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Mittwoch, 30. September 2026

Im Kino: Digger

Digger Rockwell (Tom Cruise), milliardenschwerer Öl-Magnat, bohrt in Grönland, bis es kein Morgen mehr gibt, das heißt, bis dort ein gigantisches Eisschelf abbricht und Richtung Europa treibt, wo es voraussichtlich eine riesige Katastrophe auslösen wird. Digger ist bestens vernetzt, die amerikanische Regierung unter ihrem Präsidenten (John Goodman) steht geschlossen hinter ihm, erwartet aber auch, dass er das Problem irgendwie in den Griff bekommt…

Regisseur Iñárritu ist nicht unbedingt für leise Kammerspiele bekannt, aber was er diesmal auffährt, ist eine laute, bombastische Groteske, die an allen Ecken quietscht und hakt. Angelegt als Satire, oder sollte man besser sagen, wie es im Film sogar selbst(kritisch) umschrieben wird: als Farce, in aufdringlicher Künstlichkeit, mit einer als Gesellschaftskritik getarnten, aber völlig aus den Fugen geratenen Botschaft.

Dabei gibt es nach dem ersten Drittel des Films noch einen scheinbar originellen Kniff, der hier natürlich nicht verraten werden soll, der alles kurzzeitig auf den Kopf stellt, aber während man noch darauf wartet, dass sich daraus eine interessante Wendung entwickelt, bremst es die Handlung gerade, wenn es einmal interessant zu werden scheint, aus voller Fahrt aus, vielleicht, um den Zuschauern Gelegenheit zum Durchschnaufen zu geben, führt aber eher dazu, das Ganze endgültig zu einem inhomogenen Pappmaché-Brei (sic!) zu verkleistern, nur dass daraus am Ende leider kein Kunstwerk mehr wird.

Die Akteure, mit Ausnahme von Riz Ahmed und Sandra Hüller, chargieren, und ja, es soll Satire sein, da darf man ruhig übertreiben, aber es gibt eine Schmerzgrenze, die sollte man auch dort nicht derart überstrapazieren. Der sonst gern gesehene John Goodman allein sorgt für viele schmerzhafte Momente und Tom Cruise schließlich, der hier einmal völlig gegen sein übliches Image anspielen darf, tut dies auch mit Verve. Aber wenn man einen Schauspieler mithilfe von Maske und Fatsuit so unkenntlich macht, damit ihn niemand auf den ersten Blick erkennt, ohne dass er eine bekannte Persönlichkeit oder zum Beispiel den Elefantenmenschen verkörpert, so stellt sich die Frage, weshalb dann nicht direkt einen dicklichen Schauspieler mit schütterem Haar engagieren, der sich bestimmt über eine solch tragende Rolle gefreut hätte. So bleibt der schale Beigeschmack, dass nach Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ nun auch Tom Cruise mit Iñárritus Hilfe endlich zu seinem Oscar verholfen werden soll…   

Wer bei einem Film die leisen Töne liebt, wird an diesem Film keine Freude haben, Freunde des lauten Brachialspektakels könnten auf ihre Kosten kommen, aber der in Aussicht gestellte schwarze Humor zündet an keiner Stelle wirklich, auch wenn es bei der Pressevorführung durchaus den ein oder anderen Lacher gab.

 

 Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Sabina Berman, Jez Butterworth, Alexnder Dinelaris, Nicolás Giacobone, Alejandro G. Iñárritu

Kamera: Emmanuel Lubezki

Schnitt: Stephen Mirrione, Conor O‘Neill

Musik: Cosmo Sheldrake

 Besetzung:

Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy, Burn Gorman, Mercedes Hernández, Danny Kirrane, PipTorrens

 Warner Bros./ Warner Bros. Pictures Germany

2026

128 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 01. Oktober 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qU-7KUMw-tk (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=qORTe1wW3Wg (Englisch)

 

Mittwoch, 18. Oktober 2023

Im Kino: Killers of the Flower Moon

Anfang der 1920ger Jahre residiert der Rinderbaron William Hale (Robert De Niro) in einem Landstrich von Oklahoma, der ansonsten vom stolzen Stamm der Osage bewohnt wird. Hale geriert sich als Freund der Osage, spricht sogar ihre Sprache, und er sieht es gern, dass sein gerade aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrter Neffe Ernest Burkhart (Leoardo DiCaprio) die indigene Mollie (Lily Gladstone) heiratet. Als sich seltsame Todesfälle unter den Osage häufen, nimmt zunächst niemand groß Notiz davon, bis ein gewisser J. Edgar Hoover, der gerade in Washington dabei ist, eine neue Polizeieinheit zu gründen, einen Agenten (Jesse Plemons) schickt und erst dadurch eines der bemerkenswertesten Verbrechen der US-Geschichte aufgeklärt wird.

Die Geschichte ist wahr: Anfang des letzten Jahrhunderts erhielt der indigene Stamm der Osage von der US-Regierung ein Siedlungsgebiet im Bundesstaat Oklahoma zugewiesen. Eigentlich ein öder Landstrich, doch dann sprudelten dort unerwartet mächtige Ölquellen und die Osage wurden plötzlich zum Volk mit dem zeitweise höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Klugerweise wurde festgelegt, dass die jeweiligen Anteile an den Ölvorkommen von den Eigentümern und Eigentümerinnen nicht verkauft, sondern nur innerhalb der Familie vererbt werden konnten, um einen Ausverkauf der Rechte zu verhindern. Leider hatte der immense Reichtum der Osage eine Anziehungskraft auf (weiße) Glücksritter, Gauner und Diebe wie ein Scheißhaufen auf Schmeißfliegen. Durch Heirat mit Osage-Frauen und deren nicht weiter hinterfragtes anschließendes Ableben konzentrierten sich irgendwann die Öl-Anteile in nur noch wenigen Händen und erst das Einschreiten des neugegründeten FBI konnte den Skandal zumindest aufdecken, der sich hier über Jahre fast unbemerkt vollzogen hatte.

Scorsese hat aus diesem Stoff ein episches Werk geschaffen, das er detailreich ausbreitet und wofür er sich fast 3 ½ Stunden gönnt. Dies ist am Ende dann doch etwas zu viel des Guten, denn er hält nicht lange hinter dem Berg, wer hinter diesem einmaligen Verbrechen steckt, so dass eine spannende Tätersuche erst gar nicht stattfindet, wie es wohl zu Beginn des Projekts vorgesehen war, als Scorseses Leib- und Magenschauspieler DiCaprio noch als Ermittler vorgesehen war. Nachdem dieser nun die Rolle des Kriegsheimkehrers Burkhart spielt, wird das Ganze zu einer Charakterstudie über Menschen, die gar keinen Charakter haben, was auf Dauer dann eben ein wenig ermüdend ist. Dabei erklärt der Film trotz seiner Länge nie die oben beschriebenen genauen Details des Ölrechte-Hintergrunds, ebenso wenig gibt er Aufschluss darüber, weshalb die Osage-Frauen reihenweise zwielichtige weiße Männer ehelichten und weshalb dies nicht zu irgendeinem Zeitpunkt von den Osage selbst hinterfragt wurde.

Der labile Burkhart, der von seinem Onkel manipuliert wird, sowie der smarte und gerissene Rinderbaron Hale, den man gerne auch einmal „King“ nennen darf, weil er sich genauso geriert, das sind vordergründig durchaus interessante Charaktere, die von beiden Darstellern auch sehenswert dargestellt werden. Allerdings haben sie nicht die im Vorfeld immer mal wieder angedeutete Vielschichtigkeit, ihre vorgebliche Liebe und Achtung für die Osage ist nur vorgetäuscht, beide sind und bleiben schlechte Menschen, die zu ihrem eigenen Vorteil Schlechtes tun, schlicht und einfach, da hilft es auch nicht, dass sie von zwei so beliebten Heroen des Scorsese-Universums verkörpert werden, und es ist anstrengend, diesen durchgehend unsympathischen Figuren über die gesamte Länge des Films zuzusehen, dies gilt ebenso für die übrigen Weißen Halunken, die sich im Dunstkreis von Hale tummeln, die tumb und primitiv sind und demgemäß genauso handeln, wie man es von dieser Art Menschen erwartet.

Ansonsten gibt es breit angelegte pittoresken Szenen des Alltags der Osage, unterfüttert mit immer wieder eingestreuten authentischen alten Bildern, aber weitergetrieben wird die Handlung dabei nicht, so dass man irgendwann nur noch darauf hofft, dass die Verbrechen, die hier offensichtlich so lange unentdeckt geschehen sind, endlich aufgedeckt und gesühnt und die dafür Verantwortlichen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Hierfür hat sich Scorsese dann einen recht originell gestalteten Schlussakkord ausgedacht, in dem er selbst sogar mit einstimmt, wobei es natürlich, aber das wusste man (leider) auch schon vorher, eine wahre Gerechtigkeit hier auf Erden sowieso nicht gibt.

Ein Film für Menschen mit Sitzfleisch, die Lust auf eine außergewöhnliche, in epischer Breite erzählte (wahre) Geschichte haben, für DiCaprio-Fans, die sich nicht daran stören, dass ihr Held fast durchgehend mürrisch und tumb herumläuft und DeNiro-Fans, die ihren Held vergangener Tag noch einmal mit einigem Engagement bei der Arbeit sehen wollen, und alle diejenigen, die sich zu Hause beim Serien-Gucken schon wieder langweilen und sich stattdessen einen langen Kinoabend unter Gleichgesinnten gönnen möchten.

 

 

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Eric Roth, Martin Scorsese, b/a Buch von David Grann

Kamera: Rodrigo Prieto

Schnitt: Thelma Schoonmaker

Musik: Robbie Robertson

 

Besetzung:

Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Lily Gladstone, Jesse Plemons, Tantoo Cardinal, Cara Jade Myers, Jillian Dion, William Belleau, Scott Shepherd, Yancey Red Corn, Tatanka Means, Brendan Fraser, John Lithgow,

 

Apple Studios/ Paramount Pictures

USA 2023

206 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 19. Oktober 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=suOAO57pGSQ (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=EP34Yoxs3FQ (Englisch)

 

 

 

Donnerstag, 17. November 2016

Film-Rezensionen: Deepwater Horizon



Deepwater Horizon



Seit dem Turmbau zu Babel enden von Menschen geschaffene Projekte immer wieder in einem Desaster. „Deepwater Horizon“ ist ein weiteres Beispiel hierfür.



„Deepwater Horizon“ war der Name einer Explorationsplattform der Schweizer Firma Transocean, auf der im Jahr 2010 im Auftrag des britischen Konzerns BP 70 km vor der Küste im Golf von Mexiko die Förderung von Öl aus einem riesigen Ölfeld unter dem Meeresboden vorbereitet werden soll. Das Projekt endete in einer Katastrophe, als die Anlage den Betreibern bei einer Bohrungstiefe von 1500 Metern buchstäblich um die Ohren flog, für etliche Tote sorgte und den Golf sowie die Küsten von Louisiana, Florida, Alabama und Mississippi mit auslaufendem Öl verseuchte. Über drei Monate lang schossen täglich geschätzt 40.000 Barrel Öl aus dem Bohrloch, bis dieses endlich geschlossen werden konnte. Die Folgen belasteten die betroffene Region auf Jahre hinaus.



Diese Tragödie ist Vorlage für den gleichnamigen Film, der sich allerdings nicht mit der Ölpest und deren Folgen auseinandersetzt, sondern die Geschichte der tapferen Männer und Frauen erzählt, die im Laufe der Ereignisse zu Helden werden.



Zur Einführung werden wir in die raue Welt auf einer Bohrplattform eingeführt, wo die Arbeit hart und der Umgangston kernig ist, wie überall dort, wo gestandene Männer in eingespielten Teams – sei es in Armee, Feuerwehr oder Polizei – zusammenarbeiten, und wo Gefahr ein ständiger Begleiter ist, der man nur trotzen kann, wenn man zusammenhält. Die einzige Frau zur Zeit des Unglücks ist die Technikerin Andrea Fleytas, die die schwimmende Plattform auf Kurs hält.



Die Mannschaften arbeiten wochenweise, zu Beginn werden wir Zeugen eines Schichtwechsels, bei dem auch der Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg) und der bärbeißige, bei allen beliebte und geachtete Offshore Installation Manager Jimmy Harrell (Kurt Russell), genannt Mr. Jimmy, an Bord gehen. Beide beobachten, wie die Mannschaft der Firma Schlumberger, die letzte entscheidende Tests vornehmen sollte, die Plattform verlässt, wie sich später herausstellt, ohne befriedigende Ergebnisse.



Ebenfalls an Bord ist ein Vertreter von BP, Donald Vidrine (John Malkovich), der den Abschluss der Tests forcieren soll, da sich das Projekt bereits sechs Wochen hinter dem Zeitplan befindet.



Während Mr. Jimmy und seine Techniker erhebliche Zweifel haben, dass alle Probleme behoben sind und der Weg zur ersten Bohrung frei ist, setzt sich Vidrine erwartungsgemäß darüber hinweg. Er interpretiert einen nicht befriedigend verlaufenen Drucktest anders als die Techniker, da diese aber auch keine bessere Erklärung für die erhaltenen Ergebnisse haben, fügen sie sich schließlich den Anweisungen Vidrines und beginnen mit einer ersten Bohrung.



Einmal in Gang gesetzt ist das Verhängnis dann nicht mehr aufzuhalten. Wie zuvor in den Tests steigt der unterseeische Druck sofort an und der Technikerin Freytas wird zunächst untersagt, das Bohrloch über ein Ventilsystem am Meeresgrund wieder zu schließen. Als sie den Mut findet, entgegen ihrer Anweisung zu handeln, ist es bereits zu spät, der massive Druck entwickelt sich zu einem  Blowout, bei dem Bohrschlamm, Öl und Gas in einer gewaltigen Fontäne nach oben geschleudert werden. Es kommt zu Explosionen und ein Feuersturm fegt über die Bohrplattform hinweg. In bombastischen Bildern und ebensolchen Effekten werden diese Explosion der Plattform und das anschließende Höllenfeuer so realistisch in Szene gesetzt, dass der Zuschauer in seinem Kinosessel stellenweise das Gefühl hat, mitten im Geschehen dabei zu sein – eine Erfahrung, die man vielleicht nicht unbedingt machen muss.



Man fühlt die Hitze, riecht den Gestank von verbrennendem Öl, leidet mit den Akteuren – allen voran dem hervorragenden Kurt Russell. Die Nahaufnahmen erlauben kein Entrinnen und es ist angesichts des Infernos ein Wunder, dass es letztlich überhaupt Überlebende gibt.



Und dann ist der Film plötzlich zu Ende.



Die Erwartung, dass zum Schluss eine Aufarbeitung stattfindet, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte und – wichtiger noch – wer dafür verantwortlich ist, wird enttäuscht, und das ist das große Manko dieses durchaus mitreißenden Films. Im Abspann wird an die tapferen elf Männer erinnert, die ihr Leben verloren haben und lediglich in einem Satz wird auf die entstandene gigantische Umweltkatastrophe hingewiesen.



Zurück bleibt das schale Gefühl, dass die richtigen Menschen, die in einer schrecklichen Situation über sich hinausgewachsen sind, gesiegt haben, die falschen aber wieder einmal davongekommen sind. John Malkovics Figur dient lediglich dazu, die zu erzählende Geschichte in Gang zu setzten, eine Aufgabe, die er gewohnt gekonnt meistert, danach spielt er keine Rolle mehr.



Wir haben tapferen Helden bei der Arbeit zugesehen, aber wer sich auf diese einfache Geschichte einlässt, wird von dem exzellent in Szene gesetzten Spektakel geblendet und verkennt die fatale Botschaft des Films: Solange es solche Helden gibt, die für die Fehler anderer ihren Kopf hinhalten und sogar sterben, können wir getrost jeden Irrsinn in die Tat umsetzen und solange werden wir immer neue Türme bauen, die uns am Ende über dem Kopf zusammenbrechen.







Regie: Peter Berg

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Matthew Sand

Darsteller: Mark Wahlberg, Kurt Russell, John Malkovich, Gina Rodriguez, Dylan O’Brian, Kate Hudson



Dauer: 107 Minuten

FSK: 12