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Donnerstag, 4. Juni 2026

Im Kino: Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Heel)

Der neunzehnjährige Tommy (Anson Boon) lebt ein Leben zwischen Drogen- und Gewaltexzessen, die er gerne auf Social Media teilt, bis er eines Tages entführt wird und sich angekettet im Keller eines abgelegenen Landhauses wiederfindet. Hier leben Familienvater Chris (Stephen Graham) mit Frau Kathryn (Andrea Riseborugh) und Sohn Jonathan (Kit Rakusen), und bei ihnen soll Tommy „gerettet“ und zu einem guten Menschen gemacht werden…

Der Film bewegt sich eher uneindeutig zwischen Horror-, Entführungs- und Resozialisierungsdrama, aber genau hieraus bezieht er auch seine Spannung, zumal bis zum Schluss nicht wirklich klar wird, wes Geistes Kind die seltsame Familie ist – sind es einfach nur Spinner, die ein Experiment wagen, von dessen Ausgang sie sich Erlösung versprechen, und zwar sowohl für sich, als auch für ihr Versuchskaninchen, oder sind sie auf ihre Art genauso Täter, wie Tommy, denen es eher um Bestrafung als um Läuterung geht.

Vater Chris zeigt immer wieder sowohl harte und grausame Züge, kann aber auch ausgesprochen gütig und liebevoll sein, auch Kathryn oder Jonathan scheinen keine Sadisten zu sein, denen es Spaß macht, ihr Opfer im Keller zu quälen, insofern bleibt die Geschichte, bei der sich sicherlich gewollte Bezüge zum Klassiker „A Clockwork Orange“ ergeben, spannend bis zum Schluss, wenn sich Tommys missliche Lage durch äußere Umstände plötzlich verändert. Hier liegt allerdings auch die Schwachstelle des Films, denn die Figur einer Haushälterin, die die Veränderung unfreiwillig heraufbeschwört, wirkt eher wie ein Fremdkörper, letztlich einzig zur Auflösung der Lage eingebaut, was am Ende aber nicht ganz befriedigen kann.

Trotzdem ein ungewöhnlicher Thriller, der mit den oben genannten Elementen auf seine ganz eigene Weise fasziniert und sich, auch dank der hervorragenden Darstellerriege, wohltuend vom Einheitsbrei vieler aktueller Werke abhebt.

 


 Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid

Kamera: Michael Dymek

Schnitt: Agnieska Glinska

Musik: Abel Korzeniowski

 Besetzung:

Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk, Savannah Steyn

 

RPC/ X Verleih AG

2025

110 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 04. Juni 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ddwD_pJ-C_Q (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=e7KWBSfZmOE (Englisch)

Donnerstag, 6. November 2025

Heimkino: Was uns verbindet (L' Attachement)

Die alleinlebende Sandra (Valeria Bruni Tedeschi), eine Frau in ihren Fünfzigern, wird von ihren Nachbarn Alex und Cécile gebeten, solange auf deren kleinen Sohn Elliot (César Botti) aufzupassen, während die Eltern wegen der Geburt seines Schwesterchens im Krankenhaus sind. Dann allerdings stirbt Cécile, Alex kehrt mit dem Baby allein zurück und auf Sandra kommen plötzlich Aufgaben zu, denen sie sich nicht entziehen kann, aber mit denen sie sich zunächst völlig überfordert fühlt...

Der tragische Auftakt scheint auf eine tränen- und rührselige Geschichte hinauszulaufen, aber wenn die Protagonisten beginnen, sich ihrem Schicksal zu stellen, wird es zwar nicht unbedingt leichter, aber man schöpft mit ihnen den Mut, den es braucht, um zu erkennen, dass es irgendwie weitergehen muss. Dabei durchlaufen die einzelnen Charaktere jeder seine eigene Entwicklung, die stimmig herüberkommt. Gerade Sandra, die unabhängige Frau, die eigentlich auf niemanden Rücksicht zu nehmen braucht, lernt ein paar Dinge über sich und wächst an ihrer neuen Aufgabe, ohne sich jedoch von Grund auf zu verbiegen, was einen großen Verdienst des Films darstellt.

Der Umgang von Sandra, Alex und Elliot miteinander wird insgesamt über zwei Jahre, bis zum 2. Geburtstag der kleinen Schwester begleitet, es treten noch ein paar weitere Menschen hinzu, die sich vorübergehend oder auf Dauer in das Geflecht von Beziehung einreihen oder wieder hinausbewegen, einen endgültigen Stillstand wird es sicher auch am Ende des Films nicht geben, aber so ist eben das Leben…

 

Wer eine zu Herzen gehende Geschichte schätzt, die zu keinem Zeitpunkt ins allzu Rührselige abdriftet, mit guten Darstellern, allen voran die großartige Valeria Bruno Tedeschi, ist hier genau richtig!

 

 

 

Regie: Carine Tardieu

Drehbuch: Carine Tardieu, Raphaël Moussafir, Agnès Feuvre, b/a auf dem Roman „L’intimité“ von Alice Ferney

Kamera: Elin Kirschfink, Yann Maritaud

Schnitt: Christel Dewynter

Musik: Eric Slabiak

 

 

StudioCanal/ Alamode Film

Besetzung:

Valeria Bruni Tedeschi, Pio Marmai, Vimale Pons, Raphaël Quenard, Marie-Christine Barrault

 

2024

105 min.

FSK 6

 

Ab 06. November 2025 digital und auf DVD erhältlich

 

Trailer: (Deutsch)

(Französisch)

 

Details DVD:

 

Sprachen: Deutsch, Französisch

Untertitel: Deutsch

Extras: Trailer, Wendecover

 

Mittwoch, 28. Februar 2024

Heimkino: Anatomie eines Falls (Anatomie d’une Chute)

Die Schriftstellerin Sandra Voyter (Sandra Hüller) lebt mit ihrem Mann Samuel (Swann Arlaud) und dem kleinen Sohn Daniel (Milo Machado Graner), der nach einem Unfall fast blind ist, in einem abgelegenen Haus am Fuß der französischen Alpen. Als Samuel unter ungeklärten Umständen zu Tode kommt, wird Sandra des Mordes verdächtigt und Daniel ist ein wichtiger Zeuge, der mit seiner Aussage das Schicksal seiner Mutter in Händen hält…

Aus der Ausgangslage eines Todesfalls (sic!), der sich nicht eindeutig als Unfall, Selbstmord oder Mord darstellt, entwickelt sich ein vielschichtiges Gerichtsdrama. Für alle drei Varianten gibt es Hinweise, mehr aber auch nicht, denn in der Einsamkeit der Berghütte und wegen der limitierten Zahl von Personen, die zum Zeitpunkt des Geschehens anwesend waren, lassen sich keine eindeutigen Beweise finden. Also müssen Indizien herhalten, die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung jeweils ihrer Lesart entsprechend aneinandergereiht werden, um die eine oder andere Hypothese zu untermauern.

Schnell richtet sich der Fokus auf die persönliche (Vor)Geschichte, und so wird aus der Anatomie eines Falls bald die einer Ehe, in der es durchaus Spannungen gab. Dabei kommen Dinge zur Sprache, die kein ganz so gutes Licht auf die Angeklagte werfen, aber wenn jeder Streit und jede Auseinandersetzung im Nachhinein in einem völlig veränderten Licht gesehen werden, würde wahrscheinlich die Hälfte der Bevölkerung zu potentiellen Tätern werden. Richtig dramatisch wird es, als die dritte Person in den Fokus rückt, nämlich der kleine Sohn, auf dessen Aussage sich mangels anderer Ansatzpunkte die Staatsanwaltschaft zu konzentrieren beginnt. Dessen Nöte und verzweifelten Versuche, für sich selbst zur Wahrheit zu finden, sind herzzerreißend, helfen den Zuschauerinnen und Zuschauern aber auch nicht auf der Suche nach einem eigenen abschließenden Urteil.

Die Frage nach der Wahrheit war immer eine der schwierigsten, gerade in letzter Zeit aber gerät man immer schneller in ein undurchdringliches Dickicht, in dem es kaum noch möglich scheint, sich zwischen objektiven und alternativen Fakten, gefühlten oder eingebildeten Wahrheiten einen Weg zu kämpfen, und ein Gericht, das stets dem Grundsatz verpflichtet ist, jede Person als unschuldig zu betrachten, solange ihre Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen ist, muss an irgendeinem Punkt die Waffen strecken.

Von eindrucksvoller schauspielerischer Leistung getragen, besonders durch die zu Recht viel gelobte Sandra Hüller, bietet der Film ein spannendes Drama, bei dem am Ende jeder seine eigene Version davon haben wird, ob hier eine Unschuldige oder eine Mörderin vor Gericht steht. Sollten jedoch die geringsten Zweifel an der Schuld bestehen, muss freigesprochen werden, ein Gedanke, der Vielen doch immer wieder schwer zu fallen scheint...

 

 

Regie: Justine Triet

Drehbuch: Justine Triet, Arthur Harari

Kamera: Simon Beaufils

Schnitt: Laurent Sénéchal

 

Besetzung:

Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado-Graner, Samuel Theis, Messi, der Hund

 

Les Films Pelléas/ Lionsgate/ Plaion Pictures

2023

151 min.

FSK 12

 

Ab 29.02.2024 auf Blu-ray, DVD und digital

Sprache: Deutsch, Englisch/ Französisch

Untertitel: Deutsch

Extras: Interview mit Sandra Hüller, Geheimnisse vom Dreh mit Filmhund Messi

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ZDIaaBZbjd0 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=vt0I2GnEwYc (Französisch/ Englisch)