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Montag, 7. Oktober 2019

Film-Rezensionen: Joker


Gotham City im Jahr 1981 sieht aus wie New York City in den 1970ger und frühen 1980gern, alles ist vermüllt, zugesprayt, niemand nimmt Rücksicht auf den anderen. Hier lebt Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) zusammen mit seiner Mutter in einem schäbigen Apartment in einem ebenso schäbigen Mietshaus. Arthur ist psychisch krank, besucht wöchentlich eine Sozialstation der Stadt und verdient sein Geld als Ausleih-Clown. Trotz seiner gelegentlichen schüchternen Kontaktversuche, z.B. mit einer hübschen Nachbarin, bleibt er ein Außenseiter, ein Freak, und wird von seinem Umfeld auch als solcher wahrgenommen, wozu die gelegentlichen unmotivierten,
hysterischen Lachanfälle, unter den er leidet, beitragen. Insgeheim träumt er von einer Karriere als Stand-up-Comedian und sein großes Vorbild ist TV-Talkshow-Host Murray Franklin (Robert DeNiro), einmal wie er vor einem großen Publikum auftreten… Stattdessen wird sein Leben immer kläglicher, er verliert seinen Job, seine Mutter wird krank, die Nachbarin will nun wirklich nichts von ihm wissen und die Sozialstation muss mangels Geld schließen. Einem solchen Menschen eine Waffe zu schenken ist keine gute Idee, und das muss dann auch der Arbeitskollege feststellen, der genau das getan hat, aber da ist Arthur schon auf dem Weg, sich in den gefürchteten „Joker“ zu verwandeln, den späteren, unendlich bösen Gegenspieler des ehrenwerten Bruce Wayne aka Batman.

Der Film, der bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen bedacht wurde, zeigt das Psychogramm einer gequälten Kreatur, dabei wird allerdings das Zusehen selbst zur Qual, weil nichts und niemand einen positiven Ausweg aus dieser Tour de Force weist. Arthur Fleck wird als tragischer Clown stilisiert, aber mit den Clowns, die andere zum Lachen bringen, selbst aber tieftraurig ihr Leben verbringen, hat der von Joaquin Phoenix bereits mit allen Vorschusslorbeeren bekränzte Joker nichts, aber auch gar nichts, zu tun.

Ebenso wenig hat er den morbiden Charme eines Psychopathen, der in der Regel durch Intelligenz und planvolles Handeln besticht und der es auf faszinierende Weise versteht, andere Menschen zu manipulieren. Hannibal Lecter zum Beispiel ist ein Scheusal, aber er verfügte bei aller Abartigkeit über Witz und Kultiviertheit, was man von Arthur Fleck beim besten willen nicht sagen kann. Er war und ist ein Freak, der andere abstößt, ihm über den ganzen Film hinweg zuzuschauen bedeutet fast schon körperliche Pein, so dass sich noch nicht einmal Mitleid mit dieser erbärmlichen Figur einstellen will, wie man es vielleicht mit dem erkennbar als Vorbild dienenden Rupert Pupkin hatte, den Robert De Niro in dem Scorsese-Film „The King of Comedy“ verkörperte.
 

Arthur Flecks Wut ist die eines kranken Amokläufers, dem das Leben so lange übel mitspielt, bis er in einem Akt der (Selbst)Zerstörung explodiert. Angelehnt ist seine Figur zwar an Travis Bickle, den „Taxi Driver“ der 1970ger, den die Verderbtheit und der Schmutz der Stadt New York und seiner Bewohner auch zu einer extremen Tat treibt, aber Arthur ist nicht Travis und Todd Phillips nicht Martin Scorsese. Zu keinem Zeitpunkt ist die nervöse Spannung zu spüren, die Robert DeNiro ausstrahlte, Fleck ist einfach nur kaputt und bleibt es auch, da helfen auch die gruseligen Großaufnahmen in seine verzerrte Clownsmaske nicht.


Schön ist das nicht, und die Gewaltakte, die aus dem „Joker“ schließlich hervorbrechen haben auch keine gesellschaftspolitische Relevanz, es sind kalkulierte Effekte, um einem vielleicht schon hartgesottenen Publikum – denn nur solche Leute werden sich diesen Film überhaupt ansehen wollen – doch noch ein paar Schockmomente zu bescheren und am Ende ist es nur ein gestörter Film über einen gestörten Menschen, bevor dieser zu einer Comicfigur wird.
Zumindest der Soundtrack mit Evergreens wie „Summer Wind“ und, natürlich, passenderweise „Send in the Clowns“, aber vor allem Hildur Guðnadóttirs betörende Klänge, sorgt für die morbide Schönheit, die dem Film ansonsten fehlt, allerdings haben die Macher des Films leider auch hier – wahrscheinlich ungewollt – mit dem alten Gary Glitter Werk "Rock &Roll, Part 2" etwas daneben gegriffen.

Bleibt noch die allseits hochgelobte schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix, der in der Riege der Joker-Darsteller u.a. dem für diese Rolle irgendwie prädestinierten Jack Nicholson nachfolgt, vor allem aber in die riesigen Fußstapfen des posthum oscarprämierten Heath Ledger tritt. Zweifellos bietet Phoenix eine intensive, kompromisslose One-Man-Show, er trägt den gesamten Film auf seinen Schultern und verkörpert den Wahnsinn erschreckend echt. Allerdings gibt er so oft in seinen Filmen den psychisch Gestörten, dass er mühelos aus diesem Pool von kaputten Typen schöpfen kann und dies auch erkennbar tut. Da bereits ein Darsteller der kranken Comic-Figur mit dem Oscar belohnt wurde, zeichnet bitte keinen weiteren dafür aus, dann wollen ihn alle spielen…


















Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver
Kamera: Lawrence Sher
Schnitt: Jeff Groth
Musik: Hildur Guðnadóttir

Darsteller:
Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz
 
Warner Bros.
122 min.
FSK 16
Deutscher Kinostart: 10. Oktober 2019


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