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Dienstag, 6. Juni 2017

Film-Rezensionen: Ein Kuss von Béatrice (Sage-Femme)

Claire (Catherine Frot) arbeitet mit Leib und Seele als Hebamme, hat einen Sohn (Quentin Dolmaire), der Medizin studiert und scheint mit sich und der Welt zufrieden, die ihr ein Auskommen und Seelenfrieden bietet, nicht mehr und nicht weniger. Sie raucht und trinkt nicht, isst kein Fleisch und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie lebt in einer kleinen, bescheidenen Wohnung in einem Hochhauskomplex und liebt ihren Kleingarten vor der Stadt. Die Avancen des dortigen Nachbarn Paul (Olivier Gourmet) weist sie zurück, sie will eigentlich nur ihre Ruhe. 

Doch nichts bleibt, wie es ist, alles verändert sich, und so erfährt sie eines Tages, dass ihre Station im Krankenhaus geschlossen werden soll, dafür erhält sie das Angebot, in eine neue, moderne Geburtsklinik zu wechseln. Ihr Sohn eröffnet ihr, dass seine Freundin von ihm schwanger ist, weswegen er sein Studium abbrechen möchte, und mit der Ruhe ist es für Claire endgültig vorbei, als aus heiterem Himmel eine Frau namens Béatrice (Catherine Deneuve) über ihr Leben hereinbricht.

Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein, Claire ist zurückhaltend, leise und bescheiden, während es für Béatrice nicht laut genug sein kann. Sie strotzt trotz ihres fortgeschrittenen Alters vor Energie, ist exaltiert, lebenslustig und sprunghaft, gewinnt und verliert Geld beim Kartenspiel in finsteren Spelunken. Aber Claire und Béatrice haben einen gemeinsamen Berührungspunkt in der Vergangenheit, denn Béatrice war die Geliebte von Claires Vater und alle drei haben eine Zeit lang zusammengelebt, als Claire noch ein Teenager war. Eines Tages war Béatrice dann plötzlich verschwunden, worauf sich der Vater das Leben nahm. Zu ihrer Mutter hat Claire kein gutes Verhältnis, daher waren Béatrice und ihr Vater, ein ehemaliger Olympia-Schwimmer, die wichtigsten Bezugspunkte in ihrem Leben. Als Béatrice nun aus heiterem Himmel wieder auftaucht, kommt diese Vergangenheit wieder hoch , mit der Claire eigentlich abgeschlossen hatte. Allerdings, wie es mit der Vergangenheit so ist, man wird sie nie ganz los, und wenn sie in Gestalt einer Powerfrau wie Béatrice daherkommt, lässt sie sich erst recht nicht abschütteln. 

Während Claire vernunftbetont ist und die meisten Vergnügungen ihr suspekt sind, hat Béatrice das Leben in vollen Zügen genossen. Der Preis, den sie dafür zu zahlen hat – denn man weiß ja, dass es keinen Genuss ohne Reue gibt – ist, dass sie nun im Alter allein ist, ohne Familie, aber auch ohne Freunde, denn die hat sie auf ihrem furiosen Lebensweg stets hinter sich zurück gelassen. Claire, die Tochter, die sie nie hatte, scheint die Einzige, die Béatrice, die an einem Hirntumor erkrankt ist, nun noch zur Seite stehen könnte. Die Frage ist, ist diese dazu bereit?

Béatrice und Claire stehen gleichnishaft für die Grille und die Ameise aus der Fabel von Jean de La Fontaine. Jeder Zuschauer mag für sich selbst entscheiden, ob ihm die Moral dieser Geschichte gefällt, das Urteil wird wohl im Einklang mit der eigenen Lebensphilosophie ausfallen.

Regisseur Provost stellt zwei Frauen einander gegenüber, die zwar über einen gemeinsamen Mann verbunden waren, ihren Weg aber alleine gesucht und gefunden haben. Gab es in Béatrices Leben wahrscheinlich genug Männer, so kamen und gingen sie, wie es ihr gefiel. Claire ist alleinerziehend und zeigt kein Interesse an einer weiteren Beziehung. Erst durch den Schwung, den Béatrice in ihr Leben bringt, lässt sie sich
zögernd auf ihren Nachbarn Paul ein. Überhaupt bricht erwartungsgemäß nach und nach eine Schale auf und ganz vorsichtig kommt eine andere Claire zum Vorschein, vielleicht ist das die letzte späte Aufgabe, die Béatrice in ihrem Leben in Angriff nimmt, ausnahmsweise einmal nicht ihren eigenen egoistischen Interessen folgend. Es regt sich am Ende sogar etwas wie eine rebellische Ader in Claire, als sie das Angebot der neuen Geburtsklinik, von ihr als „Fabrik“ verabscheut, ausschlägt und tatsächlich mit ihrem Freund Paul darüber nachdenkt, etwas ganz Neues zu wagen.

Der Film fließt trotz aller Exaltiertheit von Béatrice ruhig dahin, wie die Seine, die hier, außerhalb von Paris, nichts mit der lauten Großstadt zu tun hat, vielleicht für manchen Zuschauer zu ruhig und zu lang. Aber wenn man sich darauf einlässt, gibt es schöne Szenen und anrührende Momente, wie zum Beispiel jener, als Claires Sohn Simon, der seinem Großvater als Schwimmer nacheifert, seinen Kopf durch die Tür steckt, als Claire und Béatrice alte Dias betrachten, und für einen Moment sein Gesicht mit dem an die Wand geworfenen Abbild seines Vaters zu verschmelzen scheint, diese bitter-süße Reminiszenz trifft Béatrice mit voller Wucht.

Die Entwicklung von Claire ist es, die der Film in langen Sequenzen ausbreitet, aber das Leben ist nun einmal ein langsamer Prozess. Bis zur Geburt eines neuen Menschen vergeht Zeit, und bis er seine endgültige Gestalt gefunden hat, dauert es noch viel länger. Es wird erkennbar, dass die beiden Frauen keine Gegensätze bilden, sondern vom Schicksal – oder vom Leben, das sie geführt haben – dazu bestimmt sind, einander zu ergänzen und am Ende das eigene Leben abzurunden.

Regisseur Martin Provost hat daher nicht zufällig den Beruf der Hebamme für Claire gewählt. Der französische Titel ermöglicht ein Wortspiel, so bedeutet „sage-femme“ einerseits „Hebamme“, andererseits umschreibt der Ausdruck „sage femme“ eine kluge, vernünftige oder besonnene Frau, all das ist Claire. Es gibt aber auch noch einen persönlichen Bezug des Regisseurs zu dem Berufsstand, denn nach eigener Aussage hat ihm bei seiner Geburt eine Hebame durch ihre Blutspende das Leben gerettet. Da er sie trotz aller Bemühungen später nicht auffinden konnte, wollte er ihr in diesem Film ein Denkmal setzen, indem er diese Geschichte in seine Handlung einfließen lässt.

Die Geburtsszenen, die Claires Arbeitsalltag ausmachen, verklären nicht das Wunder der Geburt, sondern zeigen ein realistisches Bild: geboren wird man unter Schmerzen und braucht bei diesem Prozess kundige, helfende Hände. Auch danach bedarf es noch lange Zeit der Fürsorge, bis man sein Lebenskonzept gefunden hat. Ob es das richtige war, muss jeder am Ende für sich selbst herausfinden. 


Der Film feierte bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb (außer Konkurrenz) seine Weltpremiere.

Regie: Martin Provost 
Drehbuch: Martin Provost 
Musik: Grégoire Hetzel
Darsteller: Catherine Frot, Catherine Deneuve, Olivier Gourmet, Quentin Dolmaire, Mylène Demongeot 

117 Minuten
Deutscher Start: 08. Juni 2017

Donnerstag, 29. September 2016

Film-Rezensionen: Saint Amour - Drei gute Jahrgänge (Saint Amour)


Saint Amour



Wenn man wie Bauer Bruno (Benoît Poelvoorde) im ländlichen Frankreich lebt, ist eine Fahrt nach Paris ein Ereignis, auch wenn es nur in die riesige Halle einer Landwirtschaftsmesse außerhalb der Stadt geht. Er und sein Vater Jean (Gérard Depardieu) stellen dort aus, und wie jedes Jahr hofft Jean auf den ersten Preis für seinen wahrhaft imposanten Prachtbullen.



Der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung ist für Bruno und seine Kumpel allerdings eine rituelle Weinreise, hierfür müssen sie die Hallen nicht verlassen, es genügt ein Zug vorbei an den verschiedenen Ständen der ebenfalls zur Messe angereisten Weinerzeuger. Es geht auch nicht um die Verkostung edler Tropfen, sondern um ein möglichst zügiges Abfüllen, nicht Genuss steht im Vordergrund, sondern der Rausch, der Bruno helfen soll, sein tristes Dasein einigermaßen erträglich zu machen.


Natürlich funktioniert das nicht, dem Rausch folgt stets die Ernüchterung – wer wüsste es besser als Bruno selbst, der diese Reise schon unzählige Male unternommen hat. Er kennt die zehn Etappen des Alkohols – er wird sie später noch genau erläutern – und am Ende, nach dem Exzess, steht auf jeden Fall immer die Scham.


Bruno hat zwei Probleme: einen übermächtigen Vater und die Frauen, bei denen er trotz aller Bemühungen keine Chancen hat. Der Vater (in der wuchtigen Gestalt von Gérard Depardieu) ist ein imposanter Koloss, Bruno wagt es nicht, ihm zu gestehen, dass er Hof und Landwirtschaft gegen einen Job in einem Baumarkt eintauschen möchte. Den Frauen nähert sich Bruno nüchtern nur sehr linkisch, sturzbetrunken stößt er sie unweigerlich ab.


Jean erkennt durchaus, dass Bruno unglücklich ist, auch wenn dieser nichts davon bemerkt, da sich Vater und Sohn über die Jahre voneinander entfremdet haben. Um sich ihm wieder anzunähern, beschließt Jean, mit seinem Sohn während der Messe eine reale Weinreise zu machen, Voraussetzung ist, dass sie zur Prämierung des besten Zuchtbullen am Ende der Woche zurück sind. Man heuert einen jungen Taxifahrer namens Mike (Vincent Lacoste) an, der sie in die gewünschten Weinorte chauffieren soll, beginnend mit dem Anbaugebiet des Saint-Amour im Beaujolais.


 Auf dieser sehr speziellen Reise treffen drei Lebensalter aufeinander, die am Schluss auf wundersame Weise verschmelzen, aber bevor es soweit ist, erleben sie bizarre Situationen und treffen auf ungewöhnliche Menschen.


In Szene gesetzt hat diesen Film das französische Regie-Tandem Gustave Kervern und Benoît Delépine, die beide auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Aus ihrer Zusammenarbeit sind bereits Werke wie „Mammuth“ und „Le grand soir“ („Der Tag wird kommen“) hervorgegangen. In „Saint  Amour“ ist es ihnen gelungen, mit Depardieu und Poelvoorde zwei der großartigsten Akteure des französischsprachigen Films zusammen zu bringen, die aus einem skurrilen Roadmovie eine zutiefst anrührende Liebesgeschichte werden lassen, die noch einige Zeit nach Filmende, sozusagen im Abgang, ein angenehmes Gefühl hinterlässt. 

Es ist meisterlich, wie Gérard Depardieu, mächtig, massig, ein Berg von einem Mann, sich mit einer unendlichen Zärtlichkeit und Liebe seinem Sohn annähert und seine Liebeserklärung am Ende, unbeholfen aber bewegend, gehört zu den anrührendsten Momenten des Films.


Benoît Poelvoorde überzeugt gleichermaßen in seiner Verzweiflung und Zerrissenheit, auf der Suche nach Anerkennung und Zuwendung. Er scheut sich nicht, Einblicke in alle Höhen und Tiefen seiner Seele zu zeigen, bis er schließlich zur Ruhe kommt. 


Der Dritte im Bunde, Vincent Lacoste, ist mehr als ein schmückendes Beiwerk, auch seine Figur des Taxifahrers Mike, jung, gutaussehend, der scheinbar als Einziger heraushat, wie man mit den Frauen richtig umgeht, braucht diese Reise, um zu sich selbst zu finden und die drei Lebensalter eines Mannes abzurunden. Nur alle drei zusammen schaffen es, der Frau mit dem bezeichnenden Namen Vénus, mitreißend dargestellt von Céline Sallette, zu ihrem späten Glück zu verhelfen, ein Glück an dem schließlich alle genesen.


Hochkarätig besetzt auch die Nebenrolle, so überrascht der Schriftsteller Michel Houellebecq als verschrobener Gastwirt, der mit seiner Familie in der Garage nächtigt, um Gäste auf Weinreise in seinen Zimmern unterzubringen. Aber auch die Frauen-Rige kann sich sehen lassen mit Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni und Ana Girardot, alle kleine Leckerbissen, um die ungewöhnliche Weindegustation abzurunden.


Ein paar der derberen Witze oder Situationen sind nicht unbedingt etwas für Feingeister, aber wer sich auf den Film einlässt, wird seinen Spaß haben. „Saint Amour“ ist kein konventionelles Einheitskino und lässt über den schnellen Genuss hinaus durchaus eine poetische Tiefe und Klarheit erkennen. Wie ein guter Wein eben...




Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

ab 13. Oktober 2016 im Kino



Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine

Musik: Sébastien Tellier

Darsteller: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette, sowie Gustave Kervern, Michel Houellebecq, Ovidie, Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni, Ana Girardot








Donnerstag, 25. August 2016

Jean Dujardin war ein schlechter Schüler...


Jean Dujardin war ein schlechter Schüler…

… und liebt es, bei der Arbeit ins Schwitzen zu kommen.

Jean Dujardin ist in Frankreich ein großer Star. Hierzulande kennt man ihn vor allem durch seinen Oscar-Gewinn als bester Hauptdarsteller in dem Film „The Artist“ aus dem Jahr 2011.

Bei seinem aktuellen Projekt „Mein ziemlich kleiner Freund“ (Un homme à la hauteur) handelt es sich um das Remake eines argentinischen Films – „Corazón de Leon“ – das der Regisseur Laurent Tirard an ihn herangetragen hatte. Erzählt wird die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen der erfolgreichen Anwältin Diane – dargestellt von Virginie Efira – und einem charmanten Architekten (Jean Dujardin), der allerdings nur 1,36 m misst. Dieser Größenunterschied stellt die Beziehung der beiden auf eine große (!) Probe, und nicht einmal Jean Dujardin vermag zu sagen, ob es für die beiden gut ausgeht.

Zum Filmstart stand er nun in Paris den Journalisten Rede und Antwort. Er sprach über den Film, seine Rolle, aber auch über sein Verhältnis zu Hollywood. Bei dieser Gelegenheit verneinte er am Rande (aber nachdrücklich) seine Beteiligung an dem nächsten „Transformers“ Film, gestand, dass er ein schlechter Schüler war und dass er es genießt, in Frankreich zu arbeiten, aber auch mit seiner Familie dort zu leben. Er vermittelt den Eindruck eines Menschen, der durchaus um seine Popularität weiß, dabei eher vorsichtig zurückhaltend mit allzu persönlichen Bekenntnissen bleibt, aber insgesamt ein bodenständigen Mensch zu sein scheint (Dujardin, der aus dem Garten…), was sich auch daran zeigt, dass das Interview ganz unspektakulär in einem Bistro in Paris stattfand...

Hier nun Auszüge aus dem Gespräch mit ihm, das von dem Dolmetscher Jörg Taszman begleitet wurde.

Frage: Hat die Liebe zwischen Diane und Alexandre eine Zukunft, glauben Sie, dass sie stärker ist, als alle Vorurteile?
JD: Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Was Sie gesehen haben ist ein Happy End in einem Film, ein modernes Märchen. Meine Figur nicht naiv, er kennt ja sein Problem, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie diese Geschichte im realen Leben weitergeht. Für mich ist es eher ein offenes Ende.

Frage: Wie fühlt man sich, wenn man sich in einen nur 1,36 kleinen Mann versetzt?
JD: Genau das habe ich eben nicht getan, weil ich es nun mal einfach nicht bin. Insofern wäre es unehrlich gewesen, das zu versuchen. Ich habe ganz normal agiert, habe einen Mann dargestellt, dem es eigentlich gut geht, der immer nur lächelt, und ich habe immer nur versucht, ihn so sympathisch wie möglich darzustellen. Aber mir war immer klar, ich bin nur deshalb 1,36 m durch die Special Effects.

Frage: Wie sehr kennen Sich sich mit Hänseleien aus. Waren Sie in der Schule jemand, der gehänselt wurde, oder der vielleicht auch einmal gehänselt hat?
JD: Ich kenne ein bisschen von beidem. Das passiert aber allen irgendwann in der Schule, es ist Teil des Erwachsenwerdens von Jungen, bis man sich irgendwann gefunden hat. Bis dahin ist man manchmal der Gehänselte und manchmal hänselt man selber. Da habe durchaus konkrete Erinnerungen daran.

Frage: Weshalb wurden Sie denn gehänselt, das kann man sich ja heute gar nicht vorstellen.
JD: Weil ich einfach kein guter Schüler war, und Kinder können durchaus grausam sein. Wenn man an die Tafel geht und einfach nicht gut ist, kommt man sich wie ein Idiot vor, und dann gibt es andere Kinder, die das unglaublich spaßig finden.

Frage: Welcher Aspekt hat Sie am meisten an diesem Märchen gereizt, war es das komödiantische, dieses „Trickverkleiden“, war es die Liebesgeschichte unter schwierigen Voraussetzungen oder eben auch die Botschaft, es wäre schön, alle Menschen könnten sich ohne Vorurteile begegnen?
JD: Ich fand das ganze Projekt sehr interessant, ein sehr gutes Drehbuch, sehr gute Dialoge. Mir gefiel die Herangehensweise des Regisseurs, seine Eleganz, die Zusammenarbeit mit den Leuten, vor allem auch mit Virginie, also letztlich das Gesamtpaket. Es war aber vor allem die Gelegenheit, die besonderen Emotionen rüberzubringen, die ich beim Lesen des Drehbuchs hatte.

Frage: Was für Angebote bekommen Sie im Allgemeinen? Gibt es so etwas wie einen roten Faden?
JD: Nein, eigentlich nicht, ich mag es, immer wieder mein Image zu brechen. Manchmal allerdings merkt man, wenn man nur wegen seines Namens engagiert wird, das ist dann nicht sehr ehrlich, wenn man merkt, dass man mit der darzustellenden Person eigentlich nichts zu tun hat. Manchmal bekomme ich Angebote für etwas düstere Rolle, da sage ich auch nicht nein, wenn es eine gut geschriebene Geschichte ist. Manchmal gebe ich auch selbst den Anstoß, ich schreibe ja auch. Wichtig ist für mich, dass sich die Filme nicht gleichen, das ist mir seit zehn Jahren, glaube ich, ganz gut gelungen.

Frage: Bevorzugen sie Dramen oder Komödien?
JD: Ich mag beides. Ich mag selber nicht immer nur lachen, ich möchte mich aber auch nicht langweilen, wichtig ist, Emotionen zu zeigen.

Frage: Mit welchem Hund war es witziger zu drehen, mit Uggie in „The Artist“ oder mit dem Hund in diesem Film?
JD (lacht): Ich hatte befürchtet, es wäre schwierig, aber das ist es nicht. Das sind immer sehr talentierte und gut ausgebildete Hunde. Man versucht, sich vor dem Drehen ein bisschen aneinander zu gewöhnen, und es war sehr nett mit beiden. Allgemein liebe ich es, nicht eingeengt sondern herausgefordert zu werden, man muss auch mal ins Schwitzen kommen. Wenn das nicht passiert, ist das für mich kein gutes Zeichen, man muss sich den Erfolg auch verdienen, wenn das am Ende der Fall ist, bin ich zufrieden, denn dann hat man auch gut gearbeitet.

Frage: Bei Ihrem Talent, bei Ihrem Aussehen müssten sich Ihnen in Hollywood sämtliche Türen öffnen. Sie haben auch schon mit George Clooney gedreht, wie sieht es mit einer Karriere in Hollywood aus, sind sie daran nicht interessiert?
JD: Ich denke der immense Erfolg von „The Artist“ bei den Oscars und auch sonst, war so etwas wie ein „Unfall“, ein glücklicher Unfall für mich, dieser Stummfilm in schwarzweiß, wo ich nicht spreche und diesen Schnurbart trage und man mich kaum erkennt. Ich habe einerseits Schwierigkeiten, wie man etwas wie den besten Schauspieler oder den besten Film auszeichnen kann, im Sport geht das, aber in der Kunst? Ich weiß aber auch, dass es für einen französischen Schauspieler nicht wirklich einfach ist in Hollywood, man bekommt immer die typischen Rollen angeboten, der Franzose, der Typ mit der Baskenmütze, der Schurke. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sie dort auf mich warten. Es hat auch tatsächlich nicht viele Angebote gegeben. Ich hatte drei Drehtage mit Scorsese und hatte Spaß am Set mit Clooney, aber um dort Karriere zu machen, hätte ich dorthin ziehen müssen, Lobbyarbeit leisten und Klinken putzen müssen, alles Dinge, die mich nicht unbedingt reizen
Ich fühle mich hier in Frankreich wohl, ich bekomme gute Rollen hier, kann in meiner Sprache drehen. Schließlich ist der Beruf nicht mein ganzes Leben. Ich mag meinen Beruf, ich übe ihn ab und zu aus, aber in erster Linie will ich leben, mit meiner Familie, hier in Frankreich. Natürlich schreiben sie gute Drehbücher in Hollywood, haben ein viel größeres Budget, aber es ist nicht der heilige Gral. Das, was ich in Frankreich mache reicht mir eigentlich, und ich möchte die Sachen machen, auf die ich Lust habe und ich habe, auch wenn das für Sie von außen erstaunlich wirken mag, überhaupt keine Lust auf Hollywood.

Hier bekommt man für einen Moment den Eindruck, einen wunden Punkt berührt zu haben. Es wird nicht klar, ob ihm tatsächlich nichts an einer Karriere in Hollywood liegt, wobei er sicher mit seinen Vorbehalten Recht hat, dort nur auf bestimmte Klischee-Rollen festgelegt zu werden, während er in Frankreich ohne die Sprachbarriere, die es nur ausnahmsweise in „The Artist“ nicht gab, ein viel breiteres Spektrum abdecken kann, was für einen Schauspieler immer die reizvollere Perspektive sein sollte.

Frage: Es ist ja ein romantisches Märchen, sind Sie selber realistisch? Sie wirken ja eher ein bisschen realistisch, oder sind Sie doch der romantische Typ, der an die ganz große Liebe glaubt, die alle Grenzen sprengt?
JD: Ja, ja, ja, ich mag es durchaus zu träumen, aber – mein Name ist Dujardin (klopft mit dem Fuß auf den Boden) das heißt, ich bin schon  fest mit dem Boden und der Erde verwurzelt. Wir Schauspieler lieben es, auch einmal ein anderer zu sein, die Figuren, die wir spielen sind oft viel interessanter als wir selbst, deswegen machen wir ja den Job so gerne. Und ob ich ein Romantiker bin… Doch, doch, ich bin durchaus romantisch, aber auch sehr zurückhaltend. Und ich liebe die Vorstellung von der absoluten Liebe, das rettet uns schließlich.

Frage: Sie sagten, sie fühlten sich in Frankreich ganz wohl. Wie empfinden Sie die momentane Stimmung in Bezug auf diese Terroraktionen und inwieweit sind in einer solch unsicheren Zeit Komödien wichtig, um die Menschen zu beglücken?
JD: Ich kann sehr wenig dazu sagen, das ist eine Situation ohne Präzedenzfall, so etwas hat es ja noch nicht gegeben. Man kann niemandem übel nehmen, jetzt erst mal eine Weile zu Hause zu bleiben. Dennoch hoffe ich, dass die Leute weiter ins Theater, ins Kino gehen, und das tun sie ja Gott sei Dank auch. Ich finde, es ist der Job der Politiker, etwas zu tun. Der Rechtsstaat ist wichtig, wir leben wirklich in extremen Zeiten, die Politik muss einfach die richtigen Mittel finden. Ich kenne diese Sätze, man dürfe keine Angst haben, das sind aber nur Phrasen. Ich habe sehr wohl Angst, habe auch Angst um meine Familie, aber gehe trotzdem hinaus, die Angst lähmt mich nicht, macht mich allerdings wachsam. Man muss die Leute dazu bringen, dass sie weiterleben, dass sie weiter ins Kino gehen, weiter ihr Leben leben, ihrem Beruf weiter nachgehen, so wie ich es auch tue, und – gerade jetzt – mein Land eben nicht verlasse, das wäre für mich wie desertieren. Es gibt ja Leute, die gehen aus steuerlichen Gründen, aber jetzt fände ich es feige, zu gehen. Ich mache weiter, mit meinen bescheidenen Mitteln als Künstler. 


"Mein ziemlich kleiner Freund"  - 

Ab 01.09.2016 im Kino