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Mittwoch, 9. Februar 2022

Im Kino: Tod auf dem Nil (Death on the Nile)

Der belgische Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) kommt nicht einmal im Urlaub zur Ruhe: Bei einer Kreuzfahrt auf dem Nil wird die junge Frau eines frisch vermählten, in den Flitterwochen befindlichen Ehepaares ermordet. Während sich Poirot um die Lösung des Falles bemüht, sterben weitere Reisende, die dem Mörder offensichtlich zu nahe gekommen sind…

Kenneth Branagh hat seine aktuelle Adaption eines Agatha-Christie-Klassikers in bewährter Weise mit sich selbst in der Hauptrolle inszeniert. Der Film beginnt diesmal allerdings überraschend düster und weicht kurz von seinem vertraut-nostalgischen Wohlfühlambiente ab, indem er einen Abstecher in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs macht, wo der Soldat Poirot bereits seinen auf genauen Beobachtungen beruhenden Scharfsinn unter Beweis stellt und schließlich die Erklärung für seinen ausladenden Schnurrbart geliefert wird. Danach plätschert die Handlung dann aber trotz der Morde wieder gewohnt bedächtig und nostalgisch-plüschig dahin. Wer dies mag, wird sich an dieser Neuverfilmung durchaus erfreuen können, denn der Film folgt den klassischen Mustern der Verbrechensaufklärung, bei der der scharfsinnige Detektiv am Ende unter allen versammelten Verdächtigen den Täter herauspickt und die Geschichte, die zu dessen Tat führte, genüsslich aufdröselt.

Bereits 2019 gedreht und wegen verschiedener Umstände – pandemiebedingte Kinoschließungen, aber auch ungeklärte Missbrauchsvorwürfe gegen Armie Hammer – immer wieder verschoben, kommt das in 65mm Panavision-Optik gefilmte Werk nun endlich in die Kinos. Unterstützt von einer Riege namhafter Akteure wurde teilweise an Original-Orten in Ägypten gedreht, aber die klassischen Schauplätze wirken am Ende doch immer eine Spur zu glatt und sauber, was eher auf Studionachbauten hindeutet. Sei’s drum, die Bilder sind durchaus schön anzusehen, die Geschichte ist spannend und kann – wenn man sie noch nicht kennt – überraschen, wer diese Art eher altmodischer Kriminalgeschichten in mondänem Ambiente mag, wird auf seine Kosten kommen, ob es unbedingt einer Neuverfilmung bedurft hätte, ist eine andere Frage.

Fraglich bleibt auch, weshalb in Branaghs Remake „Mord im Orientexpress“ Poirot am Ende zu einem Mordfall nach Ägypten gerufen wird, wenn es ein Hinweis auf den aktuellen Film sein sollte, so macht dies keinen Sinn, denn der Mord auf dem Nil geschieht erst, als Poirot bereits an Bord ist…

 



Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green, b/a Roman von Agatha Christie

Kamera: Haris Zambarloukos

Schnitt: Úna Ní Dhonghaíle

Musik: Patrick Doyle

 

Besetzung:

Kenneth Branagh, Tom Bateman, Annette Bening, Armie Hammer, Gal Gadot, Russell Brand,

 

20th Century Studios/ Walt Disney Studios

GB/ USA 2022

127 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 10. Februar 2022

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=lsbXrnFWynI (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=JM1U-Whb-P0 (Englisch)

 

 

Dienstag, 27. Juli 2021

Im Kino: Wer wir sind und wer wir waren (Hope Gap)

Als Jamie (Josh C’Connor) auf Einladung seines Vaters Edward (Bill Nighy) nach Hause in seinen Heimatort Seaford an der südenglischen Küste zurückkehrt, ahnt er nicht, dass Edward Hilfe dabei benötigt, der Mutter Grace (Annette Bening) mitzuteilen, dass er sich nach 29 Jahren Ehe von ihr trennen wird. Während für Edward die Entscheidung feststeht, versucht Grace zu halten, was nicht mehr zu halten ist, beide Eltern suchen dabei in Jamie einen Verbündeten, der er aber nicht sein kann, weil durch ihre Trennung auch ein Teil seines Lebens unwiderruflich beschädigt wird.

„Hope Gap“ heißt die Bucht zwischen den meerumtosten Klippen des Ortes, an dem sich dieses stille Drama abspielt, eindringlich und intensiv zeigt der Film, wie eine als selbstverständlich angesehene Gewissheit, nämlich eine glückliche und bis ans Lebensende dauernde Ehe zu führen, für die eine Partei zerstört wird, ohne dass man der anderen Partei einen Vorwurf machen könnte. Die Trennung kommt nicht wirklich überraschend, aber Edward hat den Vorteil, dass er seit langem Zeit hatte, mit der gemeinsamen Ehe endgültig abzuschließen, während Grace von jetzt auf gleich vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Außerdem hat Edward bereits eine neue Frau an seiner Seite, während Grace buchstäblich vor dem Nichts steht und den gesamten Ablösungsprozess noch vor sich hat.

Der Sohn der Familie, der von beiden Eltern jeweils bedrängt wird, zu helfen, stellt ernüchtert fest, dass seine Eltern offensichtlich nie wirklich zueinander gepasst haben. Edward, der stoische und in sich gekehrte Part, musste sich immer Anforderungen erwehren, denen er sich nie gewachsen fühlte, während Grace, die aktivere und emotionalere von beiden nie gemerkt hat, dass ihre Vorstellungen vom Glück selten die seinen waren. Die permanenten Reibereien waren für Grace stets Zeichen einer lebendigen und vitalen Beziehung, während sie für Edward die Hölle bedeuteten, und die auf Dauer das gemeinsame Glück erodierenden Vorwürfe und Missverständnisse wurden von Grace offensichtlich ausgeblendet. Dass dann ausgerechnet der passive Partner ausbricht, kommt für die beiden anderen daher umso überraschender, auch Sohn Jamie, Zeuge der jahrelangen Kabbeleien seiner Eltern, hat deren wahre Ursache immer verdrängt und steht nun vor der Frage, wie das alles sein eigenes Leben und seine Beziehungs(un)fähigkeit geprägt hat.  

Der Film ist wie die Landschaft, in der die Geschichte angesiedelt ist, einerseits schön und idyllisch, andererseits von unberechenbaren Wellen und stürmischem Meer umspült, und Regisseur Nicholson seziert unbarmherzig ein ganzes Leben, gibt aber auch Hoffnung für einen Neubeginn unter anderen Vorzeichen. Bill Nighy und Annette Bening liefern eine sehenswerte Leistung ab, vor allem Bening, die ihrer Figur so viele Facetten verleiht, von der alles umsorgenden Mutter und Ehefrau, die leidenschaftlich ihren Interessen und Hobbys frönt, bis zur mit allen Mitteln um ihren Mann und ihre Ehe kämpfenden Furie, die sich am Ende geschlagen geben muss.

Alles in allem ein sehenswerter Film über das Ende einer Beziehung, ohne Schuldzuweisungen und falsches Pathos, in großartiger Landschaft und mit ebensolchen Darstellern, traurig und schön zugleich!

 


 Regie: William Nicholson

Drehbuch: William Nicholson

Kamera: Anna Valdez-Hanks

Schnitt: Pia Di Ciaula

Musik: Alex Heffes

 

Darstellende:

Annette Bening, Bill Nighy, Josh O’Connor

 

Origin Pictures Produktion/ Tobis Film

GB 2019

100 min.

FSK 6

 

Deutscher Kinostart: 29. Juli 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=WtOk1oLp4wM