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Mittwoch, 15. Juli 2026

Im Kino: Die Odyssee (The Odyssey)

Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, ist einer der Helden des Trojanischen Kriegs um die Befreiung Helenas (Lupita Nyong’o), der Gattin des Menelaos (Jon Bernthal). Nach ihrem Sieg kehren die meisten Griechen heim, nur Odysseus irrt mit seinen Männern noch lange Jahre auf den Meeren und muss etliche gefährliche Abenteuer bestehen. Währenddessen warten seine Gattin Penelope (Anne Hathaway) und der inzwischen erwachsene Sohn Telemachos (Tom Holland) noch immer auf seine Rückkehr, während eine immer drängendere Schar von heiratswilligen Freiern es nicht erwarten kann, dass Penelope sich für einen von ihnen entscheidet, aber sie haben die Rechnung ohne Odysseus gemacht…

Christopher Nolan hat sich für sein aktuelles Werk eines der bekanntesten Epen der Weltgeschichte ausgesucht, denn wer hätte nicht schon einmal von Odysseus und seiner – sprichwörtlich gewordenen – Odyssee gehört, oder vom Trojanischen Pferd, das es sogar als Trojaner in die moderne Computerwelt geschafft hat. Auch wer sich nicht näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt hat, kennt viele der bekannten Figuren und hat sicherlich – auch aus den bisherigen Verfilmungen – seine Erinnerungen an den einäugigen Riesen Polyphem, die Zauberin Circe und die Schrecken von Skylla und Charybdis, deren Namen und Charakter Eingang in die Alltagssprache gefunden haben, jemanden zu bezirzen oder die Beschreibung einer ausweglosen Situation, das alles hat seinen Ursprung in ebendieser Mythologie.

Dennoch muss man sich die Frage stellen, ob es einer erneuten Verfilmung bedurft hätte, zumal es erst vor zwei Jahren die „Rückkehr nach Ithaka“ mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche gab, dessen Regisseur Uberto Pasolini, trotz seiner weitläufigen Verwandtschaft mit Lucchino Visconti, einer Ikone des italienischen Kinos, nicht mit dem klingenden Namen und Ruf eines Christopher Nolan gesegnet ist. Kann also Nolan nun dem altbekannten Thema wirklich etwas Neues hinzufügen?

Ja, wenn es um Aufmachung und die aufwändige IMAX®-Technologie geht, die in entsprechenden Kinos für ein besonderes optisches Erlebnis sorgt, dazu kommt, zumindest in der Originalfassung, auch die besonders darauf abgestimmte Tonspur, wobei die Akustik manchmal sogar etwas allzu aufdringlich die Ohren beschallt. Vor allem die Kampfszenen, jeweils durch einen immer intensiver werdenden dumpfen Trommelsound untermalt, geraten so zu einem über die Schmerzgrenze hinaus in die Länge gezogenen Akt, beeindruckend, aber manchmal auch etwas zu viel des Guten.

Nein, wenn es um inhaltliche Aspekte geht, denn alles, was Nolan aufbietet, haben andere vor ihm, gerade auch der bereits oben zitierte Pasolini, bereits abgearbeitet. Der vordergründigen Abenteuergeschichte des Odysseus steht dabei dessen gebrochener Charakter gegenüber, ein Mann, der kriegsmüde und desillusioniert einfach nicht wieder in sein altes Leben zurückzufinden scheint, von Gewissensbissen gequält, wegen der auch durch seine Entscheidungen geopferten Kameraden und des aufgrund seiner List ermöglichten Gemetzels in der belagerten Stadt Troja. Dass Krieg ein scheußliches Geschäft ist, auch wenn es vielleicht zu Anfang einen gerechtfertigten Anlass gab, ist keine wirklich neue Erkenntnis, und dass Männer im Grunde Schweine sind, wird durch den bösen Zauber der Circe sehr plakativ in den Raum gestellt.

Die Grauen, denen Odysseus und seine Mannen begegnen, sind wahrhaft abscheulich, aber für einen reinen Abenteuerfilm zieht sich die Rahmengeschichte um den mit sich selbst hadernden Helden hin, vor allem aber die Geschehnisse rund um den Hof in Ithaka haben eindeutige Längen, so dass am Ende stolze 172 Minuten abzusitzen sind, die nicht alle gleichermaßen spannend sind.

Der Cast ist solide, wobei die Namensliste zunächst beeindruckend zu lesen ist, aber hier fehlt der eine Akteur, der aufgrund seines Charismas den gesamten Film zu tragen und ihn aus dem gehobenen Durchschnitt herauszuheben vermag, Matt Damon ist es jedenfalls nicht. Die von mancher Seite geäußerte Kritik an Lupita Nyong’o als Helena oder Zendaya als Göttin Athene kann ich nicht teilen, eher stört, dass die gesamte Crew ganz und gar nicht griechisch wirkt und manche sprachlichen Ausdrücke befremden, etwa wenn Telemachos immer wieder von seinem „Dad“ spricht und irgendwann das durch und durch amerikanische „f.ck off“ fällt.

So bleibt am Ende ein Kinoerlebnis, das aufgrund der beschriebenen Technik die Leinwand optisch grandios ausfüllt, inhaltlich aber, auch angesichts der geweckten Erwartungen an den Film, ein bisschen enttäuscht.

 


  Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan, b/a dem epischen Gedicht von Homer

Kamera: Hoyte van Hoytema

Schnitt: Jennifer Lame

Musik: Ludwig Göransson

 Besetzung:

Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Elliot Page, Jon Bernthal, Mia Goth, Benny Safdie, John Leguizamo, Will Yun Lee u.v.m

 Syncopy/ Universal Pictures

2026

172 min.

FSK (wahrscheinlich) 16

Deutscher Kinostart: 16. Juli 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=v8yWPRdNJNs (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=f_bKjZeJBBI (Englisch)

 

Dienstag, 4. April 2023

Im Kino: Air: Der große Wurf (Air)

In den 1980ger Jahren ist die Firma Nike reichlich uncool und nur mit Joggingschuhen erfolgreich, überall sonst hat die Konkurrenz die Nase vorn, allen voran Adidas und Converse. Das soll sich nach dem Willen von Nike-Gründer Phil Knight (Ben Affleck) ändern, und so hat der den Basketball-Bereich betreuende Sonny Vaccaro (Matt Damon) die zündende Idee, alles auf eine Karte zu setzen und den aufstrebenden Spieler Michael Jordan mit einem extra für ihn konzipierten Schuh zu ködern. Leider steht der junge Mann so gar nicht auf Nike, aber Sonny lässt nicht locker und macht Jordans Mutter (Viola Davis) ein verlockendes Angebot, jetzt liegt es an ihr, ihren Sohn zu überzeugen, dabei entwickelt sie einen erstaunlichen Geschäftssinn…

Eine Businessakquise mit Verhandlungen unter Geschäftspartnern und solchen, die es werden sollen, das klingt wie eine staubtrockene Angelegenheit, aber überraschender- und auch glücklicherweise entpuppt sich das Ganze ziemlich schnell als unterhaltsamer und spannender Film, der sich darüber hinaus einmal mehr mit dem Etikett „beruht auf einer wahren Begebenheit“ schmücken kann.

Was Affleck, der hier wieder einmal auf dem Regiesessel Platz genommen hat, abliefert, ist eine gekonnt inszenierte amerikanische Erfolgsstory, wie sie das Publikum liebt, dabei kann er sich einmal mehr auf seinen alten Kumpel Matt Damon verlassen, wie damals, als die beiden ihre eigene Erfolgstory in Hollywood starteten und für den gemeinsam entwickelten Film „Good Will Hunting“ gleich mit einem Oscar für das beste Originaldrehbuch belohnt wurden.

Dabei präsentiert sich Damon hier recht uneitel, als unsportlicher Mittvierziger mit leichter Wampe, der zwar alles über seinen Lieblingssport Basketball weiß, selbst aber bis zum Schluss irgendwelchen körperlichen Aktivitäten nichts abgewinnen kann. Wie er jedoch hartnäckig und mit einer gehörigen Portion Chuzpe sein Ziel gegen alle internen Widerstände verfolgt, damit wird er auch Zuschauer und Zuschauerinnen überzeugen, die ansonsten zunächst mit den beiden Thematiken – Business und Sport – nicht so viel anfangen können.

Die Geschichte rund um Taktiken und Finessen in der Businesswelt und wie man mit maßgeschneiderten Werbekonzepten eine Goldgrube für alle Beteiligten schafft, wird auch von dem übrigen Cast getragen, vielleicht sind es insgesamt ein paar Akteure zu viel, aber alle füllen ihre Rollen mit Leib und Seele aus, und deshalb ist ein gelungener Film herausgekommen, der trotz der teilweise sehr amerikanischen Attitüden auch einem hiesigen Publikum Spaß bereiten dürfte, unterstützt von einem geschickt eingewobenen 1980ger-Jahre-Flair einschließlich des dazu passenden Soundtracks, was im Moment sowieso ziemlich angesagt ist.

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Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Alex Convery

Kamera: Robert Richardson

Schnitt: William Goldenberg

 

Besetzung:

Matt Damon, Ben Affleck, Viola Davis, Jason Bateman, Chris Messina, Chris Tucker, Matthew Maher, Gustaf Skarsgård

 

Amazon Studios/ Warner Bros. Pictures Germany

2023

112 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 6. April 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=jBdYZeu58MY (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=Ss8dY6xXNtI (Englisch)

 

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Im Kino: The Last Duel

Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) kämpfen im ausgehenden 14. Jahrhundert in so mancher Schlacht für König und Vaterland, dies macht sie – zumindest in Carrouges’ Augen – zu Freunden, die füreinander einstehen. Le Gris ist jedoch im weiteren Leben immer der Erfolgreichere, der mit Leichtigkeit vieles erreicht, was dem tumben Carrouges verwehrt bleibt, so erfreut er sich zum Beispiel der nicht zu unterschätzenden Gunst des Grafen Pierre d'Alençon (Ben Affleck). Zwar wird Carrouges im Gegensatz zu Le Gris schließlich zum Ritter geschlagen und darf die wunderschöne Lady Marguerite (Jodie Comer) ehelichen, aber als eben jene Marguerite eines Tages behauptet, Le Gris habe sie vergewaltigt, werden aus den beiden Männern  erbitterte Feinde, die schließlich in einem martialischen Duell auf Leben und Tod um die Wahrheit ringen…

In mittelalterlichen Zeiten war es üblich, in einem gerichtlichen Streit, bei dem Aussage gegen Aussage stand, die Wahrheit durch ein „Gottesurteil“ feststellen zu lassen, d.h. die Kontrahenten in einem Duell auf Leben und Tod gegeneinander antreten zu lassen, an dessen Ende der Überlebende das Recht auf seiner Seite hatte. Dem Film zugrunde liegt eines der letzten Duelle, die auf diese Weise ausgefochten wurden, insofern ein historischer Fall, der so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat.

Altmeister Ridley Scott hat daraus ein wuchtiges Drama geschaffen, das er, wie es Akira Kurosawa in seinem berühmten Werk „Rashomon“ vorexerziert hat, aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten erzählen lässt. Auch wenn man auf diese Weise denselben Film scheinbar drei Mal sieht, unterscheiden sich die Versionen in vielen Details, auf die es auch ankommt, und es bleibt spannend, all die kleinen Abweichungen zu erkennen, wenn man am Ende die Wahrheit erfahren will. Nun mag man Scott hierbei vorwerfen, dass er selbst sich bereits auf eine Wahrheit festgelegt hat, der Zuschauer also nur vermeintlich die Wahl hat, aber da eine vierte, womöglich neutrale Perspektive fehlt, bleibt es eine höchst subjektive Darstellung der Beteiligten.

Neben all den Ritterspielen und Kampfszenen zu Anfang dauert es eine Weile, bis sich das eigentliche Thema des Films herausschält, es geht nämlich um nichts anderes als eine mittelalterliche #MeToo-Geschichte: eine Frau beschuldigt einen Mann der Vergewaltigung, dieser streitet die Gewalt ab und beruft sich auf Einvernehmlichkeit – sie wollte es doch auch. Damit betritt Scott natürlich vermintes Gelände und kann eigentlich nur verlieren, denn recht machen wird er es inmitten der aufgeheizten Diskussionen, die um dieses Thema in den letzten Jahren geführt werden, wahrscheinlich keiner Seite.

Dass der Film dennoch großartig funktioniert, liegt an den überzeugenden Darstellern – allen voran Jodie Comer, aber auch Ben Affleck in einer launigen Nebenrolle – und der kraftvollen, kompromisslosen Inszenierung. Er ist ein Sittengemälde seiner Zeit und der ihr innewohnenden Gewalt, sowohl der physischen in den klirrenden, dampfenden Kampfszenen, als auch der psychischen, der Frauen unterworfen waren, aber, wie die Ausnutzung von Macht- und Einflussstrukturen durch Männer wie den Filmmogul Harvey Weinstein gezeigt hat, auch heute noch unterworfen sind. Früher allerdings gehörten Frauen einfach zum Eigentum ihres Mannes und waren als solches zu verteidigen, und so wird Marguerites Stellung plakativ und gleichnishaft in einer Szene vorgeführt, in der eine wertvolle Stute Carrouges von einem unerwünschten, schwarzen und wilden Hengst besprungen wird, eine Schande, die Carrouges nicht einfach hinnehmen kann.

Marguerite aber, die nun darauf besteht, nicht die Ehre ihres Mannes sondern ihre eigene zu verteidigen und dabei ihr Leben in die Waagschale wirft, sorgt damit für einen unerhörten Vorgang. Sie muss sich von allen Seiten denselben hochnotpeinlichen Fragen unterwerfen, wie sie auch heute noch gestellt werden: Hat sie ihren Vergewaltiger nicht eigentlich ermutigt, musste er deswegen nicht glauben, sie wollte es in Wirklichkeit? Hat sie sich genug gewehrt? Hat sie sich überhaupt gewehrt? Als Marguerite auch noch schwanger wird, spricht dies, sollte das Kind von Le Gris sein, gegen eine Vergewaltigung, denn eine Frau kann nur schwanger werden, wenn sie Spaß am Geschlechtsverkehr hatte – so legen sich die Männer die Welt zurecht, wie sie ihnen gefällt und genau dies führt der Film eindrucksvoll vor Augen: Es geht nicht um die Wahrheit, solange Männer bestimmen, wo es lang geht – „The truth does not matter – there is only the power of men“.

Visuell erinnert der Film oft an alte Gemälde von Schlachtenszenen und düsteren Interieurs vergangener Epochen, klanglich untermalt von einem passend opulenten Soundtrack. Ein Vergleich mit aktuellen Ereignissen ist sicher beabsichtigt und auch legitim, aber nicht notwendig, denn der Film hat die Kraft, für sich alleine zu stehen. Er braucht für die Beurteilung seiner Qualität keine Einordnung in die heutigen Verhältnisse – diese Diskussion wird bereits an anderen Stellen geführt – sondern ist eindrucksvoll und bewegend und, trotz seiner Länge und Sperrigkeit an manchen Stellen, unbedingt sehenswert.

Zum Schluss sei allerdings die Frage erlaubt, ob dieser Film eine Art Wiedergutmachung und Unterstützung der Sache der Frauen bedeuten soll, denn die Beteiligten Damon und Affleck verdanken ihre Karriere maßgeblich dem bereits benannten Harvey Weinstein, der ihr erstes gemeinsames Projekt „Good Will Hunting“ auf den Weg brachte, und beide waren mit ihm auch später noch eng verbunden. Weder Damon noch Affleck konnten im Folgenden glaubhaft bestreiten, seinen Charakter nicht gekannt und von seinen miesen Methoden nichts gewusst zu haben, aber trotz ihres späteren Einflusses in Hollywood haben beide so lange geschwiegen, bis ein paar mutige Frauen endlich bereit waren, Weinsteins Treiben ein Ende zu bereiten. Warum habt ihr solange weggesehen und geschwiegen, Matt Damon und Ben Affleck? Nur eine Frage, nicht mehr…

 


 Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Nicole Holofcener, Ben Affleck, Matt Damon, b/a Bücher von Eric Jager

Kamera: Dariusz Wolski

Schnitt: Claire Simpson

Musik: Harry Gregson-Williams

 

Besetzung:

Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer, Ben Affleck, Harriet Walter, Alex Lawther, Adam Nagaitis

 

Walt Disney Studios/ 20th Century Studios

USA 2021

FSK 16

152 min

  

Deutscher Kinostart: 14. Oktober 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=mgygUwPJvYk (Englisch)

https://www.youtube.com/watch?v=kswm63I3WhM (Deutsch)

 

Dienstag, 7. September 2021

Im Kino: Stillwater - Gegen jeden Verdacht (Stillwater)

Bill Baker (Matt Damon) ein wortkarger Arbeiter aus Stillwater, Oklahoma, reist nach Marseille, wo seine ihm entfremdete Tochter Allison (Abigail Breslin), die zu einem Auslandsstudiums nach Frankreich gegangen war, seit fünf Jahren wegen eines Tötungsdelikts im Gefängnis sitzt. Als Allison ihm eine neue Spur präsentiert, die ihre Unschuld beweisen soll, geht Bill dieser sofort nach, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, aber sein Kampf gegen Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, eine unruhige Großstadt und ein für ihn undurchschaubares Justizsystem wäre ohne die Hilfe der alleinerziehenden Schauspielerin Virginie (Camille Cottin) zum Scheitern verurteilt. Und dann entwickelt sich ganz allmählich sogar eine zarte Beziehung zwischen dem bulligen Amerikaner, Virginie und deren kleiner Tochter Maya...

„Stillwater“ lehnt sich stark an die wahre Geschichte einer jungen Amerikanerin an,
die in Italien wegen Mordes verurteilt wurde, ohne explizit darauf Bezug zu nehmen, insofern hat der Film alle Freiheiten, sich aus sich selbst heraus zu entwickeln. Dreh- und Angelpunkt und sicherer Anker ist Matt Damon in der Rolle des schwerfälligen und in sich gekehrten Bill aus Oklahoma, wenn es ein Underacting – im Gegensatz zum oft zitierten Overacting – gibt, dann sehen wir es hier in Vollendung. Damons Bill ist ein zupackender Arbeiter, der nicht mit Worten umgehen kann, aber stoisch und hartnäckig sein Ziel verfolgt und der sich aus dem ländlichen, hinterwäldlerischen Ort Stillwater hineinkatapultiert sieht in die pulsierende und unübersichtliche Großstadt Marseille. Hier kann man nicht auf den ersten Blick erkennen, wer Freund und wer Feind ist, wie Bill immer wieder feststellen muss und manchmal fällt es schwer, zu glauben, dass dieser einsame, einfache aber stolze Mann mit religiösen Anwandlungen in der Lage ist, ohne Sprach- und sonstige Kenntnisse, komplizierte Recherchen in einem fremden Land zu durchzuführen. 

Wenig erfährt man über sein Verhältnis zu Allison, nur soviel, dass es einen Selbstmord von Bills Frau bzw. Allisons Mutter gab und eine anschließende Vernachlässigung der Tochter, die mehr oder weniger bei ihrer Großmutter aufwuchs. Bill scheint insofern seine früheres Versagen wiedergutmachen zu wollen, indem er sich nun in ihrer aussichtslosen Lage für die Tochter einsetzt, gleichzeitig sieht man, wie sich ein liebevolles Verhältnis zu Virginies Tochter entwickelt, die es ihm allerdings auch leicht macht, indem sie ihn von Anfang an anhimmelt, etwas, was er von Allison offensichtlich nicht kannte, der er seinerseits aber auch nie seine Liebe und Zuneigung zeigen konnte.

Doch dieses Beziehungsgeflecht ist nur ein Teilaspekt des Films, im Vordergrund steht durchaus die Kriminalstory und die Frage, ob Allison eine Mörderin ist oder nicht. Wie Bill an die Auflösung dieser Frage herangeht, wird langsam und bedächtig erzählt, mit viel Zeit für Details und einer Kamera, die lange und intensiv auf Damons Gesicht ruht, der sich ohne große Regungen vortastet, bis sich ihm am Ende so etwas wie die Wahrheit offenbart, eine Wahrheit, mit der er und seine Tochter nun leben werden, ob und wie sich ihr Verhältnis zueinander dadurch ändert, bleibt offen.

Ein schwermütiger Film mit heiteren Einsprengseln, für Zuschauer mit Geduld, ein Krimi mit romantischen Elementen und einem auf Sparflamme aber solide agierenden Matt Damon.

 


 Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Marcus Hinchey, Thomas Bidegain, Noé Debré

Kamera: Masanobu TakayanagI

Schnitt: Tom McArdle

Musik: Mychael Danna

 

Besetzung:

Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Deanna Dunagan

 

 Universal Pictures Germany

USA 2021

FSK 12

139 min.

Deutscher Kinostart: 09. September 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=8crV9TPr1eQ

 

Mittwoch, 6. November 2019

Film-Rezensionen: Le Mans 66 - Gegen jede Chance (Ford v Ferrari)


Anfang der 1960ger Jahre befindet sich die Ford Motor Company in einer schweren Krise. Um das Unternehmen wieder in Schwung zu bringen und das Image aufzupolieren entsteht die Idee, wieder mit eigenen Autos in die Rennserie der populären Langstreckenrennen einzusteigen. Der Plan, hierfür den ebenfalls in Schwierigkeiten steckenden Autobauer Ferrari aufzukaufen, scheitert, und so beschließt man, ein eigenes Auto zu bauen. Der ehemalige Rennfahrer und Autodesigner Carroll Shelby (Matt Damon) erhält den Auftrag, ein geeignetes Fahrzeug zu entwickeln, da er selber keine Rennen mehr fahren kann, verpflichtet er den versierten aber als schwierig verschrienen Briten Ken Miles (Christian Bale), der auch als Mechaniker ein großes Talent ist. Zusammen wollen sie das Unmögliche wahr machen, die Europäer und vor allem den nun zum Erzrivalen aufgestiegenen Konkurrenten Ferrari bei dem spektakulären 24-Stunden-Rennen von Le Mans zu schlagen.

Der Film ist eine nostalgische Hommage an vergangene Tage des Autorennsports, entsprechend konventionell und ein wenig altmodisch ist er auch in Szene gesetzt. Es geht um Männerfreundschaft, und zwar um die Art, die gerne aus einer handfesten Prügelei hervorgeht, und um die rührenden Bande zu Frau und Kind, die auch der härteste Rennfahrer zu seiner Erdung braucht. 

Es gibt Feindschaften und Intrigen, die Italiener sind falsch und arrogant und bekommen hierfür die Quittung, vor allem aber geht es um schnelle Autos, die das Herz jedes Rennfans höher schlagen lassen, und natürlich die Botschaft, dass alles, was man sich vornimmt und wofür man hart arbeitet auch möglich wird. In diesem Fall hat es auch funktioniert, Ford hat mit seinem GT40 das Rennen in Le Mans zwischen 1966 und 1969 vier Mal in Folge gewinnen können.

Dies ist dann auch die Stärke des Films, der den Zuschauer ganz nah an die fauchenden und schnaubenden Rennwagen heranlässt, ihn sogar mit ins Cockpit nimmt, während die Asphalt-Cowboys ihre furios in Szene gesetzten Runden drehen, vor allem in dem finalen Rennen von Le Mans mit dem bitter-süßen Ende für Ken Miles, den hemdsärmeligen Underdog, von Christian Bale mit seiner immer eine Spur zu übertriebenen Mimik und Gestik dargestellt. Für Nostalgiker des Rennsports ein interessanter Blick zurück in eine vergangene Epoche, die vielleicht aufregender war, als die computeroptimierten Mensch-Maschinen der heutigen Zeit, der Preis dafür war allerdings im Hinblick auf die erhebliche Todesrate unter den Fahrern auch ein hoher.


 Regie: James Mangold
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller
Kamera: Phedon Papamichael
Schnitt: Andrew Buckland, Michael McCusker, Dirk Westervelt
Musik: Marco Beltrami, Buck Sanders

Darsteller:
Christian Bale, Matt Damon, Caitriona Balfe, John Bernthal, Noah Jupe, Tracy Letts, JJ Feild,
 
20th Century Fox
FSK 12
152 min.
Deutscher Kinostart: 14. November 2019