Frauen ist eine Spezialistin auf ihrem Gebiet, die weiß, was zu tun ist, da kann eigentlich nichts schief gehen...

Ob es am Ende gelingt, das Kollier zu erbeuten, soll hier nicht verraten werden, die Geschichte ist spannend und witzig erzählt, es gibt nette Anspielungen und unerwartete Wendungen, bei denen auch Debbies Ex-Freund Claude eine Rolle spielt, mit dem sie schließlich noch eine Rechnung offen hat. Insgesamt ist mit Ocean’s 8 kein neuer Aufguss einer bekannten Geschichte entstanden, sondern eine unterhaltsame und durchaus originelle Krimikomödie, und die Tatsache, dass hier allesamt Frauen in einem Business tätig sind, dass sonst nur Männern vorbehalten ist, sollte eigentlich keiner Erwähnung bedürfen, im umgekehrten Fall wäre es das ja auch nicht.

Sandra Bullock trägt den Film souverän, ihre kurzen gekonnten Dialoge auf Deutsch werden aber wohl leider der synchronisierten Fassung zum Opfer fallen. Anne Hathaway darf eine herrlich naive bauernschlaue Zicke geben und es ist ein Vergnügen, auch den übrigen Damen bei der Arbeit zuzuschauen. Den Bechdel-Test hat der Film bei gleich acht Frauen, die nicht nur miteinander sprechen, sondern auch perfekt zusammen agieren, mit Bravour bestanden, vor allem, weil sie sich tatsächlich durchgehend über etwas anderes als Männer unterhalten – quod erat demonstrandum!


Regie: Gary Ross
Drehbuch: Gary Ross, Olivia Milch, b/a story von Gary Ross, b/a Charakteren von George Clayton Johnson & Jack Golden Russell
Kamera: Eigil Bryld
Musik: Daniel Pemberton

Darsteller:
Debbie Ocean – Sandra Bullock
Lou – Cate Blanchett
Daphne Kluger – Anne Hathaway
Amita – Mindy Kaling
Nine Ball – Rihanna
Tammy – Sarah Paulson
Constance – Awkwafina
Rose Weil – Helena Bonham Carter
Midori Francis, Elliott Gould, Richard Armitage, Charlotte Kirk, Dakota Fanning

USA 2018, 110 min.
Kinostart: 21. Juni 2018



Dienstag, 12. Juni 2018

Film-Rezensionen: Hereditary - Das Vermächtnis


Die Grahams – Mutter Annie, Vater Steve, Sohn Peter und Tochter Charlie – leben in einem großen Haus am Waldrand, eine scheinbar normale amerikanische Familie wie viele. Annie (Toni Collette) ist Künstlerin und gestaltet Puppenhaus-Miniaturen, während Steve (Gabriel Byrne) als Psychotherapeut praktiziert. Peter (Alex Wolff) lebt sein Teenagerleben zwischen Highschool und Abhängen mit Freunden, einzig seine jüngere Schwester Charlie (Milly Shapiro) scheint ein Sonderling zu sein, die mit einige Phobien zu kämpfen hat.
Eines Tages stirbt Annies Mutter Ellen Leigh. Zwischen Annie und ihrer dominanten Mutter gab es zeitlebens Spannungen, während Enkelin Charlie ein enges Verhältnis zu ihrer Großmutter hatte, so dass sie der Verlust hart trifft und ihr manchmal sonderbares Verhalten sich noch verstärkt.
Als Peter eines Tages mit seiner Schwester von einer Party bei Freunden zurückkehrt, nimmt das Schicksal eine verhängnisvolle und grausame Wendung, dabei spielt die hilfsbereite freundliche Joan (Ann Dowd), eine Bekannte aus Annies Selbsthilfegruppe für trauernde Angehörige, eine immer größer werdende Rolle.

Das unterschwellig ungute Gefühl, das der Film durch kleine Begebenheiten von Anfang an erzeugt, entwickelt sich bald zu einem Alptraum, in dem die Familie Graham in ihrem einsamen Haus immer tiefer versinkt, allein mit einer schicksalhaften Familiengeschichte und daraus resultierenden Vorbestimmungen. Alle Personen geraten in einen immer schneller rotierenden Strudel, bis zum furiosen Ende, das nichts für schwache Nerven ist und aus einem Mystery-Thriller einen veritablen Horrorfilm macht, der Anlehnungen an Klassiker wie „Rosemary's Baby" zeigt, aber am Ende weit darüber hinausgeht.
Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster hat sich bereits in einigen beachteten Kurzfilmen mit Familienritualen und Familientraumata beschäftigt, bevor er nun mit seinem ersten Spielfilm noch tiefer und vehementer in diese Thematik eintaucht. Nach seinen Angaben haben ihn dramatische Ereignisse in seiner eigenen Familie inspiriert, die innerhalb kurzer Zeit einige schwere Schicksalsschläge verarbeiten musste. Den nun von ihm präzise und kunstvoll inszenierten Alptraum, den sein Film genüsslich ausbreitet, treibt er auf die Spitze, bis zum bitteren und noch verstörenderen Ende, als man es sich zu Beginn vorstellen mag. Bereits in der ersten Einstellung lässt er eine von seiner Hauptfigur entworfene Puppenhausszene mit einer realen Szene verschmelzen und schafft so die Grundlage für die Mitglieder seiner Filmfamilie, die, getrieben von einem fatalen Fluch und von starken äußeren Kräften, wie Puppen bewegt, am Ende ihrem Schicksal nicht entkommen können.

Es ist – wie gesagt – ein Horrorfilm und wenn man dieses Genre mag, kann man sich der Intensität der Handlung nicht entziehen. Es bleibt allerdings fraglich, ob jeder Zuschauer den letzten Schritt bei dem verstörenden und furiosen Ende mitgeht, und die Grundidee des am Ende doch sehr konstruierten Horrors von Abstammung und Blutlinie und des daraus resultierenden vorherbestimmten Schicksals der Familie Graham lässt sich auf keinen Fall auf den generellen Ballast, den wahrscheinlich jede Familie mit sich herumträgt, übertragen, was den aufgewühlten Zuschauer dann doch wieder beruhigen mag.
 

Regie und Drehbuch: Ari Aster 
Kamera: Pawel Pogorzelski 
Schnitt: Jennifer Lame 
Musik: Colin Stetson

Darsteller:

Annie Graham – Toni Collette
Steve Graham – Gabriel Byrne
Peter Graham – Alex Wolff
Charlie Graham – Milly Shapiro
Joan – Anne Dowd

Splendid Film
USA 123 min.
Kinostart: 14. Juni 2018