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Mittwoch, 31. Mai 2017

Film-Rezensionen: Gregs Tagebuch - Böse Falle! (Diary of a Wimpy Kid - The Long Haul)




Nach „Diary of a Wimpy Kid“ (2010), „Rodrick Rules“ (2011) und „Dog Days“ (2012) ist „The Long Haul“ der vierte Film, der auf der erfolgreichen Kinderbuchreihe des amerikanischen Autors Jeff Kinney basiert, in welcher der kleine Greg Heffley sein Leben in einer amerikanischen Durchschnittsfamile beschreibt.


Der bisherige Greg-Darsteller ist mittlerweile der Rolle entwachsen, Fans der Reihe müssen sich daher auf eine komplett andere Besetzung einstellen, da bei dieser Gelegenheit auch die übrigen Akteure neu besetzt wurden.


Nach eigener Aussage hatte Jeff Kinney bereits beim Schreiben des aktuellen Bandes die Bilder für eine Verfilmung im Kopf, was ihn veranlasste, die Familie diesmal aus ihrem gewohnten Umfeld herauszuführen und auf einen abenteuerlichen dreitägigen Road-Trip im familieneigenen Minivan zum 90. Geburtstag der Ur-Oma zu schicken. Da der Wagen mit fünf Familienmitgliedern – Mutter Susan, Vater Frank, Greg, seinem älteren Bruder Rodrick und Baby-Bruder Manny – nur noch wenig Platz für Gepäck bietet, wird kurzerhand ein Bootsanhänger samt Boot angehängt, genug Stauraum für alles, was man auf dieser Reise glaubt mitnehmen zu müssen.



Wer jemals in der klaustrophobischen Enge eines Fahrzeug mit Leuten gefangen war, die man zwar einerseits gern hat, die einem aber gleichzeitig absolut auf die Nerven gehen, kann sich vorstellen, dass diese Fahrt kein reines Vergnügen für alle wird. Erschwerend kommt hinzu, dass Mutter Susan beschließt, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Familie einander wieder näher zu bringen und als erste Maßnahme alle Handys einsammelt. Ihre anschließenden Bemühungen, mit lustigen Spielen und gemeinsamen Gesängen die auf den Nullpunkt gesunkene Stimmung aufzuhellen, sind selbstverständlich zum Scheitern verurteilt. Da aber auch Vater Frank zwischendurch wichtige geschäftliche Kontakte pflegen muss, entwickelt sich zumindest zwischen den Männern der Familie gelegentlich eine verschwörerische Allianz.



Greg träumt davon, im Internet berühmt zu werden, zunächst geht allerdings ein äußerst peinliches Video von ihm viral, in dem er mit einer Windel kämpft. Diese Schmach kann nur durch ein cooleres Video getilgt werden. Hierzu benötigt er die Hilfe von Mega-Youtuber Mac Digby, Star der diesjährigen Player’s Expo. Als Greg herausfindet, dass diese Spielemesse quasi am Rande ihrer Reiseroute liegt, braucht es nur eine kleine Manipulation des Navis, und eine Tagesetappe führt die Familie direkt dorthin…



Die gesamte Reise ist im übrigen gespickt mit kleinen und größeren Katastrophen. Eine andere Familie, mit der Greg bei ihrer ersten Übernachtung in einem Motel aneinander gerät, kreuzt danach ständig ihren Weg, Greg leidet unter seinem Bruder Rodrick, bis sich für den Besuch auf der Player’s Expo zwischen beiden ebenfalls eine temporäre Allianz bildet. 


Die Familie erleidet Schiffbruch, man verliert Gepäck und Nerven, gewinnt ein Ferkel auf einer Kirmes, verliert gegen eine Schar Möwen und Mutter Susan sieht ihre Bemühungen, die Familie in Harmonie zu vereinen, krachend scheitern.


Trotzdem erreichen sie am Ende mit einer spektakulären Aktion Ur-Omas Geburtstag und haben begriffen, was sie über alle Klippen und Hindernisse hinweg ans Ziel geführt hat: der Zusammenhalt als Familie. Die Rückfahrt zeigt eine zusammengeschweißte Gemeinschaft beim anfangs verpönten gemeinsamen Gesang – Mission erfüllt!



Der Film bietet solide Unterhaltung auf leicht pubertärem Niveau. Es gibt eine Vielzahl von Versatzstücken: Handypause als erzieherische Maßnahme, berühmt werden als Youtube-Star, nervende Eltern, nervende Kinder, nervende Teenager und jede Menge Situationen, die jeder auf dem Weg in den Familienurlaub sicher selbst schon erlebt hat, und damit sind nicht die abenteuerlichen Katastrophen gemeint, sondern die kleinen und größeren Reibereien zwischen Eltern und Kindern und die zwischen Geschwistern untereinander.

Die Dramaturgie des Films bietet im übrigen nicht wirklich Überraschendes, trotz aller Dramen, die geschehen, weil alle Ansätze dafür früh erkennbar sind. Die Botschaft am Ende gibt dennoch vielleicht der ein oder anderen gestressten Familie Mut, es weiter miteinander zu versuchen, denn auch wenn man glaubt, nicht viel gemeinsam zu haben, man gehört halt doch zusammen.




Regie: David Bowers
Drehbuch: Jeff Kinney, David Bowers 
Kamera: Anthony B. Richmond 
Darsteller: Jason Drucker, Alicia Silverstone, Tom Everett Scott, Charlie Wright, Owen Asztalos


20th Century Fox, 91 Minuten 
Deutschlandstart: 01. Juni 2017

Dienstag, 11. April 2017

Film-Rezensionen: Verleugnung (Denial)


Der Film basiert auf der wahren Geschichte der amerikanischen Universitätsprofessorin Deborah E. Lipstadt, die an der Emory University in Atlanta, USA, Jüdische Zeitgeschichte unterrichtet und sich der Holocaustforschung widmet. In ihrem 1993 erschienenen Buch „Betrifft: Leugnen des Holocaust“(Denying the Holocaust) bezeichnet sie den  britischen Autor und Journalisten David Irving als „Holocaustleugner“.
 
Irving ist der Verfasser einer Reihe von Büchern über den Nationalsozialismus, in denen er unter anderem die Thesen vertritt, dass Hitler nichts von der Vernichtung der Juden wusste und dass es Gaskammern und Krematorien zum Zweck der Tötung von Juden in Auschwitz nicht gegeben hat. 

Dieser Irving fühlt sich durch Deborahs Buch beleidigt und verleumdet, woraufhin er sie und ihren Verlag Penguin Books vor einem britischen Gericht verklagt.

Der Film zeichnet den Prozess in seinem spannenden Verlauf nach, in dem sich Deborah (gespielt von der wunderbaren Rachel Weisz) durch die Besonderheit des britischen Rechtssystems, dass bei Verleumdungsklagen die Beweislast stets beim Angeklagten liegt, vor die Aufgabe gestellt sieht, Beweise für den Holocaust und die Vernichtungseinrichtungen in Auschwitz liefern zu müssen, um den Vorwurf Irvings (Timothy Spall) zu entkräften.
 
Eine weitere Besonderheit des britischen Gerichtssystems ist die strikte Trennung von beratenden und prozessführenden Anwälten, so dass sich Deborah von einer Schar von Anwälten umgeben sieht. Das Team der den Prozess vorbereitenden Solicitors wird angeführt von dem smarten Anthony Julius (Andrew Scott), ein sogenannter Barrister in Gestalt von Richard Rampton (Tom Wilkinson) übernimmt dann die eigentliche Verteidigung vor Gericht. Auf der anderen Seite ist Irving eitel genug, seine Sache selbst zu vertreten, diese Eitelkeit lässt ihn auch – erster taktischer Sieg der Solicitors – auf die Bestellung einer Jury verzichten, so dass nur ein Einzelrichter an dem Verfahren beteiligt ist, von dessen juristischem Sachverstand man sich einen Vorteil gegenüber einer Juryentscheidung erhofft.

Entgegen Deborahs drängendem Wunsch soll sie selbst nicht im Verfahren aussagen, ebenso wenig wie Holocaust-Überlebende. Auf den ersten Blick erscheint dies widersinnig, denn wer, wenn nicht sie, hätten einen authentischeren Blick auf Auschwitz und die Vernichtungslager liefern können, und es kostet die Anwälte viel Überredungskraft, Deborah davon zu überzeugen, dass man Irving dieses „Festmahl“ nicht servieren darf, an dem er sich delektiert hätte, um durch seine Wortgewandtheit seine Überlegenheit zu demonstrieren.

Mit Menschen wie Irving, die Meinung zu Fakten machen, darf man sich nicht auf emotionale Szenarien einlassen, bei denen sie immer gewinnen. Man kann nur den unendlich mühsamen Weg gehen, ihre Behauptungen, Meinungen, ihre verquasten und verdrehten „alternativen Fakten“ durch handfeste Fakten, Daten und Zahlen zu widerlegen, bis ihnen am Ende die viele heiße Luft, mit der sie sich aufgeblasen haben, entweicht und sie auf ihr Normalmaß zusammenschrumpfen. 
 
Es ist ein Vergnügen und eine Genugtuung, den Akteuren vor Gericht dabei zuzusehen, und es ist ein Verdienst des Films, dass es erneut gelungen ist, aus einem vermeintlich trockenen Gerichtsdrama ein aufwühlendes Erlebnis zu machen.

Regie: Mick Jackson
Drehbuch David Hare 
Musik: Howard Shore 
Produktionsdesign: Andrew McAlpine
Darsteller: Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott

http://www.verleugnung-film.de/

110 min 
Kinostart: 13. April 2017

Film-Rezensionen: Gold



 ...wenn die Erde aus Gold wäre, würden die Menschen sterben für eine Handvoll Dreck…
  
Diese Weisheit aus dem Film „Der Garten des Bösen“ von Henry Hathaway sollte die ewige Gier nach dem glänzenden Edelmetall relativieren, aber jede Geschichte, die sich mit der Suche nach Gold beschäftigt, lässt sie gleichzeitig bezweifeln.
  
Auch dieser Film möchte zeigen, dass neben den Zockern der Wallstreet, die dem großen Geld nachjagen, die eigentlich Getriebenen diejenigen sind, die einem Zauber verfallen, den eben nicht der öde Geldschein oder die abstrakte Zahl auf dem Kontoauszug widerspiegeln kann, nämlich dem des Goldes!
  
Es ist das Jahr 1981 und wir lernen einen solchen Glücksritter in Gestalt von Kenny Wells (Matthew McConaughey) kennen, der die gut laufende Firma seines Vaters, die Washoe Mining Corporation in Reno, nach dessen Tod übernimmt und sie stetig herunterwirtschaftet, bis sie 1988 schließlich vor dem Ruin steht. Nach dem geschäftlichen folgt der private Absturz, er beginnt zu trinken und geht jedem um sich herum auf die Nerven, bis er eines Tages im Vollrausch einen Traum von Indonesien hat, der ihn einen immensen Goldschatz finden lässt. Traum und Wirklichkeit gehen ineinander über, er versetzt den Schmuck seiner Freundin Kay (Bryce Dallas Howard) und fliegt nach Indonesien, um dort einen Geologen namens Mike Acosta (Edgar Ramirez) zu treffen, nach dessen „Ring-of-Fire“Theorie man angeblich Bodenschätze aufspüren kann.

Er schafft es, Acosta für eine Goldsuche im Dschungel von Borneo zu interessieren und zusammen unternehmen sie eine Expedition den Fluss hinauf, den die Eingeborenen „Upstream Gold“ nennen. Tief im Urwald stoßen sie auf einen Ort, der dem in Kennys Traum gleicht und Acosta beginnt mit Hilfe angeheuerter Arbeiter mit dem Schürfen nach Gold, während Kenny zu Hause in den USA Geld für die Finanzierung besorgen soll.

Als der Erfolg bei der Goldsuche zunächst ausbleibt, bleiben auch die Investoren zurückhaltend und Kenny gelingt es kaum, genug Geld für die Bezahlung der Arbeiter aufzutreiben. Aber dann signalisiert Acosta das Unglaubliche: Goldfund im Dschungel ! – und es kann losgehen. Jetzt reißen sich plötzlich alle darum, mit in das Geschäft einzusteigen und Kenny kann sich vor Geld kaum retten. Seine alte Firma wird reaktiviert und soll an die Börse gebracht werden, die Gier greift wie eine Krankheit um sich und infiziert alles und jeden, und bald hat Kenny die größten Fische an der Angel, die sich um ihn und seine Firma reißen. Doch die Fische sind Haie und als Kenny, der kleine Goldfisch, aus Eigensinn und Eitelkeit ein Angebot über 300 Millionen Dollar für die Übernahme seiner Firma ausschlägt, nur weil diese dann nicht mehr unter seinem Namen laufen soll, geht es plötzlich so steil nach unten, wie es eben noch hinauf gegangen ist. Der abgewiesene Investor lässt seine Beziehungen spielen, die Mine in Indonesien bekommt plötzlich ihre Lizenz entzogen und muss geschlossen werden, der Anfang vom Ende ist nah. Aber Kenny und Acosta gelingt es, das fallende Messer noch einmal aufzufangen, bevor es zu große Wunden reißt, indem sie sich an Danny Suharto, den jüngsten Sohn des damaligen Diktators Suharto, heranmachen und mit seiner Hilfe noch einmal ins große Spiel zurückkehren, bis eines Tages das FBI bei Kenny vor der Tür steht, weil Freund Acosta plötzlich verschwunden ist und mit ihm 164 Millionen…

Es ist ein Film, der von Gier und Leidenschaft erzählt, den Antriebsfedern für große Unternehmungen, er bietet grandiose Landschaftsbilder vom Dschungel in Indonesien und glitzernde Einblicke auf ausschweifende Partys in New York, aber er reißt sein Publikum nie wirklich mit und hinein in diesen wahnsinnigen Sog von Geld, Erfolg, mit Aufstieg in schwindelerregende Höhen, zwischenzeitlichem Absturz und anschließendem Wiederauferstehen, eine Geschichte die wie für großes Kino gemacht scheint.

Jedoch, entgegen der Leidenschaft, die den Goldsucher antreibt, hat der Film nichts von dieser Faszination anzubieten. Die grandiosen Landschaftsbilder im indonesischen Dschungel zerlaufen im Dauerregen, und einige Figuren wie der zwielichtige Acosta bleiben farblos. Das größte Manko könnte jedoch der Protagonist Kenny Wells selbst sein. Matthew McConaughey ist seit seiner Wandlung vom seichten Darsteller in ebensolchen Liebesschmonzetten darauf bedacht, mit möglichst drastischen körperlichen Veränderungen seinen neuen Rollen gerecht zu werden. So hungerte er sich für den Film „Dallas Buyers Club“ in kurzer Zeit 23 kg ab und wurde dafür prompt mit der Oscar-Trophäe belohnt. Aber das Rezept sollte man nicht überstrapazieren. Für „Gold“ hat er sich eine Wampe angefuttert sowie Halbglatze und schiefe Zähne verpassen lassen. War der Gewichtsverlust für einen HIV-Infizierten nachvollziehbar, macht seine jetzige Verwandlung Kenny Wells zu einer schlechten Karikatur eines Glücksritters, dem der Zuschauer keinerlei Sympathie entgegen bringen kann. Ein Hochstapler muss nicht hübsch sein, aber er braucht Charisma, und das vermisst man bei Kenny Wells gänzlich. Man nimmt ihm den Menschenfänger einfach nicht ab, wenn er unentwegt quasselt und deliriert, von allem zu dick aufgetragen, ist Kenny kein liebenswerter Verlierer, sondern ein schmieriger Schwätzer, damit hat McConaughey seiner Figur und letzlich auch dem Film bedauerlicherweise keinen Gefallen getan. 


Regie: Stephen Gaghan
Drehbuch: Patrick Massett, John Zinman
Kamera: Robert Elswitt
Darsteller: Matthew McConaugehey, Edgar Ramirez, Bryce Dallas Howard, Macon Blair, Stacy Keach, Coey Stoll



121 min 
Kinostart: 13. April 2017

Mittwoch, 22. März 2017

Film-Rezensionen: The Lost City of Z (Die versunkene Stadt Z)


The Lost City of Z – Die Versunkene Stadt Z



Amazonas, Dschungel, eine versunkene Stadt – wer bei solchen Schlüsselwörtern Fernweh bekommt, der ist bei diesem Abenteuerfilm bestens aufgehoben. Indiana Jones war gestern, dies ist die (wahre) Geschichte des britischen Forschers und Abenteurers Percy Fawcett, wahrscheinlich war dieser sogar das Vorbild für den fiktionalen Professor Jones.


Gleich zu Beginn des Films erleben wir Percy Fawcett (Charlie Hunnam) als Draufgänger im Dienst der britischen Armee. Leider erschöpfen sich seine waghalsigsten Abenteuer darin, auf der Jagd ein Beutetier zur Strecke zu bringen, weiterer Ruhm und Ehre bleiben ihm verwehrt, was auch mit seinem Schicksal zu tun haben mag, dass er, wie es die blasierte britische Gesellschaft auszudrücken pflegt, wenig Glück mit der Auswahl seiner Vorfahren hatte…
  
Seine ebenfalls nicht gerade spannende Ausbildung als Landvermesser eröffnet ihm dann unerwartet die Möglichkeit, im Auftrag der Royal Geographic Society nach Südamerika zu reisen, um dort den genauen Grenzverlauf zwischen Bolivien und Brasilien festzulegen. Bei dieser ersten Expedition im Jahr 1906, begleitet von seinem Adjutanten Henry Costin (Robert Pattinson) und mit Hilfe von Führern eines Indianerstammes, folgt Fawcett dem Fluss Rio Verde durch den Regenwald stromaufwärts. Über zwei Jahre trotzen er und seine Männer allen Strapazen, Hitze, Hunger, Durst und Krankheiten, belohnt werden sie von atemberaubenden Landschaften und Eindrücken und am Ende, im Quellgebiet des Flusses, glaubt Fawcett in einem Fund von Keramikresten die Überreste einer alten, untergegangenen Hochkultur gefunden zu haben, deren versunkene Stadt er „Z“ nennt .

Sein Bericht stößt in England auf taube Ohren und Ablehnung. Eine Hochkultur, hervorgebracht von Menschen, die allgemein als „Wilde“ bezeichnet werden, wird als lächerlich und unmöglich abgetan. Aber Fawcett ist von seiner Sache überzeugt und es gelingt ihm, eine neue Expedition zu organisieren. Neben seinem treuen Begleiter Costin ist diesmal auch ein bekannter weiterer Abenteurer namens Murray (Angus Macfadyen) dabei. Wieder nehmen die Männer alle denkbaren Entbehrungen auf sich, die bei allen ihren Tribut fordern, nur an Percy scheint alles, einschließlich Krankheiten wie Malaria und Gelbfieber, abzuprallen. Dies ist auch von dem echten Fawcett überliefert, was ihn zu einem wahren Mythos seiner Zeit werden ließ.

Wieder entdeckt Fawcett Hinweise auf seine versunkene Stadt, aber auch diesmal gelingt es ihm nicht, den endgültigen Beweis nach Hause zu bringen, schließlich muss die Expedition nach Auseinandersetzungen mit dem völlig geschwächten Murray abgebrochen werden.

Der erste Weltkrieg schickt Fawcett dann an die Front nach Frankreich, wo er sich in den zermürbenden Schlachten eines brutalen Stellungskriegs endlich auch in der Armee als erfolgreicher Offizier und Anführer beweist.

Diesem quasi öffentlichen Schicksal des Percy Fawcett wird als weitere Facette des Films sein privates Leben gegenübergestellt. Seine Vision von der versunkenen Stadt Z ist seine Leidenschaft, eine brennende Leidenschaft, die immer mehr zu einer Obsession wird, der er einfach folgen muss. Daran kann ihn auch die Liebe zu seiner Frau Nina (Sienna Miller) nicht hindern. Seinen Kindern, die ihn wegen seiner jahrelangen Abwesenheit, kaum kennen, ist er ein Fremder, irgendwo wartet immer ein Abenteuer da draußen, das ihn von zu Hause fortholt. Seine Frau ist zwar für damalige Zeiten überraschend emanzipiert, und es wird eine tiefe Liebe und Verbundenheit zwischen beiden sichtbar, aber den Gedanken, sie auf eine seiner Expeditionen mitzunehmen, weist Percy als absurd zurück. Für seinen Traum, die Stadt Z zu finden zahlt er einen hohen Preis, aber zu Hause bei Frau und Kindern zu bleiben ist für ihn in seiner Sturm- und Drangphase einfach keine Option. Die Familie scheint ihm erst als das Glück seiner späten Jahre vorbehalten zu sein.

Aber dann entpuppt sich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland) als Erbe von Percys Abenteurergen, denn er ist es, der seinen Vater im Jahr 1925 überredet, noch einmal gemeinsam loszuziehen, um die Stadt Z doch noch zu finden. Nina hat sich längst in ihr Schicksal ergeben und lässt beide ziehen. Finanziert von einer großen amerikanischen Zeitung und auf diesem Weg über Depeschen quasi „live“ verfolgt von Millionen Lesern, erfährt diese Reise eine hohe Aufmerksamkeit, bis Percy und Jack eines Tages spurlos im südamerikanischen Regenwald verschwinden und bis heute verschollen geblieben sind.

Mittlerweile haben US-Forscher tatsächlich Reste einer tausend Jahre alten Siedlung an der von Fawcett beschriebenen Stelle gefunden, eine späte Genugtuung für alle, die immer an ihn und seine Arbeit geglaubt haben.

Der Film bietet grandiose Bilder und macht die Strapazen der Expeditionen sicht- und fühlbar. Er schafft es, die Person Percy Fawcett als einen Menschen zu begreifen, dessen unstillbarer Drang sein Leben bestimmt, ihn antreibt und gegen alle Widerstände seinen Obsessionen folgen lässt, auch um den Preis des Verlusts von Familie und Heimat. Es sind solche Menschen, die ihrem eigenen Plan folgen und dadurch allen anderen neue Horizonte öffnen, neue Perspektiven bieten und helfen, neue Welten zu entdecken, ungeachtet der Opfer, die sie selbst dafür bringen müssen. Mögen sie niemals aussterben…  

Regie: James Gray  
Drehbuch: James Gray, David Grann basierend auf seinem Buch „Die versunkene Stadt Z“ 
Kamera: Darius Khondji 
Darsteller: Charlie Hunnam, Sienna Miller, Tom Holland, Robert Pattinson, Angus Macfadyen, Edward Ashley

140 Minuten  
Filmstart Deutschland: 30. März 2017

Sonntag, 12. März 2017

Film-Rezensionen: Der Hunderteinjährige der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand



Allan Karlsson lebt noch!
  
Ein Jahr nachdem er sich den Zumutungen der Feier zu seinem einhundertsten Geburtstag durch Flucht aus dem Altenheim entzogen hat – wir erinnern uns: er stieg aus dem Fenster und verschwand – treffen wir Allan (Robert Gustafsson) am Strand von Bali wieder. Dort hat er mit der alten Bande seinen Reichtum fast verprasst, so dass die Feier anlässlich seines einhundertundersten Geburtstags bescheiden ausfällt.

Bei ihm sind noch Freund Julius (Iwar Wiklander), Benny (David Wiberg) und dessen schwangere Freundin Miriam (Shima Niavarani), der Gangster Pike (Jens Hultén), der sich an nichts erinnert, aber gerne bei allem dabei ist, und das Kapuziner-Äffchen Erlander. Weil Miriam aufgrund ihrer Schwangerschaft keinen Alkohol trinken darf, bietet Allan ihr ein eigenartiges rotes Getränk an, von dem er aus früheren Zeiten nur noch ein letztes Fläschchen besitzt. Miriam ist begeistert davon und möchte mehr, leider findet auch Erlander Gefallen an der Flasche und macht sich damit aus dem Staub, nachdem er den letzten Rest der roten Brause – Volkssoda genannt - getrunken hat.
 
Allan kramt tief in seinem Gedächtnis und erinnert sich schließlich, woher das Getränk stammt und diese Geschichte führt uns weit zurück in die Zeiten des Kalten Krieges, als Allan als Spion tätig war. Während des militärischen Wettrüstens zwischen Amerikanern und Russen um die Vormacht gab es, wie wir erfahren, auch einen kulturellen Wettstreit darüber, wer die Welt ansonsten am nachhaltigsten beeinflusste. Mit russischen Jeans und Balalaika-Rock konnte Breschnew zu seinem Ärger nicht punkten, aber das Produkt, das der amerikanischen Cola den Rang streitig machen sollte, war wider Erwarten ein Renner. Aus diesem Grund setzte Präsident Nixon alles daran, hinter das Geheimnis des russischen Volkssoda-Getränks zu kommen und es begann ein aberwitziger Kampf um die Formel dieser Brause, bei dem Allan – wir wundern uns nicht – immer in vorderster Front dabei war. Am Ende gab es ein Stillhalteabkommen zwischen Amerikanern und Russen und wir erfahren endlich, worum es bei den SALT-Verhandlungen zwischen Nixon und Breschnew wirklich ging!

Die Rezeptur für die Volkssoda landete dann irgendwie bei Allan, der sich zu dieser Zeit gerade in Berlin aufhielt. Dort vermutet er die geheime Formel immer noch, in der Wohnung einer alten Freundin, und da Bali ohne Geld nicht mehr so reizvoll erscheint und Benny und Miriam bereits nach Schweden abgereist sind, um dort die Geburt ihres Kindes zu erwarten, beschließen Allan und Julius, sich auf den Weg nach Berlin zu machen. Im Bademantel und ohne die Rechnung zu bezahlen verlassen sie das Hotel, begleitet von Erlander und Pike, dem Gangster ohne Gedächtnis, der glaubt, dass sie alle zum Schwimmen gingen.  




Es beginnt eine aberwitzige Reise, die nach vielen Irrungen und Wirrungen schließlich in Schweden endet, immer auf der Jagd nach der Volkssoda-Formel. Zwei Greise mit Kapuziner-Äffchen und einem tumben Gangster im Schlepptau erregen überall, wo sie auftreten, genug Aufsehen um eine Reihe von weiteren Akteuren – bekannten und neuen – auf den Plan zu rufen. Hierzu gehören unter anderem die Tochter eines russischen Spion-Kollegen von Allan, die glaubt, dass dieser ihren Vater um die Formel betrogen hat, sowie der Sohn eines britischen Gangsters, der sich an Allan für den Tod seines Vaters rächen will. Da Volkssoda in den USA auch heute noch nationale Sicherheitsinteressen berührt, machen sich zwei smarte CIA-Agenten auf den Weg nach Malmköping, wo sie Kontakt mit dem redlichen aber ziemlich unbedarften Inspektor Aronsson aufnehmen, während Benny und Miriam das Altenheim, das Allan vor einem Jahr durch ein Fenster verlassen hat, nach seiner Hinterlassenschaft durchsuchen, in der Hoffnung, dort auf das Rezept zu stoßen.

Den Regisseuren Felix und Måns Herngren gelingt es, dem Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, der auf dem Welterfolg des schwedischen Autors Jonas Jonasson beruht, in Zusammenarbeit mit diesem, einen noch amüsanteren zweiten Teil folgen zu lassen. Die Abenteuer von Allan Karlsson werden mit Charme und Witz weitergesponnen, die Rückblicke bewegen sich aber diesmal ausschließlich in den Zeiten des Kalten Krieges und diese Konzentration tut der Geschichte gut. Es bieten sich wie gehabt verblüffende neue geschichtliche Einblicke mit hervorragend aufgelegten Darstellern, allen voran ein  polternder und launiger Breschnew. Wir sehen, wie es trotz Sicherheitskontrolle beim Einchecken gelingen kann, einen Kapuzineraffen in ein Flugzeug zu schmuggeln, sehen zwei alten Männern mit einer unverwüstlichen Gelassenheit durch die haarsträubendsten Abenteuer schlurfen, freuen uns mit Pike, als dieser endlich zu seinem Bad in einem schwedischen See kommt und wünschen uns dabei die ganze Zeit, wenigstens einmal von diesem offensichtlich köstliche Getränk kosten zu dürfen, das beinahe den Lauf der Weltgeschichte so maßgeblich beeinflusst hätte! Vielleicht besteht dafür noch Hoffnung, denn, am Ende taucht die langgesuchte Formel doch noch auf, an einem Ort, den niemand erwartet hätte, am allerwenigsten Allan, wollte er doch zur Entspannung nur ein heißes Bad im Kreise seiner Freunde nehmen...  

Regie: Felix Herngren, Måns Herngren 
Drehbuch: Felix Herngren, Hans Ingemansson b/a story von Hans Ingemansson, Måns Herngren, Felix Herngren und Jonas Jonasson 
Kamera: Göran Hallberg
Musik: Matti Bye 
Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Shima Niavarani, Jens Hultén, Ralph Carlsson, Svetlana Rodina Ljungkvist, Georg Nikoloff, Crystal der Affe


Schweden, 108 min
Concorde Filmverleih 
Deutscher Start: 16.März 2017
                       


Donnerstag, 23. Februar 2017

Film-Rezensionen: Logan



Im Jahr 2029 ist die Gemeinschaft der Mutanten wieder einmal am Ende, diesmal wohl endgültig, denn seit Jahren wurde kein Mutant mehr geboren.Verantwortlich sind genmanipulierte Lebensmittel in Gestalt von Nahrungszusätzen, Fast Food und Energy-Drinks, die gezielt eingesetzt wurden, auch auf Nicht-Mutanten haben sie keinen guten Einfluss – was eine Erklärung für manche Auswüchse heutzutage sein könnte…


Logan, der scheinbar Unsterbliche, hält sich müde und des Lebens überdrüssig mit einem Chauffeur-Job über Wasser. In einem öden Wüstenkaff an der mexikanischen Grenze fährt er partywütige Gäste in einer schicken Strechlimo herum. Die Zumutungen dieser Beschäftigung erträgt er mehr schlecht als recht mit Drogen und Alkohol. In seiner freien Zeit kümmert er sich um die letzte andere noch lebende Ikone der Mutanten, Charles Xavier, auch nur mehr ein Schatten seiner selbst, zeitweise stark desorientiert und zudem noch von fatalen Krämpfen heimgesucht, die sein einstmals so mächtiges Gehirn zu einer unkontrollierten Massenvernichtungswaffe werden lassen. Nur mit starken Medikamenten lassen sich diese Anfälle unterdrücken, deren Auswirkungen gigantische erdbebengleiche Erschütterungen sind. Damit diese bei aller Vorsicht immer wieder auftretenden Anfälle möglichst wenig Schaden anrichten können, lebt Charles in einem riesigen abgeschotteten Tank einer verlassenen ehemaligen Gießerei, wo sich neben Logan ein weiterer verbliebener Mutant um ihn kümmert, der Albino Caliban (diesmal dargestellt von Stephen Merchant), der sich nur mit verhülltem Körper der Sonne aussetzen kann. In früheren Zeiten war er ein Mutanten-Tracker, jetzt lebt er hier versteckt und isoliert im Exil und Logan ist kein wirklich angenehmer Partner, mürrisch und wortkarg wie immer, aber nun auch noch altersmüde. Dennoch spürt man eine gewisse Vertrautheit und Nähe zwischen ihnen, Logan verdient das Geld während Caliban sich um den Haushalt kümmert, kocht und den dementen Charles versorgt.

Aufgestört wird die Routine der drei durch eine verzweifelte junge Frau, die von einer Cyborgtruppe unter Führung des skrupellosen Donald Pierce (Boyd Holbrook) verfolgt wird. Sie bittet Logan um Hilfe für sich und ihre angebliche Tochter Laura (Schauspieldebütantin Dafne Keen), was dieser zunächst entschieden ablehnt, weil er sich nicht mehr als der Mann fühlt, der sich um die Probleme anderer Menschen schert, er will nur noch seine Ruhe.


Aber eines der Hauptthemen des Films ist die Tatsache, dass niemand aus seiner Haut heraus kann, wie bereits Goethes Mephisto seinem Faust ins Ohr flüstert:

„Du bist am Ende was du bist. Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist.“ Und Logan war eben nie das wilde Tier, zu dem man ihn machen wollte. Als die junge Frau ermordet wird, nimmt er die Aufgabe an, das Mädchen Laura an einen geheimnisvollen Ort namens Eden zu bringen. Da er Charles nicht alleine zurücklassen kann, packt er ihn kurzerhand samt Rollstuhl in die Strechlimo und es beginnt eine Odyssee quer durch öde Landschaften und Wüstenorte, mit einem kurzen Abstecher nach Oklahoma City, wo Charles einen bemerkenswert heftigen Anfall erleidet. Währenddessen wird Caliban von Pierce gekidnapped und gezwungen, seine Tracker-Fähigkeiten wieder einzusetzen, um Logan, Laura und Charles aufzuspüren.


Nach außen hin wirken die drei wie eine Kleinfamilie aus Großvater, Vater und Tochter, wenn auch eine etwas seltsame. Laura spricht nicht, entpuppt sich dafür zu Logans Überraschung bald als kleine Killermaschine, ausgestattet mit denselben Selbstheilungskräften wie er und ebensolchen Adamantium-Klauen, die sie allerdings an Händen und Füßen ausfahren kann. Charles taumelt zwischen lichten Momenten und dementen Phasen hin und her und Logan kümmert sich um beide, eben weil sie auf ihn angewiesen sind und er sich dieser Aufgabe nicht entziehen kann.

Nach und nach entsteht eine rührende Nähe zwischen den dreien im engen Ambiente des Autos, sie wachsen tatsächlich zu einer „Familie“ zusammen, eine Überleitung zu einem weitere Thema des Films, der Suche nach Geborgenheit und Zusammenhalt in einer feindlichen Welt. Dies scheint für den Einzelgänger Logan eine Zumutung, letztlich ist es aber auch für ihn eine Reise an den geheimnisvollen Ort, nach dem er immer gesucht hat. Als auch noch klar wird, dass das Mädchen aus Teilen seiner DNA in den Laboren des skrupellosen Dr. Zander Rice (Richard E. Grant) gezeugt wurde, findet er sich plötzlich tatsächlich in der Vaterrolle wieder, ein Gedanke, den er erst einmal verdauen muss.


Dr. Rice ist ein Mutanten-Gegner in bewährter Tradition, der das vermeintlich Böse in Gestalt der Mutanten vernichten möchte aber gleichzeitig fasziniert von deren Fähigkeiten nach Möglichkeiten suchte, sich diese zunutze zu machen. Unter seiner Leitung wurden daher Kinder als menschliche Waffen gezüchtet, eine Weiterführung des ohnehin perversen Gedanken der Kindersoldaten. Nachdem eine Nachfolgeprojekt – die Entwicklung von erwachsenen Klon-Kriegern – jedoch größere Erfolge verspricht, sollen die Kinder eliminiert werden, was von mitleidigen Menschen verhindert wird. Die Kinder entkommen – unter ihnen auch Laura – machen sich auf den Weg an einen Ort, von wo sie sich in Sicherheit bringen können, eben jenes Eden, und die Cyborg-Truppe hat den Auftrag, dies zu verhindern.


Der Film sucht – und findet – eine gelungene Balance zwischen vertrauten Elementen und Neuem, gefühlvollen Momenten und harter Action. Logans bekannte berserkerhafte Wutausbrüchen lassen diesmal Blut spritzen und Körperteile abtrennen, ein Anblick vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber konsequent und dem letzten Abenteuer Logans angemessen. Neben den furiosen Gewaltszenen steht aber im Vordergrund die Frage nach Vergänglichkeit und Alter, dem Aufgeben von Gewohntem, Aufbruch und Neuanfang. Die Zeit von Charles und auch Logan ist vorüber, selbst ein scheinbar unsterblicher Krieger wird irgendwann müde und ist verbraucht, dies auch dem Material geschuldet, das ihm lange Zeit so viel Stärke und Unbesiegbarkeit verliehen hat, nun aber gegen ihn arbeitet. Es mag uns nicht gefallen, den liebgewordenen unverwundbaren Helden in einem solch lamentablen Zustand zu sehen, aber so ist nun mal der Lauf der Dinge. Man hat versucht, aus ihm eine Waffe zu machen, aber er ist und bleibt ein Mensch, dessen Lebensspanne endlich ist und der mit denselben Alterserscheinungen zu kämpfen hat, wie jeder andere, der sich auch schon einmal widerwillig die Lesebrille aufsetzen muss, weil die Augen nicht mehr mitmachen wie gewohnt, der sich, sein Ende vor Augen, noch einmal aufbäumt, sich selbst zu opfern, um das was er als seine Mission erkannt hat, zu erfüllen. Dabei wird er mit der neuen furchtbaren Waffe aus Dr. Rice’ Labor konfrontiert, die fast alles vernichtet, bis die kleine Laura eingreift und sich als würdige Widergängerin ihres Vaters erweist. Zurück bleibt die Hoffnung, die allen Menschen innewohnt, dass mit dem eigenen Tod nicht alles zu Ende ist, sondern eine neue Generation sich auf den Weg macht, wie Laura und ihre Freunde.



James Mangold hat bei seinem Werk eine Menge aufgeboten, vertraute Western-Mythen – der Film „Shane“ wird in einer längeren Szenen zitiert – und das immerwährende Thema vom einsamen Helden, der (meist) unfreiwillig eine übermenschliche Aufgabe zu erfüllen hat, die ihn das Leben kosten wird. Dabei wird Mangold von der Riege seiner hervorragenden Darsteller, die dem titelgebenden Logan einen würdigen Abgang verschaffen, glänzend unterstützt.



Stephen Merchant verleiht dem Albino Caliban Tiefe und weckt eindrucksvoll Mitgefühl für die geschundene Kreatur, während die Bösewichter Pierce und Rice – entgegen der Faszination, die vom Bösen meistens ausgeht – ein bisschen blass bleiben, aber Boyd Holbrook holt das Beste aus seiner Rolle heraus, die nicht wirklich darauf angelegt ist, den Guten die Schau zu stehlen.


Patrick Stewart gelingt es, die angeschlagene Autorität von Charles Xavier durch kleine Gesten, Blicke aber vor allem seine beeindruckende Präsenz aufrecht zu erhalten. Seine Wortgeplänkel mit Logan geben den Film immer wieder inmitten der ganzen Schwere eine fast heitere Leichtigkeit, die hoffentlich nicht zu subtil für den ein oder anderen Zuschauer bleibt, der nur das blutige Gemetzel im Blick hat.



Dafne Keen in ihrer ersten Rolle schafft es in beeindruckender Weise, Lauras Entwicklung vom stummen, verstört wirkenden kleinen Mädchen mit Killer-Klauen und einer niedrigen Impulskontrolle zur immer stärker werdenden Heldin zu zeigen, die am Ende glaubhaft die neue Zukunft der Mutanten verkörpert.



Und schließlich beweist Hugh Jackman zum Abschluss seines Logan-Lebens noch einmal, wie sehr er sich die Figur des Logan über all die Jahre zu eigen gemacht hat. Er lässt uns allein durch den Blick in sein von vielen Kämpfen geschundenes Gesicht seine ganze Geschichte erkennen, alle Facetten, die dieser in keiner Weise eindimensionale Charakter zu bieten hat. Die Natur hat aus ihm einen Freak gemacht, die Menschen formten daraus eine Waffe und Gott hat ihn das alles viel zu lange ertragen lassen, diesen ganzen (Welt)Schmerz, der in seinem Schicksal steckt, zeigt sich in seinen Augen, aber auch in seiner ganzen Mimik und Gestik. Dazu gibt es noch einmal ein letztes eindrucksvolles Aufbäumen seiner immer schwächer werdenden Kräfte bei seinem finalen furiosen Kampf und die Konfrontation mit seinem letzten Gegner, bis zu seinem bewegenden Ende in den Armen Lauras. 





Nature made me a freak.

Man made me a weapon.

And God made it last too long.


Regie: James Mangold 
Drehbuch: Scott Frank & James Mangold, Michael Green
b/a story von James Mangold
Kamera: John Mathieson, BSC
Produktionsdesign: François Audouy
Musik: Marco Beltrami

Darsteller: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Richard E. Grant, und erstmals: Dafne Keen



Kinostart: ab 02. März 2017

Twentieth Century Fox in Association with Marvel Entertainment


Dienstag, 24. Januar 2017

Film-Rezensionen: Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen


Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen



Das amerikanische Kino liebt Helden und ihre Geschichten. Wie selbstverständlich denkt man dabei an gestandene Männer, die gen Westen reiten, Verbrecher jagen oder in den Weltraum fliegen, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Dass zu Letzterem auch eine Reihe unbekannter Heldinnen einen wichtigen Beitrag geleistet haben, dürfte nur den wirklich eingeweihten Kennern des amerikanischen Weltraumprogramms bekannt sein. Dieser Film erzählt ihre Geschichte.


Die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren das Jahrzehnt des „Space Race“ – Russen und Amerikaner arbeiteten fieberhaft daran, einen Menschen auf den Mond zu befördern. Es war aber auch das Jahrzehnts der Rassenunruhen in den USA, der fortschreitenden Emanzipation der Frau und allgemein der Beginn eines weitreichenden gesellschaftlichen Wandels.


Unter Präsident Lyndon B. Johnson wurde zwischen 1964 und 1968 die Rassentrennung zwar offiziell aufgehoben und der afroamerikanischen Bevölkerung die vollständige verfassungsrechtliche Gleichberechtigung zugesprochen. Ein gleichberechtigtes Leben war aber noch lange nicht selbstverständlich, jeder einzelne Schritt war ein mühsamer Kampf, um Teilhabe, um Anerkennung, um Selbstverständlichkeiten, wie dieselbe Toilette benutzen zu dürfen. Wer es also geschafft hat, in dieser Zeit mit afroamerikanischen Wurzeln und als Frau Karriere im Raumfahrtprogramm zu machen, der musste schon Außergewöhnliches leisten, um überhaupt eine Chance zu haben.

Und genau dies gelingt den Protagonistinnen des Films „Hidden Figures“, den drei mathematisch und naturwissenschaftlich hoch begabten Frauen Katherine Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe), als sie einen entscheidenden Teil dazu beitragen, dass John Glenn als erster US-Astronaut die Erde umrundet – und heil zurückgebracht wird.

Kurz vor Einsatz des ersten IBM Computers bewältigen Scharen von Mathematikern und eben auch Mathematikerinnen unendlich lange Rechenoperationen mit Stift und Papier. Dabei beweist Katherine Johnson ein mathematisches Genie, das es erst zu entdecken gilt, denn selbstverständlich begegnen ihr die männlichen Kollegen und Konkurrenten – allen voran der von Jim Parsons dargestellte Paul Stafford – mit abgrundtiefer Skepsis. Erst als sie ihren Chef Al Harrison (Kevin Kostner) überzeugt hat, vertraut man ihr so sehr, dass der Astronaut John Glenn erst nach ihren Berechnung bereit ist („Get the girl to check the numbers“), in den Orbit aufzusteigen, und das, nachdem das erste IBM Ungetüm bereits seinen Dienst aufgenommen hat.

Dorothy Vaughan, die bereits seit langem Führungsaufgaben wahrnimmt, allerdings ohne den dazugehörigen Status und ohne das entsprechende Gehalt, gelingt es, sich als erste Frau mit den neuen Aufgaben, die durch die Inbetriebnahme von Computern entstehen, vertraut zu machen und die drohende Arbeitslosigkeit ihrer rechnenden Kolleginnen durch Computerschulungen abzuwenden, während Mary Jackson ein Hindernis nach dem anderen ausräumt, bis sie es ebenfalls schafft und als Ingenieurin anerkannt wird.



„Hidden Figures“ – der Titel spielt auf die im Verborgenen agierenden Heldinnen an, aber auch auf die komplizierten Rechenoperationen, die von ihnen bewältigt wurden – setzt allen Menschen ein Denkmal, die jedem Widerstand zum Trotz ihre Wünsche und Ziele verfolgen, unabhängig von Geschlecht oder Hautfarbe. Dabei bleibt der Film unterhaltsam und schüttelt jegliche Schwere ab, die dem Thema innewohnt. Leicht und mit einer Portion (Galgen)Humor durcheilt er so eine Dekade, die für Vieles den Startschuss gegeben hat.
Eine Menge ist seither erreicht worden, die heute absurd anmutenden Auswüchse der Rassen- und Frauendiskriminierung sind in vielen Bereichen überwunden, aber ist die Szene, in der Katherine Johnson an ihrem ersten Arbeitstag als neue Putzfrau angesehen wird und von den Kollegen zunächst einmal einen nicht geleerten Papierkorb in die Hand gedrückt bekommt, heute wirklich undenkbar? Es bleibt also genug zu tun, so dass man sich noch nicht zurücklehnen kann –  außer in seinem Kinosessel, um sich nach dem Film immer wieder sagen zu können: Genie kennt keine Herkunft. Stärke kein Geschlecht. Mut keine Grenzen.

Regie: Theodore Melfi
Drehbuch: Allison Schroeder + Theodore Melfi, b/a Buch von Margot Lee Shetterly
Kamera: Mandy Walker
Musik: Hans Zimmer, Pharrell Williams, Benjamin Wallfisch
Darsteller:
Taraji P. Henson: Katherine Johnson
Octavia Spencer: Dorothy Vaughan
Janelle Monáe: Mary Jackson
Kevin Kostner: Al Harrison
Jim Johnson: Mahershala Ali
Jim Parsons: Paul Stafford
Kirsten Dunst: Vivian Mitchell
Glen Powell: John Glenn
Deutscher Filmstart: 02.02.2017