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Donnerstag, 14. Oktober 2021

Im Kino: The Last Duel

Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) kämpfen im ausgehenden 14. Jahrhundert in so mancher Schlacht für König und Vaterland, dies macht sie – zumindest in Carrouges’ Augen – zu Freunden, die füreinander einstehen. Le Gris ist jedoch im weiteren Leben immer der Erfolgreichere, der mit Leichtigkeit vieles erreicht, was dem tumben Carrouges verwehrt bleibt, so erfreut er sich zum Beispiel der nicht zu unterschätzenden Gunst des Grafen Pierre d'Alençon (Ben Affleck). Zwar wird Carrouges im Gegensatz zu Le Gris schließlich zum Ritter geschlagen und darf die wunderschöne Lady Marguerite (Jodie Comer) ehelichen, aber als eben jene Marguerite eines Tages behauptet, Le Gris habe sie vergewaltigt, werden aus den beiden Männern  erbitterte Feinde, die schließlich in einem martialischen Duell auf Leben und Tod um die Wahrheit ringen…

In mittelalterlichen Zeiten war es üblich, in einem gerichtlichen Streit, bei dem Aussage gegen Aussage stand, die Wahrheit durch ein „Gottesurteil“ feststellen zu lassen, d.h. die Kontrahenten in einem Duell auf Leben und Tod gegeneinander antreten zu lassen, an dessen Ende der Überlebende das Recht auf seiner Seite hatte. Dem Film zugrunde liegt eines der letzten Duelle, die auf diese Weise ausgefochten wurden, insofern ein historischer Fall, der so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat.

Altmeister Ridley Scott hat daraus ein wuchtiges Drama geschaffen, das er, wie es Akira Kurosawa in seinem berühmten Werk „Rashomon“ vorexerziert hat, aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten erzählen lässt. Auch wenn man auf diese Weise denselben Film scheinbar drei Mal sieht, unterscheiden sich die Versionen in vielen Details, auf die es auch ankommt, und es bleibt spannend, all die kleinen Abweichungen zu erkennen, wenn man am Ende die Wahrheit erfahren will. Nun mag man Scott hierbei vorwerfen, dass er selbst sich bereits auf eine Wahrheit festgelegt hat, der Zuschauer also nur vermeintlich die Wahl hat, aber da eine vierte, womöglich neutrale Perspektive fehlt, bleibt es eine höchst subjektive Darstellung der Beteiligten.

Neben all den Ritterspielen und Kampfszenen zu Anfang dauert es eine Weile, bis sich das eigentliche Thema des Films herausschält, es geht nämlich um nichts anderes als eine mittelalterliche #MeToo-Geschichte: eine Frau beschuldigt einen Mann der Vergewaltigung, dieser streitet die Gewalt ab und beruft sich auf Einvernehmlichkeit – sie wollte es doch auch. Damit betritt Scott natürlich vermintes Gelände und kann eigentlich nur verlieren, denn recht machen wird er es inmitten der aufgeheizten Diskussionen, die um dieses Thema in den letzten Jahren geführt werden, wahrscheinlich keiner Seite.

Dass der Film dennoch großartig funktioniert, liegt an den überzeugenden Darstellern – allen voran Jodie Comer, aber auch Ben Affleck in einer launigen Nebenrolle – und der kraftvollen, kompromisslosen Inszenierung. Er ist ein Sittengemälde seiner Zeit und der ihr innewohnenden Gewalt, sowohl der physischen in den klirrenden, dampfenden Kampfszenen, als auch der psychischen, der Frauen unterworfen waren, aber, wie die Ausnutzung von Macht- und Einflussstrukturen durch Männer wie den Filmmogul Harvey Weinstein gezeigt hat, auch heute noch unterworfen sind. Früher allerdings gehörten Frauen einfach zum Eigentum ihres Mannes und waren als solches zu verteidigen, und so wird Marguerites Stellung plakativ und gleichnishaft in einer Szene vorgeführt, in der eine wertvolle Stute Carrouges von einem unerwünschten, schwarzen und wilden Hengst besprungen wird, eine Schande, die Carrouges nicht einfach hinnehmen kann.

Marguerite aber, die nun darauf besteht, nicht die Ehre ihres Mannes sondern ihre eigene zu verteidigen und dabei ihr Leben in die Waagschale wirft, sorgt damit für einen unerhörten Vorgang. Sie muss sich von allen Seiten denselben hochnotpeinlichen Fragen unterwerfen, wie sie auch heute noch gestellt werden: Hat sie ihren Vergewaltiger nicht eigentlich ermutigt, musste er deswegen nicht glauben, sie wollte es in Wirklichkeit? Hat sie sich genug gewehrt? Hat sie sich überhaupt gewehrt? Als Marguerite auch noch schwanger wird, spricht dies, sollte das Kind von Le Gris sein, gegen eine Vergewaltigung, denn eine Frau kann nur schwanger werden, wenn sie Spaß am Geschlechtsverkehr hatte – so legen sich die Männer die Welt zurecht, wie sie ihnen gefällt und genau dies führt der Film eindrucksvoll vor Augen: Es geht nicht um die Wahrheit, solange Männer bestimmen, wo es lang geht – „The truth does not matter – there is only the power of men“.

Visuell erinnert der Film oft an alte Gemälde von Schlachtenszenen und düsteren Interieurs vergangener Epochen, klanglich untermalt von einem passend opulenten Soundtrack. Ein Vergleich mit aktuellen Ereignissen ist sicher beabsichtigt und auch legitim, aber nicht notwendig, denn der Film hat die Kraft, für sich alleine zu stehen. Er braucht für die Beurteilung seiner Qualität keine Einordnung in die heutigen Verhältnisse – diese Diskussion wird bereits an anderen Stellen geführt – sondern ist eindrucksvoll und bewegend und, trotz seiner Länge und Sperrigkeit an manchen Stellen, unbedingt sehenswert.

Zum Schluss sei allerdings die Frage erlaubt, ob dieser Film eine Art Wiedergutmachung und Unterstützung der Sache der Frauen bedeuten soll, denn die Beteiligten Damon und Affleck verdanken ihre Karriere maßgeblich dem bereits benannten Harvey Weinstein, der ihr erstes gemeinsames Projekt „Good Will Hunting“ auf den Weg brachte, und beide waren mit ihm auch später noch eng verbunden. Weder Damon noch Affleck konnten im Folgenden glaubhaft bestreiten, seinen Charakter nicht gekannt und von seinen miesen Methoden nichts gewusst zu haben, aber trotz ihres späteren Einflusses in Hollywood haben beide so lange geschwiegen, bis ein paar mutige Frauen endlich bereit waren, Weinsteins Treiben ein Ende zu bereiten. Warum habt ihr solange weggesehen und geschwiegen, Matt Damon und Ben Affleck? Nur eine Frage, nicht mehr…

 


 Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Nicole Holofcener, Ben Affleck, Matt Damon, b/a Bücher von Eric Jager

Kamera: Dariusz Wolski

Schnitt: Claire Simpson

Musik: Harry Gregson-Williams

 

Besetzung:

Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer, Ben Affleck, Harriet Walter, Alex Lawther, Adam Nagaitis

 

Walt Disney Studios/ 20th Century Studios

USA 2021

FSK 16

152 min

  

Deutscher Kinostart: 14. Oktober 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=mgygUwPJvYk (Englisch)

https://www.youtube.com/watch?v=kswm63I3WhM (Deutsch)

 

Donnerstag, 2. September 2021

Heimkino: Kajillionaire

Die 26-jährige Old Dolio (Evan Rachel Wood) bestreitet gemeinsam mit ihren Eltern Theresa (Debra Winger) und Robert (Richard Jenkins) den Lebensunterhalt der Familie mit Trickbetrügereien und kleinen Gaunereien. Von Anfang an darauf trainiert kennt sie nichts anderes, erst als die temperamentvolle Melanie (Gina Rodriguez) zu dem Trio stößt, merkt Old Dolio, was ihr bisher gefehlt hat: die Liebe und die Zuneigung ihrer Mutter, eine bittere Erkenntnis, die ihr ganzes bisheriges Leben in Frage stellt…

Bei dem Film von Miranda July scheint es sich auf den ersten Blick um eine Gaunerkomödie mit gesellschaftskritischen Ansätzen zu handeln, die sich dann aber immer mehr zu einer tragischen Familiengeschichte entwickelt. So skurril die Eltern Theresa und Robert zunächst agieren und mit ihrer erwachsenen Tochter ein unangepasstes Leben führen, indem sie sich über gesellschaftliche Tabus und Schranken hinweg- und der Konsumwelt widersetzen, so hartherzig verhalten sie sich ihrer Tochter gegenüber, indem sie ihr das Gefühl von Nestwärme und elterlicher Liebe vorenthalten. Old Dolio funktioniert und füllt ihren Part aus, um am Ende ihre Belohnung zu erhalten. Das emotionale Vakuum, in dem sie sich befindet, wird ihr erst durch die unbeschwerte Melanie bewusst, die ihr neues Gangsterleben höchst spannend findet, obwohl sie selbst aus geordneten Verhältnissen stammt. Evan Rachel Wood verleiht der Verlorenheit der jungen Frau mit dem ungewöhnlichen Namen Old Dolio ein eindrucksvolles Gesicht und ihre Darstellung dieser tragischen Figur wirkt noch lange nach.

Der Film führt zunächst in den Mikrokosmos einer dystopischen Familie, um diesen durch Einführung eines neuen Elements in Gestalt der jungen Melanie zu sprengen, die voller Tatendrang in eine für sie neue Welt eindringt, und wie die Regisseurin mit diesen Konstellationen spielt, den Blickwinkel verändert und ihre Figuren mit unnachgiebiger Schärfe beobachtet ist vielleicht nicht jedermanns Sache, denn sowohl die Komik als auch die Tragik kommen ungewohnt und sperrig daher, aber am Ende ist der Film, der seine Weltpremiere 2020auf dem Sundance Film Festival feierte, ein kleines Juwel, erfrischend unangepasst und originell wie seine Protagonisten.

 

 

Regie: Miranda July

Drehbuch: Miranda July

Kamera: Sebastian Winterø

Schnitt: Jennifer Vecchiarello

Musik: Emile Mosseri

 

Cast:

Evan Rachel Wood, Debra Winger, Richard Jenkins, Gina Rodriguez,

 

 Focus Features/ Annapurna Pictures

USA 2020

FSK 0

104 min.

 

Neu auf DVD ab 02. September 2021

 

Details DVD:

Sprachen: Englisch, Deutsch

Untertitel: Deutsch

Bild: 2,35:1 Pal 16:9

Ton: Dolby Audio 5.1 + 2.0

Bonusmaterial: Trailer, Originaltrailer

EAN-Code 4009750207581


Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=xiMPCevu8Wk

 

 

 

Dienstag, 13. Juli 2021

Im Kino: Nebenan

Schauspieler Daniel (Daniel Brühl) lebt mit Frau und zwei kleinen Kinder in einem schicken Loft in Berlin. Er steht kurz vor einem Karrieresprung, für ein internationales Franchise hat er ein Vorsprechen in London. Vor der Fahrt zum Flughafen geht er in seiner Stammkneipe in Berlin noch einmal seinen Text durch, dort sitzt an der Theke ein Fremder namens Bruno (Peter Kurth), mit dem er ins Gespräch kommt. Als Daniel nach und nach klar wird, dass dieser Mann äußerst intime Kenntnisse über ihn und seine Familie besitzt, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung…

Für sein Regiedebüt hat sich Daniel Brühl einiges vorgenommen, indem er auch eine der beiden Hauptrollen übernommen und die Idee zu dem Film entwickelt hat, dessen Drehbuch allerdings aus der Feder des Schriftstellers Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) stammt.

Herausgekommen ist ein intelligentes Kammerspiel mit Zügen einer schwarzen Komödie, die ruhig noch etwas schärfer hätten ausfallen können. Sympathisch ist, wie der Regisseur Brühl sich über den Schauspieler Brühl lustig zu machen scheint, indem er ihn irgendwo zwischen bekanntem Darsteller, dem noch etwas zum wirklichen Ruhm fehlt und aufgeblasenem Gockel mit Starallüren ansiedelt. Ihm gegenüber agiert, ganz ohne die genannten Anwandlungen, dafür mit dem ganzen Schwergewicht seiner (Schauspiel)Persönlichkeit Peter Kurth, der den einfachen, gebeutelten und im Leben immer zu kurz gekommenen Bruno gibt und in seinen besten Momenten den Darsteller Brühl überrollt wie eine Dampfwalze.

Zwischen Daniel und Bruno entwickelt sich ein immer beklemmender werdendes Duell auf engstem Raum – Hauptschauplatz der Handlung ist die enge und miefige Kneipe – bei dem Timing und Choreographie exzellent funktionieren, Kompliment an den Regisseur Brühl! Vordergründig geht es um eine persönliche Geschichte, die Bruno mit Daniel auszufechten hat, dahinter steckt aber auch Gesellschaftskritisches zu so aktuellen Themen wie Gentrifizierung und sozialer Ungerechtigkeit, nicht streng und zeigefingerbewehrt, sondern unterhaltsam und spannend vorgeführt am lebenden Objekt. Den einen, Bruno, im Dunkeln, sieht man normalerweise nicht, während der andere, der leichtfüßige Musenjünger, sich im Lichte sonnt, obwohl auch er mit seinen Dämonen zu kämpfen hat, wenn er hin und wieder von Versagensängsten geplagt wird. Wirklich sympathisch ist am Ende keiner von beiden, aber es scheint dem Regisseur Brühl Spaß zu machen, die dunklen Seiten seiner Lichtgestalt, des Schauspielers Daniel, auszuleuchten, und genauso viel Spaß macht es, dabei zuzusehen.

 


 Regie: Daniel Brühl

Drehbuch: Daniel Kehlmann b/a Idee von Daniel Brühl

Kamera: Jens Harant

Schnitt: Marty Schenk

Musik: Jakob Grunert, Moritz Friedrich

 

Darsteller:

Daniel Brühl, Peter Kurth, Rike Eckermann, Aenne Schwarz, Gode Benedix, Vicky Krieps,

 

 Warner Bros. Pictures

92 min.

FSK 12

 

Deutscher Kinostart: 15. Juli 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ujRKKXXsofs

 

 

Im Kino: The Nest - Alles zu haben ist nie genug (The Nest)

Der Brite Rory O’Hara (Jude Law) ist Investmentbanker in den USA und Verkörperung all dessen, was diesen Berufsstand so zwielichtig erscheinen lässt. Er brennt vor Ehrgeiz und um seine Karriere weiter voranzutreiben überredet er seine Frau Allison (Carrie Coon), mit ihm und den beiden Kindern zurück nach England zu gehen, wo er ein äußerst lukratives Job-Angebot erhalten hat. Aus der hellen Leichtigkeit des amerikanischen Vorstadtlebens zieht die Familie in ein völlig überdimensioniertes englisches Landhaus, das genauso gut als Spukschlosskulisse dienen könnte. Mehr und mehr verschieben sich dort Anspruch und Wirklichkeit, der Lebensstandard entspricht bei weitem nicht den realen Bedingungen, aber Rory denkt nicht daran, sich hinter die Fassade schauen zu lassen, und das Unheil nimmt seinen Lauf…

Was aufgrund seiner düsteren Kulisse zunächst wie ein schauriger Gruselfilm
daherkommt, ist tatsächlich die Geschichte einer gescheiterten Existenz, eines Angebers und Hochstaplers, der nach und nach sein Umfeld mit in den Abgrund zieht, also am Ende ein ganz realer Horror ohne übersinnliche Phänomene, obwohl das alte finstere Haus an allen Enden knarzt und stöhnt. Rory blendet alle mit seinem Charme, seiner Eloquenz und seinem Elan, und Jude Law verkörpert diese Figur mitreißend. Aber auch Carrie Coon hält hervorragend dagegen als stellenweise gequälte Gattin, die sich allmählich aus dem Netz aus Lügen und Geschichten befreit, das ihr Mann für sie spinnt. Rorys Vergangenheit wird etwas plakativ angerissen, aber es reicht, um klar zu machen, was ihn antreibt, und auch wenn einige Fragen offen bleiben, bietet dieser ansonsten sorgfältig und intensiv inszenierte Film spannende Unterhaltung ohne spektakuläre Höhepunkte, das Leiden kommt schleichend und ob es schließlich am Ende eine Wendung zum Guten geben kann, ist bei dem labilen Charakter des Rory O’Hara doch eher fraglich.

 


 Regie: Sean Durkin

Drehbuch: Sean Durkin

Kamera: Mátyás Erdély

Schnitt: Matthew Hannam

Musik: Richard Reed Parry

 

Darsteller:

Jude Law, Carrie Coon, Oona Roche, Charlie Shotwell, Tanya Allen

 

Element Pictures

GB 2020

FSK 12

107 min.

 

 Bildmaterial: © Ascot Elite Entertainment

 

Deutscher Kinostart: 08. Juli 2021

 

Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=75FdB2nADyw

 

Dienstag, 29. Juni 2021

Im Kino: Der Spion (The Courier)

Nach einer Phase der Aufrüstung stehen sich die Supermächte USA und Sowjetunion Anfang der 1960ger Jahre bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Dabei haben die USA bereits eine Vielzahl von atomaren Waffen so stationiert, dass sich die Sowjets unmittelbar bedroht fühlen und diese beginnen deshalb, ebensolche Waffen nach Kuba, sozusagen direkt vor die Haustür der USA, zu schaffen. Der hochrangige Sowjetoffizier Oleg Penkowski (Merab Ninidze) fürchtet Tod und Verderben für die ganze Welt und liefert den westlichen Geheimdiensten Informationen, um das Schlimmste zu verhindern. Um unauffällig Kontakt mit ihm halten zu können, stellen ihm MI6 und CIA den harmlosen britischen Geschäftsmann Greville Wynne (Benedict Cumberbatch) zur Seite. Dieser lässt sich zunächst nur zögernd auf die Sache ein, findet dann aber mehr und mehr Gefallen an seinem Abenteuer und es entwickelt sich sogar eine Freundschaft zu Penkowski, die beiden am Ende zum Verhängnis wird.

Der Film basiert auf wahren Ereignissen, die Protagonisten Penkowski und Wynne
hat es wirklich gegeben, ebenso wie die nur 13 Tage dauernde Kuba-Krise, nach deren Ende die beiden Supermächte ihre Beziehungen neu ordneten, wenngleich das atomare Wettrüsten weiterging. In entfärbten Bildern wird ein Stück düsterer Zeitgeschichte auf die Leinwand gebracht, gesamtgeschichtlich nichts Neues, personell im Detail vielleicht nur Wenigen bekannt. Die Geheimdienste sind wie sie immer sind, im Geheimen operierend und wenn es darauf ankommt skrupellos, wer sich ihnen ausliefert, ist, wenn es schief geht, geliefert. Es sind die Hauptfiguren, die die im Großen und Ganzen eher bieder und etwas blutleer inszenierte Geschichte auf eine andere Ebene außerhalb der üblichen Spy-vs.-Spy-Story heben.

Da ist der von Skrupeln heimgesuchte und von seinem Gewissen geplagte Penkowski, zurückhaltend und eindrucksvoll dargestellt von Merab Ninidze, der es auf sich nimmt, die Welt zu retten, obwohl er genau weiß, wie es Verrätern in seinen Kreisen ergeht. Und da ist der Geschäftsmann Greville, der etwas naiv dabei ist, im großen Spiel mitzuspielen, aber offensichtlich beeindruckt von der Lauterkeit seines russischen Gegenübers, den er mehr und mehr, über alle Grenzen, geographische und ideologische, als seinen Freund betrachtet. Der Preis, den er dafür bezahlen muss, ist hoch und die Unmenschlichkeit des sowjetischen Regimes bei der Behandlung ihrer Feinde ist grausam anzuschauen, wobei nicht gesagt sein soll, dass die Gegenseite in Fällen wie diesen wesentlich zimperlicher zu Werke geht, aber das ist eine andere Geschichte. Wie jedenfalls Benedict Cumberbatch die Leiden seines Greville im letzten Teil des Films sicht- und spürbar werden lässt, ist nichts für schwache Nerven und hinterlässt einen noch lange anhaltenden Eindruck im Gemüt.

 


 

Regie: Dominic Cooke

Drehbuch: Tom O'Connor

Kamera: Sean Bobbitt

Schnitt: Tariq Anwar, Gareth C. Scales

Musik: Abel Korjeniowski

 

Darsteller:

Benedict Cumberbatch, Merab Ninidze, Rachel Brosnahan, Jessie Buckley

 

TELEPOOL/ 24 Bilder

112 min.

FSK 12

 

Deutscher Kinostart: 01. Juli 2021 

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ThFLOj57o9A

Donnerstag, 20. Mai 2021

Heimkino: Hunted - Waldsterben (Hunted)

Eve (Lucie Debay) lässt sich in einer Bar von einem Fremden (Arieh Worthalter) zu einem Drink einladen – ein fataler Fehler, wie sich schnell herausstellt, denn der Fremde und ein plötzlich auftauchender Freund versuchen, Eve zu entführen, und ihr Gebaren dabei lässt nichts Gutes ahnen. Zunächst scheint Eve noch die Flucht zu gelingen, doch so leicht lassen die beiden Männer ihr Opfer nicht entkommen…

Wenn Eve die Bar verlässt und zu den beiden Fremden ins Auto steigt, weiß der
Zuschauer natürlich bereits, dass dies keine gute Idee ist, und nach Eves Flucht in einen Wald ist klar, dass das Ganze auf ein perfides Katz-und-Maus-Spiel hinauslaufen wird. Der Film entwickelt sich dann auch erwartungsgemäß: während die junge Frau auf der Hatz durch den Wald verzweifelt darum kämpft, ihren Verfolgern zu entkommen, darf ihr Jäger seine psychopathischen Züge genüsslich ausleben.

Aber Regisseur Paronnaud versucht, in seine Geschichte eine weitere Ebene einzuweben, mit einer Wolfsgeschichte, die im Vorspann eine Mutter (nein, nicht der Vater!) ihrem kleinen Jungen als Gruselgeschichte am Lagerfeuer erzählt, einem geheimnisvollen Wald und dem Märchen vom Rotkäppchen – so trägt Eve nicht zufällig ein rotes Jäckchen, das sie im grünen Wald weithin sichtbar sein lässt. 

Die Perspektiven verschieben sich nach und nach und es bahnt sich ein Rollentausch von Jäger und Gejagter an. Diese an sich gute Idee, aus der schwachen Frau eine furiose Rächerin zu machen und den Psychopathen auf das zu reduzieren, was in jedem frauenhassenden Macho steckt, nämlich ein winselndes Weichei, gelingt nicht ganz überzeugend, da fehlt der Inszenierung leider die Raffinesse. So gerät das unterschwellig angedeutete #MeToo-Drama beim Showdown am Ende eher zu einer Farce mit unfreiwillig komischen Sequenzen und auch die ihren Sohn auf das Überleben nach dem Weltuntergang vorbereitende Mutter darf die anfangs geweckten Erwartungen leider nicht erfüllen, so dass es am Ende doch nur ein konventioneller Thriller mit Horrorelementen geworden ist – schade!

 

Regie: Vincent Paronnaud

Drehbuch: Vincent Paronnaud, Léa Pernollet

Kamera: Joachim Pihilippe

Schnitt: Nicolas Sarkissian

Musik: Olivier Bernet

 

Darsteller:

Lucie Debay, Arieh Worthalter, Ciarán O’Brian, Ryan Brodie, Simone Milsdochter

 


Pandastorm Pictures

B/Frk/Irl 2020

FSK: 16

87 min.

 

Ab 21. Mai 2021 auf DVD, Blu-ray & Digital

 

Details DVD:

Laufzeit: ca. 84 min.

Bildformat: 1,85:1/ 16:9

Audio: DD 5.1

Sprache: Deutsch, Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonus: Trailer

EAN: 426 0428 0 5307 1

 

Details Blu-ray:

Laufzeit: ca. 87 min.

Bildformat: 1,85:1/ 1080p24/ AVC

Audio: DTS-HD MA 5.1

Sprache: Deutsch, Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonus: Trailer

EAN: 426 0428 0 5308 8

 

 Trailer: https://youtu.be/LZxwCGxePLY

Mittwoch, 21. April 2021

Im Kino: Curveball - Wir machen die Wahrheit

Im Jahr 1997 sucht der BND-Biowaffenexperte Dr. Arndt Wolf (Sebastian Blomberg) mit anderen internationalen Kontrolleuren wie der US-Amerikanerin Leslie Shearer (Virginia Kull) im Irak vergeblich nach biologischen Massenvernichtungswaffen. Zurück in Deutschland holt man zwei Jahre später seinen Rat ein, als der irakische Asylbewerber Rafid Alwan (Dar Salim) behauptet, im Irak an Experimenten mit Anthrax beteiligt gewesen zu sein. Für Schutz und einen deutschen Pass ist er zum Entzücken von BND-Abteilungsleiter Schatz (Torsten Merten) und Verbindungsoffizier Retzlaff (Michael Wittenborn) bereit, Details zu offenbaren und Dr. Wolf soll diese auf ihre Echtheit prüfen. Aber kommt es darauf überhaupt an, wenn sich der deutsche Nachrichtendienst freut, endlich einmal die CIA hinter sich zu lassen, während die Amerikaner sich ihrerseits freuen, eine Rechtfertigung gefunden zu haben, um gegen Sadam Hussein vorgehen zu können? Am Ende gibt es nur eine von Alwan gekritzelte Skizze von einem rollenden Labor, das angeblich auf LKWs durchs Land gefahren und deshalb von den Kontrolleuren nie gefunden wurde – reicht das, um einen Krieg zu beginnen?

Nun, wir wissen, dass es gereicht hat, denn am 19. März 2003 begann mit der Bombardierung von Bagdad der Irak-Krieg.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, erklärten die Amerikaner Sadam Hussein zum Drahtzieher, und um seinem nächsten Angriff zuvorkommen, musste er –  der zudem angeblich biologische und andere Massenvernichtungswaffen irgendwo im Irak hortete – unschädlich gemacht werden, wie der amerikanische Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat im Februar 2003 verkündete. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland den Vorsitz in dieser Versammlung und Außenminister Joschka Fischer widersprach Powells Darstellung nicht.

Der Film ist kein Dokumentarfilm, aber er stützt sich auf inzwischen bekannt gewordene Fakten und zeigt im Gewand einer bitteren Satire auf, wie der BND, nachdem er herausgefunden hatte, dass Alwans Aussagen komplett erfunden waren, diese Erkenntnis zunächst für sich behielt, währen die Amerikaner, als sie den Schwindel merkten, diesen bereitwillig aufrecht erhielten, um ihre Ziele weiter zu verfolgen und vor allem zu rechtfertigen, nach dem Motto: Truth doesn’t count, justice does, also nicht Wahrheit zählt, sondern Gerechtigkeit. Aber wessen Gerechtigkeit, und nach welchen Fakten wird geurteilt? Man braucht die Fakten nicht zu verändern, wenn man sie gleich selber schafft, und Wahrheit ist eh nur eine Illusion, aber was wären wir ohne das Ringen um Wahrheit? So der zynische Umgang der Politik mit der Lebenswirklichkeit unzähliger Menschen – allein in diesem Krieg sind zwischen 150000 und 600000 Menschen gestorben, die meisten davon Zivilisten – und es wird mit Hilfe der guten Darsteller – allen voran der hervorragende Torsten Merten – deutlich, wie leicht sich ein in seinem Fachgebiet durchaus bewanderter Wissenschaftler von wendigen Akteuren in Politik und anderswo für ihre Zwecke einspannen lässt, ein interessantes Lehrstück, gerade in heutigen Zeiten. 

Auch Sebastian Blomberg als eben dieser Wissenschaftler, der etwas dröge aber kompetent seine Arbeit verrichtet und zum Spielball der Politik wird, zeigt die Entwicklung seiner Figur, vom anfangs stoischen Gleichmut bis hin zum verzweifelten Aktionismus, sehr eindring-lich und Dar Salim und Michael Wittenborn setzen die richtigen Akzente, so dass aus diesem eigentlichen Trauerspiel eine fürchterliche Komödie wird, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Neben der Spielhandlung sorgen zum Schluss eingefügte dokumentarische Szenen aus dem UN-Sicherheitsrat, die als unmittelbare Folge die Bombardierung Bagdads zur Folge hatten, für Authentizität und die ernüchternde Erkenntnis, dass man es tatsächlich nicht mit einer fiktionalen, sondern mit einer wahren Geschichte zu tun hat. Leider.

 


 Regie: Johannes Naber

Drehbuch: Oliver Keidel, Johannes Naber

Kamera: Sten Mende

Schnitt: Anne Jünemann

Musik: Johannes Naber

 

Darsteller:

Sebastian Blomberg, Dar Salim, Virginia Kull, Thorsten Merten, Michael Wittenborn, Franziska Brandmeier

 

Bon Voyage Films/ Filmwelt

D 2020

108 min.

 

Deutscher Kinostart: nach dem ursprünglichen Starttermin im November 2020 sollte es am 22. April 2021 losgehen, bleibt abzuwarten, wann die Kinos tatsächlich wieder öffnen dürfen… Stay tuned!

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=UkVIioGzo2M

 

Copyright Fotos: Sten Mende

Montag, 19. April 2021

Heimkino: World on Fire - Staffel 1

Die aufwändig gestaltete Serie führt zurück in das Europa des Jahres 1939. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen bringt den Krieg zurück nach Europa, in eine Welt, die noch an den Folgen des Großen Krieges, wie der Waffengang von 1914 bis 1918 bis dahin genannt wurde, leidet. Die Handlung setzt kurz vor Kriegsbeginn ein und rückt eine Reihe von Menschen aus verschiedenen Ländern in den Fokus, für die die Welt bald ein weiteres Mal im wahrsten Sinnes des Wortes in Flammen steht.

Vom Fall Warschaus über den Blitzkrieg im Westen mit der Einnahme von Paris bis hin zur Evakuierung britischer Truppen in Dünkirchen spannt sich der Bogen dieser ersten Staffel, daneben werden aber auch die Verwerfungen innerhalb der Zivilgesellschaft thematisiert, so zum Beispiel das Kindereuthanasieprogramm der Nazis, Denunziantentum, Diskriminierung von Juden, Schwarzen und Homosexuellen, Gleichschaltung und Zensur der Presse, Partisanentum und pazifistischer Widerstand, alles in allem eine geballte Mischung, die die Serie insgesamt etwas zu überfrachten droht. Dabei werden einzelne Figuren zu bloßen Schablonen, wie zum Beispiel die taffe amerikanische Kriegsreporterin Nancy Campbell (Helen Hunt), immer am Puls des Geschehens, zwischen Warschau, Berlin und Paris, oder die deutsche Familie Rossler. 

Andererseits gibt es aber auch Charaktere, die helfen, einen allzu trockenen Geschichtskurs mit Leben zu füllen, allen voran der junge britische Übersetzer Harry Chase (Jonah Hauer-King), der eine Entwicklung zum Kriegshelden durchlaufen darf, dabei hin- und hergerissen wird zwischen seiner polnischen Freundin Kasia (Zofia Wichlacz) und dem Mädel an der Heimatfront, Lois (Julia Brown). Für ein paar komische Momente im ernsten Drama darf Harrys Mutter Robina (Lesley Manville) sorgen, einem auf den ersten Blick kaltherzigen britischen Snob, deren mit scharfzüngigem Witz vorgetragenen pointierten Spitzen sich von den ansonsten oft papiernen Dialogen abheben. 

Die erste Staffel dieser Serie hat ihre oben genannten Schwächen, vieles ist geschichtlich bekannt und auch so vorhersehbar inszeniert, dass man meint, manche Dialoge mitsprechen zu können. Dennoch wird der Zuschauer auf unwiderstehliche Weise von Episode zu Episode immer tiefer in die Geschichte und die Schicksale der einzelnen Figuren hineingezogen, so dass trotz aller Vorhersehbarkeit der Handlung Spannung erzeugt und auch immer wieder hoch gehalten wird. Wie ein polnischer Widerständler allein von Ostpolen kommend Deutschland und Frankreich durchquerend, in Dünkirchen und schließlich sogar in England landen kann – geschenkt: das Gesamtpaket überzeugt, und das liegt an den guten Darstellern, die durch die Personalisierung einzelner Schicksale, eingebettet in eine sorgfältig gestaltete und authentisch wirkende Szenerie, abstrakte geschichtliche Fakten und Ereignisse hautnah spüren lassen, das weckt insgesamt auf jeden Fall Lust auf die zweite Staffel.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Chanya Button, Thomas Napper, Adam Smith, Andy Wilson

Drehbuch: Peter Bowker 

Kamera: Søren Bay, Suzie Lavelle, Mika Orasmaa, John de Borman

Schnitt: Andrew MacRitchie, Jamie Pearson, Mark Trend, Daniel Greenway, Robert Hall, Joel Skinner, Ben Whitehead

Musik: Dan Jones

Darsteller: Jonah Hauer-King, Julia Brown, Sean Bean, Helen Hunt, Zofia Wichlacz, Lesley Manville, Max Riemelt, Blake Harrison, Arthur Darvill, Johannes Zeiler, Bruno Alexander

 

Pandastorm Pictures

UK 2019

FSK 16

 

VÖ: ab 16. April 2021 auf Blu-ray, DVD und digital

 

 

Details DVD:

 

Anzahl Discs: 3

Laufzeit: 420 Min. (7 Folgen à 60 Min.)

Bildformat: 16:9 / 1,78:1

Ton: Deutsch DD 5.1, Englisch DD 5.1

Untertitel: Englisch

Extras: -

 

Details Blu-ray;

 

Anzahl Discs: 2

Laufzeit: 420 Min. (7 Folgen à 60 Min.)

Bildformat: 1,78:1 / 1080p25 / AVC (BD)

Ton: Deutsch DTS 5.1, Englisch DTS 5.1

Untertitel: Englisch

Extras: -