Blog-Archiv

Posts mit dem Label Frankreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frankreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 22. November 2023

Im Kino: Napoleon

Aufstieg und Fall des französischen Generals, Konsuls und Kaisers Napoleon Bonaparte (Joaquin Phoenix), der am Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts halb Europa beherrscht, sein Land in viele Kriege mit mörderischen Schlachten führt und dabei seiner Frau Josephine (Vanessa Kirby) sentimentale Liebesbriefe schreibt…

Es wird nicht ganz klar, was Ridley Scott uns mit diesem filmischen Epos sagen will. Soll das Bild eines ruchlosen, machthungrigen Usurpators gezeichnet werden, der aus rein militärischem Kalkül Millionen Soldaten in den Tod schickt, oder das eines liebestollen Mannes, der sich nach seiner Frau verzehrt, die er leider die meiste Zeit allein zu Hause zurück lässt, während er sich von Feldlager zu Feldlager quält und von der er sich irgendwann leider scheiden lassen muss, weil sie ihm keinen Sohn und Erben gebären kann?

Die Figur Napoleons wird auf diese beiden Aspekte reduziert, er wird zwar als genialer Militärstratege gezeigt, ansonsten aber als eher tumber Tor, dem es an Manieren und Umgangsformen mangelt. Seine anderen Verdienste, zum Beispiel um die Neugestaltung des Rechts in dem zeitweise nach ihm benannten Code Civil, der auch maßgeblichen Einfluss auf das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch hatte, sowie seine grundlegenden Verwaltungsreformen in Frankreich, bleiben gänzlich unerwähnt.

Einiges wird nur gestreift, seine Mutter wird kurz gezeigt und man erwartet, dass sich dahinter vielleicht ein Geheimnis seiner Persönlichkeit verbirgt, aber dann spielt sie keine weitere Rolle mehr, sein so sehr herbeigesehnter Sohn wird geboren und verschwindet dann sang und klanglos wieder, es wird nicht klar, ob und welchen Einfluss beide Figuren auf Napoleon hatten. Trotzdem es in der Beziehung zu Josephine permanent menschelt, wird Napoleon als Mensch nicht greifbarer, obwohl gerade das den Film interessant hätte werden lassen, denn Filme über Schlachten gibt es wahrlich schon genug.

Aber gerade auch diese eigentlich beeindruckenden Schlachten bleiben sonderbar blutleer (no pun intended…), obwohl es ein paar Szenen gibt, die die FSK-Freigabe ab 12 fragwürdig erscheinen lassen. Dies gilt sowohl für das Debakel bei Waterloo, das vernebelt und blass nur einen schwachen Eindruck von dem eigentlichen Gemetzel bietet, als auch für den Feldzug gen Moskau, wo es vor allem auf dem Rückzug zu einer der größten militärischen Katastrophen kam, bei der von über 600.000 Soldaten nur etwa 80.000 zurückkehrten. 

Vielleicht liegt das größte Manko aber einfach darin, dass es dem sonst so hochgelobten Joaquin Phoenix nicht gelingt, seiner Figur das Charisma zu verleihen, das dem historischen Napoleon den Aufstieg zur Macht ermöglicht haben muss. Zu keinem Zeitpunkt ist die Begeisterung von Volk und Soldaten nachvollziehbar, die es ihm selbst am Ende, bei seiner hunderttägigen Rückkehr aus der Verbannung von Elba, erlaubte, noch einmal loszuziehen, um sie in die Schlacht bei Waterloo und sich in sein endgültiges Ende führen zu können.  

Statt Napoleons Biographie in der Breite Punkt für Punkt abzuhandeln, wäre es vielleicht interessanter gewesen, einen tieferen Blick auf nur einen Ausschnitt seines Lebens zu werfen, dabei aber genauer auf den Menschen hinter der geschichtlichen Figur zu schauen, über die man schon so viel zu wissen glaubt. In diesem Film erfährt man aber nichts, was über das altbekannte Bild dieses Mannes hinausgeht, so werden am Ende diejenigen auf ihre Kosten kommen, denen die Schauwerte der durchaus beeindruckenden Massenszenen und der oben beschriebenen Schlachten genügen, wer dagegen einen schärferen Blick auf den Menschen Napoleon erwartet, wird leider enttäuscht.

 


 Regie: Ridley Scott

Drehbuch: David Scarpa

Kamera: Dariusz Wolski

Schnitt: Claire Simpson, Sam Restivo

Musik: Martin Phipps

 

Besetzung:

Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Tahar Rahim, Rupert Everett, Mark Bonnar, Paul Rhys, Ben Miles, Riana Duce, Ludivine Sagnier, Edouard Philipponnat, Miles Jupp, Jannis Niewöhner

 

Sony Pictures Germany

2023

158 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 23. November 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=FEhNFJLl858 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=OAZWXUkrjPc (Englisch)

 

 

 

Donnerstag, 3. März 2022

Im Kino: Cyrano

Der Offizier Cyrano de Bergerac (Peter Dinklage) ist flink mit dem Degen und ebenso flink mit der Zunge. Weder im Fecht- noch im Rededuell ist ihm so leicht jemand gewachsen, wenngleich er sich eine andere äußere Erscheinung gewünscht hätte. Er ist heimlich verliebt in die schöne Roxanne (Haley Bennett), aber ihre Beziehung bleibt platonisch. Als ihm Roxanne eines Tages gesteht, sich in den gutaussehenden Kadetten Christian (Kelvin Harrison Jr.) verguckt zu haben, schreibt Cyrano schweren Herzens für den sprachlich eher unbeholfenen jungen Man die flammendsten Briefe, allesamt Zeugnisse seiner eigenen tiefen Liebe, die er sich nicht traut zu offenbaren. Roxanne erliegt den schönen Worten, ohne zu erkennen, wen sie wirklich liebt. Fatalerweise ist allerdings auch der Herzog von Guiche an Roxanne interessiert und um seinen Nebenbuhler loszuwerden schickt er das Regiment mit Christian und Cyrano an die Front...

Die Geschichte des unglücklich verliebten Cyrano gehört zu den bekanntesten Theaterstücken der Welt und wurde bereits oft verfilmt. Regisseur Joe Wright hat nun die Musical-Version des Stoffes für die Leinwand adaptiert und schwelgt dabei in opulenten Bildern, in denen er optisch das Frankreich des ausgehenden 17. Jahrhunderts wiederauferstehen lässt. Szenerie und die teilweise grotesk herausgeputzten Menschen wirken wie einem Gemälde aus dieser Zeit entsprungen und dies sorgt auf jeden Fall für einen Augenschmaus. Inwieweit Musik und Gesang auch einen Ohrenschmaus darstellen, ist Geschmackssache, wer schmissige Songs erwartet, wird sicher enttäuscht werden, wenngleich die melancholischen Titel die Grundstimmung unterstreichen. Es gibt das ein oder andere gelungene Duett bzw. Terzett, sowie die sehr bewegende Ballade von drei Soldaten, die sich am Abend vor der Schlacht in ihren Briefen von ihren Angehörigen verabschieden.

Gesanglich schlagen sich die Hauptakteure manierlich, einschließlich des mit einer sonoren (Sing)Stimme ausgestatteten Peter Dinklage, der darüber hinaus mit seiner sprechenden Mimik in einer Minute mehr Gefühle ausdrücken kann als mancher Schauspieler in einem ganzen Film. Auch im übrigen liefert er eine großartige Interpretation des charmanten und gleichzeitig tragisch umflorte Helden Cyrano ab, diesmal nicht mit einer übergroßen Nase, sondern mit einer untergroßen Körpergröße. Neben ihm überzeugen Haley Bennet und Kelvin Harris Jr., ebenso wie Ben Mendelsohn als intriganter Herzog, insofern bietet "Cyrano" großes Schauspielerkino, in das sich die Gesangseinlagen durchaus homogen einfügen.

Alles in allem ein Film mit vielen Schauwerten und einem vorzüglichen Ensemble, die musikalischen Anteile sind organisch in die Handlung eingebunden, wenn auch ohne wirklich einprägsame Titel oder gar Ohrwürmer, und dankenswerterweise wurde auch in der deutschen Fassung der Gesang im Original belassen.

 


 Regie: Joe Wright

Drehbuch: Erica Schmidt, b/a auf dem Theaterstück von Edmond Rostand

Kamera: Seamus McGarvey

Schnitt: Valerio Bonelli

Musik: Aaron & Bryce Dessner

Liedtexte:Matt Berninger & Carin Besser

 

Besetzung:

Peter Dinklage, Haley Bennett, Kelvin Harrison Jr., Ben Mendelsohn, Monica Dolan, Bashir Salahuddin, Joshua James,

 

Universal Pictures International/ MGM

2021

123 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 3. März 2022

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=TRjTFLczAxQ (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=5e8apSFDXsQ (Englisch)

 

 

Dienstag, 7. Dezember 2021

Heimkino: OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika (OSS 117: Alerte rouge en Afrique noire/ OSS 117: From Africa with Love)

Wenn eine Mission diplomatisches Geschick und Fingerspitzengefühl erfordert, so müsste Agent Hubert Bonisseur de La Bath aka OSS 117 eigentlich mit allen Mitteln von ihr ferngehalten werden. Aber der französische Geheimdienst bedient sich zu Beginn der 1980ger Jahre nach wie vor gerne seiner Dienste, auch wenn er bereits ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Gerade den Fängen russischer Agenten in Afghanistan entronnen, soll er eine delikate Aufgabe in Afrika übernehmen, bei der er den jungen Agenten Serge aka Bob Nightingale aka OSS 1001 zur Seite gestellt bekommt, worüber beide nicht sonderlich begeistert sind, nachdem der anfängliche Enthusiasmus von OSS 1001 über sein Idol OSS 117 schnell verflogen ist, was sich auf den Erfolg des Auftrags eher ungünstig auswirkt...

Die mit starkem Augenzwinkern versehen Anspielungen auf den Kollegen James Bond/ 007 sind auch in diesem dritten Abenteuer der OSS-Reihe breit gestreut, was sich bereits am Titel ablesen lässt. Mit nach wie vor entwaffnendem Charme und immer noch frischem Ansatz kämpft und tänzelt Jean Dujardin in bewährter Weise und völlig schmerzfrei von einem Fettnäpfchen zum nächsten. Kein Klischee über fremde Völker und Kulturen ist vor ihm sicher, mit unbedarfter französischer Arroganz – in dieser Hinsicht steht er seinen britischen und amerikanischen Agenten-Kollegen der realen Welt in nichts nach – und oft eklatanter Ignoranz meistert er alle Situationen, da er über ein unverwüstlich starkes Ego verfügt. 

Der Film spielt seine politische Unkorrektheit so unverschämt aus, dass er damit jeder Kritik daran bereits im Ansatz den Wind aus den Segeln nimmt. Wer nicht vorgibt, auf alle Befindlichkeiten zu achten, und dies dann auch nicht tut, wird entweder dafür gefeiert oder nie wieder eingeladen und so mag, wer Anstoß nehmen will, auf den Film verzichten, alle anderen dürfen sich auf einen netten Spaß mit einem gut aufgelegten Hauptdarsteller freuen.

 


Regie: Nicolas Bedos

Drehbuch: Nicolas Bedos, Jean Bruce, Jean-François Halin,

Kamera: Laurent Tangy

Musik: Anne-Sophie Versnaeyen

 

Besetzung:

Jean Dujardin, Pierre Niney, Fatou N’Diaye, Wladimir Yordanoff, Natacha Lindinger, Gilles Cohen

 


 Koch Films/ Gaumont

Frk 2021

117 min.

FSK 12

 

Ab 09. Dezember 2021 als Video-on-Demand, Blu-ray und DVD

 

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=1Zn66IZ-9ik

 

 

Montag, 19. April 2021

Heimkino: World on Fire - Staffel 1

Die aufwändig gestaltete Serie führt zurück in das Europa des Jahres 1939. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen bringt den Krieg zurück nach Europa, in eine Welt, die noch an den Folgen des Großen Krieges, wie der Waffengang von 1914 bis 1918 bis dahin genannt wurde, leidet. Die Handlung setzt kurz vor Kriegsbeginn ein und rückt eine Reihe von Menschen aus verschiedenen Ländern in den Fokus, für die die Welt bald ein weiteres Mal im wahrsten Sinnes des Wortes in Flammen steht.

Vom Fall Warschaus über den Blitzkrieg im Westen mit der Einnahme von Paris bis hin zur Evakuierung britischer Truppen in Dünkirchen spannt sich der Bogen dieser ersten Staffel, daneben werden aber auch die Verwerfungen innerhalb der Zivilgesellschaft thematisiert, so zum Beispiel das Kindereuthanasieprogramm der Nazis, Denunziantentum, Diskriminierung von Juden, Schwarzen und Homosexuellen, Gleichschaltung und Zensur der Presse, Partisanentum und pazifistischer Widerstand, alles in allem eine geballte Mischung, die die Serie insgesamt etwas zu überfrachten droht. Dabei werden einzelne Figuren zu bloßen Schablonen, wie zum Beispiel die taffe amerikanische Kriegsreporterin Nancy Campbell (Helen Hunt), immer am Puls des Geschehens, zwischen Warschau, Berlin und Paris, oder die deutsche Familie Rossler. 

Andererseits gibt es aber auch Charaktere, die helfen, einen allzu trockenen Geschichtskurs mit Leben zu füllen, allen voran der junge britische Übersetzer Harry Chase (Jonah Hauer-King), der eine Entwicklung zum Kriegshelden durchlaufen darf, dabei hin- und hergerissen wird zwischen seiner polnischen Freundin Kasia (Zofia Wichlacz) und dem Mädel an der Heimatfront, Lois (Julia Brown). Für ein paar komische Momente im ernsten Drama darf Harrys Mutter Robina (Lesley Manville) sorgen, einem auf den ersten Blick kaltherzigen britischen Snob, deren mit scharfzüngigem Witz vorgetragenen pointierten Spitzen sich von den ansonsten oft papiernen Dialogen abheben. 

Die erste Staffel dieser Serie hat ihre oben genannten Schwächen, vieles ist geschichtlich bekannt und auch so vorhersehbar inszeniert, dass man meint, manche Dialoge mitsprechen zu können. Dennoch wird der Zuschauer auf unwiderstehliche Weise von Episode zu Episode immer tiefer in die Geschichte und die Schicksale der einzelnen Figuren hineingezogen, so dass trotz aller Vorhersehbarkeit der Handlung Spannung erzeugt und auch immer wieder hoch gehalten wird. Wie ein polnischer Widerständler allein von Ostpolen kommend Deutschland und Frankreich durchquerend, in Dünkirchen und schließlich sogar in England landen kann – geschenkt: das Gesamtpaket überzeugt, und das liegt an den guten Darstellern, die durch die Personalisierung einzelner Schicksale, eingebettet in eine sorgfältig gestaltete und authentisch wirkende Szenerie, abstrakte geschichtliche Fakten und Ereignisse hautnah spüren lassen, das weckt insgesamt auf jeden Fall Lust auf die zweite Staffel.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Chanya Button, Thomas Napper, Adam Smith, Andy Wilson

Drehbuch: Peter Bowker 

Kamera: Søren Bay, Suzie Lavelle, Mika Orasmaa, John de Borman

Schnitt: Andrew MacRitchie, Jamie Pearson, Mark Trend, Daniel Greenway, Robert Hall, Joel Skinner, Ben Whitehead

Musik: Dan Jones

Darsteller: Jonah Hauer-King, Julia Brown, Sean Bean, Helen Hunt, Zofia Wichlacz, Lesley Manville, Max Riemelt, Blake Harrison, Arthur Darvill, Johannes Zeiler, Bruno Alexander

 

Pandastorm Pictures

UK 2019

FSK 16

 

VÖ: ab 16. April 2021 auf Blu-ray, DVD und digital

 

 

Details DVD:

 

Anzahl Discs: 3

Laufzeit: 420 Min. (7 Folgen à 60 Min.)

Bildformat: 16:9 / 1,78:1

Ton: Deutsch DD 5.1, Englisch DD 5.1

Untertitel: Englisch

Extras: -

 

Details Blu-ray;

 

Anzahl Discs: 2

Laufzeit: 420 Min. (7 Folgen à 60 Min.)

Bildformat: 1,78:1 / 1080p25 / AVC (BD)

Ton: Deutsch DTS 5.1, Englisch DTS 5.1

Untertitel: Englisch

Extras: -

 

Donnerstag, 18. Juli 2019

Film-Rezensionen: Ausgeflogen (Mon Bébé)


Als geschiedene Mutter von drei Kindern und Managerin ihres eigenen Restaurants hat Héloïse (Sandrine Kiberlain) ein ausgefülltes Leben, nur für eine neue Partnerschaft ist dabei kein Raum. Auf zwei Zeitebenen sieht man sie ihre diversen Aufgaben bewältigen, sieht sie als engagierte Kämpferin und liebevolle Mutter, die auf ihre manchmal unkonventionelle Art aber auch die beste Freundin ihrer jüngsten Tochter Jade (Thaïs Alessandrin) sein kann, wenn sie ihr z.B. beim Schummeln während einer Probeabiklausur hilft. Als Jade die Zusage für einen Studienplatz in Kanada erhält, bedeutet dies einen Einschnitt in ihrer aller Leben, den die flügge werdende Tochter besser zu bewältigen scheint, als ihre Mutter. Mit Hilfe der beiden anderen Kinder und ihrem Handy, mit dem sie so viele der letzten gemeinsamen Momente wie möglich festzuhalten versucht, will Héloïse den bevorstehenden Wendepunkt in ihrem Leben verarbeiten, dabei vergisst sie mitunter, die verbliebene gemeinsame Zeit zu genießen.

Der Film trägt autobiographische Züge aus dem Leben der Regisseurin Azuelos, die darin genau diese Thematik mit ihrer eigenen Tochter verarbeitet, die Filmtochter wird sogar von ihrer eigenen Tochter dargestellt. Die unwiderstehliche Sandrine Kiberlain macht aus ihrer Rolle eine energiegeladene One-Woman-Show, in ihr werden sich viele Frauen und Mütter wiedererkennen, die sich in der gleichen Situation befinden, sie werden mit ihr lieben, kämpfen und leiden, und als Zuschauer kann man sich einmal mehr darüber freuen, wie es französischen Filmemachern immer wieder gelingt, aktuelle Themen unterhaltsam aufzuarbeiten, diesen ihre durchaus innewohnende Schwere zu nehmen und ernste Probleme mit einer heiteren Leichtigkeit erträglich zu machen. So ist ein emotionaler Film entstanden über Familienbande, die durch gegenseitiges Loslassen nicht zerreißen, sondern vielleicht sogar stärker werden, wenn man sich gleichzeitig Raum für notwendige Neuanfänge schafft.


Regie: Lisa Azuelos
Drehbuch: Lisa Azuelos
Dialoge: Lisa Azuelos, Thierry Teston, Thaïs Alessandrin
Kamera: Antoine Sanier
Schnitt: Baptiste Druot
Musik: Yaël Naim

Darsteller:
Sandrine Kiberlain, Thaïs Alessandrin, Victor Belmondo, Camille Claris, Mickael Lumière,
Kyan Khojandi, Arnaud Valois, Patrick Chesnais, Yvan Attal
 
Alamode Film
87 min.
Deutscher Kinostart: 18. Juli 2019

Donnerstag, 4. April 2019

Film-Rezensionen: Monsieur Claude 2 (Qu'est-ce qu'on a encore fait au Bon Dieu?)


Nachdem die Eheleute Claude und Marie Verneuil (Christian Clavier und Chantal Lauby) sich von dem Schock erholt haben, den ihnen ihre vier Töchter mit den multikulturellen Schwiegersöhnen David aus Israel, Rachid aus Algerien, Chao aus China und Charles von der Elfenbeinküste bereitet haben, sind sie inzwischen ziemlich stolz auf ihre Toleranz und Integrationsfähigkeit und machen sich in dieser Fortsetzung des Erfolgsfilms „Monsieur Claude und seine Töchter“ von 2014 auf eine Reise in die Herkunftsländer der Schwiegersöhne. Zurück kommen sie mit einer Fülle von Eindrücken, einschließlich einer vierstündigen Leibesvisitation am Flughafen Tel Aviv und der Verkostung von 100jährigen Eiern in China, sowie der gefestigten Überzeugung, dass Frankreich das wunderbarste aller Länder bleibt.

Wieder im Schoß ihrer ländlichen Idylle könnte alles so schön sein, aber es droht neues, nicht erwartetes Ungemach. Die Schwiegersöhne fühlen sich, obwohl im Land geboren, als Franzosen zweiter Klasse und bei jeder Gelegenheit auf ihre jeweilige Herkunft reduziert und diskriminiert. 
Zum Entsetzen von Claude und Marie beschließen sie daher, mit ihren Familien auszuwandern, nach Algerien, China, Israel und Indien, wo Schwiegersohn Charles seine Schauspielkarriere in Bollywood starten möchte.

Der Gedanken, den Töchter nicht mehr nahe zu seine und die Enkelkinder nicht aufwachsen zu sehen, löst in Marie eine schwere Krise aus und guter Rat ist im wahrsten Sinne des Wortes teuer, denn nun muss Claude sehr viel Fantasie und noch mehr Geld aufwenden, um David, Rachid, Chao und Charles von den Schönheiten Frankreichs und den Vorzügen des heimeligen Landlebens zu überzeugen, um sie doch noch zum Bleiben zu bewegen. Währenddessen wird auch die Toleranzgrenze der Eltern Koffi ausgetestet, ein Umstand, der Monsieur Claude bei all seinem eigenen Frust eine gewisse Schadenfreude bereitet. 

Wer einen platten zweiten Aufguss des ersten Films befürchtet hat, wird angenehm enttäuscht, die gelungene Fortsetzung spielt erneut gekonnt mit den alltäglichen Vorurteilen und Fettnäpfchen, vor denen auch der politisch Korrekteste nicht gefeit ist und den damit verbundenen Empfindlichkeiten auf allen Seiten. Bei dem steten Kampf um den richtigen Ton im Umgang miteinander bekommt jeder sein Fett weg, der Finger wird lustvoll in jede Wunde gelegt, auch solche, die man sich im Eifer des Gefechts gegenseitig zufügt. Die bewährten und wieder bestens aufgelegten Akteure überzeugen, wenn auch die Töchter etwas blass bleiben. Christian Clavier und Chantal Lauby als verschrobene Relikte der alten französischen Bourgeoisie haben dieser von den Altmeistern des französischen Kinos so gegeißelten Klasse ihren Schrecken genommen, sie sind auf dem Weg in die Moderne und solange die Verneuils und ihre Familie nicht aufgeben, bleibt die begründete Hoffnung, dass es eines Tages doch noch gelingen wird, friedlich und harmonisch miteinander leben zu können, gleich wo man seine Wurzeln hat.


 Regie: Philippe de Chauveron
Drehbuch: Philippe de Chauveron, Guy Laurent
Kamera: Stéphane le Parc
Schnitt: Alice Plantin
Musik: Marc Chouarain

Darsteller:
Claude Verneuil – Christian Clavier
Marie Verneuil – Chantal Lauby
David – Ary Abittan
Rachid – Medi Sadoun
Chao – Frédéric Chau
Charles – Noom Diawara
Isabelle – Frédérique Bel
Odile – Julia Piaton
Ségolène – Émilie Caen
Laure – Élodie Fontan
André Koffi - Pascal Nzonzi
Madeleine Koffi – Salimata Kamate
Viviane Koffi – Tatiana Rojo
Nicole – Claudia Tagbo
 
Neue Visionen Filmverleih
99 min.
Deutscher Kinostart: 04. April 2019



Freitag, 28. Juli 2017

Film-Rezensionen: Alibi.com


Der smarte Jungunternehmer Greg (Philippe Lacheau) betreibt mit zwei Partnern ein Unternehmen, das treulosen Ehepartnern, aber auch jedem anderen, der es braucht, ein wasserdichtes Alibi verschafft. Gregs Team arbeitet professionell und die Geschäfte laufen gut, denn ihre Dienstleistungen sind sehr gefragt.

Es hätte alles perfekt sein können, wenn sich Greg nicht eines Tages in die attraktive Flo (Elodie Fontan) verliebt hätte, die ihm gleich zu Beginn erklärt, wie verabscheuungswürdig sie Männer findet, die lügen. Damit ist der Weg für Greg verstellt, ihr zu offenbaren, was er beruflich tatsächlich macht und er gibt sich als Flugbegleiter aus, ein Umstand, für den er später seine eigenen Alibi-Dienste in Anspruch nehmen muss. Zu allem Überfluss stellt sich bei der ersten Begegnung mit Flos Eltern (Nathalie Baye und Didier Bourdon) heraus, dass deren Vater Gérard ein guter Kunde von Alibi.com ist…

Aus dieser Ausgangssituation über die bewährten Themen Liebe, Ehebruch und Lügen macht der Regisseur Philippe Lacheau, der auch gleichzeitig am Drehbuch mitgewirkt und die Hauptrolle übernommen hat, eine überraschend witzige und gelungene Komödie. Es gibt ein Feuerwerk an Gags und irrwitzigen Situationen im Stil der Farrelly-Brüder („Verrückt nach Mary“), oft haarscharf am Rande des guten Geschmacks, aber gerade deshalb erfrischend, weil nicht bei jedem Witz die inzwischen so unsäglich strapazierte Political Correctness ihr griesgrämiges Haupt erhebt. So werden fröhlich Tiere und kleine Kinder zu Opfern, frei nach der alten W. C. Fields-Wer-Hunde-und-kleine-Kinder-hasst-kann-kein-ganz-schlechter-Mensch-sein-Philosophie, erwartbare Gags nehmen eine unerwartete Wendung und Eltern haben zum Entsetzen der Kinder noch ein Sexleben. Dabei bleiben die Filmfiguren trotz der prekären Situationen, in die sie geraten, immer sympathisch und liebenswert. 

Nebenher bauen die Filmemacher schamlos ihre eigenen Vorlieben wie die Musik der 80er und Action-Helden wie Jean-Claude Van Damme ein, sie streuen munter Film-Zitate, und es ist ihnen gelungen, eine Reihe von in Frankreich bekannten Stars wie Kad Merad, die Rapper Joeystarr und La Fouine für Cameo-Auftritte zu gewinnen.

Trotz all der Situationskomik und Versatzstücke ist es am Ende eine Komödie wie aus einem Guss geworden und damit ein gelungener Kinospaß für den Sommer.


Regie: Philippe Lacheau
Drehbuch: Philippe Lacheau, Julien Arruti, Pierre Dudan 
Kamera: Dominique Colin 
Produzentin: Alexandra Fechner
Darsteller: Philippe Lacheau, Elodie Fontan, Julien Arruti, Tarek Boudali, Nathalie Baye, Didier Bourdon, Nawell Madani, Medi Sadoun

Frankreich, 90 Minuten 
Deutscher Kinostart: 03. August 2017

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=9vBf6DPNKbo
STUDIOCANAL Germany

Donnerstag, 29. September 2016

Film-Rezensionen: Saint Amour - Drei gute Jahrgänge (Saint Amour)


Saint Amour



Wenn man wie Bauer Bruno (Benoît Poelvoorde) im ländlichen Frankreich lebt, ist eine Fahrt nach Paris ein Ereignis, auch wenn es nur in die riesige Halle einer Landwirtschaftsmesse außerhalb der Stadt geht. Er und sein Vater Jean (Gérard Depardieu) stellen dort aus, und wie jedes Jahr hofft Jean auf den ersten Preis für seinen wahrhaft imposanten Prachtbullen.



Der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung ist für Bruno und seine Kumpel allerdings eine rituelle Weinreise, hierfür müssen sie die Hallen nicht verlassen, es genügt ein Zug vorbei an den verschiedenen Ständen der ebenfalls zur Messe angereisten Weinerzeuger. Es geht auch nicht um die Verkostung edler Tropfen, sondern um ein möglichst zügiges Abfüllen, nicht Genuss steht im Vordergrund, sondern der Rausch, der Bruno helfen soll, sein tristes Dasein einigermaßen erträglich zu machen.


Natürlich funktioniert das nicht, dem Rausch folgt stets die Ernüchterung – wer wüsste es besser als Bruno selbst, der diese Reise schon unzählige Male unternommen hat. Er kennt die zehn Etappen des Alkohols – er wird sie später noch genau erläutern – und am Ende, nach dem Exzess, steht auf jeden Fall immer die Scham.


Bruno hat zwei Probleme: einen übermächtigen Vater und die Frauen, bei denen er trotz aller Bemühungen keine Chancen hat. Der Vater (in der wuchtigen Gestalt von Gérard Depardieu) ist ein imposanter Koloss, Bruno wagt es nicht, ihm zu gestehen, dass er Hof und Landwirtschaft gegen einen Job in einem Baumarkt eintauschen möchte. Den Frauen nähert sich Bruno nüchtern nur sehr linkisch, sturzbetrunken stößt er sie unweigerlich ab.


Jean erkennt durchaus, dass Bruno unglücklich ist, auch wenn dieser nichts davon bemerkt, da sich Vater und Sohn über die Jahre voneinander entfremdet haben. Um sich ihm wieder anzunähern, beschließt Jean, mit seinem Sohn während der Messe eine reale Weinreise zu machen, Voraussetzung ist, dass sie zur Prämierung des besten Zuchtbullen am Ende der Woche zurück sind. Man heuert einen jungen Taxifahrer namens Mike (Vincent Lacoste) an, der sie in die gewünschten Weinorte chauffieren soll, beginnend mit dem Anbaugebiet des Saint-Amour im Beaujolais.


 Auf dieser sehr speziellen Reise treffen drei Lebensalter aufeinander, die am Schluss auf wundersame Weise verschmelzen, aber bevor es soweit ist, erleben sie bizarre Situationen und treffen auf ungewöhnliche Menschen.


In Szene gesetzt hat diesen Film das französische Regie-Tandem Gustave Kervern und Benoît Delépine, die beide auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Aus ihrer Zusammenarbeit sind bereits Werke wie „Mammuth“ und „Le grand soir“ („Der Tag wird kommen“) hervorgegangen. In „Saint  Amour“ ist es ihnen gelungen, mit Depardieu und Poelvoorde zwei der großartigsten Akteure des französischsprachigen Films zusammen zu bringen, die aus einem skurrilen Roadmovie eine zutiefst anrührende Liebesgeschichte werden lassen, die noch einige Zeit nach Filmende, sozusagen im Abgang, ein angenehmes Gefühl hinterlässt. 

Es ist meisterlich, wie Gérard Depardieu, mächtig, massig, ein Berg von einem Mann, sich mit einer unendlichen Zärtlichkeit und Liebe seinem Sohn annähert und seine Liebeserklärung am Ende, unbeholfen aber bewegend, gehört zu den anrührendsten Momenten des Films.


Benoît Poelvoorde überzeugt gleichermaßen in seiner Verzweiflung und Zerrissenheit, auf der Suche nach Anerkennung und Zuwendung. Er scheut sich nicht, Einblicke in alle Höhen und Tiefen seiner Seele zu zeigen, bis er schließlich zur Ruhe kommt. 


Der Dritte im Bunde, Vincent Lacoste, ist mehr als ein schmückendes Beiwerk, auch seine Figur des Taxifahrers Mike, jung, gutaussehend, der scheinbar als Einziger heraushat, wie man mit den Frauen richtig umgeht, braucht diese Reise, um zu sich selbst zu finden und die drei Lebensalter eines Mannes abzurunden. Nur alle drei zusammen schaffen es, der Frau mit dem bezeichnenden Namen Vénus, mitreißend dargestellt von Céline Sallette, zu ihrem späten Glück zu verhelfen, ein Glück an dem schließlich alle genesen.


Hochkarätig besetzt auch die Nebenrolle, so überrascht der Schriftsteller Michel Houellebecq als verschrobener Gastwirt, der mit seiner Familie in der Garage nächtigt, um Gäste auf Weinreise in seinen Zimmern unterzubringen. Aber auch die Frauen-Rige kann sich sehen lassen mit Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni und Ana Girardot, alle kleine Leckerbissen, um die ungewöhnliche Weindegustation abzurunden.


Ein paar der derberen Witze oder Situationen sind nicht unbedingt etwas für Feingeister, aber wer sich auf den Film einlässt, wird seinen Spaß haben. „Saint Amour“ ist kein konventionelles Einheitskino und lässt über den schnellen Genuss hinaus durchaus eine poetische Tiefe und Klarheit erkennen. Wie ein guter Wein eben...




Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

ab 13. Oktober 2016 im Kino



Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine

Musik: Sébastien Tellier

Darsteller: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette, sowie Gustave Kervern, Michel Houellebecq, Ovidie, Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni, Ana Girardot








Donnerstag, 25. August 2016

Jean Dujardin war ein schlechter Schüler...


Jean Dujardin war ein schlechter Schüler…

… und liebt es, bei der Arbeit ins Schwitzen zu kommen.

Jean Dujardin ist in Frankreich ein großer Star. Hierzulande kennt man ihn vor allem durch seinen Oscar-Gewinn als bester Hauptdarsteller in dem Film „The Artist“ aus dem Jahr 2011.

Bei seinem aktuellen Projekt „Mein ziemlich kleiner Freund“ (Un homme à la hauteur) handelt es sich um das Remake eines argentinischen Films – „Corazón de Leon“ – das der Regisseur Laurent Tirard an ihn herangetragen hatte. Erzählt wird die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen der erfolgreichen Anwältin Diane – dargestellt von Virginie Efira – und einem charmanten Architekten (Jean Dujardin), der allerdings nur 1,36 m misst. Dieser Größenunterschied stellt die Beziehung der beiden auf eine große (!) Probe, und nicht einmal Jean Dujardin vermag zu sagen, ob es für die beiden gut ausgeht.

Zum Filmstart stand er nun in Paris den Journalisten Rede und Antwort. Er sprach über den Film, seine Rolle, aber auch über sein Verhältnis zu Hollywood. Bei dieser Gelegenheit verneinte er am Rande (aber nachdrücklich) seine Beteiligung an dem nächsten „Transformers“ Film, gestand, dass er ein schlechter Schüler war und dass er es genießt, in Frankreich zu arbeiten, aber auch mit seiner Familie dort zu leben. Er vermittelt den Eindruck eines Menschen, der durchaus um seine Popularität weiß, dabei eher vorsichtig zurückhaltend mit allzu persönlichen Bekenntnissen bleibt, aber insgesamt ein bodenständigen Mensch zu sein scheint (Dujardin, der aus dem Garten…), was sich auch daran zeigt, dass das Interview ganz unspektakulär in einem Bistro in Paris stattfand...

Hier nun Auszüge aus dem Gespräch mit ihm, das von dem Dolmetscher Jörg Taszman begleitet wurde.

Frage: Hat die Liebe zwischen Diane und Alexandre eine Zukunft, glauben Sie, dass sie stärker ist, als alle Vorurteile?
JD: Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Was Sie gesehen haben ist ein Happy End in einem Film, ein modernes Märchen. Meine Figur nicht naiv, er kennt ja sein Problem, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie diese Geschichte im realen Leben weitergeht. Für mich ist es eher ein offenes Ende.

Frage: Wie fühlt man sich, wenn man sich in einen nur 1,36 kleinen Mann versetzt?
JD: Genau das habe ich eben nicht getan, weil ich es nun mal einfach nicht bin. Insofern wäre es unehrlich gewesen, das zu versuchen. Ich habe ganz normal agiert, habe einen Mann dargestellt, dem es eigentlich gut geht, der immer nur lächelt, und ich habe immer nur versucht, ihn so sympathisch wie möglich darzustellen. Aber mir war immer klar, ich bin nur deshalb 1,36 m durch die Special Effects.

Frage: Wie sehr kennen Sich sich mit Hänseleien aus. Waren Sie in der Schule jemand, der gehänselt wurde, oder der vielleicht auch einmal gehänselt hat?
JD: Ich kenne ein bisschen von beidem. Das passiert aber allen irgendwann in der Schule, es ist Teil des Erwachsenwerdens von Jungen, bis man sich irgendwann gefunden hat. Bis dahin ist man manchmal der Gehänselte und manchmal hänselt man selber. Da habe durchaus konkrete Erinnerungen daran.

Frage: Weshalb wurden Sie denn gehänselt, das kann man sich ja heute gar nicht vorstellen.
JD: Weil ich einfach kein guter Schüler war, und Kinder können durchaus grausam sein. Wenn man an die Tafel geht und einfach nicht gut ist, kommt man sich wie ein Idiot vor, und dann gibt es andere Kinder, die das unglaublich spaßig finden.

Frage: Welcher Aspekt hat Sie am meisten an diesem Märchen gereizt, war es das komödiantische, dieses „Trickverkleiden“, war es die Liebesgeschichte unter schwierigen Voraussetzungen oder eben auch die Botschaft, es wäre schön, alle Menschen könnten sich ohne Vorurteile begegnen?
JD: Ich fand das ganze Projekt sehr interessant, ein sehr gutes Drehbuch, sehr gute Dialoge. Mir gefiel die Herangehensweise des Regisseurs, seine Eleganz, die Zusammenarbeit mit den Leuten, vor allem auch mit Virginie, also letztlich das Gesamtpaket. Es war aber vor allem die Gelegenheit, die besonderen Emotionen rüberzubringen, die ich beim Lesen des Drehbuchs hatte.

Frage: Was für Angebote bekommen Sie im Allgemeinen? Gibt es so etwas wie einen roten Faden?
JD: Nein, eigentlich nicht, ich mag es, immer wieder mein Image zu brechen. Manchmal allerdings merkt man, wenn man nur wegen seines Namens engagiert wird, das ist dann nicht sehr ehrlich, wenn man merkt, dass man mit der darzustellenden Person eigentlich nichts zu tun hat. Manchmal bekomme ich Angebote für etwas düstere Rolle, da sage ich auch nicht nein, wenn es eine gut geschriebene Geschichte ist. Manchmal gebe ich auch selbst den Anstoß, ich schreibe ja auch. Wichtig ist für mich, dass sich die Filme nicht gleichen, das ist mir seit zehn Jahren, glaube ich, ganz gut gelungen.

Frage: Bevorzugen sie Dramen oder Komödien?
JD: Ich mag beides. Ich mag selber nicht immer nur lachen, ich möchte mich aber auch nicht langweilen, wichtig ist, Emotionen zu zeigen.

Frage: Mit welchem Hund war es witziger zu drehen, mit Uggie in „The Artist“ oder mit dem Hund in diesem Film?
JD (lacht): Ich hatte befürchtet, es wäre schwierig, aber das ist es nicht. Das sind immer sehr talentierte und gut ausgebildete Hunde. Man versucht, sich vor dem Drehen ein bisschen aneinander zu gewöhnen, und es war sehr nett mit beiden. Allgemein liebe ich es, nicht eingeengt sondern herausgefordert zu werden, man muss auch mal ins Schwitzen kommen. Wenn das nicht passiert, ist das für mich kein gutes Zeichen, man muss sich den Erfolg auch verdienen, wenn das am Ende der Fall ist, bin ich zufrieden, denn dann hat man auch gut gearbeitet.

Frage: Bei Ihrem Talent, bei Ihrem Aussehen müssten sich Ihnen in Hollywood sämtliche Türen öffnen. Sie haben auch schon mit George Clooney gedreht, wie sieht es mit einer Karriere in Hollywood aus, sind sie daran nicht interessiert?
JD: Ich denke der immense Erfolg von „The Artist“ bei den Oscars und auch sonst, war so etwas wie ein „Unfall“, ein glücklicher Unfall für mich, dieser Stummfilm in schwarzweiß, wo ich nicht spreche und diesen Schnurbart trage und man mich kaum erkennt. Ich habe einerseits Schwierigkeiten, wie man etwas wie den besten Schauspieler oder den besten Film auszeichnen kann, im Sport geht das, aber in der Kunst? Ich weiß aber auch, dass es für einen französischen Schauspieler nicht wirklich einfach ist in Hollywood, man bekommt immer die typischen Rollen angeboten, der Franzose, der Typ mit der Baskenmütze, der Schurke. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sie dort auf mich warten. Es hat auch tatsächlich nicht viele Angebote gegeben. Ich hatte drei Drehtage mit Scorsese und hatte Spaß am Set mit Clooney, aber um dort Karriere zu machen, hätte ich dorthin ziehen müssen, Lobbyarbeit leisten und Klinken putzen müssen, alles Dinge, die mich nicht unbedingt reizen
Ich fühle mich hier in Frankreich wohl, ich bekomme gute Rollen hier, kann in meiner Sprache drehen. Schließlich ist der Beruf nicht mein ganzes Leben. Ich mag meinen Beruf, ich übe ihn ab und zu aus, aber in erster Linie will ich leben, mit meiner Familie, hier in Frankreich. Natürlich schreiben sie gute Drehbücher in Hollywood, haben ein viel größeres Budget, aber es ist nicht der heilige Gral. Das, was ich in Frankreich mache reicht mir eigentlich, und ich möchte die Sachen machen, auf die ich Lust habe und ich habe, auch wenn das für Sie von außen erstaunlich wirken mag, überhaupt keine Lust auf Hollywood.

Hier bekommt man für einen Moment den Eindruck, einen wunden Punkt berührt zu haben. Es wird nicht klar, ob ihm tatsächlich nichts an einer Karriere in Hollywood liegt, wobei er sicher mit seinen Vorbehalten Recht hat, dort nur auf bestimmte Klischee-Rollen festgelegt zu werden, während er in Frankreich ohne die Sprachbarriere, die es nur ausnahmsweise in „The Artist“ nicht gab, ein viel breiteres Spektrum abdecken kann, was für einen Schauspieler immer die reizvollere Perspektive sein sollte.

Frage: Es ist ja ein romantisches Märchen, sind Sie selber realistisch? Sie wirken ja eher ein bisschen realistisch, oder sind Sie doch der romantische Typ, der an die ganz große Liebe glaubt, die alle Grenzen sprengt?
JD: Ja, ja, ja, ich mag es durchaus zu träumen, aber – mein Name ist Dujardin (klopft mit dem Fuß auf den Boden) das heißt, ich bin schon  fest mit dem Boden und der Erde verwurzelt. Wir Schauspieler lieben es, auch einmal ein anderer zu sein, die Figuren, die wir spielen sind oft viel interessanter als wir selbst, deswegen machen wir ja den Job so gerne. Und ob ich ein Romantiker bin… Doch, doch, ich bin durchaus romantisch, aber auch sehr zurückhaltend. Und ich liebe die Vorstellung von der absoluten Liebe, das rettet uns schließlich.

Frage: Sie sagten, sie fühlten sich in Frankreich ganz wohl. Wie empfinden Sie die momentane Stimmung in Bezug auf diese Terroraktionen und inwieweit sind in einer solch unsicheren Zeit Komödien wichtig, um die Menschen zu beglücken?
JD: Ich kann sehr wenig dazu sagen, das ist eine Situation ohne Präzedenzfall, so etwas hat es ja noch nicht gegeben. Man kann niemandem übel nehmen, jetzt erst mal eine Weile zu Hause zu bleiben. Dennoch hoffe ich, dass die Leute weiter ins Theater, ins Kino gehen, und das tun sie ja Gott sei Dank auch. Ich finde, es ist der Job der Politiker, etwas zu tun. Der Rechtsstaat ist wichtig, wir leben wirklich in extremen Zeiten, die Politik muss einfach die richtigen Mittel finden. Ich kenne diese Sätze, man dürfe keine Angst haben, das sind aber nur Phrasen. Ich habe sehr wohl Angst, habe auch Angst um meine Familie, aber gehe trotzdem hinaus, die Angst lähmt mich nicht, macht mich allerdings wachsam. Man muss die Leute dazu bringen, dass sie weiterleben, dass sie weiter ins Kino gehen, weiter ihr Leben leben, ihrem Beruf weiter nachgehen, so wie ich es auch tue, und – gerade jetzt – mein Land eben nicht verlasse, das wäre für mich wie desertieren. Es gibt ja Leute, die gehen aus steuerlichen Gründen, aber jetzt fände ich es feige, zu gehen. Ich mache weiter, mit meinen bescheidenen Mitteln als Künstler. 


"Mein ziemlich kleiner Freund"  - 

Ab 01.09.2016 im Kino