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Montag, 13. Juli 2020

Im Kino: Berlin Alexanderplatz


Francis (Welket Bungué) erlebt auf seiner Flucht über das Mittelmeer von Afrika nach Europa Schlimmes. Kurz vor dem Ertrinken kann er sich retten und es gelingt ihm, sich nach Berlin durchzuschlagen. Dort möchte er arbeiten, um ein anständiges Leben führen zu können, schließlich ist er jung und stark. Er lernt Leute kennen, die es gut mit ihm meinen, so wie die Prostituierte Mieze (Jella Haase), die seine große Liebe wird, er macht aber auch Bekanntschaft mit Reinhold (Albrecht Schuch), einem Menschenfänger, der es versteht, andere für sich einzuspannen. Francis lässt sich wider besseres Wissen auf Reinhold ein und das Schicksal nimmt seinen Lauf, an dessen Ende Francis seinen linken Arm, seine Freundin und seinen Vorsatz einbüßt, ein guter, anständiger Mensch zu sein, denn die Verhältnisse, sie sind nicht so…

Mit seinem dreistündigen Film ist Regisseur Qurbani ein wuchtiges und trotz seiner Länge niemals langweiliges Werk gelungen, das mit frischem Ansatz Alfred Döblins alte Geschichte des Franz Bieberkopf aus dem Berlin der 1920ger Jahre in die heutige Zeit transportiert. Wie damals gibt es die Hoffnung, in dieser Stadt sein Glück zu machen, aber ebenso wie damals, lauern überall Versuchungen und Gefahren, die nur darauf warten, einen noch so rechtschaffenen, dabei aber labilen Menschen, vom rechten Weg ins Verderben hinab zu ziehen.

Wie ein Menetekel klingt von Anfang an die Stimme Miezes aus dem Off, um ihren Francis auf diesem Weg zu begleiten, auf dem er, wie sie erzählt, dreimal straucheln wird, lakonisch, aber auch traurig ob des unausweichlichen Schicksals, das auf ihn wartet. Dieses Schicksal in Gestalt des Verführers Reinhold erweckt Albrecht Schuch in mitreißender Weise zum Leben. Anfangs als stets zur Seite gekrümmte, fast bemitleidenswert verwachsene Figur mit unwiderstehlich mephistophelischer Ausstrahlung, scheint sich dessen Körper immer weiter zu strecken, je mehr Macht er über den armen Francis gewinnt, als würde er dessen Kraft und Stärke in sich aufsaugen, um daran zu gesunden. Auch die übrigen Darsteller machen ihre Sache hervorragend, so darf Jella Haase einmal mehr zeigen, was schauspielerisch in ihr steckt, und der in Guinea-Bissau geborene Schauspieler Welket Bungué gibt seinem Francis eine bewegende Menschlichkeit, zeigt ihn als heimatlosen Strauchelnden, der in dieser Welt, in die er sich begeben hat, nie eine Chance hatte, genauso wenig, wie er sie offensichtlich in Afrika hatte, sonst hätte er dort nicht alles verlassen.

Das, was für den Franz Bieberkopf der 1920ger Jahre die Entwurzelung durch einen verheerenden Krieg und die instabilen politischen Verhältnisse dieser Zeit waren, ist heute das globale Flüchtlingselend, das immer mehr Entwurzelte produziert, solange sich an ihren Lebensumständen in ihren Heimatländern nichts ändert, eine wichtige und aktuelle Botschaft, die Burhan Qurbani beeindruckend in diese Adaption des Döblin-Romans eingebettet hat. Der Stoff mag alt sein, die Geschichte ist es nicht.




Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Martin Behnke, Burhan Qurbani, b/a Roman von Alfred Döblin
Kamera: Yoshi Heimrath
Schnitt: Philipp Thomas
Musik: Dascha Dauenhauer

Darsteller:
Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase, Joachim Król, Nils Verkooijen, Annabelle Mandeng, Lena Schmidtke

Entertainment One / Paramount Pictures
183 min.
FSK 12
Deutscher Kinostart: vorgesehen 16. Juli 2020/ 30. Juli 2020

Der Film ist zur Zeit, teilweise in Anwesenheit von Regisseur und Darstellern, auf Kinotour in folgenden Städten:

SOMMERKINO KULTURFORUM – Öffentliche Open Air Preview Berlin (11.7.)
LUNA KINO – Öffentliche Preview Ludwidsburg (13.7.)
SCALA KULTUR – Baden-Württemberg Premiere Ludwigsburg (13.7.)
KUNSTRASEN IM LANDSCHAFTSPARK – NRW-Premiere Duisburg (14.7.)
ZEISE AUTOKINO HEILIGENGEISTFELD – Öffentliche Preview Hamburg (15.7.)
KINO INTERNATIONAL – Öffentliche Sondervorführung Berlin (16.7.)

 Fotos Medianetworx

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