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Dienstag, 3. Dezember 2024

Im Kino: The Outrun

Die auf den vor der schottischen Küste gelegenen Orkney-Inseln aufgewachsene Rona (Saoirse Ronan) zieht es als junge Frau in die große Stadt nach London. Aber bei ihrem ausschweifenden Lebenswandel dort und den immer heftigeren Alkoholexzessen verliert sie mehr und mehr die Kontrolle über sich. Letzte Rettung scheint eine Rückkehr in ihre Heimat zu sein, wo sie sich einer Vogelschutzgruppe anschließt, auf der Suche nach dem fast ausgestorbenen Wachtelkönig. Kann sie mit dieser Aufgabe in der wilden Landschaft und der selbst gewählten Einsamkeit wieder zu sich selbst finden?

Es gehört inzwischen zum guten Ton und zu den zurzeit bewährten Stilmitteln, eine Geschichte nicht mehr linear zu erzählen, sondern die einzelnen Erzählstränge in Vor- und Rückblenden ineinander zu verweben, in der Hoffnung, dass am Ende schon irgendwie das richtige Gesamtbild entstehen wird. Dies ist herausfordernd und durchaus spannend, wenn die Geschichte auch eine Handlung hat, die sich nach und nach zu einem Ganzen fügt.

Wenn allerdings, wie hier, immer nur einzelne Episoden scheinbar willkürlich gegeneinandergestellt werden, entwickelt sich gar nichts, denn dass die Frau ein Alkoholproblem hat, ist ziemlich schnell klar, und wenn dann auch noch die Rückblenden in unterschiedlichen Zeitebenen spielen, was man hauptsächlich an Ronas unterschiedlich gefärbten Haaren erkennt, verkommt das Stilmittel des nicht-linearen Erzählens zum bloßen Manierismus.

Die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt, die mit ihrem Film „Systemsprenger“ über ein über die Stränge schlagendes Kind, für das es keine Therapie zu geben scheint, auch international einen beachtlichen Erfolg feiern konnte, hat sich hier der autobiographischen Geschichte der schottischen Journalistin Amy Liptrot angenommen, aber so interessant das Thema ist und so faszinierend die wilde Landschaft hoch im Norden Europas, irgendwie fügt sich hier wenig zu einem stimmigen Ganzen, da kann auch die vielgelobte Saoirse Ronan nicht helfen – der „Systemsprenger“ ist erwachsen geworden und hat dabei leider seine Wucht komplett eingebüßt - aber wenigstens für den Wachtelkönig scheint es Rettung zu geben...

 


 Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt, Daisy Lewis, Amy Liptrot, b/a Memoir (Deutsch: "Nachtlichter") von Amy Liptrot

Kamera:Yunus Roy Imer

Schnitt: Stephan Bechinger

Musik: John Gürtler, Jan Miserre

 

Besetzung:

Saoirse Ronan, Paapa Essiedu, Stephen Dillane, Saskia Reeves

 

Sony Pictures Classic

2024

118 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 05. Dezember 2024

 

             Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ToesjCBUU0c (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=pFv-v_wFsK8 (Englisch)

 

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Im Kino: See How They Run

Zu Beginn der 1950ger Jahre landet die Schriftstellerin Agatha Christie einen Riesenhit, ihr Krimi „Die Mausefalle“ („The Mouse Trap“) wird zum erfolgreichsten Theaterstück, das je im Londoner West End auf die Bühne kam. Da dauert es nicht lange, bis Hollywood zwecks Verfilmung an die Tür klopft. Doch schon bald fällt der vorgesehene, bei allen höchst unbeliebte, amerikanische Regisseur Leo Kopernick (Adrien Brody) einem Mordanschlag zum Opfer. Inspektor Stoppard (Sam Rockwell) und seine junge, übereifrige Kollegin Constable Stalker (Saoirse Ronan) machen sich an die Arbeit, um das Verbrechen aufzuklären, bevor der Mörder möglicherweise erneut zuschlägt..

Wohltuend altmodisch, aber auf äußerst vergnügliche Weise, wird hier ein Krimiplot ganz im Stil und den Kostümen der 1950ger Jahre entwickelt. Der Schauplatz des Verbrechens eignet sich mit seinem umfangreichen Theaterensemble hervorragend für das Katz-und Maus-Spiel (no pun intended… Oder vielleicht doch?) mit dem Mörder, dabei sind die selbstreferenziellen Anspielungen und Ausflüge auf die Metaebene für geübte Krimileser überaus amüsant. Der erfahrene Inspektor hat es nicht leicht, seiner jungen Kollegin immer ein Vorbild und guter Lehrmeister zu sein, zuweilen neigt sie zu vorschnellen Schlüssen und schießt dabei manches Mal weit über das Ziel hinaus. Aber sowohl Sam Rockwells pfiffiges Spiel, als auch ganz besonders das unerwartete komödiantische Talent, das Saorise Ronan hier an den Tag legen darf, machen einfach nur Spaß und man merkt den Akteuren, einschließlich des herrlich widerlichen Adrien Brody an, dass sie ebensolchen hatten.

Ganz nebenbei erfährt man übrigens, wieso es bis heute keine Verfilmung des Erfolgsstücks „Die Mausefalle“ gibt, das, von einer erzwungenen Coronapause abgesehen, noch immer Abend für Abend auf einer Theaterbühne gespielt wird.


 

Regie: Tom George

Drehbuch: Mark Chappell

Kamera: Jamie Ramsay

Schnitt: Gary Dollner, Peter Lambert

Musik: Daniel Pemberton

 

Besetzung:

Adrien Brody, Saoirse Ronan, Sam Rockwell, Harris Dickinson, David Oyelowo, Ruth Wilson, Pearlm Chanda, SiannClifford, Shirley Henderson

 

Searchlight Pictures

GB 2022

98 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 27. Oktober2022

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=QvEzG3M3LQw (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=lau5MCoE3l0 (Englsich)

 

 

Mittwoch, 29. Januar 2020

Film-Rezensionen: Little Women


Die vier Schwestern Meg (Emma Watson), Jo (Saoirse Ronan), Beth (Eliza Scanlen) und Amy (Florence Pugh) March wachsen in Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs in Neuengland auf. Während der Vater (Bob Odenkirk) kriegsbedingt abwesend ist, obliegt es der Mutter Marmee (Laura Dern), ihre vier Mädels durch die schweren Zeiten zu bringen, schwer im allgemeinen, aber schwer auch für Frauen, die ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben führen möchten.

Alle vier Mädchen haben Träume, aus ihrem Leben etwas Besonderes zu machen, jede bringt eigene Talente hierfür mit, aber es ist Jo March, die es schafft, die Erzählungen, die sie schreibt, auch zu verkaufen, also eine echte Schriftstellerin zu werden. Früh lernt sie, dass zu einem „richtigen“ Ende gehört, dass die Protagonistinnen ihrer Geschichten entweder tot zu sein haben – oder verheiratet. Für Jo bedeutet dies lange Zeit ein und dasselbe, weshalb sie sich standhaft weigert, dem Werben des attraktiven und verträumten Nachbarsjungen Laurie (Timothée Chalamet) nachzugeben, während ihre Schwestern nach einer turbulenten Jungmädchenzeit im Hause March nach und nach den Vorgaben gehorchen.


In den USA ein Klassiker der feministischen Literatur, dürfte die Romanvorlage von Louisa May Alcott hierzulande weit weniger bekannt sein. Bekannt ist jedoch wahrscheinlich die ein oder andere der zahlreichen Verfilmungen des Stoffs, zuletzt 1994 unter dem deutschen Titel „Betty und ihre Schwestern“, aber vor allem die von George Cukor in Szene gesetzte Version von 1933 mit der unvergleichlichen Katharine Hepburn.

Die Schauspielerin Greta Gerwig, die mit dem mit etlichen Preisen bedachten Streifen „Lady Bird“ reüssierte, hat sich nun einmal mehr dieses Stoffes angenommen und daraus einen – man kann es durchaus so bezeichnen – bezaubernden Film gemacht, für den sie auch das Drehbuch adaptiert hat. Dies liegt zum einen an der hervorragenden Besetzung jeder einzelnen Rolle, hierbei verdienen Laura Dern für ihre Darstellung der Mutter, die mit ihrer besondere Wärme, aber auch mit kritischer Einstellung zum Leben von Frauen im 19. Jahrhundert überzeugt, eine besondere Erwähnung, vor allem aber glänzt Florence Pugh einmal mehr mit ihrer lebendigen Interpretation der Rolle von Amy March. Meryl Streep und der unvermeidliche Timothée Chalamet runden das Ensemble ab, an letzterem kommt man offensichtlich zur Zeit nicht herum, wenn es darum geht, einen immer etwas entrückten jugendlichen Helden zu besetzen.

Zum anderen gelingt es Gerwig, die immer noch zeitgemäßen Bezüge der alten Geschichte herauszuarbeiten und hierfür die passende Atmosphäre zu schaffen. Die nicht lineare Erzählweise mag manchen Zuschauer anfangs etwas verwirren, der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Figuren schafft jedoch eine interessante Perspektive, hat man doch auf einen Blick ein ganzes Leben vor Augen. Warme Farbtöne und nostalgische Bilder lassen uns eintauchen in eine ferne Zeit, aber so plüschig und antiquiert die Kulisse wirken mag, der Drang der jungen Frauen nach Emanzipation bleibt zeitlos und aktuell. Und die Emanzipation der Jo March und aller ihrer Schwestern im Geiste wird dann erreicht, wenn es einer Frau erlaubt ist, ihren eigenen Weg zu gehen, der Preis hierfür aber nicht ein Leben in Einsamkeit ist, sondern trotzdem eine erfüllte Partnerschaft erlaubt, sprich: am Ende darf – nicht muss! – auch geheiratet werden…


Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig, b/a Roman von Louisa May Alcott
Kamera: Yorick Le Saux
Schnitt: Nick Houy
Musik: Alexandre Desplat

Darsteller:
Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Laura Dern, Meryl Streep, Timothée Chalamet, Tracy Letts, Bob Odenkirk, James Norton, Louis Garrel, Chris Cooper
 
Sony Pictures
135 min.
Deutscher Kinostart: 30. Januar 2020