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Dienstag, 3. Januar 2023

Im Kino: The Banshees of Inisherin

Irland in den 1920ger Jahren: Auf dem Festland herrscht Bürgerkrieg, um die Unabhängigkeit vom britischen Mutterland zu erkämpfen, aber davon ist auf der vorgelagerten Insel Inisherin (mit Betonung auf dem e…) nichts zu merken, hier geht das Leben seinen ruhigen Gang. Mittelpunkt der Gemeinschaft ist der örtliche Pub, und dort hängen normalerweise auch die Freunde Pádraic Súilleabháin (Colin Farrell) und Colm Doherty (Brendan Gleeson) ab, bis Colm sich eines Tages weigert, auch nur ein weiteres Wort mit Pádraic zu wechseln, einfach weil dieser ihn so maßlos anödet. Um zu zeigen, wie ernst es ihm damit ist, kündigt er eine drastische und verstörende Maßnahme an…

Das Leben auf dem Lande erscheint oft als paradiesische Idylle, in der die Menschen noch Zeit füreinander haben und sich in harmonischer Gemeinschaft miteinander austauschen. Es kann aber auch ganz schön öde sein, und man muss mit dem „Material“ zurechtkommen, das da ist. Sobald das nicht mehr genügt, gibt es nicht viele Möglichkeiten, etwas zu ändern, eine davon wählt Pádraics Schwester Siobhán, als sie die Insel verlässt. Die innere Emigration, die Colm vorschwebt, funktioniert dagegen nicht so, weil man sich auf begrenztem Terrain unweigerlich immer wieder begegnet.

Martin McDonagh hat aus diesem Dilemma einen anrührend eindringlichen Film gemacht, bei der Menschen und Landschaft in ihrer Beschränktheit gleichermaßen anziehend und abstoßend zugleich wirken. Den Film als Komödie einzuordnen fällt daher schwer, zumal die Figuren dafür auch nicht wirklich skurril genug sind, wenngleich es komische Momente gibt. Es überwiegt eher das Gefühl einer tiefen Tragik, eines Tages zu erkennen, dass man mit seinem Leben und seiner Zeit bisher nicht das Richtige getan hat und vielleicht nicht mehr lange genug bleibt, um dies zu ändern. Ist es besser, seine Zeit mit langweiligen Menschen in nichtssagenden Gesprächen zu verschwenden, als allein zu sein? Ist man selbst denn so viel interessanter als Gesprächspartner, oder steckt darin nicht auch eine gewisse Überheblichkeit?

Was der Film schließlich auch noch eindrücklich vor Augen führt, ist, wie schnell eine scheinbare Idylle gesprengt werden kann, wie rasch aus zuvor friedlichen Menschen und Nachbarn plötzlich unnachgiebige Feinde werden können, vor denen es kein Entkommen gibt. Wie aus Freundschaft am Ende Hass wird, ohne dass es eines wirklich gravierenden Anlasses bedarf, das ist erschreckend und da bleibt das hin und wieder aufkommende Lachen endgültig im Halse stecken.

Eindringlich inszeniert lebt der Film von seinen Darstellern, die allesamt hervorragend besetzt sind, aber es ist vor allem Colin Farrell, der die Schlichtheit seiner Figur und deren inneren Kämpfe ohne sichtbare oder exaltierte Schauspielarbeit und vor allem ohne Hilfe von MaskenbildnerInnen verkörpert, Mimik, Gestik und Stimme genügen manchmal auch, um eine große Schauspielleistung zu vollbringen!

Ein eigenwilliges, aber sehenswertes Werk über die Dämonen in jedem/r von uns, für alle, die es etwas ruhiger mögen, wobei es durchaus einige drastische Szenen gibt, die nichts für zarte Gemüter sind. Empfehlenswert wäre es, den Film in der Originalfassung – dann aber unbedingt mit Untertiteln – zu genießen, um den besonderen Charakter des Films noch besser erleben zu können, wobei hier nicht beurteilt werden kann, wie gut die deutsche Fassung geworden ist.


Regie: Martin McDonagh

Drehbuch: Martin McDonagh

Kamera: Ben Davis

Schnitt: Mikkel E.G. Nielsen

Musik: Carter Burwell

 

Besetzung:

Colin Farrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon, Barry Keoghan, Pat Shortt,


Searchlight Pictures/ Walt Disney/ 20th Century Studios

2022

109 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 05. Januar 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=GQBpvw8FMes (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=9-R9u2UD3FU (Englisch)



Mittwoch, 28. Februar 2018

Film-Rezensionen: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Die (fiktive) Kleinstadt Ebbing irgendwo in Missouri, USA, ist einer dieser Orte… 

Das Städtchen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von jedem anderen Nest, das man bei kurzer Durchfahrt als klein, vielleicht idyllisch, aber nichtssagend einordnen würde. Hinter der harmlosen Fassade schlummert jedoch der ein oder andere Abgrund.


Es hat ein schreckliches Verbrechen gegeben, eine junge Frau ist ermordet und vergewaltigt worden und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand), verhärmt und verbittert, kann sich nicht damit abfinden und mietet eines Tages drei riesige Werbetafeln am Ortsrand, um auf die Untätigkeit der Polizei hinzuweisen, ein Aufschrei und eine öffentliche Anklage, bei der sie den Polizeichef Willoghby (Woody Harrelson) persönlich für die Unfähigkeit der Polizei verantwortlich macht, die sich in ihren Augen mehr auf die Jagd auf schwarze Jugendliche konzentriert, als auf die Aufklärung wirklicher Straftaten. 

Besonders der tumbe Jason Dixon (Sam Rockwell) steht für das Versagen der Staatsmacht, ein unkontrolliert marodierender rassistischer Polizist mit Alkoholproblem, der bei seiner ebenso rassistischen Mutter lebt. Auch für ihn hat Mildred nur Verachtung übrig, dabei wird ihr Kreuzzug für Gerechtigkeit im Laufe des Films selbst immer fragwürdiger. Ihre Radikalität ist zwar für die Mutter eines Verbrechensopfers verständlich, mit rechtsstaatlichen Prinzipien aber nicht immer kompatibel. Um diesen Kern von Protagonisten kreisen noch weitere schräge Figuren, so Mildreds Ex-Ehemann Charlie, der inzwischen mit einem 19-jährigen Dummchen herumzieht und ein kleinwüchsiger Verehrer Mildreds (Peter Dinklage), der ihr bei einer ihrer völlig aus dem Ruder gelaufenen Aktionen beisteht.

Mit dem neugierigen Blick eines Insektenforschers erschafft Regisseur McDonagh ein Biotop der Monstrositäten. Es ist kein Abbild der (amerikanischen) Gesellschaft an sich, vielmehr bekommt der Zuschauer einen Blick hinter die Fassade einer Familie, deren Mitglieder untereinander zutiefst zerstrittenen sind, dann aber doch wieder zusammenhalten, weil man eben irgendwie zusammengehört. Man geht nicht zimperlich miteinander um, die teilweise grobschlächtige Sprache ist oft verletzend und meistens so gemeint, manchmal vermittelt sie aber auch eine Intimität, die es eben nur in Familien gibt, die zusammenhalten, egal, welche Prüfungen das Schicksal bereit hält.
  Die Akteure handeln brutal, sind aber auch gleichzeitig verletzlich, und erst die tröstenden und weisen Worte eines Toten, die dieser in mehreren Abschiedsbriefen an seine Schäfchen richtet, gibt manchem von ihnen eine neue Perspektive und den entscheidenden Denkanstoß, dass die ganze Wut, die sich durch alle ihre Handlungen zieht, nur noch größere Wut erzeugt. Die fragwürdige Läuterung des Rassisten Dixon wird so nachvollziehbar, und wenn er sich am Ende mit seiner größten Widersacherin zusammentut, um einen Fremden zu bestrafen, der zwar leider nicht als Mörder von Mildreds Tochter in Frage kommt, aber offensichtlich ein anderes Verbrechen auf dem Kerbholz hat, haben die beiden immer noch nicht die ganze Lektion gelernt, aber es besteht Hoffnung, es ist noch nicht alles verloren in Ebbing, Missouri.  


Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh 
Kamera: Ben Davis 
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances Mc Dormand, Woody Harrelson; Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Peter Dinklage, Sandy Martin, Lucas Hedges, John Hawkes, Darrell Britt-Gibson

20th Century Fox; Fox Searchlight Pictures
USA, 115 min.
FSK 12
Im Kino seit 25. Januar 2018