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Dienstag, 3. Dezember 2024

Im Kino: Bagman

Als kleiner Junge ist Patrick (Sam Claflin) einst dem furchterregenden Bagman entkommen, der bestimmte Kinder verfolgt, sie in einen mitgeführten Rucksack steckt und entführt. Nun hat Patrick selber einen kleinen Sohn – zieht dieser möglichweise den Bösen wiederum an und was kann man dagegen tun?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Film in gewohnter Weise mit vielen bekannten Gruselelementen, wobei ein Haus am Waldrand sich einmal mehr wunderbar anbietet, um über nächtliche Geräusche und undurchdringliches Buschwerk eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen.

Allerdings stellt sich bei den sich wiederholenden Effekten eine leichte Redundanz ein, hier hätte eine ausgefeiltere Choreographie gut getan. Außerdem legen die verängstigten Eltern ihr Kind zum Schlafen immer wieder brav im Nebenzimmer in seinem Bettchen ab, wo sie es über eine installierte Kamera im Blick haben, vielleicht sollte man es – das Kind – stattdessen einfach mal mit ins eigene Zimmer nehmen – nur so eine Idee…    

Am Ende ein solider Gruselfilm ohne große Horror- oder Schockeffekte, vielleicht aber nichts für einen Kinoabend junger Eltern, die ihr Kind zu Hause in seinem Bettchen gelassen haben…



 Regie: Colm McCarthy

Drehbuch: John Hulme

Kamera: Nick Remy Matthews

Schnitt: Jeff Betacourt

Musik: Tim Williams

 

Besetzung:

Sam Claflin, Antonia Thomas, Caréll Vincent Rhoden, Will Davis, William Hope, Steven Cree, Peter McDonald, Henry Pettigrew, Adelle Leonce

 

 Leonine Studios

2024

93 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 05. Dezember 2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=73M3PW1NumI (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=slrzCgYIUPM (Englisch)

 

Montag, 4. September 2017

Film-Rezensionen: Meine Cousine Rachel (My Cousin Rachel)


England in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: Der elternlose Philip Ashley (Sam Claflin) wird als Kind von seinem älteren unverheirateten Cousin Ambrose aufgenommen und wächst auf dessen Landgut in einem frauenlosen Haushalt auf. Als Philip Anfang 20 ist, reist der gesundheitlich angeschlagene Ambrose wegen des besseren Klimas die nächsten Winter über nach Italien.

Im dritten Winter lernt er eine Frau – eine entfernte Cousine – namens Rachel (Rachel Weisz) kennen und lieben. In seinen Briefen an Philip schwärmt Ambrose von dieser Frau, bis schließlich die Nachricht kommt, dass beide geheiratet haben. Einige Zeit danach erreichen Philip ein paar düstere Briefe und es klingt an, als trachte Rachel ihrem frischgebackenen Ehemann nach dem Leben. Besorgt reist Philip daraufhin nach Italien, aber Reisen in dieser Zeit sind lang und mühselig und als er schließlich in Florenz eintrifft, ist Ambrose bereits verstorben, angeblich an einem Hirntumor, was auch seine verworrenen letzten Briefe erklären würde.

Durch den Anwalt Guido Rainaldi erfährt Philip, dass die verwitwete Rachel Hals über Kopf abgereist ist, daraufhin kehrt Philip nach England zurück, ergriffen von tiefem Schmerz über den Verlust aber auch voller Hass gegenüber der unbekannten Ehefrau. Zu Hause angekommen erfährt er, dass nicht, wie vermutet Rachel, sondern er selbst Ambroses Erbe geworden ist, damit entfällt das Motiv für einen Mord am Ehemann. Allerdings soll Philip dieses Erbe erst an seinem 25. Geburtstag antreten, bis dahin wird es von seinem Paten und Vormund Nick Kendall (Iain Glen) verwaltet.

Eines Tages kündigt Rachel überraschend ihren Besuch in England an. Sofort flammen Philips Hassgefühle gegenüber dieser unbekannten Frau wieder auf, von dem Verdacht, dass sie etwas mit Ambroses Tod zu tun haben könnte, hat er sich nie befreien können. Für ihn ist sie ein verabscheuungswürdiges Monster und in seinen Fantasien entwickelt er immer neue Szenarien, was er bei ihrer ersten Begegnung am liebsten mit ihr machen 
würde. Aber dann steht plötzlich eine anziehend schöne Frau vor ihm. Philip, der über keinerlei Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verfügt, erliegt ihrem Charisma vom ersten Augenblick an und entwickelt ganz neue Fantasien darüber, was er am liebsten mit ihr machen würde. Liebeskrank und grenzenlos naiv wirbt er um ihre Gunst, was sein Vormund Kendall und vor allem auch dessen Tochter Louise (Holiday Granger) mit wachsender Sorge beobachten. Mit Louise ist Philip praktisch aufgewachsen, für sie hegt er nicht mehr als geschwisterliche Gefühle, während sie seit langem in ihn verliebt ist.

Philip steigert sich immer tiefer in seine Gefühle hinein, und zu seiner grenzenlosen Freude erhört Rachel ihn tatsächlich, woraufhin bei Philip alle Dämme brechen. Er schenkt ihr zum Entsetzen von Nick Kendall und Louise eine wertvolle Halskette aus
Familienbesitz, ist dabei ihr Haus und Hof zu vermachen, als er 25 wird und über sein Erbe verfügen kann. Rachel bleibt undurchschaubar, mal weist sie seine Geschenke zurück, dann ihn, was seinen Liebeswahn nur noch weiter anfacht. Als er fiebernd und delirierend darniederliegt, pflegt ihn Rachel und versorgt ihn mit selbstgebrautem Heiltee, bis in ihm der alte Verdacht wieder aufkeimt, dass sie nunmehr ihm nach dem Leben trachtet, für Philip eine ausweglose Situation, aus der er sich nur auf sehr dramatische Weise retten zu können glaubt…


Die Frage, ob Rachel eine Mörderin und Erbschleicherin ist oder nicht, bleibt am Ende offen, es ist dem Zuschauer überlassen, sich hierüber ein Urteil zu bilden. Reicht das Geschehene, um in ihr eine eiskalte Verbrecherin zu sehen, oder ist sie einfach eine Frau, in die sich Männer verlieben und dann, wenn sie sich mit ihnen einlässt, ohne sich ihnen zu unterwerfen, wie es sich in damaligen Zeiten geziemte ihren Hass auf sich zieht. Ist es die Schuld der Frau, dass sie verdächtigt und verurteilt wird, nur weil Männer falsche Erwartungen haben?

Die Romanvorlage von Daphne du Maurier wurde 1951 verfasst, deren Handlung liegt auch
da schon etwa hundert Jahre in der Vergangenheit. Der Film versucht, diese längst vergangene Zeit wiederauferstehen zu lassen, in wunderschönen Bildern und in atmosphärischer Kulisse. Der Kontrast zwischen dem heiteren hellen Florenz und dem teilweise sehr düsteren, verstaubten englischen Landsitz mit den nur durch Kerzenlicht erhellten Zimmern und Sälen geben Aufschluss über die beiden Charaktere Philip und Rachel. Er der grüblerische, eigenbrötlerische junge Mann, sie die mondäne, an Licht und Sonne gewöhnte Frau – eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Beziehung. Doch schafft es der Film nicht ganz, den Zuschauer tiefer in die Geschichte hineinzuziehen, Auge und Ohr sind viel zu oft in den Bildern und der fast schon betörenden Musik gefangen, während das Interesse an den Figuren an der Oberfläche bleibt. Regisseur Roger Michell, der auch das Drehbuch verfasst hat, gelingt es nicht durchgehend, die der Geschichte immanente Spannung aufzunehmen und dramaturgisch aufzubereiten. Dass der Film dennoch reizvoll ist, liegt vor allem an der wunderbaren Rachel Weisz, die der geheimnisvollen Rachel die ansonsten fehlende Tiefe verleiht. 




Regie: Roger Michell
Drehbuch: Roger Michell basierend auf einer Romanvorlage von Daphne du Maurier
Kamera: Mike Eley 
Musik: Rael Jones 
Darsteller: Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Granger, Iain Glen, Pierfrancesco Favino, Simon Russell Beale, Vicki Pepperdine



Fox Searchlight Pictures
101 min. 
Deutscher Start: 07. September 2017

Trailer: youtu.be/Dq6QPnL9QBw

Freitag, 30. Juni 2017

Film-Rezensionen: Their Finest (Ihre beste Stunde)

Der Film führt uns zurück in das Jahr 1940, London leidet unter dem Krieg und den Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe. Das Kino hat in diesen Zeiten die wichtige Rolle, etwas zur positiven Stimmung der Bevölkerung beizutragen, aber die zu diesem Zweck unter der Aufsicht des Informationsministeriums produzierten Propagandafilme, in denen tapfere Männer und aufopferungsvolle Frauen den Durchhaltewillen der Zuschauer wecken und stärken sollen, wirken verlogen und kommen nicht recht an. Das Gebot der Stunde lautet „Authentizität“ und „Optimismus“.

Um diese Botschaft besser zu transportieren soll dem rein männlichen Autorenteam um den zynischen Tom Buckley (Sam Claflin) eine Frau zur Seite gestellt werden. Damit möchte man vor allem die vielen weiblichen Kriegsarbeiterinnen an der Heimatfront ansprechen, und so bekommt die Werbetexterin Catrin Cole (Gemma Arterton) die Chance, beim Film anzuheuern. Sie braucht den Job, um sich und ihren Ehemann Ellis (Jack Huston), einen vielversprechenden, aber erfolglosen Künstler über Wasser zu halten. Seine Bilder vom Schrecken des Krieges stoßen in der aktuellen Situation auf wenig Resonanz.
Catrin lässt sich von der arroganten Haltung Tom Buckleys, der von dem geforderten „Schmalz“ nicht viel hält, nicht abschrecken und macht sich unverdrossen ans Werk. Auf der Suche nach einer Story für den nächsten Film stößt man auf eine auf wahren Ereignissen basierende Geschichte, bei der zwei junge englische Zwillingsmädchen sich mit dem altersschwachen Boot ihres ebensolchen Vaters auf den Weg über den Ärmelkanal gemacht haben sollen, um bei der Evakuierung tausender englischer Soldaten aus dem eingekesselten französischen Dünkirchen zu helfen.
Catrin wird zur Recherche an die englische Küste geschickt, wo sie feststellen muss, dass die heroische Tat leider nicht ganz so abgelaufen ist, wie sie in den Zeitungen zu lesen war. So erlitt das Boot der Mädchen bereits auf halbem Weg einen Motorschaden und musste von heimkehrenden Evakuierungstruppen nach Hause geschleppt werden.

Aber die Geschichte ist zu schön, als dass man sie einfach aufgeben könnte, und im Folgenden wird daraus mit Inbrunst eine Story gestrickt, die alles beinhaltet, was die gebeutelten Menschen sehen und hören wollen, gespickt mit großen Gefühlen und heroischem Patriotismus. Catrin wirft ihre anfänglichen Bedenken bezüglich der historischen Ungenauigkeiten bald über Bord und macht sich enthusiastisch ans Werk, dient ihr Projekt letztlich doch dem höheren Ziel, Menschen im Elend der Kriegswirren wieder Mut und Hoffnung zu geben. Mit ihren Schreiberqualitäten überzeugt sie auch bald Tom Buckley, und so entwickelt sie sich mehr und mehr zu einer gleichberechtigten Kollegin, ein früher Schritt auf dem Weg zu einer beruflichen Emanzipation der Frauen. 
 
Eine brauchbare Darstellerriege zusammenzustellen ist in Kriegszeiten keine leichte Aufgabe, wenn die meisten jungen Männer an der Front sind. Es gelingt, den alternden, charismatischen und etwas selbstverliebten Ambrose Hilliard (Bill Nighy) zu gewinnen, der schon bessere Tage gesehen hat und zunächst wenig begeistert ist, aber man schreibt ihm eine schöne Rolle, mit der er schließlich zufrieden ist. Als Helden erfindet man die Figur des Soldaten Johnnie (Hubert Burton), der, selbst aus Dünkirchen herausgeholt, die Zwillinge auf ihrer dramatischen Schicksalsfahrt vor dem drohenden Schiffbruch bewahren soll, begleitet von einem kleinen Hund, den er in Frankreich in einer besonders anrührenden Szene vor dem sicheren Tod gerettet hat. Damit sind die Kriterien „Authentizität“ und „Optimismus“ erfüllt, als Zugabe ein kleiner Hund, was kann da noch schief gehen!
 
Catrin reist mit dem Filmteam zum Set an die Küste, wo die große Evakuierungsszenen gedreht werden, denn das Drehbuch muss ständig angepasst werden, je nachdem, welche Schwierigkeiten sich ergeben oder welche neuen Anforderungen seitens des Ministeriums eingebracht werden. So besteht der Kriegsminister (Jeremy Irons in einem Kurzauftritt) darauf, dass ein Amerikaner in die Handlung eingebaut werden müsse, um auch das amerikanische Publikum anzusprechen, schließlich bietet der dortige Markt ein immenses Potential. Ungeachtet der Tatsache, dass in Dünkirchen keine Amerikaner beteiligt waren, engagiert man kurzerhand einen hochdekorierten Kampfflieger namens Carl Lundbeck (Jake Lacy). Lundbeck, ein blonder, blauäugiger Amerikaner mit norwegischen Wurzeln, der auch in jeden Propagandafilm der Nazis passen würde, ist zwar im Luftkampf ein Ass, am Set jedoch ein hoffnungsloser Dilettant, was es notwendig macht, seinen ursprünglichen Text auf das absolut Notwendige zu reduzieren. Außerdem wird Ambrose Hilliard von Catlin überredet, Lundbeck Nachhilfe zu geben, was dieser zunächst nur widerwillig, dann aber mit immer mehr Vergnügen übernimmt. 

Während ihrer Abwesenheit bekommt Catrins Mann endlich die Gelegenheit, seine Bilder auszustellen und sie hat ein schlechtes Gewissen, nicht dabei sein zu können, aber ihre Arbeit geht vor. Je enger allerdings Catrin mit Buckley zusammenarbeitet, desto mehr scheint sich dieser für sie zu interessieren, und nach und nach entdeckt auch Catrin hinter seiner rauen Schale dessen charmantere Seiten. Als sich schließlich herausstellt, dass Catrin und Ellis gar nicht verheiratet sind, scheint der Weg für Buckley frei zu sein, aber aus Loyalität zu Ellis wehrt Catrin Buckleys Avancen ab. Selbst in einer wunderbar kitschig-romantischen Mondscheinszene am Meer widersteht sie und reist zurück nach London. Dort ertappt sie allerdings ihren Mann mit einer anderen Frau im Bett, damit ist dieses Kapitel für sie beendet. Der Weg für Catrin und Buckley wäre damit frei, aber dann muss Catrin schmerzhaft erfahren, dass das Drehbuch des Lebens seiner eigenen Dramaturgie folgt und sich leider nicht nach den eigenen Wünschen umschreiben lässt…

Der Film „Ihre beste Stunde“, basierend auf dem Roman „Their Finest Hour and a Half“ von Lissa Evans, hat alles, was ein guter Film haben muss. Er bietet Drama, Komödie und Romanze, und schafft es spielerisch leicht, all diese Elemente in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen.

Er macht sich liebevoll und mit ironischem Witz über das Filmemachen lustig, ohne dabei die Beteiligten lächerlich zu machen und ist eine Liebeserklärung an das Kino und seine magische Wirkung. Er wirft einen nostalgischen Blick zurück in Britanniens schwerste, aber auch tapferste Stunden, verkneift sich dabei jedoch jegliche Sentimentalität, dies sicher ein Verdienst der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, die genügend Nähe zu ihrem Thema hat, aber als Nicht-Britin auch die nötige Distanz.
Es gibt romantische Szenen im Wechsel mit durchaus realistischen, wenn die Zerstörung und der Schrecken der Bombenangriffe ganz nah an die Protagonisten heranrücken.

Die hervorragenden Darsteller runden das Bild ab. Gemma Arterton und Sam Claflin überzeugen in ihren Duellen um Worte und der Entwicklung ihrer persönlichen Beziehung und Bill Nighy schafft es einmal mehr, eine nuancierte Darstellung abzuliefern, die seine Figur eines eitlen und selbstverliebten Schauspielers nicht zur Karikatur werden lässt, sondern zu einem zwar exzentrischen aber am Ende sympathischen Charakter.

Der feine Humor kommt nie mit dem Holzhammer daher, die dramatischen Episoden rühren genauso wie die sentimentalen und so ist „Ihre beste Stunde“ ein kleines Meisterwerk geworden, einer der schönsten und unterhaltsamsten Filme dieses Jahres.

Regie: Lone Scherfig 
Drehbuch: Gaby Chiappe  
Kamera: Sebastian Blenkov
Musik: Rachel Portman 
Kostüme: Charlotte Walter 
Hair & Make Up: Elizabeth Yianni Georgiou
Darsteller: Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill Nighy, Jake Lacy, Jack Huston, Helen, Jeremy Irons

GB 117 Minuten
Deutscher Kinostart: 06. Juli 2017