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Sonntag, 4. Februar 2024

Im Kino: All Of Us Strangers

Adam (Andrew Scott) ist Schriftsteller und lebt in einem verlassenen Hochhaus. Als er eines Tages einen Mitbewohner namens Harry (Paul Mescal) trifft, gehen die beiden nach Adams anfänglichem Zögern eine Beziehung ein. Gleichzeitig macht er, der gerade an einer Geschichte über seine Kindheit arbeitet, die mysteriöse Erfahrung, beim Besuch seines ehemaligen Elternhauses dort auf seine Mutter (Claire Foy) und seinen Vater (Jamie Bell) zu treffen. Allerdings sind beide bereits lange tot, bei einem tragischen Autounfall verstorben, als Adam gerade 12 Jahre alt war…

Der Film nimmt uns mit auf die Reise eines einsamen Menschen in seine Vergangenheit. Was auf den ersten Blick obskur und unglaubwürdig klingen mag, entwickelt durch die Macht der Bilder und der grandiosen musikalischen Untermalung, vor allem aber durch die großartigen Darsteller, einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Das scheinbar Irreale ist auf einmal plausibel und eröffnet fantastische Dimensionen, wer hätte nicht einmal den Wunsch gehabt, noch einmal einem lieben Verstorbenen Dinge zu sagen, die man zu Lebzeiten versäumt hat oder Missverständnisse, die durch den Tod auf immer bestehen bleiben, doch noch zu klären?

Besonders reizvoll ist, dass Adam seinen Eltern quasi auf Augenhöhe begegnet, denn sie sind so alt, wie sie damals waren, als sie starben und damit sogar etwas jünger als Adam jetzt. Aus dieser Konstellation entwickeln sich an Herz und Nieren gehende Gespräche, Adam erkennt, wie wenig Verständnis er von den Eltern als Kind erfahren hat, gleichzeitig gab es schöne und harmonische Situationen, an die sich alle drei gleichermaßen gerne erinnern. Es gab durchaus Momente von Geborgenheit, welche ihm durch den Tod der Eltern so früh genommen wurde, was ihn zu dem Menschen hat werden lassen, der er heute ist, offensichtlich immer noch auf der Suche danach.

Dass er diese Geborgenheit bisher noch nicht wieder gefunden hat, zeigt sein absolut zurückgezogenes Leben, das er inmitten einer Großstadt wie London in vollkommener Einsamkeit zu führen scheint. Diese Vereinsamung von Menschen, umgeben von so vielen anderen, zu denen man aber keinen wirklichen Bezug hat, ist ein Thema, das in Zeiten von Social Media und Homeoffice von brennender Aktualität ist und einen weiteren Nerv beim Zusehen trifft.

Hoffnung kommt auf durch die Beziehung zu Harry, die sich nach anfänglichem Zögern vorsichtig zärtlich entwickelt. Auch Harry ist einsam und es scheinen sich zwei verwandte Seelen gefunden zu haben, obwohl beide auf den ersten Blick mehr trennt als verbindet. Adams Versuch, beide Ebenen, die Besuche bei seinen Eltern und seinen neuen Freund, miteinander zu verbinden, scheitert, ob er am Ende trotzdem Erlösung findet, mag jede Zuschauerin und jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.  

Der Film wartet mit all den großen Gefühle wie Trauer, Angst, Verlangen nach Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, aber auch Aufarbeitung von Traumata und Vergebung auf, man könnte fast befürchten, zu viel für einen Kinoabend, aber alles ist so meisterlich in Szene gesetzt und in sich stimmig, wie bei einem perfekt orchestrierten Musikstück, das die Saiten aller beteiligten Instrumente harmonisch zum Schwingen bringt, bis am Ende ein emotionales Kunstwerk entsteht, das niemanden unberührt lässt.

Neben der brillanten Regiearbeit sind es die Darsteller, die den Film, der so leicht ins Kitschige hätte abgleiten können, stets glaubwürdig ausbalancieren, und allen voran ist es Andrew Scott, der durch seine bloße Präsenz und ohne effektheischende Mätzchen seiner Figur und damit der ganzen Geschichte eine emotionale Tiefe verleiht, die aus einem ungewöhnlichen einen außergewöhnlichen Film hat werden lassen, der einen noch lange nach Verlassen des Kinos nicht loslassen will!

 

 

Regie: Andrew Haig

Drehbuch: Andrew Haigh, b/a dem Roman von Taichi Yamada

Kamera: Jamie Ramsay

Schnitt: Jonathan Alberts

Musik: Emilie Levienaise-Farrouch

 

Besetzung:

Andrew Scott, Paul Mescal, Claire Foy, Jamie Bell

 

105 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 08. Februar 2024

 

Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=Bk27CxEgMh4 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=ECymRi3mHyc

https://www.youtube.com/watch?v=O97iSjvqBlY (Englisch)

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