Blog-Archiv

Dienstag, 4. Juli 2017

Film-Rezensionen: Die Erfindung der Wahrheit (Miss Sloane)


In Deutschland setzen sich Berufsverbände für ihre Mitglieder ein, um Einfluss auf Politiker und Gesetzgebung zu nehmen. Diese Lobbyisten arbeiten im Verborgenen, aber ihre Macht ist riesengroß. In den USA gibt es Kanzleien, die gegen entsprechendes Honorar bei dieser Arbeit helfen.


Elisabeth Sloane (Jessica Chastain) ist Lobbyistin, und sie ist eine der besten. Hat sie einen Auftrag angenommen, verbeißt sie sich erbarmungslos in die Aufgabe, bis sie erreicht hat, was man von ihr erwartet. Lobbyarbeit bedeutet für sie, die Pläne des Gegners vorherzusehen und immer einen Schritt schneller zu sein. Sie ist hart gegen andere und hart gegen sich selbst, ihr Privatleben reduziert sich auf regelmäßige Treffen mit einem Callboy (Jake Lacy).

Als eines Tages Vertreter der Waffenhersteller vorstellig werden, denen sehr daran gelegen ist, ein anstehendes Gesetz zu verhindern, in dem geregelt werden soll, dass Waffenkäufer registriert und persönlich überprüft werden müssen, scheint Elisabeth genau die Richtige, um diesen Job zu übernehmen.

Aber zur Überraschung aller und zum Entsetzen ihres Seniorpartners George Dupont (Sam Waterston) lehnt Elisabeth diesen Auftrag nicht nur ab, sondern wechselt die Seiten, indem sie bei der sehr viel kleineren Agentur Peterson Wyatt anheuert, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, das Gesetz auf den Weg zu bringen. Ihr neuer Chef Rodolfo Schmidt (Mark Strong), kann sein Glück nicht fassen, als er nicht nur Elisabeth selbst auf seine Seite bekommt, sondern einen Teil ihres alten Teams, das sie in einer bemerkenswerten Aktion überredet, ihr zu folgen. Lediglich ihre engste Mitarbeiterin Jane (Alison Pill) sieht die Chance gekommen, sich von Elisabeth zu emanzipieren und entscheidet sich gegen sie.
 
Sechzig Senatoren müssen für das Gesetz stimmen. Ein Teil hat sich bereits festgelegt, um jeden Unentschlossene wird mit allen Mitteln und in mühevoller Kleinarbeit gekämpft. Elisabeth kennt alle Tricks und hat keine Scheu, sie anzuwenden. Aber ihre alten Kollegen sind nun ihre Gegner und da diese ebenfalls nicht zimperlich sind, gelingt es, Elisabeth mit Interna aus ihrem vorherigen Job zu kompromittieren. Plötzlich sieht sie sich auf der Anklagebank in einem Korruptionsverfahren unter der Leitung des ehrenwerten Senators Sperling (John Lithgow), eine mindestens fünfjährige Haftstrafe droht. Allerdings ist der Senator nicht ganz so ehrenwert, und ob am Ende ein Sieg oder eine Niederlage steht, ist ein spannendes Spiel, bei dem die Karten immer wieder neu gemischt werden…
 
Der Film ist hart und kalt wie seine Protagonistin, ein politisches Katz- und Mausspiel mit überraschenden Wendungen, in dem die Akteure Ideen und Worte in einem zeitweise atemberaubenden Tempo abfeuern. Das Geflecht von Politik und Wirtschaft wird als der Sumpf präsentiert, den man sich genau so vorstellt. Dennoch ist der Film hochspannend, als Zuschauer ist man hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für das hochprofessionelle Engagement aller und Abscheu über die eingesetzten Mittel.

Jessica Chastain verleiht Elisabeth Sloane eine intensive Präsenz, aber es ist schwer, sich für sie zu erwärmen. Wir erfahren nicht wirklich, warum sie sich zu einer vehementen Gegnerin der Waffenlobby macht, ob es ihre persönliche Einstellung ist, oder doch nur die Herausforderung in einer aussichtlos scheinenden Sache als Siegerin vom Platz zu gehen.

Obwohl Chastain den Film gnadenlos dominiert, ist dies natürlich kein Frauenfilm. Die Figur Elisabeth Sloane zeichnet das Porträt eines Machtmenschen, der es beruflich ganz nach oben bringen will und auf dem Weg dahin müssen Männer wie Frauen offensichtlich dieselben Mechanismen bedienen. Wer ein hochgestecktes Ziel erreichen will, so die Botschaft, muss hart und skrupellos sein, möglichst ohne private Bindungen, reicht die erforderliche Energie nicht aus, gibt es entsprechende Pillen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der angestrebte Erfolg verwerflich, gerechtfertigt oder ethisch neutral ist, entscheidend ist, alles dafür zu geben.


Regie: John Madden 
Drehbuch: Jonathan Perera 
Kamera: Sebastian Blenkov
Produktion: Ariel Zeitoun 
Darsteller: Jessica Chastain, Mark Strong, Sam Waterston, Gugu Mbatha-Raw, Alison Pill, John Lithgow, Jake Lacy, Michael Stuhlbarg
 
USA 132 Minuten 
Deutscher Start: 06. Juli 2017
http://www.die-erfindung-der-wahrheit-film.de/

Freitag, 30. Juni 2017

Film-Rezensionen: Their Finest (Ihre beste Stunde)

Der Film führt uns zurück in das Jahr 1940, London leidet unter dem Krieg und den Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe. Das Kino hat in diesen Zeiten die wichtige Rolle, etwas zur positiven Stimmung der Bevölkerung beizutragen, aber die zu diesem Zweck unter der Aufsicht des Informationsministeriums produzierten Propagandafilme, in denen tapfere Männer und aufopferungsvolle Frauen den Durchhaltewillen der Zuschauer wecken und stärken sollen, wirken verlogen und kommen nicht recht an. Das Gebot der Stunde lautet „Authentizität“ und „Optimismus“.

Um diese Botschaft besser zu transportieren soll dem rein männlichen Autorenteam um den zynischen Tom Buckley (Sam Claflin) eine Frau zur Seite gestellt werden. Damit möchte man vor allem die vielen weiblichen Kriegsarbeiterinnen an der Heimatfront ansprechen, und so bekommt die Werbetexterin Catrin Cole (Gemma Arterton) die Chance, beim Film anzuheuern. Sie braucht den Job, um sich und ihren Ehemann Ellis (Jack Huston), einen vielversprechenden, aber erfolglosen Künstler über Wasser zu halten. Seine Bilder vom Schrecken des Krieges stoßen in der aktuellen Situation auf wenig Resonanz.
Catrin lässt sich von der arroganten Haltung Tom Buckleys, der von dem geforderten „Schmalz“ nicht viel hält, nicht abschrecken und macht sich unverdrossen ans Werk. Auf der Suche nach einer Story für den nächsten Film stößt man auf eine auf wahren Ereignissen basierende Geschichte, bei der zwei junge englische Zwillingsmädchen sich mit dem altersschwachen Boot ihres ebensolchen Vaters auf den Weg über den Ärmelkanal gemacht haben sollen, um bei der Evakuierung tausender englischer Soldaten aus dem eingekesselten französischen Dünkirchen zu helfen.
Catrin wird zur Recherche an die englische Küste geschickt, wo sie feststellen muss, dass die heroische Tat leider nicht ganz so abgelaufen ist, wie sie in den Zeitungen zu lesen war. So erlitt das Boot der Mädchen bereits auf halbem Weg einen Motorschaden und musste von heimkehrenden Evakuierungstruppen nach Hause geschleppt werden.

Aber die Geschichte ist zu schön, als dass man sie einfach aufgeben könnte, und im Folgenden wird daraus mit Inbrunst eine Story gestrickt, die alles beinhaltet, was die gebeutelten Menschen sehen und hören wollen, gespickt mit großen Gefühlen und heroischem Patriotismus. Catrin wirft ihre anfänglichen Bedenken bezüglich der historischen Ungenauigkeiten bald über Bord und macht sich enthusiastisch ans Werk, dient ihr Projekt letztlich doch dem höheren Ziel, Menschen im Elend der Kriegswirren wieder Mut und Hoffnung zu geben. Mit ihren Schreiberqualitäten überzeugt sie auch bald Tom Buckley, und so entwickelt sie sich mehr und mehr zu einer gleichberechtigten Kollegin, ein früher Schritt auf dem Weg zu einer beruflichen Emanzipation der Frauen. 
 
Eine brauchbare Darstellerriege zusammenzustellen ist in Kriegszeiten keine leichte Aufgabe, wenn die meisten jungen Männer an der Front sind. Es gelingt, den alternden, charismatischen und etwas selbstverliebten Ambrose Hilliard (Bill Nighy) zu gewinnen, der schon bessere Tage gesehen hat und zunächst wenig begeistert ist, aber man schreibt ihm eine schöne Rolle, mit der er schließlich zufrieden ist. Als Helden erfindet man die Figur des Soldaten Johnnie (Hubert Burton), der, selbst aus Dünkirchen herausgeholt, die Zwillinge auf ihrer dramatischen Schicksalsfahrt vor dem drohenden Schiffbruch bewahren soll, begleitet von einem kleinen Hund, den er in Frankreich in einer besonders anrührenden Szene vor dem sicheren Tod gerettet hat. Damit sind die Kriterien „Authentizität“ und „Optimismus“ erfüllt, als Zugabe ein kleiner Hund, was kann da noch schief gehen!
 
Catrin reist mit dem Filmteam zum Set an die Küste, wo die große Evakuierungsszenen gedreht werden, denn das Drehbuch muss ständig angepasst werden, je nachdem, welche Schwierigkeiten sich ergeben oder welche neuen Anforderungen seitens des Ministeriums eingebracht werden. So besteht der Kriegsminister (Jeremy Irons in einem Kurzauftritt) darauf, dass ein Amerikaner in die Handlung eingebaut werden müsse, um auch das amerikanische Publikum anzusprechen, schließlich bietet der dortige Markt ein immenses Potential. Ungeachtet der Tatsache, dass in Dünkirchen keine Amerikaner beteiligt waren, engagiert man kurzerhand einen hochdekorierten Kampfflieger namens Carl Lundbeck (Jake Lacy). Lundbeck, ein blonder, blauäugiger Amerikaner mit norwegischen Wurzeln, der auch in jeden Propagandafilm der Nazis passen würde, ist zwar im Luftkampf ein Ass, am Set jedoch ein hoffnungsloser Dilettant, was es notwendig macht, seinen ursprünglichen Text auf das absolut Notwendige zu reduzieren. Außerdem wird Ambrose Hilliard von Catlin überredet, Lundbeck Nachhilfe zu geben, was dieser zunächst nur widerwillig, dann aber mit immer mehr Vergnügen übernimmt. 

Während ihrer Abwesenheit bekommt Catrins Mann endlich die Gelegenheit, seine Bilder auszustellen und sie hat ein schlechtes Gewissen, nicht dabei sein zu können, aber ihre Arbeit geht vor. Je enger allerdings Catrin mit Buckley zusammenarbeitet, desto mehr scheint sich dieser für sie zu interessieren, und nach und nach entdeckt auch Catrin hinter seiner rauen Schale dessen charmantere Seiten. Als sich schließlich herausstellt, dass Catrin und Ellis gar nicht verheiratet sind, scheint der Weg für Buckley frei zu sein, aber aus Loyalität zu Ellis wehrt Catrin Buckleys Avancen ab. Selbst in einer wunderbar kitschig-romantischen Mondscheinszene am Meer widersteht sie und reist zurück nach London. Dort ertappt sie allerdings ihren Mann mit einer anderen Frau im Bett, damit ist dieses Kapitel für sie beendet. Der Weg für Catrin und Buckley wäre damit frei, aber dann muss Catrin schmerzhaft erfahren, dass das Drehbuch des Lebens seiner eigenen Dramaturgie folgt und sich leider nicht nach den eigenen Wünschen umschreiben lässt…

Der Film „Ihre beste Stunde“, basierend auf dem Roman „Their Finest Hour and a Half“ von Lissa Evans, hat alles, was ein guter Film haben muss. Er bietet Drama, Komödie und Romanze, und schafft es spielerisch leicht, all diese Elemente in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen.

Er macht sich liebevoll und mit ironischem Witz über das Filmemachen lustig, ohne dabei die Beteiligten lächerlich zu machen und ist eine Liebeserklärung an das Kino und seine magische Wirkung. Er wirft einen nostalgischen Blick zurück in Britanniens schwerste, aber auch tapferste Stunden, verkneift sich dabei jedoch jegliche Sentimentalität, dies sicher ein Verdienst der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, die genügend Nähe zu ihrem Thema hat, aber als Nicht-Britin auch die nötige Distanz.
Es gibt romantische Szenen im Wechsel mit durchaus realistischen, wenn die Zerstörung und der Schrecken der Bombenangriffe ganz nah an die Protagonisten heranrücken.

Die hervorragenden Darsteller runden das Bild ab. Gemma Arterton und Sam Claflin überzeugen in ihren Duellen um Worte und der Entwicklung ihrer persönlichen Beziehung und Bill Nighy schafft es einmal mehr, eine nuancierte Darstellung abzuliefern, die seine Figur eines eitlen und selbstverliebten Schauspielers nicht zur Karikatur werden lässt, sondern zu einem zwar exzentrischen aber am Ende sympathischen Charakter.

Der feine Humor kommt nie mit dem Holzhammer daher, die dramatischen Episoden rühren genauso wie die sentimentalen und so ist „Ihre beste Stunde“ ein kleines Meisterwerk geworden, einer der schönsten und unterhaltsamsten Filme dieses Jahres.

Regie: Lone Scherfig 
Drehbuch: Gaby Chiappe  
Kamera: Sebastian Blenkov
Musik: Rachel Portman 
Kostüme: Charlotte Walter 
Hair & Make Up: Elizabeth Yianni Georgiou
Darsteller: Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill Nighy, Jake Lacy, Jack Huston, Helen, Jeremy Irons

GB 117 Minuten
Deutscher Kinostart: 06. Juli 2017













Film-Rezensionen: Despicable Me 3 (Ich - Einfach unverbesserlich 3)


Im dritten Teil der beliebten Reihe haben sich Gru und seine Kollegin Lucy, mit der er auch privat verbandelt ist, zusammen mit den drei Adoptivtöchtern Margo, Edith und Agnes in ihrem neuen Familienleben eingerichtet. Gru und Lucy arbeiten nach wie vor bei der Anti-Schurken-Liga. Als es Gru nicht gelingt, den aktuellen Bösewicht Balthazar Bratt dingfest zu machen, wird er von der neuen Leiterin der Liga gefeuert. Aus Solidarität stellt sich Lucy auf seine Seite – und dann sind plötzlich beide arbeitslos.


Die Minions, die natürlich wieder mit von der Partie sind, hoffen darauf, dass Gru sich nun erneut dem Schurkentum zuwendet, aber Gru hat damit, wie er versichert, endgültig abgeschlossen. Er versinkt ob seiner Arbeitslosigkeit in einer Depression, diese Gunst der Stunde nutzen die kleinen Helfer zu einer Meuterei, aufgestachelt und angeführt von Minion Mel. Sie verlassen Gru, um sich selbständig zu machen, lediglich Jerry und Dave, die den Aufstand vertrödelt haben, bleiben an seiner Seite.
  
Unerwartet bekommt Gru die Nachricht vom Tod seines Vaters, zu dem er keinen Kontakt hatte. Zu seiner großen Überraschung erfährt er von einem Zwillingsbruder namens Dru, den er nie kannte, weil die Eltern nach ihrer Trennung jeweils eines der Kinder bei sich behielten.

Gru, Lucy und die Mädchen nehmen Drus Einladung an, ihn in seiner Heimat Freedonia zu besuchen, und dort erleben alle fünf eine Überraschung nach der anderen, denn Freedonia ist ein buntes Land mit äußerst bunten und eigenartigen Bewohnern.

Dru entpuppt sich als Schönling mit vollem, blonden Haar, umwerfendem Charme und unermesslichem Reichtum, also in jeder Hinsicht das Gegenteil von Gru, was nicht geeignet ist, diesen aus seiner miesen Stimmung zu reißen. Aber Dru gesteht, dass er von ihrem Vater nie anerkannt worden sei, er möchte nun nach dessen Tod von Gru lernen, wie man ein richtiger Schurke wird. Gru zögert zunächst, lässt sich aber darauf ein, um endlich den Bösewicht Balthazar Bratt zur Strecke zu bringen.
 
Es folgen haarsträubende Abenteuer der beiden im schrägen Freedonia, aber auch der abtrünnigen Minions, die alleine nicht unbedingt besser zurecht kommen. So mischen sie eine Casting-Show und anschließend den Knast auf, in dem sie alle zusammen landen.

Der Film ist gewohnt bunt und laut, bietet aber auch nette Moment, in denen es um Familienbande und Familiengefühle geht. Lucy versucht ihrer neuen Mutterrolle gerecht zu werden, während Gru und Dru immer wieder mit brüderlicher Konkurrenz und Eifersüchteleien zu kämpfen haben, bis sie sich schließlich zusammenraufen. Beide akzeptieren sich am Ende wie sie sind, versuchen nicht mehr, so zu sein, wie der andere und machen auch nicht mehr ihre Eltern für ihr Schicksal verantwortlich, eine schönes Beispiel von gelungener Familientherapie.

Balthazar Bratt, der gewohnt gerissene Schurke in dieser Geschichte, ist ein ehemaliger Kinderstar der 80ger Jahre, dessen hoffnungsvolle Karriere im Fernsehen abrupt beendet war, als sich Pickel und Stimmbruch einstellten. Seither versucht er verzweifelt ein Comeback und als ihm dieses nicht gelingt, beginnt er einen fürchterlichen Rachefeldzug gegen Hollywood, den am Ende nur Gru stoppen kann.
 
Wer die beiden ersten Filme liebte, wird auch diesen dritten Teil mögen, er sprudelt, wie gewohnt, über vor Ideen und von den Minions bekommt man ohnehin nie genug.

 











Regie: Pierre Coffin, Kyle Balda 
Drehbuch: Cinco Paul & Ken Daurio; Eric Guillon 
Musik: Heitor Pereira
Originalsongs und Themen: Pharrell Williams 
Sprecher (Original): Steve Carell, Kristen Wiig, Trey Parker, Miranda Cosgrove, Dana Gaier, Nev Scharrel, Steve Coogan, Julie Andrews, Jenny Slate, Andy Nyman 
Sprecher (Deutsch): Oliver Rohrbeck, Martina Hill, Joko Winterscheidt, Friedel Morgenstern, Zalina Sanchez Decke, Hannah Kunze, Marco Rima, Kerstin, Sanders-Dronseif, Lilian Klebow, Julien Bam



USA 96 Minuten
Ohne Altersbeschränkung
Deutscher Kinostart: 06. Juli 2017

Dienstag, 6. Juni 2017

Film-Rezensionen: Ein Kuss von Béatrice (Sage-Femme)

Claire (Catherine Frot) arbeitet mit Leib und Seele als Hebamme, hat einen Sohn (Quentin Dolmaire), der Medizin studiert und scheint mit sich und der Welt zufrieden, die ihr ein Auskommen und Seelenfrieden bietet, nicht mehr und nicht weniger. Sie raucht und trinkt nicht, isst kein Fleisch und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie lebt in einer kleinen, bescheidenen Wohnung in einem Hochhauskomplex und liebt ihren Kleingarten vor der Stadt. Die Avancen des dortigen Nachbarn Paul (Olivier Gourmet) weist sie zurück, sie will eigentlich nur ihre Ruhe. 

Doch nichts bleibt, wie es ist, alles verändert sich, und so erfährt sie eines Tages, dass ihre Station im Krankenhaus geschlossen werden soll, dafür erhält sie das Angebot, in eine neue, moderne Geburtsklinik zu wechseln. Ihr Sohn eröffnet ihr, dass seine Freundin von ihm schwanger ist, weswegen er sein Studium abbrechen möchte, und mit der Ruhe ist es für Claire endgültig vorbei, als aus heiterem Himmel eine Frau namens Béatrice (Catherine Deneuve) über ihr Leben hereinbricht.

Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein, Claire ist zurückhaltend, leise und bescheiden, während es für Béatrice nicht laut genug sein kann. Sie strotzt trotz ihres fortgeschrittenen Alters vor Energie, ist exaltiert, lebenslustig und sprunghaft, gewinnt und verliert Geld beim Kartenspiel in finsteren Spelunken. Aber Claire und Béatrice haben einen gemeinsamen Berührungspunkt in der Vergangenheit, denn Béatrice war die Geliebte von Claires Vater und alle drei haben eine Zeit lang zusammengelebt, als Claire noch ein Teenager war. Eines Tages war Béatrice dann plötzlich verschwunden, worauf sich der Vater das Leben nahm. Zu ihrer Mutter hat Claire kein gutes Verhältnis, daher waren Béatrice und ihr Vater, ein ehemaliger Olympia-Schwimmer, die wichtigsten Bezugspunkte in ihrem Leben. Als Béatrice nun aus heiterem Himmel wieder auftaucht, kommt diese Vergangenheit wieder hoch , mit der Claire eigentlich abgeschlossen hatte. Allerdings, wie es mit der Vergangenheit so ist, man wird sie nie ganz los, und wenn sie in Gestalt einer Powerfrau wie Béatrice daherkommt, lässt sie sich erst recht nicht abschütteln. 

Während Claire vernunftbetont ist und die meisten Vergnügungen ihr suspekt sind, hat Béatrice das Leben in vollen Zügen genossen. Der Preis, den sie dafür zu zahlen hat – denn man weiß ja, dass es keinen Genuss ohne Reue gibt – ist, dass sie nun im Alter allein ist, ohne Familie, aber auch ohne Freunde, denn die hat sie auf ihrem furiosen Lebensweg stets hinter sich zurück gelassen. Claire, die Tochter, die sie nie hatte, scheint die Einzige, die Béatrice, die an einem Hirntumor erkrankt ist, nun noch zur Seite stehen könnte. Die Frage ist, ist diese dazu bereit?

Béatrice und Claire stehen gleichnishaft für die Grille und die Ameise aus der Fabel von Jean de La Fontaine. Jeder Zuschauer mag für sich selbst entscheiden, ob ihm die Moral dieser Geschichte gefällt, das Urteil wird wohl im Einklang mit der eigenen Lebensphilosophie ausfallen.

Regisseur Provost stellt zwei Frauen einander gegenüber, die zwar über einen gemeinsamen Mann verbunden waren, ihren Weg aber alleine gesucht und gefunden haben. Gab es in Béatrices Leben wahrscheinlich genug Männer, so kamen und gingen sie, wie es ihr gefiel. Claire ist alleinerziehend und zeigt kein Interesse an einer weiteren Beziehung. Erst durch den Schwung, den Béatrice in ihr Leben bringt, lässt sie sich
zögernd auf ihren Nachbarn Paul ein. Überhaupt bricht erwartungsgemäß nach und nach eine Schale auf und ganz vorsichtig kommt eine andere Claire zum Vorschein, vielleicht ist das die letzte späte Aufgabe, die Béatrice in ihrem Leben in Angriff nimmt, ausnahmsweise einmal nicht ihren eigenen egoistischen Interessen folgend. Es regt sich am Ende sogar etwas wie eine rebellische Ader in Claire, als sie das Angebot der neuen Geburtsklinik, von ihr als „Fabrik“ verabscheut, ausschlägt und tatsächlich mit ihrem Freund Paul darüber nachdenkt, etwas ganz Neues zu wagen.

Der Film fließt trotz aller Exaltiertheit von Béatrice ruhig dahin, wie die Seine, die hier, außerhalb von Paris, nichts mit der lauten Großstadt zu tun hat, vielleicht für manchen Zuschauer zu ruhig und zu lang. Aber wenn man sich darauf einlässt, gibt es schöne Szenen und anrührende Momente, wie zum Beispiel jener, als Claires Sohn Simon, der seinem Großvater als Schwimmer nacheifert, seinen Kopf durch die Tür steckt, als Claire und Béatrice alte Dias betrachten, und für einen Moment sein Gesicht mit dem an die Wand geworfenen Abbild seines Vaters zu verschmelzen scheint, diese bitter-süße Reminiszenz trifft Béatrice mit voller Wucht.

Die Entwicklung von Claire ist es, die der Film in langen Sequenzen ausbreitet, aber das Leben ist nun einmal ein langsamer Prozess. Bis zur Geburt eines neuen Menschen vergeht Zeit, und bis er seine endgültige Gestalt gefunden hat, dauert es noch viel länger. Es wird erkennbar, dass die beiden Frauen keine Gegensätze bilden, sondern vom Schicksal – oder vom Leben, das sie geführt haben – dazu bestimmt sind, einander zu ergänzen und am Ende das eigene Leben abzurunden.

Regisseur Martin Provost hat daher nicht zufällig den Beruf der Hebamme für Claire gewählt. Der französische Titel ermöglicht ein Wortspiel, so bedeutet „sage-femme“ einerseits „Hebamme“, andererseits umschreibt der Ausdruck „sage femme“ eine kluge, vernünftige oder besonnene Frau, all das ist Claire. Es gibt aber auch noch einen persönlichen Bezug des Regisseurs zu dem Berufsstand, denn nach eigener Aussage hat ihm bei seiner Geburt eine Hebame durch ihre Blutspende das Leben gerettet. Da er sie trotz aller Bemühungen später nicht auffinden konnte, wollte er ihr in diesem Film ein Denkmal setzen, indem er diese Geschichte in seine Handlung einfließen lässt.

Die Geburtsszenen, die Claires Arbeitsalltag ausmachen, verklären nicht das Wunder der Geburt, sondern zeigen ein realistisches Bild: geboren wird man unter Schmerzen und braucht bei diesem Prozess kundige, helfende Hände. Auch danach bedarf es noch lange Zeit der Fürsorge, bis man sein Lebenskonzept gefunden hat. Ob es das richtige war, muss jeder am Ende für sich selbst herausfinden. 


Der Film feierte bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb (außer Konkurrenz) seine Weltpremiere.

Regie: Martin Provost 
Drehbuch: Martin Provost 
Musik: Grégoire Hetzel
Darsteller: Catherine Frot, Catherine Deneuve, Olivier Gourmet, Quentin Dolmaire, Mylène Demongeot 

117 Minuten
Deutscher Start: 08. Juni 2017

Mittwoch, 31. Mai 2017

Film-Rezensionen: Gregs Tagebuch - Böse Falle! (Diary of a Wimpy Kid - The Long Haul)




Nach „Diary of a Wimpy Kid“ (2010), „Rodrick Rules“ (2011) und „Dog Days“ (2012) ist „The Long Haul“ der vierte Film, der auf der erfolgreichen Kinderbuchreihe des amerikanischen Autors Jeff Kinney basiert, in welcher der kleine Greg Heffley sein Leben in einer amerikanischen Durchschnittsfamile beschreibt.


Der bisherige Greg-Darsteller ist mittlerweile der Rolle entwachsen, Fans der Reihe müssen sich daher auf eine komplett andere Besetzung einstellen, da bei dieser Gelegenheit auch die übrigen Akteure neu besetzt wurden.


Nach eigener Aussage hatte Jeff Kinney bereits beim Schreiben des aktuellen Bandes die Bilder für eine Verfilmung im Kopf, was ihn veranlasste, die Familie diesmal aus ihrem gewohnten Umfeld herauszuführen und auf einen abenteuerlichen dreitägigen Road-Trip im familieneigenen Minivan zum 90. Geburtstag der Ur-Oma zu schicken. Da der Wagen mit fünf Familienmitgliedern – Mutter Susan, Vater Frank, Greg, seinem älteren Bruder Rodrick und Baby-Bruder Manny – nur noch wenig Platz für Gepäck bietet, wird kurzerhand ein Bootsanhänger samt Boot angehängt, genug Stauraum für alles, was man auf dieser Reise glaubt mitnehmen zu müssen.



Wer jemals in der klaustrophobischen Enge eines Fahrzeug mit Leuten gefangen war, die man zwar einerseits gern hat, die einem aber gleichzeitig absolut auf die Nerven gehen, kann sich vorstellen, dass diese Fahrt kein reines Vergnügen für alle wird. Erschwerend kommt hinzu, dass Mutter Susan beschließt, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Familie einander wieder näher zu bringen und als erste Maßnahme alle Handys einsammelt. Ihre anschließenden Bemühungen, mit lustigen Spielen und gemeinsamen Gesängen die auf den Nullpunkt gesunkene Stimmung aufzuhellen, sind selbstverständlich zum Scheitern verurteilt. Da aber auch Vater Frank zwischendurch wichtige geschäftliche Kontakte pflegen muss, entwickelt sich zumindest zwischen den Männern der Familie gelegentlich eine verschwörerische Allianz.



Greg träumt davon, im Internet berühmt zu werden, zunächst geht allerdings ein äußerst peinliches Video von ihm viral, in dem er mit einer Windel kämpft. Diese Schmach kann nur durch ein cooleres Video getilgt werden. Hierzu benötigt er die Hilfe von Mega-Youtuber Mac Digby, Star der diesjährigen Player’s Expo. Als Greg herausfindet, dass diese Spielemesse quasi am Rande ihrer Reiseroute liegt, braucht es nur eine kleine Manipulation des Navis, und eine Tagesetappe führt die Familie direkt dorthin…



Die gesamte Reise ist im übrigen gespickt mit kleinen und größeren Katastrophen. Eine andere Familie, mit der Greg bei ihrer ersten Übernachtung in einem Motel aneinander gerät, kreuzt danach ständig ihren Weg, Greg leidet unter seinem Bruder Rodrick, bis sich für den Besuch auf der Player’s Expo zwischen beiden ebenfalls eine temporäre Allianz bildet. 


Die Familie erleidet Schiffbruch, man verliert Gepäck und Nerven, gewinnt ein Ferkel auf einer Kirmes, verliert gegen eine Schar Möwen und Mutter Susan sieht ihre Bemühungen, die Familie in Harmonie zu vereinen, krachend scheitern.


Trotzdem erreichen sie am Ende mit einer spektakulären Aktion Ur-Omas Geburtstag und haben begriffen, was sie über alle Klippen und Hindernisse hinweg ans Ziel geführt hat: der Zusammenhalt als Familie. Die Rückfahrt zeigt eine zusammengeschweißte Gemeinschaft beim anfangs verpönten gemeinsamen Gesang – Mission erfüllt!



Der Film bietet solide Unterhaltung auf leicht pubertärem Niveau. Es gibt eine Vielzahl von Versatzstücken: Handypause als erzieherische Maßnahme, berühmt werden als Youtube-Star, nervende Eltern, nervende Kinder, nervende Teenager und jede Menge Situationen, die jeder auf dem Weg in den Familienurlaub sicher selbst schon erlebt hat, und damit sind nicht die abenteuerlichen Katastrophen gemeint, sondern die kleinen und größeren Reibereien zwischen Eltern und Kindern und die zwischen Geschwistern untereinander.

Die Dramaturgie des Films bietet im übrigen nicht wirklich Überraschendes, trotz aller Dramen, die geschehen, weil alle Ansätze dafür früh erkennbar sind. Die Botschaft am Ende gibt dennoch vielleicht der ein oder anderen gestressten Familie Mut, es weiter miteinander zu versuchen, denn auch wenn man glaubt, nicht viel gemeinsam zu haben, man gehört halt doch zusammen.




Regie: David Bowers
Drehbuch: Jeff Kinney, David Bowers 
Kamera: Anthony B. Richmond 
Darsteller: Jason Drucker, Alicia Silverstone, Tom Everett Scott, Charlie Wright, Owen Asztalos


20th Century Fox, 91 Minuten 
Deutschlandstart: 01. Juni 2017

Dienstag, 11. April 2017

Film-Rezensionen: Verleugnung (Denial)


Der Film basiert auf der wahren Geschichte der amerikanischen Universitätsprofessorin Deborah E. Lipstadt, die an der Emory University in Atlanta, USA, Jüdische Zeitgeschichte unterrichtet und sich der Holocaustforschung widmet. In ihrem 1993 erschienenen Buch „Betrifft: Leugnen des Holocaust“(Denying the Holocaust) bezeichnet sie den  britischen Autor und Journalisten David Irving als „Holocaustleugner“.
 
Irving ist der Verfasser einer Reihe von Büchern über den Nationalsozialismus, in denen er unter anderem die Thesen vertritt, dass Hitler nichts von der Vernichtung der Juden wusste und dass es Gaskammern und Krematorien zum Zweck der Tötung von Juden in Auschwitz nicht gegeben hat. 

Dieser Irving fühlt sich durch Deborahs Buch beleidigt und verleumdet, woraufhin er sie und ihren Verlag Penguin Books vor einem britischen Gericht verklagt.

Der Film zeichnet den Prozess in seinem spannenden Verlauf nach, in dem sich Deborah (gespielt von der wunderbaren Rachel Weisz) durch die Besonderheit des britischen Rechtssystems, dass bei Verleumdungsklagen die Beweislast stets beim Angeklagten liegt, vor die Aufgabe gestellt sieht, Beweise für den Holocaust und die Vernichtungseinrichtungen in Auschwitz liefern zu müssen, um den Vorwurf Irvings (Timothy Spall) zu entkräften.
 
Eine weitere Besonderheit des britischen Gerichtssystems ist die strikte Trennung von beratenden und prozessführenden Anwälten, so dass sich Deborah von einer Schar von Anwälten umgeben sieht. Das Team der den Prozess vorbereitenden Solicitors wird angeführt von dem smarten Anthony Julius (Andrew Scott), ein sogenannter Barrister in Gestalt von Richard Rampton (Tom Wilkinson) übernimmt dann die eigentliche Verteidigung vor Gericht. Auf der anderen Seite ist Irving eitel genug, seine Sache selbst zu vertreten, diese Eitelkeit lässt ihn auch – erster taktischer Sieg der Solicitors – auf die Bestellung einer Jury verzichten, so dass nur ein Einzelrichter an dem Verfahren beteiligt ist, von dessen juristischem Sachverstand man sich einen Vorteil gegenüber einer Juryentscheidung erhofft.

Entgegen Deborahs drängendem Wunsch soll sie selbst nicht im Verfahren aussagen, ebenso wenig wie Holocaust-Überlebende. Auf den ersten Blick erscheint dies widersinnig, denn wer, wenn nicht sie, hätten einen authentischeren Blick auf Auschwitz und die Vernichtungslager liefern können, und es kostet die Anwälte viel Überredungskraft, Deborah davon zu überzeugen, dass man Irving dieses „Festmahl“ nicht servieren darf, an dem er sich delektiert hätte, um durch seine Wortgewandtheit seine Überlegenheit zu demonstrieren.

Mit Menschen wie Irving, die Meinung zu Fakten machen, darf man sich nicht auf emotionale Szenarien einlassen, bei denen sie immer gewinnen. Man kann nur den unendlich mühsamen Weg gehen, ihre Behauptungen, Meinungen, ihre verquasten und verdrehten „alternativen Fakten“ durch handfeste Fakten, Daten und Zahlen zu widerlegen, bis ihnen am Ende die viele heiße Luft, mit der sie sich aufgeblasen haben, entweicht und sie auf ihr Normalmaß zusammenschrumpfen. 
 
Es ist ein Vergnügen und eine Genugtuung, den Akteuren vor Gericht dabei zuzusehen, und es ist ein Verdienst des Films, dass es erneut gelungen ist, aus einem vermeintlich trockenen Gerichtsdrama ein aufwühlendes Erlebnis zu machen.

Regie: Mick Jackson
Drehbuch David Hare 
Musik: Howard Shore 
Produktionsdesign: Andrew McAlpine
Darsteller: Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott

http://www.verleugnung-film.de/

110 min 
Kinostart: 13. April 2017

Film-Rezensionen: Gold



 ...wenn die Erde aus Gold wäre, würden die Menschen sterben für eine Handvoll Dreck…
  
Diese Weisheit aus dem Film „Der Garten des Bösen“ von Henry Hathaway sollte die ewige Gier nach dem glänzenden Edelmetall relativieren, aber jede Geschichte, die sich mit der Suche nach Gold beschäftigt, lässt sie gleichzeitig bezweifeln.
  
Auch dieser Film möchte zeigen, dass neben den Zockern der Wallstreet, die dem großen Geld nachjagen, die eigentlich Getriebenen diejenigen sind, die einem Zauber verfallen, den eben nicht der öde Geldschein oder die abstrakte Zahl auf dem Kontoauszug widerspiegeln kann, nämlich dem des Goldes!
  
Es ist das Jahr 1981 und wir lernen einen solchen Glücksritter in Gestalt von Kenny Wells (Matthew McConaughey) kennen, der die gut laufende Firma seines Vaters, die Washoe Mining Corporation in Reno, nach dessen Tod übernimmt und sie stetig herunterwirtschaftet, bis sie 1988 schließlich vor dem Ruin steht. Nach dem geschäftlichen folgt der private Absturz, er beginnt zu trinken und geht jedem um sich herum auf die Nerven, bis er eines Tages im Vollrausch einen Traum von Indonesien hat, der ihn einen immensen Goldschatz finden lässt. Traum und Wirklichkeit gehen ineinander über, er versetzt den Schmuck seiner Freundin Kay (Bryce Dallas Howard) und fliegt nach Indonesien, um dort einen Geologen namens Mike Acosta (Edgar Ramirez) zu treffen, nach dessen „Ring-of-Fire“Theorie man angeblich Bodenschätze aufspüren kann.

Er schafft es, Acosta für eine Goldsuche im Dschungel von Borneo zu interessieren und zusammen unternehmen sie eine Expedition den Fluss hinauf, den die Eingeborenen „Upstream Gold“ nennen. Tief im Urwald stoßen sie auf einen Ort, der dem in Kennys Traum gleicht und Acosta beginnt mit Hilfe angeheuerter Arbeiter mit dem Schürfen nach Gold, während Kenny zu Hause in den USA Geld für die Finanzierung besorgen soll.

Als der Erfolg bei der Goldsuche zunächst ausbleibt, bleiben auch die Investoren zurückhaltend und Kenny gelingt es kaum, genug Geld für die Bezahlung der Arbeiter aufzutreiben. Aber dann signalisiert Acosta das Unglaubliche: Goldfund im Dschungel ! – und es kann losgehen. Jetzt reißen sich plötzlich alle darum, mit in das Geschäft einzusteigen und Kenny kann sich vor Geld kaum retten. Seine alte Firma wird reaktiviert und soll an die Börse gebracht werden, die Gier greift wie eine Krankheit um sich und infiziert alles und jeden, und bald hat Kenny die größten Fische an der Angel, die sich um ihn und seine Firma reißen. Doch die Fische sind Haie und als Kenny, der kleine Goldfisch, aus Eigensinn und Eitelkeit ein Angebot über 300 Millionen Dollar für die Übernahme seiner Firma ausschlägt, nur weil diese dann nicht mehr unter seinem Namen laufen soll, geht es plötzlich so steil nach unten, wie es eben noch hinauf gegangen ist. Der abgewiesene Investor lässt seine Beziehungen spielen, die Mine in Indonesien bekommt plötzlich ihre Lizenz entzogen und muss geschlossen werden, der Anfang vom Ende ist nah. Aber Kenny und Acosta gelingt es, das fallende Messer noch einmal aufzufangen, bevor es zu große Wunden reißt, indem sie sich an Danny Suharto, den jüngsten Sohn des damaligen Diktators Suharto, heranmachen und mit seiner Hilfe noch einmal ins große Spiel zurückkehren, bis eines Tages das FBI bei Kenny vor der Tür steht, weil Freund Acosta plötzlich verschwunden ist und mit ihm 164 Millionen…

Es ist ein Film, der von Gier und Leidenschaft erzählt, den Antriebsfedern für große Unternehmungen, er bietet grandiose Landschaftsbilder vom Dschungel in Indonesien und glitzernde Einblicke auf ausschweifende Partys in New York, aber er reißt sein Publikum nie wirklich mit und hinein in diesen wahnsinnigen Sog von Geld, Erfolg, mit Aufstieg in schwindelerregende Höhen, zwischenzeitlichem Absturz und anschließendem Wiederauferstehen, eine Geschichte die wie für großes Kino gemacht scheint.

Jedoch, entgegen der Leidenschaft, die den Goldsucher antreibt, hat der Film nichts von dieser Faszination anzubieten. Die grandiosen Landschaftsbilder im indonesischen Dschungel zerlaufen im Dauerregen, und einige Figuren wie der zwielichtige Acosta bleiben farblos. Das größte Manko könnte jedoch der Protagonist Kenny Wells selbst sein. Matthew McConaughey ist seit seiner Wandlung vom seichten Darsteller in ebensolchen Liebesschmonzetten darauf bedacht, mit möglichst drastischen körperlichen Veränderungen seinen neuen Rollen gerecht zu werden. So hungerte er sich für den Film „Dallas Buyers Club“ in kurzer Zeit 23 kg ab und wurde dafür prompt mit der Oscar-Trophäe belohnt. Aber das Rezept sollte man nicht überstrapazieren. Für „Gold“ hat er sich eine Wampe angefuttert sowie Halbglatze und schiefe Zähne verpassen lassen. War der Gewichtsverlust für einen HIV-Infizierten nachvollziehbar, macht seine jetzige Verwandlung Kenny Wells zu einer schlechten Karikatur eines Glücksritters, dem der Zuschauer keinerlei Sympathie entgegen bringen kann. Ein Hochstapler muss nicht hübsch sein, aber er braucht Charisma, und das vermisst man bei Kenny Wells gänzlich. Man nimmt ihm den Menschenfänger einfach nicht ab, wenn er unentwegt quasselt und deliriert, von allem zu dick aufgetragen, ist Kenny kein liebenswerter Verlierer, sondern ein schmieriger Schwätzer, damit hat McConaughey seiner Figur und letzlich auch dem Film bedauerlicherweise keinen Gefallen getan. 


Regie: Stephen Gaghan
Drehbuch: Patrick Massett, John Zinman
Kamera: Robert Elswitt
Darsteller: Matthew McConaugehey, Edgar Ramirez, Bryce Dallas Howard, Macon Blair, Stacy Keach, Coey Stoll



121 min 
Kinostart: 13. April 2017