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Mittwoch, 17. Juni 2026

Im Kino: The Death of Robin Hood

Nach einem Leben als Outlaw und einem finalen blutigen Gemetzel gelangt der gezeichnete Robin Hood (Hugh Jackman) unter die Fürsorge der Nonne Brigid (Jodie Comer), die sich auf einer kleinen Insel um Leprakranke und andere Hilflose kümmert. Er ist nie der edle Rächer der Witwen und Waisen gewesen, als der er in allen kursierenden Geschichten dargestellt wurde, vielmehr war er es, der sie alle zu Witwen und Waisen gemacht hat, und das auf seinen Raubzügen Erbeutete hat er lieber selbst verprasst, als es den Armen zu geben. Nun sieht er sich immer mehr den auf Rache sinnenden Nachkommen seiner Opfer gegenüber, doch keinem von ihnen scheint es vergönnt, ihm die selbst ersehnte Erlösung zu verschaffen, vielleicht findet er diese bei der guten Frau Brigid, die ihn aufgenommen hat…

Man muss sich rigoros vom Bild verabschieden, das wahrscheinlich jeder bisher von Robin Hood hatte, dem im Grunde gutherzigen Hallodri, der den Reichen nahm, um es den Armen zu geben, denn hier wird eine Legende so unnachgiebig demontiert wie selten und das, zumindest zu Beginn, mit unbeschreiblicher Brutalität und Härte. Einige der heftigen Szenen hätten durchaus eine FSK-Freigabe ab 18 gerechtfertigt.

Aber dann geht es für den Rest des Films eher ruhig weiter, wenn der von einer schweren Verletzung Genesende seine innere Abkehr sucht und findet und in Gesprächen mit Brigid oder einem Leprakranken sein bisheriges Leben reflektiert. Er, der sich auch nie gescheut hat, Kinder zu meucheln, kümmert sich um die Ziehtochter seines alten Gefährten Little John (Bill Skarsgård) und bringt einen jugendlichen Rächer von seinen Plänen ab, ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, irgendwann den Teufelskreis von Schuld und Rache und neuer Schuld zu durchbrechen, weil es sonst immer weitergeht mit dem sinnlosen Morden.

Die ganze Bandbreite dieses widersprüchlichen Charakters namens Robin Hood wird von einem großartigen Hugh Jackman eindrucksvoll verkörpert, der wieder einmal beweist, welch hervorragender und vielseitiger Darsteller er seit Jahren ist, es bleibt zu hoffen, dass ihm dieser Film auch einmal die lang verdienten Auszeichnungen beschert. Jodie Comer und der übrige Cast können ebenfalls überzeugen, vielleicht gelingt es dem Film nicht, über seine ganze Länge hin, die Spannung hochzuhalten, aber sehenswert ist er dennoch, allein wegen seiner Akteure und der Dekonstruktion einer Legende sowie dem Versuch, zu erklären, wie Mythen entstehen.

 

  Regie: Michael Sarnoski

Drehbuch: Michael Sarnoski

Kamera: Pat Scola

Schnitt: Andrew Mondsheim

Musik: Jim Ghedi

 Besetzung:

Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, Katie Breen, Noah Jupe,

 

A24/ DCM Film

2026

123 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 18. Juni 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=vcfOZhYvwKg (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=tlSDDuWxO_0 (Englisch)

Donnerstag, 14. Mai 2026

Im Kino: Glennkill: Ein Schafskrimi (The Sheep Detectives)

Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) liebt seine Tiere, sorgt für sie und liest ihnen abends Bücher, vorzugsweise Krimis, vor. Als er eines Tages ermordet vor seinem Wohnwagen liegt, nehmen die Schafe unter Leitung der klugen Lily die Ermittlungen auf und stupsen den in ihren Augen etwas begriffsstutzigen örtlichen Ermittler langsam aber sicher auf die richtige Spur.

Vor zwanzig Jahren landete die deutsche Autorin Leonie Swann mit ihrem Kriminalroman „Glennkill“ einen Überraschungserfolg, nun also kommt die filmische Umsetzung in die Kinos, die sich allerdings in vielen Punkten von der Vorlage unterscheidet. Die Schafsnamen wurden eingedeutscht, angefangen von der schlauen Miss Maple - eine Anlehnung natürlich an die beliebte britische Senioren-Detektivin, aber auch an eine gewisse Vorliebe für Ahornsirup - die zur etwas nichtssagende Lily wird, bis hin zur Entschärfung von Schäfer Georges Todesursache und der Kappung einiger Handlungsfäden, um das Ganze etwas übersichtlicher zu gestalten.

Herausgekommen ist dennoch ein äußerst liebenswertes, familientaugliches Märchen, mit skurrilen Dörflern und einem, wenn auch eher simplen, aber durchaus unterhaltsam gestrickten Krimiplot, bei dem statt eines Detektivs vom Typus Benoit Blanc eine gewitzte Schafsdame ihr durch viele Krimilesungen geschultes Kombinationsvermögen eindrucksvoll ausspielt.

Hugh Jackman ist großartig als warmherziger und seine Schafe liebender Hirte, die deutsche Fassung wartet mit den Synchronstimmen von Anke Engelke und Bastian Bastewka auf, die sich beide vorab mächtig ins Zeug gelegt haben, um für den Film zu werben. Vor allem aber sind es die wunderbar animierten Tierfiguren, die einfach nur Spaß machen, nichts wirkt gekünstelt, alles ist selbstverständlich und holt die Zuschauer mühelos auch auf einer emotionalen Ebene ab, wenn das zunächst zurückgestoßene Winterlamm seinen Platz in der Gemeinschaft findet.  

Ein Wohlfühlfilm für schlechte Zeiten!

 

  

 

Regie: Kyle Balda

Drehbuch: Craig Mazin, b/s Roman von Leonie Swann

Kamera: George Steel

Schnitt: Al LeVine, Paul Machliss, Martin Walsh

Musik: Christophe Beck

 Besetzung:

Hugh Jackman, Tosin Cole, Conleth Hill, Hong Chau, Nicholas Braun

Stimmen Original: Patrick Stewart, Regina Hall, Bella Ramsey, Chris O’Dowd, Bryan Cranston, Julia Louis-Dreyfus

Deutsch: Thomas Nero Wolf, Anke Engelke, Bastian Pastewka

 

Working Titel Films, Sony Pictures Entertainment Germany

2026

109 min.

FSK 6

Deutscher Kinostart: 14. Mai 2026

 Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=tHzWthdeOqo (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=pyZI5oM6hWk (Englisch)

 

Dienstag, 6. Januar 2026

Im Kino: Song Sung Blue

Der Vietnam-Veteran und trockene Alkoholiker Mike Salinas (Hugh Jackman) verdient sein Geld Ende der 1980er Jahre als Automechaniker in Milwaukee. Seine eigentliche Leidenschaft ist jedoch die Musik und er tritt bei lokalen Tribute-Shows als Double diverser Gesangsstars auf, wo er eines Tages auf die Friseurin Claire (Kate Hudson) trifft, die als Country-Sängerinnen-Imitatorin unterwegs ist. Beide beschließen, als Duo „Lightning & Thunder“ eine Neil-Diamond-Gedächtnis-Show aufzuziehen und sind damit sogar recht erfolgreich. Auch privat stimmt die Chemie und man heiratet, alles läuft wunderbar, aber dann schlägt das Schicksal unbarmherzig zu und plötzlich ist alles in Frage gestellt, wofür die beiden so hart gekämpft haben…

Trotz der Vielzahl an Neil-Diamond-Songs ist dies keineswegs ein Biopic über den weltberühmten Sänger, wohl aber über das kaum bekannte Gesangsduo Mike und Claire Sardinas, über dessen Leben hier erzählt wird. Neben schmissingen Musiknummern, bei denen sowohl Hugh Jackman als auch Kate Hudson alles geben und glänzen dürfen, gibt es eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte, ganz viel Leidenschaft, für Bühne und Show sowie füreinander, in weiten Teilen also ein absoluter Wohlfühlfilm, mit leichter Hand und einer guten Portion Humor inszeniert.

Aber auch die dunklen Phasen, mit denen das Paar dann plötzlich konfrontiert wird, lassen den Film nicht kippen, sondern geben ihm eine zunächst nicht geahnte Tiefe, und immer wenn man denken mag, hier hat das Drehbuch etwas zu dick aufgetragen – es ist wirklich so passiert.

Wer zum Jahresbeginn und den damit verbundenen trüben Tagen einen Stimmungsaufheller braucht, ist bei diesem Film, trotz der stellenweisen tragischen Momente, gut aufgehoben, es gibt zu lachen, zu weinen und jede Menge gute Laune, vor allem einen unbändigen Optimismus, den das so vom Schicksal gebeutelte Paar und sein Umfeld von Familie und Freunden ausstrahlt.   


 Regie: Craig Brewer

Drehbuch: Craig Brewer,b/a Dokumentation von Greg Kohs

Kamera: Amy Vincent,

Schnitt: Billy Fox

Musik: Scott Bomar

 Besetzung:

Hugh Jackman, Kate Hudson, Ella Anderson, Hudson Hensley, King Princess, Michael Imperioli, Fisher Stevens, Jim Belushi, Mustafa Shakir

 

UIP/ Universal Pictures International

2025

132 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 08. Januar 2026 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=8DG-8WXqIKg (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=ZqU7iiHFCzw (Englisch)

Mittwoch, 24. Juli 2024

Im Kino: Deadpool & Wolverine

Wade Wilson (Ryan Reynolds) lebt im Kreis alter Freunde als Autoverkäufer ein unspektakuläres Leben, bis eines Tages die TVA (Time Variance Authority) vor seiner Tür steht und ihm eröffnet, dass nach dem Tod von Logan (Hugh Jackman) die gesamte Timeline, in der er sich befindet – und möglicherweise auch alle anderen – in höchster Gefahr ist, ausgelöscht zu werden. Was tun? Man kann Logan ja schlecht wieder ausgraben. Oder vielleicht doch? Oder doch besser in den Tiefen des Multiversums nach einem noch brauchbaren Wolverine suchen? Klingt genauso bescheuert, aber einen Versuch ist es immerhin wert…

Zugegeben, dieser Plot klingt auf den ersten Blick nicht so wahnsinnig intelligent – und auf den zweiten auch nicht – aber wenn es sonst immer um die Rettung der Welt, der Menschen oder des Universums geht, warum sollten die (Comic)Figuren sich nicht mal um ihre eigene Welt und die immer sehr kompliziert gestalteten Zeitschienen kümmern, wenn diese in Gefahr sind.

Damit fällt der Startschuss für eine irrwitzige und – zumindest für Fans der Metaebene, die die vielen offenen und versteckten Hinweise erkennen und einordnen können – auch irrsinnig komische Tour-de-Force durch alle Höhen und Tiefen des MCU, wobei letzteres zwar leider den aktuellen Stand beschreibt, was sich aber hoffentlich mit diesem Film wieder ändern wird.

Hier bekommt jeder sein Fett weg, gleichzeitig ist es aber auch eine liebevolle Aufarbeitung von mehr als zwanzig Jahren Marvel-Geschichte, der seinerzeit die erste X-Men-Verfilmung als Initialzündung diente, damals noch unter der Ägide der 20th-Century-Fox, die mittlerweile ja auch vom Disney-Konzern kannibalisiert wurden, was ebenfalls viel Raum für böse Witze und Anspielungen bietet. Viele Charaktere bekommen einen Gastauftritt, mehr oder weniger lang und manchmal mit einem abrupten Ende, allein für die Durchdringung dieses irrwitzigen Wimmelbildes lohnt mit Sicherheit ein zweiter Kinobesuch, wir tauchen sogar in fremde Welten ein, wie zum Beispiel solche mit ganz starken madmaxischen Bezügen, schaut einfach selbst und staunt!

Da wir uns aber eben auch im Deadpool Universum bewegen, gibt es etliche krasse Kampfszenen, da wo Wolverine früher mit seinen Krallen zwar auch schnitzeln durfte, aber aus Gründen der FSK-12-Freigabe nie auch nur ein Tropfen Blut zu sehen war, wird dieses nun zusammen mit jeder Menge Körperteilen großzügig über die Leinwand verteilt, das ist sich der Held mit der großen Klappe einfach schuldig.

Das Highlight dieses Films ist aber das großartige Team der beiden so unterschiedlichen Superhelden Deadpool und Wolverine, vor allem weil sie von Ryan Reynolds und Hugh Jackman, deren Chemie anscheinend auch im privaten Bereich stimmt, so unwiderstehlich verkörpert werden, dass man von diesem Traum-Duo nicht genug bekommen kann, da bleiben die beiden den Erwartungen, die durch die etwas dünne Handlung vielleicht etwas enttäuscht wird, am Ende nichts schuldig!

Und natürlich, nicht gleich beim Abspann aufspringen, der dabei gleichzeigt ablaufende nostalgische Blick zurück auf alte X-Men-Szenen ist wie ein Blättern im Familienalbum, das mehr als nostalgische Gefühle weckt – und vielleicht gibt es ja ganz am Ende auch noch eine nette Überraschung…

 


 Regie: Shawn Levy

Drehbuch: Shawn Levy, Rhett Reese, Ryan Reynolds, Zeb Wells, Paul Wernick, b/a auf den Charakteren von Rob Liefeld und Fabian Nicieza

Kamera: George Richmond

Schnitt: Shane Reid, Dean Zimmerman

Musik: Rob Simonsen

 

Besetzung:

Ryan Reynolds, Hugh Jackman, Emma Corrin, Morena Baccarin, Rob Delaney, Karan Soni, Leslie Uggams, Matthew Macfadyen, Blake Lively, Shioli Kutsuna, Dafne Keen, Tyler Mane, Jennifer Garner, Henry Cavill, Chris Evans, Kelly Hu, Channing Tatum, Wesley Snipes

 

Marvel Studios/ 20th Century Studios/ Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

127 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 24. Juli 2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=7FaB2ePAwcc (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=73_1biulkYk (Englisch)

Mittwoch, 27. September 2023

Heimkino: The Son

Nach der Scheidung von seiner Frau Kate (Laura Dern) lebt der erfolgreiche Anwalt Peter (Hugh Jackman) in einer neuen Partnerschaft mit der jüngeren Beth (Vanessa Kirby), wo es auch bereits Nachwuchs gibt. In dieses Glück tritt eines Tages Peters Sohn Nicholas (Zen McGrath) aus seiner Ehe mit Kate, ein Teenager, der seiner Mutter in letzter Zeit nur noch Schwierigkeiten macht. Peter ist sofort bereit, sich um den Jungen zu kümmern, nicht ahnend, welcher Art die Schwierigkeiten tatsächlich sind, und ist völlig überfordert damit, seinem Sohn zu helfen…

Florian Zellers Adaption eines weiteren seiner eigenen Theaterstücke nach „The Father“ knüpft in keiner Weise an den Vorgängerfilm an, auch wenn Anthony Hopkins in einer Szene als Peters Vater besetzt ist, dieser Vater hat ebenfalls mit der Figur aus dem vorherigen Film nichts zu tun, dies nur zur Klarstellung vorweg.

Hier widmet sich Zeller dem schwierigen Thema „Depression“ und bewegt sich damit auf äußerst prekärem Terrain. Manchem wird dies vielleicht – weil selbst familiär betroffen – als zu schmerzhaft erscheinen, zumal es sich auch noch um Depressionen von Teenagern handelt, aber die eigentliche Tragik des Films liegt nicht in der Tatsache der Krankheit des Sohnes an sich – die natürlich für sich gesehen schlimm genug ist – sondern darin, was die Situation für dessen Vater bedeutet.

Peter nämlich ist mit einem Arschloch-Vater (Anthony Hopkins) gestraft, der sich nie um seine Familie gekümmert hat, in einem Treffen zwischen beiden verkehren sich die Rollen und man erkennt, dass eigentlich Peter der – titelgebende – Sohn ist, der seinem Vater nichts entgegenzusetzen hat. So war das Wichtigste für ihn, dessen Fehler zu vermeiden und alles besser zu machen, was ihm seiner Meinung nach auch erfolgreich gelungen war, wie Rückblicke auf unbeschwerte Tage zeigen, Ausflüge und Urlaube mit dem kleinen Nicholas, der das glücklichste Kind gewesen zu sein schien. 

Aus diesem Grund erkennt Peter Nicholas‘ Krankheit nicht als solche, sondern sieht darin sein eigenes Versagen als Vater, womöglich ausgelöst durch die Scheidung, gepaart mit den üblichen Teenagerproblemen wie Drogen oder Liebeskummer. Damit gäbe es eine Erklärung für das Unerklärbare, was jedoch ein fataler Irrtum ist, was alle Betroffenen irgendwann feststellen müssen, und dies macht der Film auch schmerhaft bewusst. Erst wenn man bereit ist, die Depression voll und ganz als Krankheit zu begreifen, ist der Weg frei für eine professionelle Therapie, aber manchmal kommen dieser Ansatz und diese Erkenntnis eben zu spät.

Der Film bietet keine leichte Kost, ist aber eindringlich und dicht, er setzt dabei nicht auf ein theaterhaftes Kammerspiel, sondern führt immer wieder auch hinaus in die Außenwelt, verengt sich dann aber immer weiter auf sein bitteres Ende hin, das zwar nicht unerwartet aber dennoch aus dem Nichts zu kommen scheint.

Zu verdanken hat der Film seine Intensität den durchweg guten Darstellern, vor allem Hugh Jackman beweist einmal mehr seine Vielseitigkeit. Sein Porträt eines durch alle Höhen und Tiefen gehenden Menschen ist eindrucksvoll und bewegend, ungeschminkt und pur. Leider scheint ihm auch dieses Mal, wie schon so oft – man denke nur an seine Leistungen in dem Villeneuve-Film „Prisoners“ oder noch früher in Darren Aronofskys „The Fountain“ – die verdiente Anerkennung dafür versagt zu bleiben. Obwohl es nach der Uraufführung des Films bei den Festspielen in Venedig 2022 viel Lob für ihn gab, geht er auch in der diesjährigen Awards Season leer aus. Es scheint, dass sich bei den „wichtigen“ Preisverleihungen sich die JurorInnen offensichtlich mehr von viel Schminke, Fatsuits und sonstiger Verkleidung beeindrucken lassen, wie die Auszeichnungen der letzten Jahre jedenfalls nahe legen. Ungeachtet dessen ist „The Son“ großartiges Schauspielerkino im besten Sinne, ein Kammerspiel mit Tiefgang.

 

 Regie: Florian Zeller

Drehbuch: Christopher Hampton, Florian Zeller b/a Theaterstück von Florian Zeller

Kamera: Ben Smithard

Schnitt: Yorgos Lamprinos

Musik: Hans Zimmer

 

Besetzung:

Hugh Jackman, Laura Dern, Zen McGrath, Vanessa Kirby, Anthony Hopkins

 

Leonine  

USA 2022

123 min.

FSK 12

 

Seit 12.05.2023 als DVD, Blu-ray und digital erhältlich

Bonusmaterial: Interviews mit Cast & Crew sowie Kino-Trailer

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=cYDqE38sMMM (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=SJWRY4DzoAQ (Englisch)

 

Mittwoch, 25. Januar 2023

Im Kino: The Son

Nach der Scheidung von seiner Frau Kate (Laura Dern) lebt der erfolgreiche Anwalt
Peter (Hugh Jackman) in einer neuen Partnerschaft mit der jüngeren Beth (Vanessa Kirby), wo es auch bereits Nachwuchs gibt. In dieses Glück tritt eines Tages Peters Sohn Nicholas (Zen McGrath) aus seiner Ehe mit Kate, ein Teenager, der seiner Mutter in letzter Zeit nur noch Schwierigkeiten macht. Peter ist sofort bereit, sich um den Jungen zu kümmern, nicht ahnend, welcher Art die Schwierigkeiten tatsächlich sind, und ist völlig überfordert damit, seinem Sohn zu helfen…

Florian Zellers Adaption eines weiteren seiner eigenen Theaterstücke nach „The Father“ knüpft in keiner Weise an den Vorgängerfilm an, auch wenn Anthony Hopkins in einer Szene als Peters Vater besetzt ist, dieser Vater hat ebenfalls mit der Figur aus dem vorherigen Film nichts zu tun, dies nur zur Klarstellung vorweg.

Hier widmet sich Zeller dem schwierigen Thema „Depression“ und bewegt sich damit auf äußerst prekärem Terrain. Manchem wird dies vielleicht – weil selbst familiär betroffen – als zu schmerzhaft erscheinen, zumal es sich auch noch um Depressionen von Teenagern handelt, aber die eigentliche Tragik des Films liegt nicht in der Tatsache der Krankheit des Sohnes an sich – die natürlich für sich gesehen schlimm genug ist – sondern darin, was die Situation für dessen Vater bedeutet.

Peter nämlich ist mit einem Arschloch-Vater (Anthony Hopkins) gestraft, der sich nie um seine Familie gekümmert hat, in einem Treffen zwischen beiden verkehren sich die Rollen und man erkennt, dass eigentlich Peter der – titelgebende – Sohn ist, der seinem Vater nichts entgegenzusetzen hat. So war das Wichtigste für ihn, dessen Fehler zu vermeiden und alles besser zu machen, was ihm seiner Meinung nach auch erfolgreich gelungen war, wie Rückblicke auf unbeschwerte Tage zeigen, Ausflüge und Urlaube mit dem kleinen Nicholas, der das glücklichste Kind gewesen zu sein schien. 

Aus diesem Grund erkennt Peter Nicholas‘ Krankheit nicht als solche, sondern sieht darin sein eigenes Versagen als Vater, womöglich ausgelöst durch die Scheidung, gepaart mit den üblichen Teenagerproblemen wie Drogen oder Liebeskummer. Damit gäbe es eine Erklärung für das Unerklärbare, was jedoch ein fataler Irrtum ist, was alle Betroffenen irgendwann feststellen müssen, und dies macht der Film auch schmerhaft bewusst. Erst wenn man bereit ist, die Depression voll und ganz als Krankheit zu begreifen, ist der Weg frei für eine professionelle Therapie, aber manchmal kommen dieser Ansatz und diese Erkenntnis eben zu spät.

Der Film bietet keine leichte Kost, ist aber eindringlich und dicht, er setzt dabei nicht auf ein theaterhaftes Kammerspiel, sondern führt immer wieder auch hinaus in die Außenwelt, verengt sich dann aber immer weiter auf sein bitteres Ende hin, das zwar nicht unerwartet aber dennoch aus dem Nichts zu kommen scheint.

Zu verdanken hat der Film seine Intensität den durchweg guten Darstellern, vor allem
Hugh Jackman beweist einmal mehr seine Vielseitigkeit. Sein Porträt eines durch alle Höhen und Tiefen gehenden Menschen ist eindrucksvoll und bewegend, ungeschminkt und pur. Leider scheint ihm auch dieses Mal, wie schon so oft – man denke nur an seine Leistungen in dem Villeneuve-Film „Prisoners“ oder noch früher in Darren Aronofskys „The Fountain“ – die verdiente Anerkennung dafür versagt zu bleiben. Obwohl es nach der Uraufführung des Films bei den Festspielen in Venedig 2022 viel Lob für ihn gab, geht er auch in der diesjährigen Awards Season leer aus. Es scheint, dass sich bei den „wichtigen“ Preisverleihungen sich die JurorInnen offensichtlich mehr von viel Schminke, Fatsuits und sonstiger Verkleidung beeindrucken lassen, wie die Auszeichnungen der letzten Jahre jedenfalls nahe legen. Ungeachtet dessen ist „The Son“ großartiges Schauspielerkino im besten Sinne, ein Kammerspiel mit Tiefgang.

 


 Regie: Florian Zeller

Drehbuch: Christopher Hampton, Florian Zeller b/a Theaterstück von Florian Zeller

Kamera: Ben Smithard

Schnitt: Yorgos Lamprinos

Musik: Hans Zimmer

 

Besetzung:

Hugh Jackman, Laura Dern, Zen McGrath, Vanessa Kirby, Anthony Hopkins

 

Leonine

USA 2022

 123 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 26. Januar 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=cYDqE38sMMM (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=SJWRY4DzoAQ (Englisch)

 

 

Dienstag, 24. August 2021

Im Kino: Reminiscence - Die Erinnerung stirbt nie (Reminiscence)

Miami in nicht allzu ferner Zukunft: Der Privatdetektiv Nick Bannister (Hugh Jackman) bedient sich beim Aufspüren von Personen und anderem einer neuen Technik, indem er die Erinnerungen seiner Klienten erforscht und in einem 3D-Holodeck zu neuem Leben erweckt. Seine Auftraggeber sind Privatpersonen, aber auch schon einmal die Polizei, der er auf diese Weise bei ihren Ermittlungen hilft. Unterstützt wird er dabei von seiner Assistentin Emily (Thandiewe Newton), die ihn vergeblich vor einer neuen Kundin namens Mae (Rebecca Ferguson) warnt. Nick verliebt sich sofort unsterblich in Mae, aber nach einer kurzen, heftigen Affäre ist sie plötzlich verschwunden und Nick gerät trotz seiner Ermittlungsmethoden bald an seine Grenzen, als er versucht Maes dunkle Geheimnisse aufzudecken.

„Reminiscence“ ist ein Film-Noir mit Science-Fiction-Elemente – wahlweise auch umgekehrt – eingebettet in eine wunderschöne Liebesgeschichte mit ebenso geheimnisvollen wie verstörenden Elementen. Die Kulisse der durch den angestiegenen Meeresspiegel bereits halb in den Fluten versunken Stadt Miami bietet in faszinierenden Bildern einerseits einen Ausblick in unsere Zukunft, andererseits liefert es die Erklärung, weshalb Nicks Klienten offensichtlich lieber in der Vergangenheit als in der Gegenwart leben und sich in einem Wasserbecken mithilfe seiner Technik in ihre Erinnerungen flüchten. Dabei ist die ansatzweise anklingende Kritik an den zu erwartenden Verhältnissen, wenn sich reiche Menschen die letzten trockenen Plätze sichern, während alle andere langsam absaufen, lediglich der Aufhänger für eine fast schon nostalgisch aufgebaute Detektivgeschichte, bei der der Detektiv seine Arbeit und seine Gedanken gerne aus dem Off kommentiert. Es gibt deutliche Anklänge an „Blade Runner“ im Dauerregen oder das unter extremem Wassermangel leidende Los Angeles in „Chinatown“, wo es jeweils auch mehr um menschliche Abgründe und verzwickte menschliche Beziehungen geht, als um ökologische Probleme. „Reminiscence“ reiht sich insofern ein in die Reihe zeitloser Geschichten von Liebe, Leidenschaft, Verlust und Verrat, angereichert um einige cool bebilderte futuristische Elemente. 

Die Geschichte folgt ansonsten in bewährter Gumshoe-Tradition einem kurvenreichen Plot, verwoben mit leichten „Inception“-Momenten, wobei der Figur des Nick Bannister vielleicht ein wenig der zynische, desillusionierte Ansatz eines Philip Marlowe oder Sam Spade fehlt, aber den hatte Rick Deckard auch nicht. Dafür darf Hugh Jackman seine vielleicht stärkste Waffe einsetzen, seine Stimme (insofern ist natürlich die Originalfassung des Films unbedingt zu empfehlen), mittels derer er in betörender Weise verspricht: „You're going on a journey. A journey through memory. Your destination? A place and time you've been before. To reach it, all you have to do is follow my voice.“ Aber auch Rebecca Ferguson darf ihre Stimme einsetzen, durch ihre gleichzeitig lasziv und verträumt vorgetragene Version des alten Ohrwurms „Where or When“ (hier vielleicht eine Hörprobe für alle, die es nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=iyfWlX9Dv2k  ), mit dem sie Nick den Kopf verdreht, ein Lied, das – man ahnt es schon – Erinnerungen weckt, die ihm leider nicht gut tun. Hugh und Rebecca geben ein schönes Paar ab, dem leider – wie es sich in einer richtig guten Liebesgeschichte gehört – keine Happy End vergönnt ist, was Nick Bannister bereits ziemlich früh erkennt: „No such thing as a happy ending. All endings are sad. Especially if the story was happy“

Alles in allem ist der Regisseurin Lisa Joy, Co-Schöpferin der erfolgreichen „Westworld“-Serie, in ihrem ersten Spielfilm ein vielversprechendes Debüt gelungen, bei dem sie am Ende vielleicht etwas zu viel wollte und einige Erinnerungssequenzen nicht ganz stimmig sind, aber ihre coole Bildsprache und die gelungene Auswahl ihrer Protagonisten machen Lust auf mehr. Vor allem ist es erfrischend, trotz aller Zitate und  Anspielungen einmal wieder ein originäres Werk zu sehen, das nicht Teil einer der endlosen Fortsetzungs- und Vorgeschichtenorgien ist oder die Neuauflage eines schon einmal gesehenen Films!

 



 

Regie: Lisa Joy

Drehbuch: Lisa Joy

Kamera: Paul Cameron

Schnitt: Mark Yoshikawa

Musik: Ramin Djawadi

 

Cast:

Hugh Jackman, Rebecca Ferguson, Thandiwe Newton, Cliff Curtis, Marina de Tavira, Daniel Wu

 

USA 2021

Warner Bros. Pictures Germany

116 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 26. August 2021

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=_BggT--yxf0

Copyright Bilder: Warner Bros. Pictures