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Donnerstag, 7. März 2019

Film-Rezensionen: White Boy Rick


Richard „Rick“ Wershe Jr. (Richie Merritt), ein Junge von 14 Jahren, lebt mit seinem Vater Rick Sr. (Matthew McConaughey), der den Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Waffen verdient, und seiner Schwester Dawn (Bel Powley) im Detroit der 80ger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die einstige Auto-Stadt hat einen beispiellosen Niedergang hinter sich, entsprechend trostlos sind die Straßen und Viertel, in denen sich Rick bewegt. Seine Freunde findet er im kriminellen Milieu der Crack-Dealer und seine genauen Kenntnisse der Szene führen eines Tages dazu, dass das FBI ihn, der alle wichtigen Leute und Vorgänge kennt, als Informanten anheuert, ein Glücksfall für die Behörden, denn wer wäre in diesem schwierigen Terrain unverdächtiger als ein Kind? Mit seiner Hilfe soll der berüchtigten Curry Crew, dem Drogenkartell der Brüder Johnny „Lil Man“ und Leo Curry in einem unübersichtlichen Geflecht zwischen Politik und Gangstern – immerhin ist Johnnys Frau die Nichte des Bürgermeisters – das Handwerk gelegt werden.

Als Rick angeschossen wird, deckt er die Täter, was ihm noch mehr Respekt und Vertrauen der Drogenbosse einbringt. Dem FBI gelingt mit Ricks Hilfe schließlich durch einige Verhaftungen ein Schlag gegen das Kartell, danach lassen sie Rick jedoch fallen. Auf sich allein gestellt nutzt dieser seine Kenntnisse nun für sich selbst und steigt tatsächlich zum jüngsten Drogenboss Detroits auf, bis ihn die Polizei 1987 mit acht Kilo Kokain verhaftet und er eine lebenslange Freiheitsstrafe erhält.

Wer dies für die absurde Handlung eines Drehbuchautors hält: Den Fall des Rick Wershe gibt es wirklich, seit mehr als 30 Jahren sitzt er nunmehr seine Haftstrafe ab, Ende dieses Jahres soll er vorzeitig entlassen werden.

Der Brite Yann Demange hat aus dieser Geschichte ein berührendes Drama gemacht, eine Milieustudie ohne spektakuläre Szenen, aber dafür authentisch und mit intensiven Momente zwischen den Protagonisten, die unter die Haut gehen. Der junge Richie Merritt meistert seine schwierige Rolle beeindruckend, sein Spiel zwischen kindlicher Unbedarftheit und kaltschnäuzigem Drogenbarongehabe nimmt man ihm jederzeit ab. Matthew McConaughey verfolgt konsequent seine Abkehr vom einstigen Beachboy zum Darsteller schwieriger, kaputter Charaktere und Bel Powley überzeugt als Ricks von Drogen und falschen Freunden gezeichnete Schwester.

Insgesamt sehenswert ist der Film kein „J’accuse", er klagt nicht an, sondern vermerkt im Abspann lakonisch, welche Konsequenzen die Taten des echten Rick Wershe für diesen hatten, aber er gibt keine Antwort auf die Frage, wie ein modernes Rechtssystem in dieser Weise mit Kindern verfahren kann. Ohne Zweifel hat Rick Wershe schwere Straftaten begangen – Crack- und Kokainhandel im großen Stil sind keine Kavaliersdelikte – aber ein Kind als Informant zu missbrauchen, danach sich selbst zu überlassen, anschließend zu einer lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen und es dann drei Jahrzehnte davon auch verbüßen zu lassen, wäre nach deutschem Strafrecht und unserem Rechtsverständnis völlig undenkbar, und das ist auch gut so!


Regie: Yann Demange
Drehbuch: Andy Weiss, Logan Miller, Noah Miller
Kamera: Tat Radcliffe
Schnitt: Chris Wyatt
Musik: Max Richter

Darsteller:
Matthew McConaughey, Richie Merritt, Bel Powley, Jennifer Jason Leigh, Eddie Marsan

Sony Pictures
111 min.
Deutscher Kinostart: 07. März 2019



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