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Mittwoch, 31. Juli 2024

Im Kino: Berlin Nobody

Ben Monroe (Eric Bana), Sozialpsychologe aus den USA, der sich in seinem Fachgebiet mit Fragen zur Macht des Kollektivismus und sich freiwillig von der Gesellschaft isolierenden Menschen beschäftigt, lebt nach seiner Scheidung in Berlin. Über einen bei der Polizei arbeitenden ehemaligen Studienkollegen erhält er Einblicke in die Ermittlungen nach dem rätselhaften Gruppenselbstmord innerhalb einer Sekte. Zusammen mit der Ermittlerin Nina Hoffmann (Sylvia Hoeks) dringt er in die Strukturen dieser Sekte ein, dabei vernachlässigt er ein wenig seine ihn besuchende Tochter Mazzy (Sadie Sink), die sich in die Zufallsbekanntschaft Ben (Jonas Dassler) verliebt, der in einer von einer gewissen Hilma (Sophie Rois) geleiteten Umweltgruppe aktiv ist. Aber Ben ist nicht das, was er vorgibt zu sein …

Als Psycho-Thriller gestartet verliert der Film mehr und mehr seinen Ansatz, wirkliche Spannung will irgendwann nicht mehr aufkommen, da die Entwicklung der Geschichte allzu vorhersehbar ist. Die Bösen sind alsbald erkennbar, die Guten verhalten sich, der Dramaturgie geschuldet, ungeschickt und bleiben als Figuren blass. Zum großen Finale muss, wie so oft und auch hier bereits zu Beginn mit deutlichem Fingerzeig angesagt, das übliche Trauma bewältigt werden, hinzu kommen einige seltsame Sprünge, so ist es beispielsweise gerade noch hell und in der nächsten Einstellung plötzlich stockdunkel, die Sprengung eines Hauses verläuft, gelinde gesagt, etwas realitätsfremd. Hier hätte man der Regisseurin Jordan Scott – immerhin die Tochter des großen Ridley Scott – etwas mehr Sorgfalt gewünscht.

Dass das Ergebnis insgesamt nicht befriedigt, ist insofern schade, als der Film immerhin ein so wichtiges Thema wie die Einsamkeit von Menschen – jungen wie alten – thematisiert, ohne hierfür die notwendige emotionale Tiefe zu erreichen, und der ebenso wichtige Aspekt der Gefährlichkeit von Sekten ist leider viel zu plakativ und beschränkt sich auf oberflächliche Gemeinplätze.

 

 

Regie: Jordan Scott

Drehbuch: Jordan Scott, b/a auf dem Roman „Tokyo Nobody“ von Nicholas Hogg

Kamera: Julie Kirkwood

Schnitt: Rachel Durance

Musik: Volker Bertelmann

 

Besetzung:

Eric Bana, Sadie Sink, Sylvia Hoeks, Jonas Dassler, Sophie Rois, Stephan Kampwirth, Alexander Schubert

 

SquareOne Entertainment

2024

94 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 01. August2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-eJ4GDgw1XY

 

 

Mittwoch, 20. Februar 2019

Film-Rezensionen: Der Goldene Handschuh


Was wie der Titel eines anheimelnden Märchens klingt, ist tatsächlich ein Trip geradewegs hinab in die Hölle. Die Kiez-Kneipe auf Sankt Pauli mit dem Namen „Zum Goldenen Handschuh" wird als Sammelbecken für Säufer kurz vor und manchmal auch kurz nach dem Delirium tremens gezeigt, für abgehalfterte Huren und Frauen auf der Suche nach einer vollen Flasche und einem Schlafplatz für die Nacht, egal wie heruntergekommen und versifft. Die Stammgäste, die sich dort treffen, tragen programmatische Namen wie Doornkaat-Max, Soldaten-Norbert, Tampon-Günther, Nasen-Ernie, Anus, und sie scheinen ihr Refugium nie zu verlassen, außer für die halbe Stunde, in der der Schankraum kurz durchgeputzt wird, um danach die gewohnten Plätze wieder einzunehmen. Deutsche Schlagermusik aus der Jukebox sorgt für den ein oder anderen sentimentalen Moment, ansonsten herrscht schnapsgeschwängerter Stumpfsinn.

In dieser Kneipe verkehrt auch eine weitere armselige Gestalt, Fritz Honka, genannt Fiete, der eine schaurige Berühmtheit erlangt hat, weil er zwischen 1970 und 1974 vier Frauen ermordet und Teile von ihnen in seiner Wohnung einlagerte, bis man ihm schließlich zufällig auf die Spur kam, weil in der Wohnung unter ihm ein Feuer ausbrach.

Der Stoff diente Heinz Strunk in seinem Roman „Der Goldene Handschuh“ für eine Milieustudie, lakonisch und trocken, die nichts beschönigt, den Serienmörder als ärmstes unter den armen Würstchen darstellt und dabei auch die unappetitlichsten Details nicht ausspart, und diese Vorlage hat sich nun der Regisseur Fatih Akin für seinen Film ausgesucht. Vielleicht weil es eine Hamburger Geschichte ist, vielleicht weil er, wie er sich selbst äußerte, einmal einen Horrorfilm machen wollte, und ein Horrorfilm ist es dann auch geworden. Empfindliche Gemüter sollten unbedingt von einem Kinobesuch absehen, den Hartgesottenen, die diese Warnung ignorieren, bietet sich ein von Akin ausstattungsmäßig präzise und authentisch in Szene gesetztes Panoptikum, das in seinen drastischen Szenen seinen Darstellern eine Menge abverlangt. Fraglich bleibt jedoch, ob sich die Mühe gelohnt hat, denn der Film schafft es nicht, den Zuschauer mitzunehmen, sondern lässt ihn einigermaßen ratlos und angewidert zurück.

Der junge Schauspieler Jonas Dassler schlüpft dank einer kompromisslosen Arbeit der Maskenbildner in die hässliche Haut des Fritz Honka, dessen Gesicht und Gestalt durch einen schweren Unfall arg deformiert wurden, was der Film nicht thematisiert. Trotz einer beeindruckenden Leistung Dasslers überzeugt seine Verwandlung dennoch nicht immer, an manchen Stellen droht sein Honka in eine bloße Karikatur des Schreckens abzugleiten. Zu keinem Zeitpunkt wird die Frage gestellt – geschweige denn beantwortet – wie dieses Monster über einen so langen Zeitraum völlig unbemerkt von aller Welt seine Taten begehen konnte, wie Frauen spurlos verschwinden konnten, während sich in Honkas Wohnung ein unerträglicher Gestank ausbreitete, den er auch mit jeder Menge Tannenduft-Wunderbäumen nicht überdecken konnte. Sein biographischer Hintergrund – zehn Geschwister und eine überforderte Mutter – wird während eines Besäufnisses mit seinem kurz auftauchenden Bruder knapp angerissen, was sonst über die Person des realen Honka bekannt ist, nimmt der Film ebenfalls nicht auf, allein sein – letztendlich gescheiterter – Versuch, über einen neuen Job sein Leben zu ändern, findet Eingang.

Die Faszination, sich aus sicherer Distanz einem Biotop voller gescheiterter Existenzen zu nähern, wird in Gestalt eines Teenagerpaares greifbar: ein junger Mann führt seine Freundin, um diese zu beeindrucken, an den verruchten und deshalb so spannenden Ort, den der „Der Goldene Handschuh“ darstellt, abstoßend und anziehend zugleich, ohne zu ahnen, dass er sie unter Umständen in Gefahr bringt, denn Honka sieht in der blonden jungen Frau einen Engel, der für ihn normalerweise unerreichbar ist. Als er sich ihr auf der Straße zu nähern versucht, macht das Feuer in seinem Haus seinem Treiben ein Ende, denn die Feuerwehr stößt auf der Suche nach Brandnestern auf die Leichenteile in Honkas Wohnung, was dann endlich zu seiner Verhaftung führt.

Natürlich ist es fast unmöglich, einen Menschen wie Honka begreiflich zu machen, aber dann stellt sich die Frage, weshalb man ihn überhaupt zur Hauptperson eines Films macht. Da der künstlerische Ansatz, die dunkelsten Seiten der menschlichen Natur zu beleuchten im Gegensatz zum Buch im Film nicht überzeugt, muss sich Fatih Akin den Vorwurf gefallen lassen, lediglich die niederen und voyeuristischen Gelüste seines Publikums anzusprechen. 


Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, b/a Roman von Heinz Strunk
Szenenbild: Tamo Kunz
Bildgestaltung: Rainer Klausmann
Schnitt: Andrew Bird, Franziska Schmidt-Kärner
Maske: Maike Heinlein, Daniel Schröder, Lisa Edelmann
Musik: FM Einheit

Darsteller:
Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Marc Hosemann, Tristan Göbel, Uwe Rohde, Hark Bohm Victoria Trauttmansdorff, Adam Bousdoukos, Jessica Kismalla, Marina Eitner-Acheampong, Barbara Krabbe

Warner Bros. Pictures
Bombero International
Warner Bros.Film Productions Germany und Pathé

FSK: Keine Jugendfreigabe
110 min.
Deutscher Kinostart: 21. Februar 2019