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Dienstag, 16. Dezember 2025

Im Kino: Sorry, Baby

Agnes (Eva Victor) hat es nach ihrem Literaturstudium an einer kleinen Universität in Neuengland zu einer Anstellung als Jungprofessorin gebracht und lebt zurückgezogen mit ihrer Katze in einem kleinen Häuschen am Wald. Bei einem Besuch ihrer schwangeren Studienfreundin Lydie (Naomie Ackie) kommen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit an der Hochschule zurück, die jedoch nicht alle positiv sind, vielmehr wird klar, wie sehr eine Vergewaltigung durch Agnes‘ ehemaligen Professor ihr Leben bis heute überschattet. 

Regisseurin Eva Victor, die auch das Drehbuch verfasst und die Hauptrolle übernommen hat, entwickelt in ruhigen Bildern das Porträt einer traumatisierten jungen Frau, deren Leben nach außen erfolgreich und in Ordnung zu sein scheint, aber unterschwellig wird deutlich, wie sehr die Folgen der Vergewaltigung ihr Leben bestimmen. Wie bei Rissen auf einer glatten Eisfläche, die sich immer weiter ausbreiten, scheint das, was darunter in der Tiefe schlummert, sich mehr und mehr einen Weg an die Oberfläche zu bahnen.

Erzählt wird, wie es zurzeit so angesagt ist, nicht linear, sondern in ebenfalls vor- und zurückspringenden Rückblenden, manchmal gibt es Bilder, die einen latenten Horror andeuten, ausgehend von dem einsam am Wald gelegenen Haus und einer drohend wirkenden Haustür, aber dieser Ansatz bleibt im Vagen, der Schrecken manifestiert sich letztlich ausschließlich im Innenleben im der jungen Frau, deren Lebensfreude auf tragische Weise ausgebremst wurde, ohne dass es jemand von außen überhaupt richtig mitbekommen hat.

 

Man muss allerdings seine Sensoren sehr genau auf die Figuren und vor allem die Hauptperson eingestellt haben, um trotz des wichtigen und leider immer noch aktuellen Themas von dem Ganzen wirklich berührt zu werden. Viele Szenen kommen eher dröge und von redundanten Gesprächen geprägt daher, auch der von manchen Rezensenten hervorgehobene Humor ist mir zum größten Teil entgangen, hier hätte ich mir etwas mehr vom Stil und dem Witz einer Phoebe Waller Bridge und ihrer genialen Miniserie „Fleabag“ gewünscht.

 

  

 

Regie: Eva Victor

Drehbuch: Eva Victor

Kamera: Mia Cioffi Henry

Schnitt: Randi Atkins, Alex O‘Flinn

Musik: Lia Ouyang Rusli

 

Besetzung:

Eva Victor, Naomi Ackie, Louis Cancelmi, Kelly McCormack, Lucas Hedges, John Carroll Lynch, E.R. Fightmaster

 

 

A24/ DCM Film Distribution

2025

103 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 18. Dezember 2025

 

 

Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=j1kZXjKJMnA (Deutsch)

 https://www.youtube.com/watch?v=Rc0jgWoZo9w (Englisch)

Donnerstag, 30. April 2020

Film-Rezensionen: Waves

Das Leben einer Mittelstandsfamilie gerät vollkommen aus den Fugen, als Sohn Taylor (Kelvin Harrison Jr) sich von den Erwartungen seines Umfelds, vor allem denen seines ambitionierten Vaters (Sterling K. Brown), überfordert sieht. Sein Scheitern führt zu einer Katastrophe, an der auch Taylors Schwester Emily (Taylor Russell) fast zerbricht, aber die Freundschaft zu dem Außenseiter Luke (Lucas Hedges) gibt ihr Halt.

Der Film hat eine dynamische, hyperaktive erste Hälfte, die sich dem Schicksal des jungen Taylor widmet und eine ruhige, gemäßigte zweite Hälfte, in der Emily die Hauptperson ist. Dieser Dramaturgie folgend bietet der erste Teil laute Musik und unruhige bis hektische Bildsequenzen, vor allem dann, wenn über dem jungen Protagonisten alles zusammenbricht. Was experimentell, fast schon expressionistisch gedacht ist, wirkt aber irgendwie unfertig, wie eine noch nicht fertiggestellte Schnittfassung mit teilweise improvisiert klingenden Dialogen. Hier hätte man sich eine straffere und durchdachtere Inszenierung gewünscht, denn was Dynamik und das Chaos versinnbildlichen soll, das um Taylor herumkreist, überschreitet leider an vielen Stellen die Grenze des Erträglichen. Im zweiten Teil, der sich dem Schicksal Emilys widmet, die mit der Situation um ihren Bruder völlig überfordert ist, kommt plötzlich Ruhe und Besinnlichkeit in die Geschichte, verliert sich dann aber in der ein oder anderen überflüssigen Nebenhandlung.

Am Ende gelingt es dem Film leider nicht, seine beiden Teile zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden, diese stehen für sich genommen verloren im Raum, ohne dass eine emotionale Bindung zur Handlung oder den handelnden Personen entsteht, und so kann das ambitionierte Drama nur teilweise überzeugen.

 


Regie: Trey Edward Shults
Drehbuch: Trey Edward Shults
Kamera: Drew Daniels
Schnitt: Isaac Hagy, Trey Edward Shults
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross

Darsteller: Taylor Russell, Kelvin Harrison Jr., Alexa Demie, Sterling K. Brown, Bill Wise, Lucas Hedges

Universal Pictures Germany
USA 2019
135 min.
FSK 12
Deutscher Kinostart: 16. Juli 2020 (vorgesehen war der 19. März)

Mittwoch, 20. Februar 2019

Film-Rezensionen: Der Verlorene Sohn (Boy Erased)


Der neunzehnjährige Jared (Lucas Hedges) wächst bei seinen streng gläubigen Eltern im Süden der USA auf. Sein Vater (Russell Crowe) ist Prediger in der Baptistengemeinde und seine Mutter (Nicole Kidman) unterstützt ihren Ehemann. Als der Verdacht aufkommt, Jared könnte homosexuell sein, erschüttert dies besonders den Vater und er schickt seinen Sohn in eine sogenannte Reparativtherapie, wo der selbsternannte Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton) solche vom Weg abgekommenen Jugendlichen zu heilen und wieder auf den rechten Weg zurückzubringen verspricht, eine Behandlung, die für viele der „Patienten" eine traumatische Erfahrung bedeutet. Als Jareds Mutter schließlich erkennt, wie ihr Junge unter den repressiven Methoden des Viktor Sykes leidet, widersetzt sie sich dem Willen des Vaters und holt Jared nach Hause.

Hollywood sucht sich seine Themen mehr und mehr in tatsächlichen Begebenheiten, inwieweit der fertige Film dann jeweils tatsächlich die Realität widerspiegelt, können nur die echten Personen beurteilen, die als Vorlage für die fiktiven gedient haben. Die äußerst umstrittene Reparativtherapie, auch Konversions- oder Reorientierungstherapie genannt, gibt es tatsächlich und wird auch in Deutschland praktiziert, ausgehend von der Vorstellung, dass es sich bei Homosexualität um eine psychische Störung handelt, die therapierbar ist. Da diese Auffassung inzwischen allgemein abgelehnt wird, gibt es Bestrebungen, solche Therapien gesetzlich zu verbieten, wie dies in einer Reihe von amerikanischen Bundesstaaten mittlerweile der Fall ist. Das Europäische Parlament hat 2018 mit überwältigender Mehrheit eine parteiübergreifende Initiative ergriffen, nach der Therapien zur Heilung von Homosexualität gesetzlich verboten werden sollen.

Der Schauspieler Joel Edgerton hat sich des Themas auf Grundlage der autobiographischen Schilderung eines Betroffenen angenommen, aber der Film schafft es nicht, das tatsächlich Unerhörte der Reparativtherapie so darzustellen, dass es den Zuschauer aufrüttelt. Zu behäbig inszeniert, in blassen Bilder tröpfelt die Handlung dahin. Es fehlen pointiert gesetzte Höhepunkte, obwohl es diese durchaus gegeben hätte, als sich zum einer der Jugendlichen das Leben nimmt. Aber auch dieses tragische Ereignis verschwimmt, so wie auch die Atmosphäre im elterlichen Haus des jungen Jared nie die notwendige Schärfe erreicht, obwohl die hochkarätigen Schauspieler, allen voran Nicole Kidman, durchaus gute Arbeit abliefern. Dieses wichtige Thema hätte einen insgesamt packenderen Film verdient, schade.


 Regie: Joel Edgerton
Drehbuch: Joel Edgerton, b/a der Biographie „Boy Erased – Autobiografische Erzählung" von Garrard Conley
Kamera: Eduard Grau
Schnitt: Jay Rabinowitz
Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans

Darsteller:
 Lucas Hedges, Nicole Kidman, Joel Edgerton, Russell Crowe, Flea,


Universal Pictures Germany
115 min
FSK 12
Prädikat: Besonders Wertvoll
Deutscher Kinostart: 21. Februar 2019