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Dienstag, 23. Dezember 2025

Im Kino: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Michael Hartung (Charly Hübner) führt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mehr schlecht als recht eine Kiez-Videothek in Berlin. Eines Tages konfrontiert ihn ein rühriger Reporter (Leon Ullrich) mit seiner Vergangenheit: Hartung soll als Bahnmitarbeiter im Jahr 1984 planvoll einen ganzen Zug über eine verstellte Weiche am Bahnhof Friedrichstraße in den Westen umgeleitet haben und so zum Urheber der größten Massenflucht der DDR-Geschichte geworden sein. Obwohl das Ganze ein bisschen anders war, spielt der gutmütige und in Geldnot befindliche Michael mit, nicht ahnend, welche Wellen die Geschichte gerade pünktlich zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls schlagen wird…

Regisseur Wolfgang Becker, der mit seiner Wende-Komödie „Good Bye, Lenin“ große Erfolge feiern konnte, knüpft mit diesem seinem letzten Film – er verstarb leider kurz nach Beendigung der Dreharbeiten – satirisch an die Befindlichkeiten dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung an. Was von offizieller Seite mit entsprechenden Feierlichkeiten begangen wird, die notorische Ostalgie mit den üblichen Reden von ehemaligen Dissidenten und die teilweise verklärten Erinnerungen, durch das alles fegt plötzlich mit der bisher unbekannten Geschichte des vermeintlichen stillen Helden Michael Hartung ein frischer Wind.

 

Dass Hartung damals gar nicht die Absicht hatte, 127 Zuginsassen zur Flucht in den Westen zu verhelfen, sondern dass es sich um ein bloßes Versehen handelte, möchte niemand wissen. Er wird zum Spielball verschiedenster Interessen, angeführt von dem überambitionierten Journalisten auf den Spuren eines Claas Relotius, in Diensten eines Magazins, das in seiner Aufmachung sehr an den SPIEGEL gemahnt. Profilierungssüchtige Politiker, die Filmbranche, immer auf der Suche nach dankbaren Sujets, alle wollen ihren Anteil am verlockenden Kuchen, der Aufmerksamkeit und Profit verspricht, ebenso werden alte DDR-Seilschaften aus der Versenkung gelockt, sie alle stürzen sich auf Hartung, bis dieser den Druck nicht mehr aushält und er die Wahrheit nur noch hinausschreien möchte. Aber da hat die ihn belagernde Meute bereits ein neues, noch vielversprechenderes „Opfer“ gefunden und Hartung ist so schnell raus, wie er gekommen ist.

 

Dies alles hat Becker zu einer amüsanten Komödie verwoben und dabei eine Schar von erstklassigen Akteuren versammelt, die teilweise in Kurzauftritten glänzen dürfen, während ein liebenswürdig-verschmitzter Charly Hübner den Film wunderbar zu tragen weiß. Vom Verlierer zum Helden und zurück ins normale Leben, er meistert seine Rolle absolut souverän. Ebenso gelingt es seinem Regisseur, alle tückischen Klippen zu umschiffen, die aus einer solchen Geschichte eine allzu seichte Klamotte hätte werden lassen. Dafür sorgen liebevoll arrangierte Szenen, für Nostalgiker angereichert mit netten Anspielungen, wie die Talkshow-Episode, in der Hübners Michael Hartung von der Ost-Ikone Katharina Witte im Stile Romy Schneiders angeflirtet wird („Sie gefallen mir…Sie gefallen mir sehr!).

 

Zum Abschluss des Jahres auf jeden Fall eine Empfehlung für alle, die eine wirklich gelungene deutsche Komödie erleben möchten und ein wehmütiger Abschied von einem zu früh verstorbenen Wolfgang Becker.

 

 

 

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Constantin Lieb, Wolfgang Becker,

b/a auf dem Roman von Maxim Leo

Kamera: Bernd Fischer

Schnitt: Martin Bomke

Musik: Lorenz Dangel

 

Besetzung:

Charly Hübner, Leon Ullrich, Christiane Paul, Leonie Benesch, Thorsten Merten, Arnd Klawitter, Dirk Martens

sowie: Katarina Witt, Peter Kurth, Daniel Brühl, Wolfgang Becker, Dagmar Berghoff, Dani Levy, Eva Löbau, Leslie Malton, Bernhard Schütz, Jürgen Vogel u.v.m. (Cameos)

 

 

Columbia Pictures/ CBS/ X-Verleih

2025

112 min.

FSK 6

Deutscher Kinostart: 11. Dezember 2025

 

 Trailer:   https://www.youtube.com/watch?v=NrLfshGBOCA 

 

Donnerstag, 22. September 2022

Im Kino: Mittagsstunde

Ingwer Feddersen (Charly Hübner), Geschichtsprofessor in Kiel, nimmt eine längere Auszeit, um sich in seinem nordfriesischen Heimatdorf Brinkebüll um seine alten Eltern (Peter Franke und Hildegard Schmahl) zu kümmern, die nicht mehr alleine zurecht kommen. Diese Aufgabe ist weit schwieriger als gedacht, die demente Mutter lebt in einer eigenen, fremden Welt, der störrische Vater ist abweisend und über die Anwesenheit des Sohnes gar nicht begeistert. Ingwer, selbst eher schweigsam und verschlossen, begibt sich auf eine Reise in seine Vergangenheit, in der Flurbereinigung und eigenwillige Dörfler sowohl die Landschaft als auch den Charakter der Menschen geformt haben, in der aber auch Vieles nicht so war, wie Ingwer bisher geglaubt hatte, was insbesondere für seine eigenen Familienverhältnisse gilt…

Der nach dem Erfolgsroman von Dörte Hansen entstandene Film zeichnet, wenn auch in einem fiktiven Dorf angesiedelt, ein eindringliches Porträt einer Region und ihrer Menschen, das sich allerdings erst nach und nach aus den wechselnden Zeitebenen mit Episoden aus den Jahren 1965, 1976 und 2012 zusammensetzt. Erst am Ende, mit dem letzten Puzzlestein, erkennen sowohl die Zuschauer als auch der Protagonist Ingwer das vollständige Bild, und alles, was anfangs verwirrend erscheint bekommt am Ende seinen Sinn.

Wer immer aus der Enge einer dörflichen Heimat in die Welt aufgebrochen ist, wird mit wechselnden Gefühlen dorthin zurückkehren. Einerseits gibt es diese schrecklich-schöne Vertrautheit, wenn es scheint, als sei die Zeit dort, wo man herkommt, einfach stehen geblieben und nichts hätte sich in irgendeiner Weise verändert. Andererseits, blickt man tiefer, erkennt man Vieles auch nicht wieder, weil natürlich die Zeit auch dort nicht spurlos vorbei gegangen ist. Diese innere Zerrissenheit verkörpert Charly Hübner in eindringlicher und bewegender Weise, wortkarg bewegt er sich durch diese vertraut-fremde Welt, in der niemand das Herz auf der Zunge trägt, weshalb die Norddeutschen als verschlossen, abweisend gar, gelten. Aber natürlich brodelt tief drinnen dieselbe Leidenschaft für das Leben, die Liebe und alles andere, nur redet man nicht unentwegt darüber.

Dieses Sittenbild eines Dorfes und einer Familie kommt zunächst durchaus so spröde daher, wie man sich das vorstellen mag, aber der Film berührt durch seine authentisch wirkenden Figuren und deren durchaus vorhandenen bodenständigen Humor, alles in allem ein Stück Heimatgeschichte, wie man sie gerne öfter sehen würde, kitschfrei und realistisch-dicht in Szene gesetzt, und wer die Gelegenheit dazu hat, sollte sich die plattdeutsche Originalfassung gönnen, um noch ein Stück weiter in diese Welt einzutauchen. 

 


 Regie: Lars Jessen

Drehbuch: Catharina Junk, b/a dem Roman von Dörte Hansen

Kamera: Kristian Leschner

Schnitt: Sebastian Thümler

Musik: Jakob Ilja

 

Besetzung:

Charly Hübner, Peter Franke, Hildegard Schmahl, Rainer Bock, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof, Julika Jenkins, Jan Georg Schütte, Lennard Conrad,

 

MajesticFilm

D 2022

93 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 22. September 2022

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=DICJ3041z6Q