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Mittwoch, 11. April 2018

Film-Rezensionen: Lady Bird


Christine „Lady Bird“ McPherson (Saoirse Ronan) ist 17 und durchlebt im Jahr 2002 im kalifornischen Sacramento ihr letztes Jahr an der Highschool. Ihre Familie gehört zur unteren Mittelschicht, ihr Alltag besteht aus schulischen Aktivitäten, Pflegen von alten und Eingehen von neuen Freundschaften, Pläneschmieden, an welches College es für sie gehen soll, wobei die finanzielle Situation der Familie nicht viel Spielraum lässt, und dem langsamen Herantasten an das Leben, das – hoffentlich – auf sie wartet. Dazu gehört eine gehörige Portion Rebellion gegen alles und jeden und erste praktische Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, die über bloße Verliebtheit hinausgehen, kurzum, es geht um das ganze Programm eines Teenagers, der dabei ist, sich von seinem engen, in den eigenen Augen spießigen, Zuhause zu lösen.

Mit ihrer Mutter Marion (Laurie Metcalf) befindet sich Lady Bird im Dauerclinch, beide umkreisen einander, ziehen sich gegenseitig an, um sich im nächsten Augenblick umso heftiger wieder voneinander abzustoßen. Der Vater (Tracy Letts) steht etwas hilflos dazwischen und versucht, zu vermitteln, der Bruder (Jordan Rodrigues) hat seine ersten Schritte hinaus eigentlich schon gemacht, aber an ihm sieht Lady Bird, dass der Weg in die Welt doch nicht so ganz einfach ist.
Auf ihrer Suche verleugnet Lady Bird ihre Herkunft, zunächst ihr Elternhaus, später auch ihre Heimatstadt, sie lehnt ihren Namen Christine ab, und macht es sich und allen um sie herum nicht einfach. Es ist ein langer Weg, zu sich selbst zu finden und sich zu den eigenen Wurzeln zu bekennen, und das ist wohl, was es bedeutet: erwachsen werden.


Die Regisseurin Greta Gerwig wuchs selbst in Sacramento auf, ihr Film ist nach eigenen Worten eine Liebeserklärung an diese Stadt, wobei sich diese Liebe erst in der Rückschau entwickelt hat. Erst nachdem man aufbricht, um die Welt zu erkunden, bekommt der Ort der Kindheit, der eng und klein erschien, die richtige Dimension und Wichtigkeit. Gerwig versucht, diesem Lebensgefühl der rebellischen frühen Jahre nachzuspüren, ohne ihre Protagonistin in eine wirklich extreme Richtung abdriften zu lassen und das macht den Charme aber auch ein wenig die Schwäche des Films aus. Man schaut Lady Bird und ihrem Umfeld eine Zeitlang bei ihrem Leben zu, für die Beteiligten ein wichtiger Meilenstein, für den Betrachter eine Momentaufnahme ohne großen Höhepunkt. Themen wie Religion und Homosexualität werden nur am Rande gestreift, eine Auseinandersetzung damit ist nicht das Thema und findet daher auch nicht statt.

Allein die Streitigkeiten zwischen Mutter und Tochter geben dem Film die eigentliche Tiefe und machen ihn unterhaltsam und sehenswert. Für Gerwig ist Streit „eine dysfunktionale Form des Menschen, Intimität zum Ausdruck zu bringen, denn richtig streiten kann man ja nur mit Leuten, die man gut kennt“, und ihre beiden herausragenden Darstellerinnen bringen diese Kämpfe mit Wucht auf die Leinwand: Saoirse Ronan, die den Trotz und die Aufmüpfigkeit ihrer Figur spürbar macht und Laurie Metcalf als Mutter, die ihre heranwachsende Tochter eigentlich besser als jeder andere verstehen müsste, aber aufgrund ihrer eigenen, immer noch vorhandenen Dickköpfigkeit, auch nicht über ihren Schatten springen kann.

Der Film hatte seine Weltpremiere beim Telluride Film Festival und stößt seither weltweit auf positive Resonanz. Er erhielt fünf Oscar-Nominierungen (Beste Regie, Bester Film, Bestes Originaldrehbuch, Beste Haupt- und Beste Nebendarstellerin), Saoirse Ronan wurde mit einem Golden Globe als Beste Hauptdarstellerin und das Werk als Bester Film – Komödie/ Musical ausgezeichnet.

Die Evangelische Filmjury wählte „Lady Bird“ kürzlich zum Film des Monats, mit der Begründung, es sei „ ein Film über emotionale, spirituelle und geographische Heimat, die man erst als solche begreift, wenn man sie verlassen hat“.



Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig
Kamera: Sam Levy
Schnitt: Nick Houy
Musik: Jon Brion
Darsteller: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Paul Keller, Beanie Feldstein, Lois Smith, Jordan Rodrigues, Lucas Hedges, Timothée Chalamet

USA 94 min
Kinostart: 19. April 2018











Donnerstag, 5. April 2018

Film-Rezensionen: Das Etruskische Lächeln (The Etruscan Smile)

Die Äußeren Hebriden vor der Westküste Schottlands sind eine unwirtliche Gegend. Der knorrige Rory MacNeil (Brian Cox) hat dort sein ganzes Leben auf einer kleinen Insel namens Vallasay verbracht. Die raue Natur und die Abgeschiedenheit haben ihn geprägt, er ist eigensinnig, eigenbrötlerisch und aufgrund einer uralten Fehde mit dem Campbell-Clan dem gleichaltrigen Alaistar Campbell (Clive Russell) in tiefer Feindschaft verbunden. Beide sind in den 70gern, es geht ihnen gesundheitlich schlecht, aber Rory hat den Ehrgeiz, Alaistar um jeden Preis zu überleben. Nur aus diesem Grund macht er sich auf den Weg, seinen Sohn Ian (JJ Feild), dessen Frau Emily (Thora Birch) und Baby Jamie (Oliver und Elliot Epps) im weit entfernten San Francisco zu besuchen, um dort einen richtigen Arzt statt des heimischen Veterinärs aufzusuchen.

Rory und Ian sind sich, nicht nur aufgrund der räumlichen Entfernung, fremd geworden, und die Großstadt ist nicht Rorys Revier. Ian ist als Souschef in einem angesagten Restaurant der Stadt mit seiner Molekularküche sehr erfolgreich, seine Frau Emily arbeitet als PR-Managerin, beide bewohnen ein schickes Appartement im 15. Stock eines Hochhauses, Ians Leben könnte sich nicht drastischer von dem einfachen Leben seiner Kindheit unterscheiden.
Unaufgearbeitete alte Familiengeschichten lassen Vater und Sohn immer wieder aneinander geraten, zu Emily findet Rory auch keinen rechten Zugang, einzig zwischen ihm und Baby Jamie gibt es von Anfang an eine innige und zärtliche Verbindung. Ihm kann Rory alles von Vallasay und den Traditionen und Werten erzählen, die ihm so wichtig sind, und Jamie scheint alles zu verstehen…

Ian und Emily besorgen Rory einen Termin bei einem Spezialisten und während der Tage, die er auf die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchungen wartet, trifft er in einem Museum vor einer Gruppe von etruskischen Terrakotta-Statuen auf Claudia (Rosanna Arquette), die ihm das Geheimnis der Statuen erklärt, welche im Sterben ein geheimnisvolles Lächeln auf ihren Lippen tragen und damit Hoffnung auf einen glücklichen Tod machen. Zwischen beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, zusammen mit den Gefühlen für seinen Enkel Jamie entdeckt Rory noch einmal spät auf seinem Lebensweg tiefgehende neue Seiten an sich.

Außerdem gerät er durch Zufall in eine Universitätsstudie, ein Professor (Peter Coyote) ist ganz entzückt, jemanden gefunden zu haben, der das aussterbende Gälisch spricht und Rory braucht nichts weiter zu tun, als zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, während eine Gruppe von interessierten Wissenschaftlern seine Geschichten für die Nachwelt aufnimmt.

Schließlich liegt die Diagnose des Arztes vor, Rory hat Krebs im Endstadium und wird bald sterben. So grotesk es für alle anderen klingt, erst als er hört, dass sein alter Widersacher Alastair Campbell in Vallasay vor ihm gestorben ist, ist Rory bereit, sich mit seinem eigenen Tod auseinander zu setzen. Nun kann er auch wieder auf Ian zugehen, er beginnt, dessen Lebensstil zu akzeptieren, aber es ist Baby Jamie, auf den er seine Hoffnungen projiziert. Ihm will er die alte Heimat nahe bringen, die Ian so lange Zeit abgelehnt hat, und bei einer gemeinsamen Reise zu viert dorthin scheint ein Funke überzuspringen, der die drei Generationen wieder miteinander versöhnt und Rory kann in Ruhe sterben.
Der Film, produziert von dem sechsfachen Oscar®-Gewinner Arthur Cohn, basiert auf dem Bestseller-Roman „La Sonrisa Etrusca“ von José Luis Sampedro und ist der erste Spielfilm des Regieduos Mihal Brezis und Oded Binnun. Es ist eine anrührende Geschichte voller Emotionen, die Gefühl und Seele anspricht, ohne kitschig zu werden oder in Klischees zu verfallen, mit grandiosen Landschaftsbildern und einem wunderbaren Brian Cox, der den störrischen Rory sperrig und mit zerknautschtem Gesicht zum Leben erweckt. Ein Wunder sind auch die Darsteller des kleinen Jamie. Kaum ein Jahr alt, schauen sie verschmitzt und gleichzeitig unglaublich wissend in die Welt und auf den alten Mann und lassen ihrer beider heimliche Komplizenschaft so glaubwürdig wirken, als hätten sie tatsächlich heimlich das Drehbuch gelesen.


Regie: Mihal Brezis, Oded Binnun
Drehbuch: Michael McGowan, Michal Lali Kagan, Sarah Bellwood b/a gleichnamigen Roman von José Luis Sampedro
Kamera: Javier Aguirresarobe
Musik: Frank Ilfman 
Produktion: Arthur Cohn 
Darsteller: Brian Cox, Rosanna Arquette, JJ Feild, Thora Birch, Tim Matheson, , Peter Coyote, Treat Williams

Constantin Film, 107 min. 
Kinostart: 12. April 2018







Donnerstag, 22. März 2018

Film-Rezensionen: Unsane (Ausgeliefert)


Sawyer Valentini (Claire Foy), eine junge Frau aus Boston, ist dabei, sich nach einer schweren Zeit, in der sie von einem Stalker terrorisiert wurde, in Pennsylvania ein neues Leben aufzubauen. Ihre alten Kontakte hat sie gekappt, bis auf den zu ihrer Mutter Angela (Amy Irving). Sie ist dabei, über ihren Job ein neues soziales Umfeld zu schaffen, weil aber immer noch hin und wieder Ängste in ihr hochkommen, nimmt sie ein Therapieangebot des lokalen Highland Creek Behavioral Center wahr. Die erste Sitzung dort verläuft in ihren Augen gut, aber ehe sie sich versieht, hat sie ein Papier für eine 24-stündige Einweisung in die psychiatrische Abteilung dieser Einrichtung unterzeichnet. Als sie sich dagegen wehrt, wird aus dem einen Tag schnell eine 7-tägige Überwachung, der längste Zeitraum, der ohne weitere Formalitäten möglich ist.

Für Sawyer beginnt damit ein neuer Alptraum und je mehr sie sich gegen ihre Situation auflehnt, desto hysterischer wirkt sie, was ihren Aufenthalt in der Psychiatrie immer weiter rechtfertigt. Alles in ihrem Umfeld erscheint fremd und feindlich, von den Bediensteten kommt keinerlei Hilfe oder Mitgefühl und vor allem mit der Mitpatientin Violet (Juno Temple) gerät Sawyer immer wieder aneinander.. Einzig in einem jungen Mann auf Drogenentzug namens Nate (Jay Pharoah) findet sie Unterstützung, und er scheint Anhaltspunkte für eine Verschwörung im Geschäftsgebaren der Highland-Klinik gefunden zu haben. Aber als Sawyer in einem der Pfleger ihren vormaligen Stalker zu erkennen glaubt, gerät die Situation völlig außer Kontrolle… 

Soderbergh hat ein kafkaeskes Drama mit Horrorelementen geschaffen, das den Zuschauer tief in die Situation der Protagonistin eintauchen lässt und fast hautnah spüren lässt, wie es sich anfühlt, hilflos in einer bedrohlichen Situation gefangen zu sein. Der Film hält den Zuschauer im Ungewissen, ob das, was Sawyer erlebt, real oder nur Ausdruck von paranoiden Wahnvorstellungen ist. Zu dieser Atmosphäre tragen Kameraeinstellungen mit ungewöhnlichen Blickwinkeln und fast schon verwaschen anmutenden Bildern bei, die möglich waren, weil der komplette Film mit einem iPhone aufgenommen wurden, ein Experiment, das allerdings nur bedingt tauglich für andere Filme scheint.


Claire Foy liefert eine packende Vorstellung, alle anderen Darsteller bleiben dagegen eher farblos, was der nicht immer überzeugenden Story geschuldet ist. Der Film, der seine Weltpremiere bei der diesjährigen Berlinale hatte, hält einige Schockmomente bereit und ist sicher nichts für schwache Nerven, aber fesselnde Spannung will dennoch nicht aufkommen, eher ein verstörendes Gefühl von Verunsicherung. 

Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Jonathan Bernstein & James Greer 
Kamera: Peter Andrews (Steven Soderbergh) 
Schnitt: Mary Ann Bernard
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Sarah Stiles, Amy Irving, Jay Pharoah, Juno Temple

USA 97 min.
FSK 16
Kinostart: 29. März 2018










Dienstag, 6. März 2018

Film-Rezensionen: Molly's Game - Alles auf eine Karte

Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Molly Bloom (Jessica Chastain), einer jungen, hochintelligenten Frau, die in allem, was sie anfängt das Maximum zu erreichen in der Lage scheint. Schule und Jurastudium hat sie mit Bestnoten absolviert, beim Skitraining mit ihrem Vater Larry Bloom (Kevin Kostner), einem Psychologen und Collegeprofessor, zeigt sie den unbedingten Willen, der für eine Sportlerkarriere notwendig ist und wird so zu einer aussichtsreichen US-Olympiahoffnung, bis eine Verletzung sie aus dem Rennen wirft.

Danach gönnt sie sich eine Auszeit, geht nach Los Angeles und nimmt einen Job an, bei dem sie nicht viel denken oder sagen muss, indem sie reiche und mächtige Gäste bei Underground-Pokerrunden betreut. Diese Treffen finden regelmäßig an geheimen Orten statt und bewegen sich am Rande der Legalität, da privates professionelles Glücksspiel verboten ist. Aber die Rolle des schicken Aushängeschilds liegt ihr so ganz und gar nicht. Während sie lächelnd und im Hintergrund die Einsätze bei den Pokerrunden verwaltet, lernt sie schnell, wie das System funktioniert und dann macht sie sich irgendwann selbständig.
Für eine Weile leitet sie die exklusivsten Pokertreffen, bei denen sich nur Spieler mit höchsten Einsätzen Zugang erkaufen können. Die Stadt bietet ein großes Potential an Millionären und Hollywoodstars mit Geld im Überfluss, die alle das Risiko, aber auch die gepflegte Atmosphäre, die Molly bietet, schätzen. Sie gewöhnt sich schnell an Geld und Glamour, aber mit der Zeit wird sie nachlässiger bei der Kontrolle der zugelassenen Spieler bis eines Tages das FBI schwerbewaffnet vor ihrer Tür steht und sie wegen illegalen Glücksspiels, Beihilfe zur Geldwäsche und Unterstützung der Mafia verhaftet.

Mit dieser Szene beginnt der Film und Mollys Geschichte wird in Rückblenden und mit ihren Kommentaren aus dem Off erzählt. Aktuell ist sie pleite und sucht einen guten Verteidiger, der ihr in ihrer aussichtslos scheinenden Lage helfen kann. Es gelingt ihr, den zunächst zögernden Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu gewinnen, der zusagt, nachdem er in dem Buch gelesen hat, das sie nach ihrer Verhaftung über ihr Leben auf Messers Schneide geschrieben hat. Darin breitet sie analytisch und detailliert alles aus, ohne jedoch einen einzigen Namen ihrer prominenten Kunden zu verraten. Da sie hierzu auch vor Gericht nicht bereit ist, scheint ihre Lage aussichtslos und es bedarf Charlie Jaffeys ganzer Kunst und der verblüffenden Einsicht des vorsitzenden Richters, um Molly einigermaßen unbeschadet aus der Sache herauszuholen.
 
Der Film zeichnet das vielschichtige Porträt einer interessanten Frau, dies liegt an der gewohnt ausgefeilten Arbeit des Film- und Theaterautors Aaron Sorkin, der hier zum ersten Mal auch Regie führt. Insgesamt vielleicht etwas zu wortreich geraten, entwickelt sich dennoch eine spannende Geschichte mit einem intimen Blick in ein Milieu, das den wenigsten Menschen bekannt sein dürfte. Exzellent beleuchtet werden die verschiedenen Spielertypen, die einmal mehr beweisen, dass Poker kein Glückspiel ist, weswegen die gegen Molly erhobene Anklage in weiten Teilen eigentlich hinfällig sein müsste.
Dass auch ohne große Actionszenen keine Langeweile aufkommt, liegt auch und vor allem an der hervorragenden Jessica Chastain, die in jeder Hinsicht den Film dominiert. Als einzige Frau in einer Männerdomäne bringt sie zwar ausgiebig ihre weiblichen Reize zum Einsatz, dies ist jedoch nur Mittel zum Zweck, um knallhart, durchdacht und analytisch ihre Pläne umzusetzen. In einer an sich schönen Vater/Tochter-Szene zum Schluss besteht kurz die Gefahr, dass das Bild der Powerfrau Kratzer bekommt und sie doch nur das kleine Mädchen ist, das gegen seinen dominanten Vater aufbegehrt, aber Jessica Chastain umschifft elegant auch diese Klippe. Gegen ihre Präsenz zu bestehen, dürfte nicht einfach sein, aber Idris Elba gelingt dies in seinen Szenen in durchaus eindrucksvoller Weise.

Insgesamt ein sehenswerter Film mit außergewöhnlichem Sujet, geadelt durch die Authentizität des tatsächlich Geschehenen. 

Regie: Aaron Sorkin 
Drehbuch: Aaron Sorkin b/a dem Buch von Molly Bloom 
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Schnitt: Alan Baumgarten, Josh Schaeffer, Elliot Graham 
Musik: Daniel Pemberton 
Darsteller: Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian D’Arcy James

USA 140 min.
Kinostart: 08. März 2018
Bider und Clip: ©SquareOne Entertainment





 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Film-Rezensionen: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Die (fiktive) Kleinstadt Ebbing irgendwo in Missouri, USA, ist einer dieser Orte… 

Das Städtchen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von jedem anderen Nest, das man bei kurzer Durchfahrt als klein, vielleicht idyllisch, aber nichtssagend einordnen würde. Hinter der harmlosen Fassade schlummert jedoch der ein oder andere Abgrund.


Es hat ein schreckliches Verbrechen gegeben, eine junge Frau ist ermordet und vergewaltigt worden und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand), verhärmt und verbittert, kann sich nicht damit abfinden und mietet eines Tages drei riesige Werbetafeln am Ortsrand, um auf die Untätigkeit der Polizei hinzuweisen, ein Aufschrei und eine öffentliche Anklage, bei der sie den Polizeichef Willoghby (Woody Harrelson) persönlich für die Unfähigkeit der Polizei verantwortlich macht, die sich in ihren Augen mehr auf die Jagd auf schwarze Jugendliche konzentriert, als auf die Aufklärung wirklicher Straftaten. 

Besonders der tumbe Jason Dixon (Sam Rockwell) steht für das Versagen der Staatsmacht, ein unkontrolliert marodierender rassistischer Polizist mit Alkoholproblem, der bei seiner ebenso rassistischen Mutter lebt. Auch für ihn hat Mildred nur Verachtung übrig, dabei wird ihr Kreuzzug für Gerechtigkeit im Laufe des Films selbst immer fragwürdiger. Ihre Radikalität ist zwar für die Mutter eines Verbrechensopfers verständlich, mit rechtsstaatlichen Prinzipien aber nicht immer kompatibel. Um diesen Kern von Protagonisten kreisen noch weitere schräge Figuren, so Mildreds Ex-Ehemann Charlie, der inzwischen mit einem 19-jährigen Dummchen herumzieht und ein kleinwüchsiger Verehrer Mildreds (Peter Dinklage), der ihr bei einer ihrer völlig aus dem Ruder gelaufenen Aktionen beisteht.

Mit dem neugierigen Blick eines Insektenforschers erschafft Regisseur McDonagh ein Biotop der Monstrositäten. Es ist kein Abbild der (amerikanischen) Gesellschaft an sich, vielmehr bekommt der Zuschauer einen Blick hinter die Fassade einer Familie, deren Mitglieder untereinander zutiefst zerstrittenen sind, dann aber doch wieder zusammenhalten, weil man eben irgendwie zusammengehört. Man geht nicht zimperlich miteinander um, die teilweise grobschlächtige Sprache ist oft verletzend und meistens so gemeint, manchmal vermittelt sie aber auch eine Intimität, die es eben nur in Familien gibt, die zusammenhalten, egal, welche Prüfungen das Schicksal bereit hält.
  Die Akteure handeln brutal, sind aber auch gleichzeitig verletzlich, und erst die tröstenden und weisen Worte eines Toten, die dieser in mehreren Abschiedsbriefen an seine Schäfchen richtet, gibt manchem von ihnen eine neue Perspektive und den entscheidenden Denkanstoß, dass die ganze Wut, die sich durch alle ihre Handlungen zieht, nur noch größere Wut erzeugt. Die fragwürdige Läuterung des Rassisten Dixon wird so nachvollziehbar, und wenn er sich am Ende mit seiner größten Widersacherin zusammentut, um einen Fremden zu bestrafen, der zwar leider nicht als Mörder von Mildreds Tochter in Frage kommt, aber offensichtlich ein anderes Verbrechen auf dem Kerbholz hat, haben die beiden immer noch nicht die ganze Lektion gelernt, aber es besteht Hoffnung, es ist noch nicht alles verloren in Ebbing, Missouri.  


Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh 
Kamera: Ben Davis 
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances Mc Dormand, Woody Harrelson; Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Peter Dinklage, Sandy Martin, Lucas Hedges, John Hawkes, Darrell Britt-Gibson

20th Century Fox; Fox Searchlight Pictures
USA, 115 min.
FSK 12
Im Kino seit 25. Januar 2018













Dienstag, 27. Februar 2018

Film-Rezensionen: Red Sparrow


Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) tanzt als Primaballerina bis ihre Karriere durch eine Verletzung abrupt gestoppt wird. Als sie herausfindet, dass sie einer bösen Intrige zum Opfer gefallen ist, rächt sie sich und ihr drastisches Vorgehen dabei liefert bereits recht früh den Hinweis, dass mit ihr nicht zu spaßen ist.

Um ihre kranke Mutter weiter unterstützen zu können, lässt sie sich von ihrem Onkel Vanya Egorov (Matthias Schoenaerts), der ein hohes Tier beim russischen Geheimdienst SWR ist, für eine geheimdienstliche Mission rekrutieren. Hierbei wird voller Körpereinsatz von ihr gefordert und sie erfüllt ihre Aufgabe bravourös. Damit empfiehlt sie sich für eine geheimdienstliche Schule für junge Spione unter Leitung einer beinharten Ausbilderin (Charlotte Rampling).
Die „Red Sparrows“ genannten jungen Leute werden in brutaler Weise darauf gedrillt, Körper und Geist gleichermaßen als Waffe für ihr Land einzusetzen und Dominika erweist sich als eine der besten Absolventinnen. Onkel Vanya ist mehr als zufrieden und betraut sie mit der Mission, einen Maulwurf in den eigenen Reihen aufzuspüren. Hierfür soll sie sich an den amerikanischen CIA-Agenten Nate Nash (Joel Edgerton) heranmacht, der kurz bevor der Maulwurf enttarnt werden konnte, Russland Hals über Kopf verlassen musste. Von Budapest aus setzt er alles daran, seinen Mann zu schützen, während Dominika ihrem Ziel, Nate Nash zu täuschen, um den Maulwurf zu enttarnen, immer näher zu kommen scheint. Aus diesem Katz-und-Maus-Spiel entwickelt sich ein Spionage-Thriller, der immer wieder, wie es sich für das Genre gehört, die Seiten wechselt, und am Ende ist es Dominika, die meisterlich und eiskalt die Fäden zieht.

Der Film, der auf dem Buch des EX-CIA-Mannes Jason Matthews beruht, ist trotz seiner immer wieder überraschenden Wendungen, nichts für Liebhaber der gepflegten Agentengeschichte, und wenn in einer Welt, in der niemand niemandem vertrauen kann, sich die russische Spionin und der amerikanische CIA-Agent mit dem Dialog näher kommen: „Kann ich Dir vertrauen?“ – „Ich verspreche es Dir“, mutet dies schon ein wenig unfreiwillig komisch an. Ungeklärt bleibt zudem die Frage, weshalb trotz Gebrauchs aktueller Handys höchstwichtige geheime Informationen immer noch auf Disketten gespeichert werden und warum alle Russen untereinander Deutsch (bzw. in der Originalfassung Englisch) mit russischem Akzent sprechen.

Wer über solche Dinge hinwegsehen kann und auf knallharte Actionszenen steht, der kommt allerdings auf seine Kosten, hier schöpft der Film aus dem Vollen und zeigt sich in den betreffenden Passagen nicht zimperlich. Jennifer Lawrence wandelt als eiskalte schwarze Witwe mit ebensolchem Gesichtsausdruck durch die insgesamt langen 139 Minuten, Charlotte Rampling und Jeremy Irons sind Russen wie aus dem Bilderbuch des kalten Krieges, während Joel Edgerton den Part des guten Amerikaners gibt, einzig Matthias Schoenaerts verleiht seinem Onkel Vanya eine gefährliche Intensität.

Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Justin Haythe b/a Buch von Jason Matthews 
Musik: James Newton Howard 
Kamera: Jo Willems
Darsteller: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Mary-Louise Parker, Charlotte Rampling

20th Century Fox, 139 min.
FSK 16
Kinostart: 01. März 2018










Donnerstag, 8. Februar 2018

Film-Rezensionen: Alles Geld der Welt (All the Money in the World)


Anfang der 70ger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt der amerikanische Öl-Tycoon J. Paul Getty als der reichste Mensch der Welt, er war bereits Milliardär, als viele andere noch versuchten, in den Kreis der Millionäre zu gelangen. Sein unglaublicher Reichtum weckte Begehrlichkeiten und so wurde 1973 einer seiner Enkel – John Paul Getty III – in Rom entführt. Für dessen Freilassung sollte der Großvater 17 Millionen Dollar zahlen, der Film von Ridley Scott – basierend auf John Pearsons Buch „Painfully Rich: The Outrageous Fortunes and Misfortunes of the Heirs of J. Paul Getty“ – arbeitet die Geschichte dieser Entführung akribisch auf. 

Obwohl es die farbigste Phase des Films ist, lässt Ridley Scott den 16-jährigen Paul (Charlie Plummer) zu Beginn in schwarz-weißen Bildern sorglos durch das Nachtleben des quirligen Roms jener Zeit flanieren, bis er bei einem seiner Streifzüge in einen Lieferwagen gezerrt und entführt wird. Ab diesem Moment kehrt zwar die Farbe in den Film zurück, die durchgehend fahle und bleierne Atmosphäre jedoch schafft Bilder, die viel farbloser wirken, als die schwarz-weißen zuvor.


Der Junge harrt irgendwo auf dem Land in einer erbärmlichen Arrestzelle auf seine Rettung, diese ist jedoch nicht in Sicht, denn der alte Getty (Christopher Plummer) weigert sich strikt, auch nur einen Cent des geforderten Lösegelds zu zahlen. Nach seiner Auffassung liegt die Schwierigkeit nicht darin, viel Geld zu machen, sondern dieses viele Geld auch zu behalten und da er noch 13 weitere Enkel hat, fürchtet er um sein Vermögen, wenn seine Zahlung Nachahmer auf den Plan ruft. Außerdem macht er sich mehr als bereitwillig die These seines Sicherheitsberaters, des Ex-CIA-Agenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg) zu eigen, nach dem die Entführung nur inszeniert wurde, um dem jungen Paul, dessen Vater nicht zu den erfolgreichen Vertretern der Familie Getty gehört, vorzeitig zu seinem Erbe zu verhelfen.


Einzig die verzweifelte Mutter Gail (Michelle Williams) setzt alle Hebel in Bewegung, um ihren Jungen zurückzuholen, dabei hat sie weder Geld noch die nötigen Beziehungen, um zum Erfolg zu kommen, aber das macht sie mit Herzblut und übermächtigem Engagement wett. Obwohl Fletcher Chase ihr schließlich hilft und sie gegen den alten Getty unterstützt, stocken die Verhandlungen mit der für die Entführung verantwortlichen kalabrischen ’Ndrangheta ein ums andere Mal und es vergehen Wochen und Monate, in denen die Situation für den jungen Paul immer auswegloser wird, da der Fall auf Tatsachen beruht, ist es allerdings kein Geheimnis, dass Paul am Ende (fast) unversehrt nach Hause zurückkehrt.

Fasziniert und angewidert zugleich zeichnet Ridley Scott das Porträt eines reichen, geizigen alten Mannes, dem Kunst und Kunstwerke mehr bedeuten als menschliche Nähe. Menschen neigen in seinen Augen dazu, unaufrichtig, geldgierig und faul zu sein und so widmet er sich, ganz in seinen Landsitz und seinen Luxus vergraben, den zwei Dingen, die seinem Leben Sinn geben, dem Geldverdienen und den schönen Künsten. Letzteres lässt ihn zu einem bedeutenden Kunstsammler und –mäzen werden. Ob ihm das Leben seines entführten Enkels am Herzen liegt, ist nicht erkennbar, denn er hat es gegen alle Eindringlinge fest verschlossen. Dass seine Kälte und Griesgrämigkeit die Figur nicht zu einer bösen Karikatur geraten lassen, liegt an dem grandiosen Christopher Plummer, der die Rolle kurzfristig übernommen hat, nachdem der Regisseur Scott sich entschlossen hatte, aufgrund des Skandals um Kevin Spacey, der ursprünglich verpflichtet worden war, diesen komplett aus dem fast fertigen Film herauszuschneiden und sämtliche seiner Szenen mit Plummer nachzudrehen. Überragend ist außerdem Michelle Williams, die sich in ihrer kafkaesken Lage, in der andere Menschen, die Entführer, der alte Mann, die erfolglose Polizei, über das Schicksal ihres Sohnes bestimmen wollen, all ihre Kräfte mobilisiert und letztlich auch Erfolg hat.
Dass der Film trotz des dramatischen Inhalts und der herausragenden Darsteller nicht über 132 Minuten fesseln kann, liegt nicht daran, dass die Geschichte und damit das Ende bekannt ist. Vielmehr fehlt es an einer straffen Erzählweise, die die Handlung konsequent vorantreibt. Ein paar unnötige Rückblenden, die langwierigen Szenen, die den Entführern gewidmet werden, deren Charaktere nicht viel hergeben sowie die überflüssige Geschichte rund um den farblosen FBI-Mann Chase lassen die durchaus aufkommende Spannung leider immer wieder abflauen und der Film quält sich seinem Ende entgegen, an dem nicht nur das Entführungsopfer dankbar ist, als es vorbei ist.



Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa, John Pearson b/a seiner Buchvorlage
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Charlie Plummer, Romain Duris, Mark Wahlberg, Timothy Hutton



USA 132 min.
Deutscher Kinostart: 15. Februar 2018