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Donnerstag, 22. März 2018

Film-Rezensionen: Unsane (Ausgeliefert)


Sawyer Valentini (Claire Foy), eine junge Frau aus Boston, ist dabei, sich nach einer schweren Zeit, in der sie von einem Stalker terrorisiert wurde, in Pennsylvania ein neues Leben aufzubauen. Ihre alten Kontakte hat sie gekappt, bis auf den zu ihrer Mutter Angela (Amy Irving). Sie ist dabei, über ihren Job ein neues soziales Umfeld zu schaffen, weil aber immer noch hin und wieder Ängste in ihr hochkommen, nimmt sie ein Therapieangebot des lokalen Highland Creek Behavioral Center wahr. Die erste Sitzung dort verläuft in ihren Augen gut, aber ehe sie sich versieht, hat sie ein Papier für eine 24-stündige Einweisung in die psychiatrische Abteilung dieser Einrichtung unterzeichnet. Als sie sich dagegen wehrt, wird aus dem einen Tag schnell eine 7-tägige Überwachung, der längste Zeitraum, der ohne weitere Formalitäten möglich ist.

Für Sawyer beginnt damit ein neuer Alptraum und je mehr sie sich gegen ihre Situation auflehnt, desto hysterischer wirkt sie, was ihren Aufenthalt in der Psychiatrie immer weiter rechtfertigt. Alles in ihrem Umfeld erscheint fremd und feindlich, von den Bediensteten kommt keinerlei Hilfe oder Mitgefühl und vor allem mit der Mitpatientin Violet (Juno Temple) gerät Sawyer immer wieder aneinander.. Einzig in einem jungen Mann auf Drogenentzug namens Nate (Jay Pharoah) findet sie Unterstützung, und er scheint Anhaltspunkte für eine Verschwörung im Geschäftsgebaren der Highland-Klinik gefunden zu haben. Aber als Sawyer in einem der Pfleger ihren vormaligen Stalker zu erkennen glaubt, gerät die Situation völlig außer Kontrolle… 

Soderbergh hat ein kafkaeskes Drama mit Horrorelementen geschaffen, das den Zuschauer tief in die Situation der Protagonistin eintauchen lässt und fast hautnah spüren lässt, wie es sich anfühlt, hilflos in einer bedrohlichen Situation gefangen zu sein. Der Film hält den Zuschauer im Ungewissen, ob das, was Sawyer erlebt, real oder nur Ausdruck von paranoiden Wahnvorstellungen ist. Zu dieser Atmosphäre tragen Kameraeinstellungen mit ungewöhnlichen Blickwinkeln und fast schon verwaschen anmutenden Bildern bei, die möglich waren, weil der komplette Film mit einem iPhone aufgenommen wurden, ein Experiment, das allerdings nur bedingt tauglich für andere Filme scheint.


Claire Foy liefert eine packende Vorstellung, alle anderen Darsteller bleiben dagegen eher farblos, was der nicht immer überzeugenden Story geschuldet ist. Der Film, der seine Weltpremiere bei der diesjährigen Berlinale hatte, hält einige Schockmomente bereit und ist sicher nichts für schwache Nerven, aber fesselnde Spannung will dennoch nicht aufkommen, eher ein verstörendes Gefühl von Verunsicherung. 

Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Jonathan Bernstein & James Greer 
Kamera: Peter Andrews (Steven Soderbergh) 
Schnitt: Mary Ann Bernard
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Sarah Stiles, Amy Irving, Jay Pharoah, Juno Temple

USA 97 min.
FSK 16
Kinostart: 29. März 2018










Dienstag, 6. März 2018

Film-Rezensionen: Molly's Game - Alles auf eine Karte

Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Molly Bloom (Jessica Chastain), einer jungen, hochintelligenten Frau, die in allem, was sie anfängt das Maximum zu erreichen in der Lage scheint. Schule und Jurastudium hat sie mit Bestnoten absolviert, beim Skitraining mit ihrem Vater Larry Bloom (Kevin Kostner), einem Psychologen und Collegeprofessor, zeigt sie den unbedingten Willen, der für eine Sportlerkarriere notwendig ist und wird so zu einer aussichtsreichen US-Olympiahoffnung, bis eine Verletzung sie aus dem Rennen wirft.

Danach gönnt sie sich eine Auszeit, geht nach Los Angeles und nimmt einen Job an, bei dem sie nicht viel denken oder sagen muss, indem sie reiche und mächtige Gäste bei Underground-Pokerrunden betreut. Diese Treffen finden regelmäßig an geheimen Orten statt und bewegen sich am Rande der Legalität, da privates professionelles Glücksspiel verboten ist. Aber die Rolle des schicken Aushängeschilds liegt ihr so ganz und gar nicht. Während sie lächelnd und im Hintergrund die Einsätze bei den Pokerrunden verwaltet, lernt sie schnell, wie das System funktioniert und dann macht sie sich irgendwann selbständig.
Für eine Weile leitet sie die exklusivsten Pokertreffen, bei denen sich nur Spieler mit höchsten Einsätzen Zugang erkaufen können. Die Stadt bietet ein großes Potential an Millionären und Hollywoodstars mit Geld im Überfluss, die alle das Risiko, aber auch die gepflegte Atmosphäre, die Molly bietet, schätzen. Sie gewöhnt sich schnell an Geld und Glamour, aber mit der Zeit wird sie nachlässiger bei der Kontrolle der zugelassenen Spieler bis eines Tages das FBI schwerbewaffnet vor ihrer Tür steht und sie wegen illegalen Glücksspiels, Beihilfe zur Geldwäsche und Unterstützung der Mafia verhaftet.

Mit dieser Szene beginnt der Film und Mollys Geschichte wird in Rückblenden und mit ihren Kommentaren aus dem Off erzählt. Aktuell ist sie pleite und sucht einen guten Verteidiger, der ihr in ihrer aussichtslos scheinenden Lage helfen kann. Es gelingt ihr, den zunächst zögernden Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu gewinnen, der zusagt, nachdem er in dem Buch gelesen hat, das sie nach ihrer Verhaftung über ihr Leben auf Messers Schneide geschrieben hat. Darin breitet sie analytisch und detailliert alles aus, ohne jedoch einen einzigen Namen ihrer prominenten Kunden zu verraten. Da sie hierzu auch vor Gericht nicht bereit ist, scheint ihre Lage aussichtslos und es bedarf Charlie Jaffeys ganzer Kunst und der verblüffenden Einsicht des vorsitzenden Richters, um Molly einigermaßen unbeschadet aus der Sache herauszuholen.
 
Der Film zeichnet das vielschichtige Porträt einer interessanten Frau, dies liegt an der gewohnt ausgefeilten Arbeit des Film- und Theaterautors Aaron Sorkin, der hier zum ersten Mal auch Regie führt. Insgesamt vielleicht etwas zu wortreich geraten, entwickelt sich dennoch eine spannende Geschichte mit einem intimen Blick in ein Milieu, das den wenigsten Menschen bekannt sein dürfte. Exzellent beleuchtet werden die verschiedenen Spielertypen, die einmal mehr beweisen, dass Poker kein Glückspiel ist, weswegen die gegen Molly erhobene Anklage in weiten Teilen eigentlich hinfällig sein müsste.
Dass auch ohne große Actionszenen keine Langeweile aufkommt, liegt auch und vor allem an der hervorragenden Jessica Chastain, die in jeder Hinsicht den Film dominiert. Als einzige Frau in einer Männerdomäne bringt sie zwar ausgiebig ihre weiblichen Reize zum Einsatz, dies ist jedoch nur Mittel zum Zweck, um knallhart, durchdacht und analytisch ihre Pläne umzusetzen. In einer an sich schönen Vater/Tochter-Szene zum Schluss besteht kurz die Gefahr, dass das Bild der Powerfrau Kratzer bekommt und sie doch nur das kleine Mädchen ist, das gegen seinen dominanten Vater aufbegehrt, aber Jessica Chastain umschifft elegant auch diese Klippe. Gegen ihre Präsenz zu bestehen, dürfte nicht einfach sein, aber Idris Elba gelingt dies in seinen Szenen in durchaus eindrucksvoller Weise.

Insgesamt ein sehenswerter Film mit außergewöhnlichem Sujet, geadelt durch die Authentizität des tatsächlich Geschehenen. 

Regie: Aaron Sorkin 
Drehbuch: Aaron Sorkin b/a dem Buch von Molly Bloom 
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Schnitt: Alan Baumgarten, Josh Schaeffer, Elliot Graham 
Musik: Daniel Pemberton 
Darsteller: Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian D’Arcy James

USA 140 min.
Kinostart: 08. März 2018
Bider und Clip: ©SquareOne Entertainment





 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Film-Rezensionen: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Die (fiktive) Kleinstadt Ebbing irgendwo in Missouri, USA, ist einer dieser Orte… 

Das Städtchen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von jedem anderen Nest, das man bei kurzer Durchfahrt als klein, vielleicht idyllisch, aber nichtssagend einordnen würde. Hinter der harmlosen Fassade schlummert jedoch der ein oder andere Abgrund.


Es hat ein schreckliches Verbrechen gegeben, eine junge Frau ist ermordet und vergewaltigt worden und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand), verhärmt und verbittert, kann sich nicht damit abfinden und mietet eines Tages drei riesige Werbetafeln am Ortsrand, um auf die Untätigkeit der Polizei hinzuweisen, ein Aufschrei und eine öffentliche Anklage, bei der sie den Polizeichef Willoghby (Woody Harrelson) persönlich für die Unfähigkeit der Polizei verantwortlich macht, die sich in ihren Augen mehr auf die Jagd auf schwarze Jugendliche konzentriert, als auf die Aufklärung wirklicher Straftaten. 

Besonders der tumbe Jason Dixon (Sam Rockwell) steht für das Versagen der Staatsmacht, ein unkontrolliert marodierender rassistischer Polizist mit Alkoholproblem, der bei seiner ebenso rassistischen Mutter lebt. Auch für ihn hat Mildred nur Verachtung übrig, dabei wird ihr Kreuzzug für Gerechtigkeit im Laufe des Films selbst immer fragwürdiger. Ihre Radikalität ist zwar für die Mutter eines Verbrechensopfers verständlich, mit rechtsstaatlichen Prinzipien aber nicht immer kompatibel. Um diesen Kern von Protagonisten kreisen noch weitere schräge Figuren, so Mildreds Ex-Ehemann Charlie, der inzwischen mit einem 19-jährigen Dummchen herumzieht und ein kleinwüchsiger Verehrer Mildreds (Peter Dinklage), der ihr bei einer ihrer völlig aus dem Ruder gelaufenen Aktionen beisteht.

Mit dem neugierigen Blick eines Insektenforschers erschafft Regisseur McDonagh ein Biotop der Monstrositäten. Es ist kein Abbild der (amerikanischen) Gesellschaft an sich, vielmehr bekommt der Zuschauer einen Blick hinter die Fassade einer Familie, deren Mitglieder untereinander zutiefst zerstrittenen sind, dann aber doch wieder zusammenhalten, weil man eben irgendwie zusammengehört. Man geht nicht zimperlich miteinander um, die teilweise grobschlächtige Sprache ist oft verletzend und meistens so gemeint, manchmal vermittelt sie aber auch eine Intimität, die es eben nur in Familien gibt, die zusammenhalten, egal, welche Prüfungen das Schicksal bereit hält.
  Die Akteure handeln brutal, sind aber auch gleichzeitig verletzlich, und erst die tröstenden und weisen Worte eines Toten, die dieser in mehreren Abschiedsbriefen an seine Schäfchen richtet, gibt manchem von ihnen eine neue Perspektive und den entscheidenden Denkanstoß, dass die ganze Wut, die sich durch alle ihre Handlungen zieht, nur noch größere Wut erzeugt. Die fragwürdige Läuterung des Rassisten Dixon wird so nachvollziehbar, und wenn er sich am Ende mit seiner größten Widersacherin zusammentut, um einen Fremden zu bestrafen, der zwar leider nicht als Mörder von Mildreds Tochter in Frage kommt, aber offensichtlich ein anderes Verbrechen auf dem Kerbholz hat, haben die beiden immer noch nicht die ganze Lektion gelernt, aber es besteht Hoffnung, es ist noch nicht alles verloren in Ebbing, Missouri.  


Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh 
Kamera: Ben Davis 
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances Mc Dormand, Woody Harrelson; Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Peter Dinklage, Sandy Martin, Lucas Hedges, John Hawkes, Darrell Britt-Gibson

20th Century Fox; Fox Searchlight Pictures
USA, 115 min.
FSK 12
Im Kino seit 25. Januar 2018













Dienstag, 27. Februar 2018

Film-Rezensionen: Red Sparrow


Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) tanzt als Primaballerina bis ihre Karriere durch eine Verletzung abrupt gestoppt wird. Als sie herausfindet, dass sie einer bösen Intrige zum Opfer gefallen ist, rächt sie sich und ihr drastisches Vorgehen dabei liefert bereits recht früh den Hinweis, dass mit ihr nicht zu spaßen ist.

Um ihre kranke Mutter weiter unterstützen zu können, lässt sie sich von ihrem Onkel Vanya Egorov (Matthias Schoenaerts), der ein hohes Tier beim russischen Geheimdienst SWR ist, für eine geheimdienstliche Mission rekrutieren. Hierbei wird voller Körpereinsatz von ihr gefordert und sie erfüllt ihre Aufgabe bravourös. Damit empfiehlt sie sich für eine geheimdienstliche Schule für junge Spione unter Leitung einer beinharten Ausbilderin (Charlotte Rampling).
Die „Red Sparrows“ genannten jungen Leute werden in brutaler Weise darauf gedrillt, Körper und Geist gleichermaßen als Waffe für ihr Land einzusetzen und Dominika erweist sich als eine der besten Absolventinnen. Onkel Vanya ist mehr als zufrieden und betraut sie mit der Mission, einen Maulwurf in den eigenen Reihen aufzuspüren. Hierfür soll sie sich an den amerikanischen CIA-Agenten Nate Nash (Joel Edgerton) heranmacht, der kurz bevor der Maulwurf enttarnt werden konnte, Russland Hals über Kopf verlassen musste. Von Budapest aus setzt er alles daran, seinen Mann zu schützen, während Dominika ihrem Ziel, Nate Nash zu täuschen, um den Maulwurf zu enttarnen, immer näher zu kommen scheint. Aus diesem Katz-und-Maus-Spiel entwickelt sich ein Spionage-Thriller, der immer wieder, wie es sich für das Genre gehört, die Seiten wechselt, und am Ende ist es Dominika, die meisterlich und eiskalt die Fäden zieht.

Der Film, der auf dem Buch des EX-CIA-Mannes Jason Matthews beruht, ist trotz seiner immer wieder überraschenden Wendungen, nichts für Liebhaber der gepflegten Agentengeschichte, und wenn in einer Welt, in der niemand niemandem vertrauen kann, sich die russische Spionin und der amerikanische CIA-Agent mit dem Dialog näher kommen: „Kann ich Dir vertrauen?“ – „Ich verspreche es Dir“, mutet dies schon ein wenig unfreiwillig komisch an. Ungeklärt bleibt zudem die Frage, weshalb trotz Gebrauchs aktueller Handys höchstwichtige geheime Informationen immer noch auf Disketten gespeichert werden und warum alle Russen untereinander Deutsch (bzw. in der Originalfassung Englisch) mit russischem Akzent sprechen.

Wer über solche Dinge hinwegsehen kann und auf knallharte Actionszenen steht, der kommt allerdings auf seine Kosten, hier schöpft der Film aus dem Vollen und zeigt sich in den betreffenden Passagen nicht zimperlich. Jennifer Lawrence wandelt als eiskalte schwarze Witwe mit ebensolchem Gesichtsausdruck durch die insgesamt langen 139 Minuten, Charlotte Rampling und Jeremy Irons sind Russen wie aus dem Bilderbuch des kalten Krieges, während Joel Edgerton den Part des guten Amerikaners gibt, einzig Matthias Schoenaerts verleiht seinem Onkel Vanya eine gefährliche Intensität.

Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Justin Haythe b/a Buch von Jason Matthews 
Musik: James Newton Howard 
Kamera: Jo Willems
Darsteller: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Mary-Louise Parker, Charlotte Rampling

20th Century Fox, 139 min.
FSK 16
Kinostart: 01. März 2018










Donnerstag, 8. Februar 2018

Film-Rezensionen: Alles Geld der Welt (All the Money in the World)


Anfang der 70ger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt der amerikanische Öl-Tycoon J. Paul Getty als der reichste Mensch der Welt, er war bereits Milliardär, als viele andere noch versuchten, in den Kreis der Millionäre zu gelangen. Sein unglaublicher Reichtum weckte Begehrlichkeiten und so wurde 1973 einer seiner Enkel – John Paul Getty III – in Rom entführt. Für dessen Freilassung sollte der Großvater 17 Millionen Dollar zahlen, der Film von Ridley Scott – basierend auf John Pearsons Buch „Painfully Rich: The Outrageous Fortunes and Misfortunes of the Heirs of J. Paul Getty“ – arbeitet die Geschichte dieser Entführung akribisch auf. 

Obwohl es die farbigste Phase des Films ist, lässt Ridley Scott den 16-jährigen Paul (Charlie Plummer) zu Beginn in schwarz-weißen Bildern sorglos durch das Nachtleben des quirligen Roms jener Zeit flanieren, bis er bei einem seiner Streifzüge in einen Lieferwagen gezerrt und entführt wird. Ab diesem Moment kehrt zwar die Farbe in den Film zurück, die durchgehend fahle und bleierne Atmosphäre jedoch schafft Bilder, die viel farbloser wirken, als die schwarz-weißen zuvor.


Der Junge harrt irgendwo auf dem Land in einer erbärmlichen Arrestzelle auf seine Rettung, diese ist jedoch nicht in Sicht, denn der alte Getty (Christopher Plummer) weigert sich strikt, auch nur einen Cent des geforderten Lösegelds zu zahlen. Nach seiner Auffassung liegt die Schwierigkeit nicht darin, viel Geld zu machen, sondern dieses viele Geld auch zu behalten und da er noch 13 weitere Enkel hat, fürchtet er um sein Vermögen, wenn seine Zahlung Nachahmer auf den Plan ruft. Außerdem macht er sich mehr als bereitwillig die These seines Sicherheitsberaters, des Ex-CIA-Agenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg) zu eigen, nach dem die Entführung nur inszeniert wurde, um dem jungen Paul, dessen Vater nicht zu den erfolgreichen Vertretern der Familie Getty gehört, vorzeitig zu seinem Erbe zu verhelfen.


Einzig die verzweifelte Mutter Gail (Michelle Williams) setzt alle Hebel in Bewegung, um ihren Jungen zurückzuholen, dabei hat sie weder Geld noch die nötigen Beziehungen, um zum Erfolg zu kommen, aber das macht sie mit Herzblut und übermächtigem Engagement wett. Obwohl Fletcher Chase ihr schließlich hilft und sie gegen den alten Getty unterstützt, stocken die Verhandlungen mit der für die Entführung verantwortlichen kalabrischen ’Ndrangheta ein ums andere Mal und es vergehen Wochen und Monate, in denen die Situation für den jungen Paul immer auswegloser wird, da der Fall auf Tatsachen beruht, ist es allerdings kein Geheimnis, dass Paul am Ende (fast) unversehrt nach Hause zurückkehrt.

Fasziniert und angewidert zugleich zeichnet Ridley Scott das Porträt eines reichen, geizigen alten Mannes, dem Kunst und Kunstwerke mehr bedeuten als menschliche Nähe. Menschen neigen in seinen Augen dazu, unaufrichtig, geldgierig und faul zu sein und so widmet er sich, ganz in seinen Landsitz und seinen Luxus vergraben, den zwei Dingen, die seinem Leben Sinn geben, dem Geldverdienen und den schönen Künsten. Letzteres lässt ihn zu einem bedeutenden Kunstsammler und –mäzen werden. Ob ihm das Leben seines entführten Enkels am Herzen liegt, ist nicht erkennbar, denn er hat es gegen alle Eindringlinge fest verschlossen. Dass seine Kälte und Griesgrämigkeit die Figur nicht zu einer bösen Karikatur geraten lassen, liegt an dem grandiosen Christopher Plummer, der die Rolle kurzfristig übernommen hat, nachdem der Regisseur Scott sich entschlossen hatte, aufgrund des Skandals um Kevin Spacey, der ursprünglich verpflichtet worden war, diesen komplett aus dem fast fertigen Film herauszuschneiden und sämtliche seiner Szenen mit Plummer nachzudrehen. Überragend ist außerdem Michelle Williams, die sich in ihrer kafkaesken Lage, in der andere Menschen, die Entführer, der alte Mann, die erfolglose Polizei, über das Schicksal ihres Sohnes bestimmen wollen, all ihre Kräfte mobilisiert und letztlich auch Erfolg hat.
Dass der Film trotz des dramatischen Inhalts und der herausragenden Darsteller nicht über 132 Minuten fesseln kann, liegt nicht daran, dass die Geschichte und damit das Ende bekannt ist. Vielmehr fehlt es an einer straffen Erzählweise, die die Handlung konsequent vorantreibt. Ein paar unnötige Rückblenden, die langwierigen Szenen, die den Entführern gewidmet werden, deren Charaktere nicht viel hergeben sowie die überflüssige Geschichte rund um den farblosen FBI-Mann Chase lassen die durchaus aufkommende Spannung leider immer wieder abflauen und der Film quält sich seinem Ende entgegen, an dem nicht nur das Entführungsopfer dankbar ist, als es vorbei ist.



Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa, John Pearson b/a seiner Buchvorlage
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Charlie Plummer, Romain Duris, Mark Wahlberg, Timothy Hutton



USA 132 min.
Deutscher Kinostart: 15. Februar 2018















Dienstag, 23. Januar 2018

Film-Rezensionen: Wunder (Wonder)


August „Auggie“ Pullman (Jacob Tremblay) ist zehn Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern (Julia Roberts, Owen Wilson) und der großen Schwester Via (Izabela Vidovic) in einer Kleinstadt in den USA und möchte einmal Astronaut werden. Den passenden Helm hat er schon, allerdings trägt er ihn immer dann, wenn er einmal nicht angestarrt werden möchte, denn Auggie hat einen Gendefekt, der sein Gesicht verunstaltet, woran auch zahlreiche Operationen nichts haben ändern können. Trotzdem beschließen seine Eltern, nachdem sie Auggie bisher zu Hause unterricht haben, ihn nun auf eine normale öffentliche Schule zu schicken, damit er dort Freunde findet.

Die ganze Familie fürchtet den ersten Tag an der neuen Schule, alle hoffen inständig, dass es gut geht, auch Schwester Via, obwohl sie ihren eigenen Kampf auszufechten hat. Sie hat zwar akzeptiert, dass stets Auggies Probleme im Mittelpunkt stehen, aber manchmal vermisst sie ihren Teil an Aufmerksamkeit, der ihr wegen ihres Bruders oft vorenthalten wird.


Aufmerksamkeit bekommt Auggie in der Schule, wie zu erwarten, wieder einmal reichlich. Dabei stellt er – unerfahren im Umgang mit anderen Kindern – bereits bei der ersten Begegnung mit ihnen ein paar Weichen. So ist er in den Naturwissenschaften seinen Mitschülern weit voraus, was einige, die schon mit seinem Äußeren nicht zurecht kommen, endgültig überfordert und es kommt zu den von den Eltern befürchteten Kränkungen und Schikanen. Es bahnt sich aber auch eine vorsichtige Freundschaft zu dem gleichaltrigen Jack (Noah Jupe) an, die zwar einige Proben zu bestehen hat, sich aber am Ende gegen alle Widrigkeiten durchsetzt. Dabei hilft Auggie, dass er selbst nie seinen Humor und seine positive Sicht auf die Welt verliert, ein Verdienst seiner Eltern, die ihn mit ihrer Liebe und ihrer Stärke auf die Welt da draußen vorbereitet haben.


Es ist ein Film über Toleranz, Freundschaft, Selbstvertrauen und den Mut, mit Ausgrenzung und Engstirnigkeit umzugehen. Obwohl man die Mechanismen durchschaut, die in fast schon schamloser Weise die Gefühle des Zuschauers ansprechen, und trotz einer großen Portion Pathos am Ende, wird der Film seinem Titel absolut gerecht. Der Regisseur Stephen Chbosky inszeniert den hochgelobten und preisgekrönten Debütroman von R.J. Palacio niemals aufdringlich oder aufgesetzt und nimmt seine Figuren in jeder Situation ernst. Die großartigen Darsteller tragen ihren Teil dazu bei, ein positives Gefühl zu erzeugen, dem man sich nicht entziehen kann. Die Welt wird durch den Film sicherlich nicht plötzlich zu einer besseren, aber vielleicht kann er helfen, einen positiven Impuls für Toleranz und Mitgefühl zu erzeugen, für alle Auggies dieser Welt, und letztlich für jeden einzelnen von uns.















 






Regie: Stephen Chbosky 
Drehbucht: Stephen Chbosky, Steve Conrad, Jack Thorne, b/a Roman R.J. Palacio
Kamera: Don Burgess

Musik: Marcelo Zarvos

Darsteller: Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson, Izabela Vidovic, Mandy Patinkin, Noah Jupe




113 min 
Kinostart: 25. Januar 2018
Film- und Fotomaterial: 
presse.studiocanal.de


























Dienstag, 2. Januar 2018

Film-Rezensionen: Das Leuchten der Erinnerung (The Leisure Seeker)


Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland), ein Rentnerehepaar aus Wellesley, Massachusetts an der Ostküste der USA befindet sich auf der Zielgeraden seines Lebens. Sie hat Krebs im Endstadium und er, der ehemalige Literaturprofessor, pendelt erratisch hin und her zwischen eloquenten Ausführungen über amerikanische Dichtung und dem alzheimerbedingten schwarzen Loch, das ihn mehr und mehr aufsaugt. Vernünftige Entscheidungen sind von ihm nicht mehr zu erwarten und so braucht es nicht viel Überredungskraft von Ella, um ihn zu einer spontanen Reise in ihrem uralten Wohnmobil zu überreden, in besseren Tagen „Leisure Seeker“ getauft, als beide noch unbeschwert mitten im Leben standen, und das Gefährt zu längst vergangenen Familienurlauben mit den Kindern genutzt wurde. Jetzt soll es Ella und John die Küste hinunter bis nach Florida bringen, bis zum Hemingway-Haus in Key West, um dem von John so sehr verehrten Lieblingsautor noch einmal Tribut zu zollen. Unterwegs erleben die beiden ein Amerika, das ebenso wie John zwischen bekanntem Vergangenem und einer diffusen Zukunft schwankt, wobei der aufziehende Trumpismus seine Schatten voraus wirft. 

Ella hält dagegen und so betrachten beide abends auf den Zeltplätzen alte Dias, auf denen festgehalten ist, was sich nicht festhalten lässt. Aber wenigstens bleibt beiden mit dieser Reise eine letzte gemeinsame Phase, mit einer letzten subversiven Rebellion gegen Ärzte, ihre erwachsenen Kinder und irgendwie auch die Vernunft – wer lässt schon einen greisen Alzheimerkranken ans Steuer eines Wohnmobils…


Der Italiener Paolo Virzì hat sich in seinem ersten englischsprachigen Film daran gewagt, ein amerikanisches Roadmovie zu drehen. Er hat die Reise aus der Romanvorlage auf der Route 66 von Detroit ins gelobte Land Kalifornien an die Ostküste verlegt, um sich nicht von den vielen Klischees und pittoresken Touristenbildern verführen zu lassen, die auf der anderen Strecke lauern und konzentriert sich ganz auf seine beiden Protagonisten. Wehmütig und demütig zugleich durchleben die beiden alten Menschen ohne Zukunft noch einmal ihre Vergangenheit und lassen den Zuschauer daran teilhaben, wobei die kongenialen Darsteller Helen Mirren und Donald Sutherland eine grandiose Leistung zeigen. Es gibt witzige Szenen, banale, aber auch sehr berührende Momente und der Natur einer Tragikomödie folgend nimmt die Reise kein gutes Ende – oder vielleicht doch?

Der Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2017. Ehrungen für die Schauspieler folgten in Form eines Ehren-Oscars® für Donald Sutherland und einer Golden Globe ®-Nominierung für Helen Mirren.


Regie: Paolo Virzì 
Drehbuch: Stephen Amidou, Francesca Archibugi, Francesco Piccolo, Paolo Virzì b/a Roman von Michael Zadoorian 
Kamera: Luca Bigazzi 
Musik: Carlo Virzì 
Darsteller: Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney, Dana Ivey Dick Gregory



Italien/ USA 2017
113 min. 
FSK 12, Prädikat: Besonders Wertvoll
Kinostart: 04. Januar 2018






  




https://www.youtube.com/watch?v=THhTUZoK23w&feature=youtu.be