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Dienstag, 25. September 2018

Film-Rezensionen: The Man Who Killed Don Quixote


Don Quixote: Wer hätte noch nicht von ihm gehört oder gelesen, kaum eine literarische Figur ist so berühmt und wird so oft zitiert, man möchte beinahe glauben, er habe tatsächlich gelebt. Gleiches gilt für seinen treuen Adlatus Sancho Pansa, sein Pferd Rosinante sowie die unerreichbare Schönheit Dulcinea, um die der Ritter von der traurigen Gestalt wirbt, und kaum ein Kampf ist so bekannt, wie der gegen die Windmühlen, für ihn bedrohliche Riesen, für alle anderen die Metapher für Wahnsinn und aussichtlose Unterfangen jeder Art. Der Roman des spanischen Autors Miguel de Cervantes aus dem 17. Jahrhundert ist ohne Übertreibung eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur, ein literarisches Meisterwerk.


 Nachvollziehbar, dass den Regisseur Terry Gilliam, einziger Amerikaner der legendären Monthy-Python-Truppe, dieser Stoff reizte, obwohl er insgeheim glaubt, dass auf der Figur des Don Quixote so etwas wie ein Fluch liegt, dass jeder, der sich zu sehr auf ihn einlässt, selbst zum Don Quixote wird und in den Wahnsinn marschiert, um die Welt so zu machen, wie er sie sich vorstellt.
Wahnsinn war dann tatsächlich die 30-jährige Entstehungszeit, die dieser Film von den ersten Anfängen bis zur Fertigstellung benötigt hat. Nach mehr als 10 Jahren Entwicklungsarbeit wurden im Jahr 2000 die Dreharbeiten nach sechs Tagen wegen diverser Probleme eingestellt. Der ursprüngliche Darsteller des Quixote, Jean Rochefort, ist mittlerweile verstorben, dennoch blieb Gilliam hartnäckig und nun endlich kommt das Ergebnis dieses langen Kampfes in die Kinos.

Allerdings verknüpft der Film die alte Geschichte mit einer modernen Rahmenhandlung. Protagonist ist der zynische Werbefilmer Toby (Adam Driver), der sich auf seine eigene Reise in den Wahnsinn begibt. Während er in Spanien versucht, einen Werbefilm zu drehen, wird er an seinen Film über Don Quixote erinnert, den er einst als Student in einem kleinen Dorf in genau dieser Gegend gedreht hat.
Bei der Suche nach Spuren seiner Vergangenheit, entdeckt er, dass sein vermeintlich unschuldiger Film verheerende Auswirkungen auf alle Beteiligten in dem Dorf hatte, vor allem auf seine beiden Hauptdarsteller: Die damals junge Angelica (Joana Ribeiro), Inkarnation der unschuldigen Dulcinea, ist an ihren Träumen gescheitert und der einfache Handwerker, der seinen Ritter verkörperte (Jonathan Pryce), glaubt seither, er sei tatsächlich Don Quixote.

Toby, der sich mit dem täglichen Irrsinn seines Jobs und den darin liegenden Versuchungen bezüglich Frauen, Macht und Geld herumschlägt, gerät durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die Gegenwart mehr und mehr in einen Strudel, der ihn immer tiefer in eine Welt hinabzieht, in der Realität und Fantasie wild durcheinander wirbeln. Eine gute Gelegenheit für Gilliam, seinen Zuschauern bunte Bilder von ausschweifenden Festen in farbenfroher Kulisse zu präsentieren, bis Toby, der als Werbemann gewohnt ist, Träume zu verkaufen, beginnt, wie Quixote daran zu glauben.

Geht es in der literarischen Vorlage darum, dass die Macht der Fantasie gegen die Macht der Vernunft kämpft und Träume die Kraft haben, die Welt zu verändern, ein Thema, das über alle Zeiten hinweg immer wieder aufgegriffen und weitergeführt wurde, bleibt der Film seiner Hauptfigur in ihrer persönlichen Verirrung verhaftet. Toby ist kein moderner Quixote, die Rolle ist schon besetzt, und so bleibt für ihn nur die des unterstützenden Helfers Sancho Pansa, der Filmemacher ist nicht der Träumer, sondern ein Erfüllungsgehilfe seiner Auftraggeber und letztlich auch der Zuschauer.
Was Gilliam dabei auf die Leinwand bringt, ist typisch für dessen eigene wahnhaften,
überdrehten Fantasien, die er in seiner über 40 Jahre währenden Karriere mit offensichtlicher Lust an visuellen Experimenten inszeniert. Wenn dieser Film trotz aller Bemühungen dann doch nicht der Höhepunkt seines Schaffens geworden ist, werden alle, die sich auf seine überbordende Fantasie einlassen mögen, dennoch ihren Spaß haben. Der Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt wird kein neues Denkmal gesetzt, wohl aber der Figur in Gestalt von Jonathan Pryce, dem eine bewegende und eindrucksvolle Darstellung des Don Quixote gelungen ist, ein Mann, zerbrechlich und alt, und gleichzeitig voller Mut, Kraft und Überzeugung, dem es gelingt, die Riesen für jeden sichtbar zu machen, der bereit ist, sich ihnen zu stellen.
 

 Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Kamera: Nicola Pecorini
Ausstattung: Edou Hydallgo
Musik: Roque Banos 
Bild- und Videomaterial:
 © 2018 Concorde Filmverleih GmbH
 @DiegoLopezCalvin

Darsteller:
Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgard, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Rossy De Palma Hovik Keuchkerian, Jordi Mollá, Sergi López

Concorde Filmverleih
Prädikat: Besonders Wertvoll
Official Selestion Festival de Cannes
133 min.
Kinostart: 27. September 2018

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