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Mittwoch, 24. Januar 2024

Im Kino: The Holdovers

Weihnachten 1970: Während fast alle Schüler der Barton Academy, eines Jungeninternats an der amerikanischen Ostküste, über die Ferien nach Hause fahren, müssen ein paar Unglückliche aus unterschiedlichen Gründen die Zeit an der Schule verbringen, beaufsichtigt ausgerechnet von der unbeliebtesten Lehrkraft, dem Geschichtslehrer Paul Hunhum (Paul Giamatti), kulinarisch versorgt von der Schulköchin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph). Für den begabten, aber aufsässigen Schüler Angus Tully (Dominic Sessa) kommt es noch schlimmer, als er plötzlich der einzig Verbliebene (Englisch: Holdover) Aug in Aug mit dem verhassten Lehrer ist…

Letzteres ist eine buchstäbliche Herausforderung, da die Physiognomie des Lehrers bereits viel Stoff für Häme und Abneigung bietet, gepaart mit seiner fast sadistisch scheinenden Attitüde, die meisten seiner Schüler als faule, dumme nichtsnutzige Sprösslinge reicher Eltern zu behandeln, womit er in vielen Fällen sogar Recht hat. Aber das ist keine gute Basis für ein gedeihliches Miteinander, und für Angus scheint sein schlimmster Albtraum wahr zu werden, mit diesem schrecklichen Lehrer in der fast verlassenen Schule eingesperrt zu sein.

Und dann schafft der Film etwas, was vielleicht vorhersehbar, aber dennoch eine wunderschöne Wendung bedeutet: durch Kennenlernen des jeweils Anderen kommt man sich näher – ja, Leute: das geht! Je mehr Angus und Paul voneinander erfahren, desto mehr steigt das Verständnis füreinander. Es ist zwar immer noch ein langer und schmerzvoll-frustrierender Weg, man muss sich schon ein wenig Mühe geben, aber dann entdeckt man Seiten am Anderen – und vielleicht am Ende auch an sich selbst – um zumindest respektvoll miteinander umgehen zu können, eine wunderschöne Botschaft, die dank der großartigen Leistung seiner Besetzug auch absolut überzeugend herübergebracht wird!

Auch die Einbindung der dritten Person, der Köchin Mary Lamb, gelingt in berührender Weise, ihr Schicksal als Kontrapunkt gegenüber der Welt der verwöhnten, reichen Sprösslinge gesetzt, hat auch heute nichts von seiner Aktualität verloren, wenn es immer wieder scheint, dass den Einen stets genommen und den Anderen alles gegeben wird. Hiermit umzugehen, vielleicht manchmal zu verzweifeln, aber am Ende nicht daran zu zerbrechen, eine weitere mutmachende Botschaft des Films.

Jenseits dieser tragischen Elemente kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz, ein feiner Humor bricht die Stimmung immer wieder auf, bevor sie allzu düster zu werden droht, Lachen und Leiden liegen eben oft nahe beieinander, und das ist die dritte heitere Botschaft dieses wunderbaren Films!

 


  Regie: Alexander Payne

Drehbuch: David Hemingson

Kamera: Eigil Bryld

Schnitt: Kevin Tent

Musik: Mark Orton

 

Besetzung:

Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston

 

Miramax/ Universal Pictures International

2023

133 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 25. Januar 2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ZC7jenCwjIg (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=euTcPL9uLu8 (Englisch)

 

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Sneak Preview: The Holdovers

Ausgerechnet dem meistgehassten Lehrer eines Internats fällt die Aufgabe zu, die über die Weihnachtsferien in der Schule verbleibenden Schüler zu betreuen – für beide Seiten eine Herausforderung. Kammerspiel mit Dramatik und Witz und einem großartigen Paul Giamatti, zum Kinostart mehr davon.

 

Regie: Alexander Payne

Besetzung: Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston

Deutscher Kinostart: 25. Januar 2024

 

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=bAXd27wVpIc

 https://www.youtube.com/watch?v=JAr1jbAyo7Q

 

Mittwoch, 11. Oktober 2023

Im Kino: Das Fliegende Klassenzimmer

Als Martina (Leni Deschner) ein Stipendium für das Johann-Sigismund-Gymnasium in Kirchberg im Alpenvorland erhält, ist sie überglücklich. Aber statt sich voll und ganz auf das Lernen konzentrieren zu können, wird sie sofort in den seit etlichen Schülergenerationen herrschenden Konflikt zwischen den Kindern, die im Internat leben und den Externen aus dem Dorf hineingezogen. Der beliebte Lehrer und Internatsleiter Johann „Justus“ Bökh (Tom Schilling) versucht vergeblich zu vermitteln, ebenso wie der Sonderling aus einem alten Bauwagen, genannt der „Nichtraucher“ (Trystan Pütter). Vielleicht kann die Aufführung eines Theaterstücks am Ende des Schuljahres helfen, die Wogen zu glätten, in dem die schöne Idee thematisiert wird, statt im öden Klassenzimmer zu sitzen, lieber in einem Flugzeug um die Welt zu reisen, und den Lehrstoff direkt vor Ort zu erleben…

Das Buch von Erich Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“ aus dem Jahr 1933 gilt schon längst als Klassiker des Jugend- und Schulromans und wurde bereits mehrfach verfilmt, erstmals 1954, dann 1973 und 2003, vorliegend erhält also eine weitere Schülergeneration ihre – vierte – Version. Wenn ein Stoff auch nach neunzig Jahren noch eine aktuelle Relevanz hat – und die muss er haben, sonst wäre er zu Recht längst abgelegt und als vergessen abgehakt – dann ist es sicher legitim, einige Dinge aus der Ursprungsgeschichte der jeweiligen Zeit etwas anzupassen. Allerdings sollte man sich davor hüten, dabei allzu beliebig wesentliche Elemente so zu verändern, dass sie die Ursprungsintention des Autors verwässern oder gar verfälschen, denn dann sollte man lieber etwas ganz Neues schaffen und nicht das Angepasste als vermeintliche Verfilmung der Vorlage zu präsentieren.

Aus dem ursprünglich reinen Jungeninternat eine Schule mit Mädchen und Jungen zu machen, ist möglich, aber auch unnötig, denn im Kästner-Universum gibt es bereits schöne und starke Mädchengestalten, wie Pünktchen, die doppelten Lotten oder Pony Hütchen. Dass auch im Internat die Diversität Einzug gehalten hat, ist gut und legitim, ebenso wie die Modifizierung von familiären Hintergründen einzelner Schülerinnen und Schüler.

Dass man aber aus dem starken Matz einen reinen Trainingschampion macht, dem Kämpfe ansonsten aber nicht so liegen, verfremdet diese Figur schon sehr, was sicher der aktuellen politischen Korrektheit geschuldet ist. Und dass man die Mutprobe des kleinen Uli, mit einem Regenschirm vom Dach zu springen, was zwar drastisch, aber in seiner Situation völlig nachvollziehbar ist, zu einem reinen, eigentlich abgesicherten Kletterabenteuer mit anschließendem Unfall abmildert, wird dessen Figur so überhaupt nicht gerecht. Auch die Schneeball-„Schlacht“ der Jugendlichen wird zu einem noch harmloseren Strand- und Sandgeplänkel, nur keine jugendlichen Zuschauerinnen und Zuschauer unnötig aufwiegeln, möchte man denken, dabei verwässert man doch einiges, was die Seele der Buchvorlage ausmacht, vor allem, wenn man bedenkt, was Jugendlichen in der heutigen Zeit sonst so alles zugemutet wird.

Dann aber, und das ist vielleicht der schwerwiegendste Makel, wird das Verhältnis zwischen dem Lehrer Justus und dem Nichtraucher, das auf ursprünglich unbedingter Freundschaft und Vertrauen fußte, was Justus letztlich zu dem gemacht hat, was er heute ist, so lapidar abgehandelt, dass es fast schon schmerzt, und letzteres kann man im Übrigen auch über den Song sagen, der alles wieder herausreißen soll, was man vorher so lieblos bagatellisiert hat…

Und schließlich – last but not least – irritiert maßlos, dass in diesem Film, der ja so unbedingt im Jetzt und Hier spielen soll, keiner der Jugendlichen jemals ein Handy nutzt, außer, um damit Filmaufnahmen zu machen, ansonsten ist alles so analog, wie es vielleicht zuletzt in den 1980ger Jahren war. Wer sieht, wie sich Jugendliche heutzutage verständigen, wenn sie vor einem nebeneinandersitzen, und sich statt zu unterhalten Handy-Nachrichten hin- und herschicken, der muss sich fragen, in welchem Universum dieser Film eigentlich spielen soll, in diesem unseren aktuellen kann es jedenfalls nicht sein, und das nach all den sonstigen Bemühungen, zum Beispiel in Sprache und Attitüde, die Geschichte unbedingt in die Gegenwart transportieren zu wollen.

Wer die Buchvorlage nicht kennt, wird sich von diesen Kritikpunkten wahrscheinlich nicht so angesprochen fühlen, man kann sich den Film unvoreingenommen durchaus als nette Schulgeschichte anschauen, die zwar mit der Gegenwart – s.o. – trotz aller vorgeblichen Aktualisierungen nicht so viel zu tun hat und sich auf jeden Fall an der Leistung der  jugendlichen Darstellerinnen und Darstellern, die durchweg tadellos ist, erfreuen, aber vielleicht sollte man auch wieder mehr lesen… Mancher Stoff ist tatsächlich so zeitlos, dass er uns immer noch etwas zu sagen hat und in uns etwas berührt, und das sogar, wenn er in einem längst vergangenen Umfeld und einer vergangenen Zeit spielt. Unter Umständen kommt man dann auf den Geschmack, sich auch mit dem weiteren Werk dieses bedeutenden deutschsprachigen Autors zu beschäftigen, den Kinder- und Jugendbüchern, aber auch den Texten für Erwachsene. Und es gibt ja noch die anderen Verfilmungen, von denen tatsächlich die aus dem Jahr 1954 die beste ist, und dann heißt es, abzuwarten, wie die mögliche nächste Film-Variante ausfallen wird...

 

 

Regie: Carolina Hellsgård

Drehbuch: Gerrit Hermans, b/a auf dem Jugendbuch von Erich Kästner

Kamera: Moritz Anton

Schnitt: Charles Ladmira, Anna Kappelmann

Musik: Freya Arde

 

Besetzung:

Tom Schilling, Trystan Pütter, Hannah Herzsprung, Leni Deschner, Lovena Börschmann Ziegler, Morten Völlger, Wanja Valentin Kube, Franka Roche, Jördis Triebel

 

Leonine/ UFA Fiction Produktion

D 2023

89 min.

FSK 0

Deutscher Kinostart: 12. Oktober 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=m9WgkyeeKSM