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Mittwoch, 15. Juli 2026

Im Kino: Die Odyssee (The Odyssey)

Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, ist einer der Helden des Trojanischen Kriegs um die Befreiung Helenas (Lupita Nyong’o), der Gattin des Menelaos (Jon Bernthal). Nach ihrem Sieg kehren die meisten Griechen heim, nur Odysseus irrt mit seinen Männern noch lange Jahre auf den Meeren und muss etliche gefährliche Abenteuer bestehen. Währenddessen warten seine Gattin Penelope (Anne Hathaway) und der inzwischen erwachsene Sohn Telemachos (Tom Holland) noch immer auf seine Rückkehr, während eine immer drängendere Schar von heiratswilligen Freiern es nicht erwarten kann, dass Penelope sich für einen von ihnen entscheidet, aber sie haben die Rechnung ohne Odysseus gemacht…

Christopher Nolan hat sich für sein aktuelles Werk eines der bekanntesten Epen der Weltgeschichte ausgesucht, denn wer hätte nicht schon einmal von Odysseus und seiner – sprichwörtlich gewordenen – Odyssee gehört, oder vom Trojanischen Pferd, das es sogar als Trojaner in die moderne Computerwelt geschafft hat. Auch wer sich nicht näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt hat, kennt viele der bekannten Figuren und hat sicherlich – auch aus den bisherigen Verfilmungen – seine Erinnerungen an den einäugigen Riesen Polyphem, die Zauberin Circe und die Schrecken von Skylla und Charybdis, deren Namen und Charakter Eingang in die Alltagssprache gefunden haben, jemanden zu bezirzen oder die Beschreibung einer ausweglosen Situation, das alles hat seinen Ursprung in ebendieser Mythologie.

Dennoch muss man sich die Frage stellen, ob es einer erneuten Verfilmung bedurft hätte, zumal es erst vor zwei Jahren die „Rückkehr nach Ithaka“ mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche gab, dessen Regisseur Uberto Pasolini, trotz seiner weitläufigen Verwandtschaft mit Lucchino Visconti, einer Ikone des italienischen Kinos, nicht mit dem klingenden Namen und Ruf eines Christopher Nolan gesegnet ist. Kann also Nolan nun dem altbekannten Thema wirklich etwas Neues hinzufügen?

Ja, wenn es um Aufmachung und die aufwändige IMAX®-Technologie geht, die in entsprechenden Kinos für ein besonderes optisches Erlebnis sorgt, dazu kommt, zumindest in der Originalfassung, auch die besonders darauf abgestimmte Tonspur, wobei die Akustik manchmal sogar etwas allzu aufdringlich die Ohren beschallt. Vor allem die Kampfszenen, jeweils durch einen immer intensiver werdenden dumpfen Trommelsound untermalt, geraten so zu einem über die Schmerzgrenze hinaus in die Länge gezogenen Akt, beeindruckend, aber manchmal auch etwas zu viel des Guten.

Nein, wenn es um inhaltliche Aspekte geht, denn alles, was Nolan aufbietet, haben andere vor ihm, gerade auch der bereits oben zitierte Pasolini, bereits abgearbeitet. Der vordergründigen Abenteuergeschichte des Odysseus steht dabei dessen gebrochener Charakter gegenüber, ein Mann, der kriegsmüde und desillusioniert einfach nicht wieder in sein altes Leben zurückzufinden scheint, von Gewissensbissen gequält, wegen der auch durch seine Entscheidungen geopferten Kameraden und des aufgrund seiner List ermöglichten Gemetzels in der belagerten Stadt Troja. Dass Krieg ein scheußliches Geschäft ist, auch wenn es vielleicht zu Anfang einen gerechtfertigten Anlass gab, ist keine wirklich neue Erkenntnis, und dass Männer im Grunde Schweine sind, wird durch den bösen Zauber der Circe sehr plakativ in den Raum gestellt.

Die Grauen, denen Odysseus und seine Mannen begegnen, sind wahrhaft abscheulich, aber für einen reinen Abenteuerfilm zieht sich die Rahmengeschichte um den mit sich selbst hadernden Helden hin, vor allem aber die Geschehnisse rund um den Hof in Ithaka haben eindeutige Längen, so dass am Ende stolze 172 Minuten abzusitzen sind, die nicht alle gleichermaßen spannend sind.

Der Cast ist solide, wobei die Namensliste zunächst beeindruckend zu lesen ist, aber hier fehlt der eine Akteur, der aufgrund seines Charismas den gesamten Film zu tragen und ihn aus dem gehobenen Durchschnitt herauszuheben vermag, Matt Damon ist es jedenfalls nicht. Die von mancher Seite geäußerte Kritik an Lupita Nyong’o als Helena oder Zendaya als Göttin Athene kann ich nicht teilen, eher stört, dass die gesamte Crew ganz und gar nicht griechisch wirkt und manche sprachlichen Ausdrücke befremden, etwa wenn Telemachos immer wieder von seinem „Dad“ spricht und irgendwann das durch und durch amerikanische „f.ck off“ fällt.

So bleibt am Ende ein Kinoerlebnis, das aufgrund der beschriebenen Technik die Leinwand optisch grandios ausfüllt, inhaltlich aber, auch angesichts der geweckten Erwartungen an den Film, ein bisschen enttäuscht.

 


  Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan, b/a dem epischen Gedicht von Homer

Kamera: Hoyte van Hoytema

Schnitt: Jennifer Lame

Musik: Ludwig Göransson

 Besetzung:

Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Elliot Page, Jon Bernthal, Mia Goth, Benny Safdie, John Leguizamo, Will Yun Lee u.v.m

 Syncopy/ Universal Pictures

2026

172 min.

FSK (wahrscheinlich) 16

Deutscher Kinostart: 16. Juli 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=v8yWPRdNJNs (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=f_bKjZeJBBI (Englisch)

 

Mittwoch, 19. Juli 2023

Im Kino: Oppenheimer

Robert Oppenheimer wird gerne als der „Vater der Atombombe“ bezeichnet, tatsächlich war er Leiter des „Manhattan Projekts“, einem Team von zahlreichen Physikern und Spezialisten, das gegen Ende des zweiten Weltkriegs in der Wüste von Los Alamos/ New Mexico fieberhaft an der Entwicklung dieser neuen Waffe arbeitete, um einerseits den Deutschen zuvor zu kommen, andererseits aber auch der zu diesem Zeitpunkt noch verbündeten Sowjetunion voraus zu sein.

Schwerpunkte des Films sind zwei Anhörungen in den 1950ger Jahren, die eine, bei der es um die Entziehung von Oppenheimers (Cillian Murphy) Sicherheitsfreigabe und damit um seinen Job geht, bei der anderen soll der Politiker Lewis Strauss (Robert Downey Jr.), zur Zeit des Manhattan Projekts Leiter der damals neu geschaffenen amerikanischen Atomenergiebehörde, als Handelsminister im Kabinett Eisenhower bestätigt werden. Beide Verfahren dienen mit ihren minutiös nachgezeichneten Verläufen als Aufhänger dafür, den Lebens- und Berufsweg des Robert Oppenheimer nachzuzeichnen, von seinen Anfängen als junger Wissenschaftler, über seine persönlichen und familiären Beziehungen bis zu seinem Aufstieg als Leiter des „Manhattan Projekts“.

Dabei nimmt die eigentliche Arbeit an der Bombe einen gewichtigen Teil des Films ein, insbesondere die Darstellung der unterschiedlichen Charaktere der an dem Projekt Beteiligten, vom hemdsärmeligen Militär Leslie Groves (Matt Damon), bis zum Scharfmacher Edward Teller (Benny Safdie), der sich vehement für die Entwicklung der in ihrer Wirkung noch mächtigeren Wasserstoffbombe stark macht. Höhepunkt dieser Arbeit und auch des Films ist der letzte entscheidende Test in der Wüste, der optisch und akustisch bombastisch und herausragend inszeniert ist.

Weniger spektakulär, aber nicht minder intensiv ist der persönliche Kampf, den der Politiker Lewis Strauss gegen Oppenheimer führt, den dieser sich durch eine mehr oder weniger unbedachten Äußerung zum erbitterten Feind gemacht hat, woraufhin Strauss unversöhnlich alles daran setzt, Oppenheimer zu diskreditieren, ja, zu vernichten. Einen äußerst wirksamen Hebel bieten dabei dessen diverse Kontakte zu kommunistischen Kreisen, in den 1950ger Jahren und der Kommunistenhatz unter der Ägide des Senators McCarthy ein berufliches Todesurteil, und die diesbezüglichen Befragungen Oppenheimers bei seiner Anhörung werden von Nolan fast schon genüsslich zelebriert.

Bei der Darstellung dieser voneinander verschiedenen Anhörungen bedarf es allerdings einiger Aufmerksamkeit, um bei der Vielzahl der aufgebotenen Akteure und Namen nicht den Überblick zu verlieren, dass die einzelnen Erzählstränge mal in Farbe und mal in Schwarzweiß ablaufen, hilft auch nicht immer weiter. Das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Zeitebenen bei den Vor- und Rückblenden ist inzwischen nicht nur bei Christopher Nolan ein beliebtes Mittel, um eine Erzählung nicht einfach linear zu präsentieren, sondern eine Komplexität zu schaffen, die sich jenseits von Zeit und Raum entwickelt, und dabei den Verstand herausfordert, wie es manche Theorien der Physik tun, wenn sie postulieren, dass es prinzipiell schließlich auch unmöglich sei, den Ort und den Impuls eines Teilchens gleichzeitig beliebig genau zu messen.

Getragen wird dieser wuchtige Film auf jeden Fall von einem hervorragenden Cast, allen voran Cillian Murphy, in dessen Gesicht so viel und gleichzeitig gar nichts zu passieren scheint, Quantenphysiker halt. Den Zwiespalt, in dem sich Wissenschaftler wie er stets befinden, wenn sie etwas Zerstörerisches in die Welt gebracht haben, obwohl sie doch nur das getan haben, was sie tun mussten (sonst hätte es ein anderer getan…), zeigt Murphys ambivalente Darstellung eindrucksvoll. Einerseits scheint sein Entsetzen angesichts der verheerenden Wirkung der Bomben über Hiroshima und Nagasaki echt, was auch zu seiner Weigerung, an der noch mächtigeren Wasserstoffbombe mitzuarbeiten, führt. Andererseits nimmt er doch auch gerne den Jubel und die Verehrung, die ihm als „Vater“ der Bombe entgegengebracht wird, als legitimen Lohn entgegen.

Aber auch Robert Downy Jr. darf endlich einmal wieder zeigen, was er auch noch kann, außer den Superhelden zu geben, und liefert ein großartiges Porträt des von Ehrgeiz, gekränkter Eitelkeit und Rachsucht getriebenen Politikers Strauss ab. Emily Blunt als Oppenheimers Ehefrau kommt erst spät, aber dann umso eindrücklicher zu einem intensiven Auftritt, und Tom Conti lässt den launigen Albert Einstein für einige kurze Momente wieder auferstehen. Die übrige Darstellerriege liest sich wie ein Who is Who der Hollywoodstars, von denen manch einer allerdings nur kurz auf- und gleich wieder abtritt, und bei manchen muss man genau hinsehen, um sie überhaupt zu erkennen.

Der Film bietet nicht nur in den Teilen, die sich mit dem Bau der Bombe beschäftigen, sondern auch in seinen verbalen Scharmützeln eine Tour de Force, auf die sich einzulassen man angesichts der Lauflänge von drei Stunden allerdings bereit sein muss. 

 Keine leichte Kost also im diesjährigen Sommermenü, aber eines, das sich lohnen kann, wenn man sich eben darauf einlässt, für alle Nolan-Fans allerdings ein absolutes Muss.


 

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan, b/a auf dem Buch von Kai Bird und Martin Sherwin

Kamera: Hoyte Van Hoytema

Schnitt: Jennifer Lame

Musik: Ludwig Göransson

 

Besetzung:

Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Josh Hartnett, Florence Pugh, Tom Conti, Benny Safdie, Mathias Schweighöfer, Jack Quaid, Cary Oldman, Gustaf Skarsgard, Kenneth Branagh, Olivia Thirlby, Rami Malek, Alden Ehrenreich, David Dastmalchian, David Krumholtz, Casey Affleck, Dane DeHaan, Alex Wolff, Mathew Modine,

 

180 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 20. Juli 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=NjlA8pKUavY (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=uYPbbksJxIg (Englisch)

 

 

 

Dienstag, 25. August 2020

Im Kino: Tenet

Der Inhalt des Films ist schnell auf den Punkt gebracht: Ein Mann versucht, die Welt zu retten.

Dabei gehorcht die Story auf den ersten Blick den Mustern eines Spionagethrillers mit allen Elementen, die dazu gehören. Der "Protagonist" genannte Agent (John David Washington) muss, angeheuert von einer geheimnisvollen Organisation namens Tenet, eine streng geheime Mission erfüllen, ihm zur Seite gibt es den Helfer, Neil (Robert Pattinson), dessen Rolle – wie es sich gehört – bis zum Schluss undurchsichtig bleibt. Es gibt eine schöne, geheimnisvolle Frau, Kat (Elisabeth Debicki), und dann ist da natürlich der Bösewicht, in diesem Fall der gewissenlose Waffenhändler Andrei Sator (Kenneth Branagh), dessen ruchloser Plan, die Welt zu vernichten, vereitelt werden muss. Die Handlung bewegt sich räumlich auf internationalen Schauplätzen zwischen Estland, Italien, Indien, Dänemark, Norwegen, Großbritannien und den Vereinigte Staaten, wie es sich für einen Thriller dieses Kalibers eben gehört, soweit liefe alles in den geordneten Bahnen des Genres ab.

Aber dann fügt Christopher Nolan, dessen Filme häufig von Sprüngen in Zeit und Raum geprägt sind (Memento, The Prestige, Inception), ein weiteres Element hinzu, das in den Bereich der Science-Fiction gehört, indem er sich ganz intensiv dem Spiel mit der Zeit widmet, dieser bekannten Unbekannten in unserem Leben. Zeit – nicht Geld – regiert die Welt. Mal zieht sie sich zäh wie Kaugummi, mal scheint sie nur so dahin zu fliegen, nichts bestimmt unser Leben so sehr, aber wie beschränkt erleben wir sie, nämlich linear, nach vorne gerichtet.

Filmische Verschiebungen von Zeitebenen sind zwar an sich nichts grundlegend Neues, aber Nolan entwickelt eine interessante Variante, in der Entropie und inverse Materie eine Rolle spielen, d.h. er bewegt sich entlang der Zeitachse hin, aber vor allem wieder zurück und lässt die Zeit – und mit ihr alles, was sich darin bewegt – immer mal wieder rückwärts laufen. So werden wir Zeugen eines militärischen Zangenangriffs in der vierten Dimension, bei dem militärische Truppen gleichzeitig vor und zurück auf einen bestimmten Punkt in Raum und Zeit zusteuern. Wer hierbei die Orientierung verliert, wird mit grandiosen Actionszenen entschädigt, die zum größten Teil nicht computeranimiert, sondern echt sind, so lässt er zum Beispiel eine riesige Frachtmaschine auf dem Flugfeld in einen Hangar rauschen und alles niederwalzen, was sich ihr in den Weg stellt. Auch wenn die Gedankenspielereien der Zeitmanipulationen kaum auf Anhieb nachzuvollziehen sind, ist die Geschichte spannend, voller gigantischer Bilder und unterlegt mit einem grandiosen Soundtrack, und Nolan hält sich an sein Motto: Unterhalte dein Publikum, aber fordere seine Intelligenz und Leidenschaft heraus. Zumindest die Helden auf der Leinwand behalten den Überblick und am Ende ist die Welt tatsächlich gerettet, ganz in der Tradition der "Mission Impossible“-Reihe, oder, noch augenscheinlicher, der Missionen eines James Bond.

Dabei stellt sich tatsächlich die Frage, ob Nolans Bond-Ansatz von ungefähr kommt, oder ob er mit Bedacht hier seine Visitenkarte abgegeben hat, zusammen mit einem Vorschlag für einen kommenden Bond-Darsteller?

Warner Bros. gebührt jedenfalls großer Dank und Anerkennung dafür, dass sie es – anders als zum Beispiel Disney mit der "Mulan"-Verfilmung, die demnächst auf dem hauseigenen Streaming-Dienst starten wird – in diesen Zeiten als einzige gewagt haben, einen großen Film dahin zu bringen, wo er hingehört: ins Kino mit seinen riesigen Bildern auf großer Leinwand, wo allein es möglich ist, dem Publikum eine Larger-than-Life-Erfahrung zu bieten, die kein Sofa-Streaming zu Hause auf dem TV-Bildschirm ersetzen kann, sei dieser auch noch so groß, von den kläglichen PC-/Tablet- oder gar Handybildschirmchen ganz zu schweigen. Dies ist ein wuchtiges Ausrufezeichen, ein Mahnmal, das darauf hinweist, was gerade auf dem Spiel steht, nämlich nichts weniger als die Zukunft des Kinos, dieses einzigartigen, magischen Raums, der nicht verschwinden darf. 

Daher der eindringliche Appell: geht ins Kino, damit diese Botschaft nicht zum Epitaph wird!

 

 Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

Kamera: Hoyte van Hoytema

Schnitt: Jennifer Lame

Musik: Ludwig Göransson

 Darsteller:

John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh, Dimple Kapadia, Martin Donovan, Fiona Dourif, Himesh Patel, Michael Caine

 

USA 2020

Warner Bros.

150 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 26. August 2020