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Donnerstag, 25. Mai 2023

Im Kino: Und dann kam Dad (About my Father)

Sebastian (Sebastian Maniscalco),  Sohn italienischer Einwanderer,  möchte seiner Ellie (Leslie Bibb) so bald wie möglich einen Heiratsantrag machen. Hierfür scheint sich eine Wochenendeinladung ins Landhaus von Ellies superreichen Eltern anzubieten, deren Vorfahren einst mit der „Mayflower“ auf dem amerikanischen Kontinent anlandeten, allerdings soll unbedingt auch Sebastians Vater Salvo (Robert De Niro) dabei sein, für Sebastian ein Wagnis, denn beide Familien scheinen so gar keine Gemeinsamkeiten zu haben und Sebastian sieht seine Zukunft mit Ellie in höchster Gefahr…

Sebastian Maniscalco ist in den USA ein erfolgreicher Comedian und zeichnet sich in seinen Stand-up-Shows als Meister großer Körperlichkeit beim Witzeerzählen aus. Hier verlässt er seine gewohnte Zone, indem er sich selbst mitten hinein begibt in seine Geschichten. Dabei bilden seine aus dem Off eingesprochenen Kommentare genau das ab, was er normalerweise auf der Bühne erzählt, schauspielerisch allerdings stößt er, auch wenn er seine Sache insgesamt recht ordentlich macht, immer mal wieder an seine Grenzen. Dass der Film dennoch Spaß macht, liegt am Witz seiner Clash-of-Cultures-Geschichte und den anderen gut aufgelegten Darstellern, allen voran Robert De Niro, der eine angenehm zurückhaltende Vorstellung gibt und seiner Figur eine wohltuende Würde verleiht, so wie auch sämtliche Macken der einzelnen Familienmitglieder mit einem Augenzwinkern gezeigt werden, ohne diese als bloße Witzfiguren zu denunzieren.

Kein tiefgründiges Stück, das in die Kinogeschichte eingehen wird, aber eine locker-flockige Komödie mit netten Gags und natürlich einer zu Herzen gehenden Botschaft über den Zusammenhalt von Familie, der zwar das Wichtigste ist, aber im besten Fall auch Raum gibt für Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen und auch Außenseiter innerhalb der eigenen Sippe, die es schließlich immer gibt, toleriert – die Familie als Keimzelle der multikulturellen Gesellschaft...

 


Regie: Laura Terruso

Drehbuch: Austen Earl, Sebastian Maniscalco

Kamera: Rogier Stoffers

Schnitt: Scott D. Hanson

Musik: Stephanie Economou

 

Besetzung:

Sebastian Maniscalco, Robert De Niro, Leslie Bibb, Kim Cattrall, David Rasche, Anders Holm, Brett Dier

 

Lionsgate/ Leonine

USA 2023

89 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 25. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CS6loG4R96Q (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=txLSE7tpgr0 (Englisch)

 

 

Mittwoch, 24. Mai 2023

Im Kino: Arielle, die Meerjungfrau (The Little Mermaid)

König Triton (Javier Bardem) hat eigentlich viel Freude an seinen wohlgeratenen Meeres-Töchtern, nur Arielle (Halle Bailey) macht ihm mit ihrer Vorliebe für die Menschen und ihre Welt immer wieder Kummer. Als sie eines Tages den schiffbrüchigen Prinzen Eric (Jonah Hauer-King) vor dem Ertrinken rettet und sich in ihn verliebt, lässt sie sich auf einen Handel mit der Meerhexe Ursula (Melissa McCarthy) ein, die ihr Beine anstelle ihrer Meerjungfrauenflosse verspricht und, wenn es ihr gelingt, innerhalb von drei Tagen von Eric geküsst zu werden, ein Leben an seiner Seite. Aber der Preis hierfür ist hoch und Ursulas Spiel ist alles andere als fair…

Der gleichnamige Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1989 war ein Riesenerfolg, der einer ganzen Generation von jungen, aber auch älteren Kinogängerinnen und –gängern viel Freude bereitet hat, durch die zu Herzen gehende Geschichte, die auf einem Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen basiert, aber auch durch die liebevoll gestalteten Bilder sowie die Musik und die bei Disney-Animationsfilmen stets so beliebten Songs.

Nun gibt es „Arielle“ als Realverfilmung, mit einer wahrhaft zauberhaften Meermädchen-Darstellerin, einem schnieken und charismatischen Prinzen, dem würdevollen Triton und einer oberfiesen Meerhexe mit teuflischen Tentakeln, die allesamt spürbar mit Lust und Laune bei der Sache sind. Ausgestattet mit neuester Technik, die auch die tierischen Nebenfiguren liebevoll animiert zum Leben erweckt, ist die bekannte Geschichte schöner und bunter wieder auferstanden, und mit bunt ist durchaus auch die Besetzung der Figuren mit Akteuren aller Länder und Hautfarben gemeint. Dieses sichtbare Zeichen von Diversität hat sich Disney seit einiger Zeit auf die Fahnen geschrieben und bei einer zeitlosen Geschichte wie dieser sollte das kein Problem, ja nicht einmal ein ernster Diskussionspunkt sein, egal, wie das Meermädchen in der Vorlage beschrieben wird, an die man sich schließlich auch in anderen Punkten nicht so genau hält.

Es gibt wieder eingängigen Songs, alte und ein paar neue, durchweg gefühlvoll bis schmissig vorgetragen, im Gegensatz zur düstereren Märchen-Vorlage (siehe oben…) bleibt es beim obligatorische Happy End, aber das muss für einen familientauglichen Kinospaß wohl so sein. Nicht ganz so familien- bzw. kindertauglich ist vielleicht die Länge des Films, hier hätte eine Kürzung der ein oder anderen etwas zu breit und ausufernd (kein Wortwitz beabsichtigt…) geratenen Szene nicht geschadet, außerdem sind einige Szenen mit der bösen Ursula durchaus heftig und für kleinere Kinder unter Umständen recht bedrohlich geraten.

Alles in allem aber eine schöne und sehenswerte Neuauflage, die zwar der alten Verfilmung nichts wesentlich Neues hinzufügt, aber als Realverfilmung zumindest einen veränderten Sehspaß bietet.

Eine kleine persönliche Anmerkung noch zum Schluss: Nach Sichtung der Originalfassung des Films und anschließender Sichtung des deutschen Trailer gibt es für mich als Verfechterin des Lasst-von-Original-Gesängen-die-Finger-und-deutscht-sie-auf-keinen-Fall-ein-Dogmas einen persönlichen und schmerzlichen Wermutstropfen. Wenn man schon das Zugeständnis macht, dass deutsche Zuschauer des besseren – und bequemeren – Verständnisses wegen nie die Original-Sprechstimmen ausländischer Schauspieler kennen lernen, so ist dies bei Gesangsstimmen einfach nur unverzeihlich, niemand wäre schließlich auf die Idee gekommen, bei einem Pavarotti-Abend dem Sänger ein deutsches Stimmdouble überzustülpen, mag dessen Stimme auch noch so gut sein, wer für Pavarotti – oder wen auch immer – bezahlt, will auch das Original und nichts anderes…

 

 

Regie: Rob Marshall

Drehbuch: David Magee, b/a Drehbuch von Ron Clements und John Musker, b/a dem Märchen von Hans Christian Andersen

Kamera: Dion Beebe

Schnitt: Wyatt Smith

Musik: Alan Menken

 

Besetzung:

Halle Bailey, Jonah Hauer-King, Javier Bardem, Melissa McCarthy, Noma Dumezweni, Jude Akuwudike

 

Walt Disney Studio Motion Pictures Germany

2023

135 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 25. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=goL3_go8epo (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=kpGo2_d3oYE (Englisch)

 

Dienstag, 23. Mai 2023

Im Kino: All the Beauty and the Bloodshed

Die amerikanische Star-Fotografin Nan Goldin hat die Kunst der Fotografie maßgeblich beeinflusst, ihr Blick auf Themen wie Sexualität, Sucht und Tod war und ist revolutionär. Nach eigenen Erfahrungen mit einem starken Schmerzmittel, aus dessen süchtig machenden Fesseln sie sich im Gegensatz zu unzähligen Anderen befreien konnte, engagiert sie sich mit Gleichgesinnten im Kampf gegen die Milliardärsfamilie Sackler, Eigner der Pharmafirma Purdue, die mit ihrem als harmloses Schmerzmittel vertriebenen Produkt OxyContin hauptverantwortlich für den gigantischen Opioid-Skandal in den USA war und ist, und erreicht, dass zahlreiche bedeutende Museen weltweit mit so klingenden Namen wie Louvre, Tate, Guggenheim und Met, die die Sacklers als Mäzene unterstützt haben, sich von diesen distanzieren.

Der Dokumentarfilm bewegt sich in zwei Strängen, die lange Zeit eher unverbunden nebeneinander herlaufen, einerseits das mit privatem Film- und Fotomaterial aus den Archiven Goldins erzählte Leben der Künstlerin und ihr Werdegang unter schwierigsten familiären Verhältnissen, und andererseits der öffentliche und lautstarke Kampf gegen die Familie Sackler und ihren Einfluss in der Kunstwelt. Dabei entsteht lange keine durchgehend harmonische Einheit, aber der Blick auf die private Nan Goldin und ihre Familiengeschichte hilft, die spätere Kämpferin und Aktivistin besser zu verstehen, so dass am Ende doch so etwas wie ein Gesamtbild entsteht, das sich dann allerdings fast ausschließlich auf die Künstlerin konzentriert.

Wer mehr über die gesamtgesellschaftliche Katastrophe der Opioid-Krise erfahren möchte, wird am Ende leider enttäuscht, denn dieser Skandal, sein Beginn und die genauen Zusammenhänge wird nur gestreift, hier vermisst man einen tieferen Blick auf die Familie Sackler, die seltsam gesichtslos bleibt. Deren Schuld und Verantwortung scheint am Ende mit Entfernung der Plaketten aus den Museen dieser Welt, auf denen sie als Mäzene benannt waren, getilgt zu sein, hier endet der Kampf der Künstlerin Goldin, aber der gegen die Familie Sackler ist damit eigentlich noch lange nicht zu Ende.

Dennoch bietet „All the Beauty and the Bloodshed“ ein starkes Porträt einer starken Frau, das bei den Filmfestspielen in Venedig 2022 mit dem Goldenen Löwen belohnt wurde – unter Vorsitz der Jurypräsidentin Julianne Moore sicher auch als politisches Statement gedacht – mit einem ebenso starken Filmtitel, der aber vielleicht etwas mehr verspricht, als er am Ende hält.

 

 

Regie: Laura Poitras

Kamera: Nan Goldin

Schnitt: Joe Bini, Amy Foote, Brian A. Kates

Musik: Soundwalk Collective

 

Beteiligte:

Nan Goldin, David Velasco, Megan Kapler, Marina Berio, Harry Cullen u.v.m.

 

Plaion Pictures/ Studiocanal

USA 2022

117 min.

FSK

Deutscher Kinostart: 25. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=cHLLOf-rCHs&feature=youtu.be (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=YD5pYQiT1D4 (Englisch)

 

Dienstag, 16. Mai 2023

Im Kino: Living – Einmal wirklich leben

Mr. Williams (Bill Nighy), ein Beamter des County Council im London der frühen 1950ger Jahre, einer Stadt, in der die Folgen des Krieges noch überall spürbar sind, versieht seinen Job mit Akribie, aber ohne Leidenschaft. Was heute nicht erledigt wird, hat auch noch Zeit bis morgen, so schleppen sich die Tage dahin, bis ihm sein Arzt eröffnet, dass er bald sterben wird. Dieser Schicksalsschlag und die (platonische) Beziehung zu der jungen Margaret Harris (Aimee Lou Wood) verändert plötzlich alles, und Mr. Williams entdeckt für sich, was ein Leben wirklich lebenswert macht…

In ruhigen Bildern führt der Film zurück in eine bleierne Zeit, die Swinging Sixties sind noch weit entfernt und die Umgangsformen sind so steif und britisch, wie man sich das hierzulande vorstellt, dabei handelt es sich bei der Geschichte um das Remake einer japanischen Vorlage aus dem Jahr 1952. Die gesellschaftlichen Verhältnisse scheinen jedoch durchaus vergleichbar, Bürokratismus und Einsamkeit gibt es schließlich immer und überall.

Wer sich die Frage stellt, was er mit den letzten Tagen seines Lebens anfangen würde, hat heute sicher wesentlich mehr Möglichkeiten, als damals, aber vielleicht kommt man dennoch zu einem ähnlichen Ergebnis wie Mr. Williams, der zunächst das scheinbar Nahliegende versucht, Geld und Zeit an oberflächliches Vergnügen zu verschwenden, wenn nicht jetzt, wann dann? Aber nachdem er erkannt hat, dass ihm dies nichts bedeutet, findet er einen für sich erfüllenderen Weg und es ist berührend, ihm dabei zuzusehen.

Bill Nighy verkörpert seinen Mr. Williams zurückhaltend, aber mit Tiefe und einer zu Herzen gehenden Wärme, allein seine Präsenz macht den leicht altmodisch anmutenden Film sehenswert, schließlich handelt es sich um ein zeitloses Thema, das auch oder gerade in diesen hektischen Zeiten seine Relevanz hat, denn früher oder später wird sich jeder einmal damit auseinandersetzten, ob er sein Leben richtig gelebt hat.

 

 

Regie: Oliver Hermanus

Drehbuch: Kazuo Ishiguro; b/a Script von Shinobu Hashimoto, Kideo Oguni, Akira Kurosawa für Film „Ikiru“

Kamera: Jamie Ramsay

Schnitt: Chris Wyatt

Musik: Emilie Levienaise-Farrouch

 

Besetzung:

Bill Nighy, Alex Sharp, Adrian Rawlins, Aimee Lou Wood

 

BFI/ Sony Pictures Classics

2022

 102 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 18.Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qDbrGGtER2o (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=OVo5kLt_-BU (Englisch)

 

 

 

 

Im Kino: A Thousand and One

Inez de la Paz (Teyana Taylor) ist schwarz, lebt im New York der 1990ger Jahre und hat in ihrem Leben noch nicht viel Positives erfahren. Nach einem Gefängnisaufenthalt entführt sie ihren kleinen Sohn Terry (Aaron Kingsley Adetola), der eigentlich bei Pflegeeltern aufwachsen soll. Gegen alle Widerstände und ohne legale Papiere für den Jungen, versucht sie, ihm das Zuhause zu schaffen, das sie selbst nie hatte. Es gelingt ihr auch tatsächlich, bis Terrys Leben mit 17 Jahren noch einmal völlig auf den Kopf gestellt wird…

Der Film führt zurück in eine Zeit, als der damalige Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, versucht, in seiner Stadt der Kriminalität Herr zu werden, die das Leben der New Yorker seit den 1970ger Jahren massiv belastet. Dies gelingt Schritt für Schritt, allerdings vielfach durch hartes Durchgreifen der Polizei, was vor allem die schwarze Bevölkerung zu spüren bekommt. Hier setzt Regisseurin Rockwell in ihrem bemerkenswerten Debütfilm zwar an, durch im Hintergrund immer wieder eingespielte Original-TV- und Radioaufnahmen wird die Stimmung jener Zeit spürbar, ebenso in den Szenen, die den jungen Terry in Polizeirazzien geraten lassen. Viel stärker fokussiert sich der Film aber auf Inez selbst und ihren Kampf um ein geordnetes Leben, auf ihre Stärke und ihren Willen, sich allem entgegenzustemmen, was sich ihr in den Weg stellt.

Es bleibt ihr Geheimnis, wer der Vater des kleinen Terry ist, aber da zu Inez‘ Vorstellung von einem Zuhause auch ein Mann gehört, wird ihr Freund Lucky (William Catlett) zum Ersatzvater, der diese Rolle dann wider Erwarten gut ausfüllt, und beinahe scheint sich der Traum von einem harmonischen Familienleben und vom gesellschaftlichen Aufstieg für Ines und vor allem Terry zu erfüllen. Aber so leicht macht es Rockwell ihrer Ines dann doch wieder nicht, am Ende steht sie sich immer wieder selbst im Weg und das Schicksal ist oft tatsächlich ein mieser Verräter…

Ein starker Film über eine starke Frau, und ein Plädoyer dafür, egal in welcher Gesellschaft und in welchem Land, mit allen Mitteln Mütter und ihre Kinder, die von Vätern und Männern verlassen wurden, zu unterstützen und sie nicht ebenso im Stich zu lassen, da nur so ein Weg aus Armut und Kriminalität mögich ist.

 



Regie: A.V. Rockwell

Drehbuch: A.V. Rockwell

Kamera: Eric Yue

Schnitt: Sabine Hoffman, Kristan Sprague

Musik: Gary Gunn

 

Besetzung:

Teyana Taylor, Aaron Kingsley Adetola (Terry 6 Jahre), Aven Courtney (13 Jahre), Josiah Cross (17 Jahre), William Catlett, Terri Abney, Melissa Reynolds

 

Universal Pictures Germany

2023

117 min.

FSK

Deutscher Kinostart: 18. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=GZW21oit3pU

 

 

Dienstag, 9. Mai 2023

Im Kino: Sisu

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs begegnen sich ganz im Norden Finnlands in der lappländischen Wildnis der ehemalige Soldat Aatami (Jorma Tommila ), der sich allein als Goldsucher durchschlägt, und ein versprengter Trupp Nazis auf dem Rückzug, unter Führung des brutalen SS-Mannes Bruno (Aksel Hennie). Als man Aatami dessen gerade gefundenen Goldschatz abnimmt und ihn hilflos zurücklässt, nimmt dieser die Verfolgung auf und entwickelt dabei ungeahnte Kräfte, denen niemand gewachsen ist, und seine Rache ist fürchterlich…

Der finnische Begriff „Sisu“ bedeutet Zähigkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit, und soll eine finnische (Geistes)Haltung beschreiben, die jemanden auch in aussichtslosen Situationen nicht aufgeben lässt, sondern antreibt, ein gesetztes Ziel, koste es, was es wolle, zu erreichen. Das ist es auch, einfach ausgedrückt, um was es in dem Film geht: Ein Mann sieht rot. Zwar rächt er vordergründig niemanden aus seiner Familie, sondern in erster Linie sich selbst, dabei könnte er aus der finnischen Familienlinie von John Rambo stammen, wenn er sämtliche seiner Verletzungen ignoriert und sich immer mal wieder selbst zusammenflickt, vielleicht ist er aber auch ein Verwandter Djangos, ebenso wortkarg und unerbittlich. Er macht im buchstäblichen Sinne keine Gefangenen, sondern metzelt die, die selbst keine Gnade kennen, nieder und ist dabei ihr schlimmster Albtraum und das Jüngste Gericht in einer Person.

Da stellt sich dann auch gar nicht mehr die Frage, ob dieser Feldzug so ultrabrutal sein muss, die Nazis hier haben, wie Nazis allgemein, ohnehin nichts Besseres verdient, also zieht der Film seine Agenda konsequent durch und hinterlässt eine blutige Spur im Abgang, die man lange nicht so auf der Leinwand gesehen hat, halbherzig wäre hier aber auch eher ärgerlich gewesen. Alles ist so over the top, dass manche Aktionen das Publikum zu einem fast schon erlösenden Lachen treiben werden, dazu passt, dass der Kämpfer Aatami mythisch überhöht wird, ein menschlicher Furor, der Pazifismus für ein Land irgendwo weit weg hält, von dem manche sagen, er sei unsterblich, aber die Antwort ist simpler: Nein, er weigert sich einfach nur, zu sterben…

 „Many believe that he is immortal.“ -

„No. He just refuses to die.“

Wenn man von der Merkwürdigkeit absieht, dass alle Figuren (zumindest in der Originalfassung) fast durchgehend Englisch sprechen – in der deutschen Fassung wird es dann ebenso durchgehend Deutsch sein – haben wir es hier mit einem knallharten Film in brillanter Optik zu tun, der in Bildern von Weite und brauner Ödnis schwelgt und dabei – es ist möglich! – mit 91 Minuten auskommt, um seinen Spannungsbogen aufzubauen und durchgehend zu halten.

Kein Film für einen beschaulichen Kinoabend zu zweit oder ein erstes Date (eher vielleicht für ein letztes…), aber ein überraschend gut gemachtes Brachial-Werk, das originär und originell daherkommt und neben all den Franchise-Reihen mit ihren endlosen Sequel-, Prequel- oder Re-Boot-Orgien auf jeden Fall auch seine Berechtigung in der Kinolandschaft hat.

 

 

Regie: Jalmari Helander

Drehbuch: Jalmari Helander

Kamera: Kjell Lagerroos

Schnitt: Juho Virolainen

Musik: Juri Seppä, Tuomas Wäinölä

 

Besetzung:

Jorma Tommila, Aksel Hennie, Jack Doolan, Mimosa Willamo

 

Stage 6 Films/ Sony Pictures Releasing

2022

91 min.

FSK 18

Deutscher Kinostart: 11. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=jNvORoTTaJ0 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=OGbr-aAnKTo (Englisch)

 

 

Mittwoch, 3. Mai 2023

Im Kino: Guardians oft he Galaxy: Vol.3

Den Guardians ist es einfach nicht vergönnt, nach Thanos‘ Niederlage den Frieden zu genießen, denn es droht neues Ungemach, als Adam Warlock (Will Poulter) auftaucht und Rocket (Bradley Cooper/ Fahri Yardim) schwer verletzt. Um ihn zu retten, muss die Truppe unter Führung des zwischenzeitlich dem Alkohol verfallenen Peter Quill aka Star-Lord (Chris Pratt) wieder all ihre Kräfte aufbieten, wobei auch Quills Verflossene Gamora (Zoe Saldana) mit an Bord ist. Gemeinsam gilt es, den High Evolutionary (Chukwudi Iwuji) in die Schranken zu weisen, bevor er das, was er einst Rocket angetan hat, auf die Menschheit anwendet…

Das neue – vielleicht letzte? – Abenteuer der bunt zusammengesetzten Guardians-Gruppe fährt noch einmal alles auf, was dieses Franchise so sympathisch macht: Jede Menge Humor und abgedrehte Action, diesmal allerdings gepaart mit einer gehörigen Portion Herz und Schmerz, denn erstmals erfahren wir von Rockets grausamer Vorgeschichte, die wirklich stellenweise an die Nieren geht, und das will etwas heißen, wenn in jedem gleichartigen Film ein fieser Bösewicht am Werk ist.

Der Film ist routiniert inszeniert, wartet aber immer wieder mit originellen Schauplätzen wie einer Laborstation in bonbonfarbenen Farben mit wunderbar eklig-schwabbeligem Interieur auf, und auch die dorthin geschickte Guardians-Abordnung darf sich in knallbunten Raumanzügen zeigen. Witzige Dialoge und Situationskomik sowie ein schmissiger Soundtrack runden das – allerdings wieder einmal zu lang geratene – Abenteuer ab, das trotz der diesmal düsteren Untertöne dennoch Spaß macht und einmal mehr von Freundschaft und Zusammenhalt erzählt, was es auch einer so unterschiedlichen Gruppe wie den Guardians möglich macht, immer wieder die Welt zu retten.

Regie: James Gunn

Drehbuch: James Gunn, b/a Comic von Dan Abnett und Andy Lanning

Kamera: Henry Braham

Schnitt: Greg D’Auria, Fred Raskin

Musik: John Murphy

 

Besetzung:

Chris Pratt, Zoe Soldana, Dave Bautista, Vin Diesel (Stimme OV), Bradley Cooper (Stimme OV), Karen Gillan, Pom Klemtieff, Chukwudi Iwuji, Will Poulter, Elisabeth Debicki, Sean Gunn, Sylvester Stallone

 

Marvel Studios/ Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

USA 2023

150 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 03. Mai 2023

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=5PjTRyoToho (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=JqcncLPi9zw (Englisch)