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Montag, 28. April 2025

Im Kino: Die Legende von Ochi (The Legend of Ochi)

Das Mädchen Yuri (Helena Zengel) lebt mit ihrem Vater (Willem Dafoe) und einer Schar adoptierter Brüder auf einem kargen Eiland im Schwarzen Meer, wo die Menschen sich seit alters her gegen die in den Wäldern lebenden Ochis, unheimliche und furchterregende Wesen, zur Wehr setzen. Regelmäßig brechen die Inselbewohner zur Jagd auf, dabei stößt Yuri auf ein verletztes Ochi-Baby, und freundet sich mit diesem an. Dies verstößt nicht nur gegen alle Regeln, sondern führt Yuri auch auf die Spur ihres eigenen Familiengeheimnisses…

Nach anfänglicher Scheu und gegenseitiger Ablehnung entsteht zwischen dem Mädchen Yuri und dem niedlichen Ochi eine innige Beziehung, die nicht ganz zufällig an das einstige Gespann Elliott und ET erinnert. Als Familienfilm angelegt, gibt es durchaus finstere und bedrohliche Bilder, aber damit haben auch Grimms‘ Märchen in ihrem Kosmos nicht gegeizt. Wie dort wird zunächst eine düstere Welt heraufbeschworen, in der sich die Menschen und speziell die Kinder nur mit großen, verschreckten Augen bewegen, immer auf der Hut vor den Gefahren, die eine feindliche Welt da draußen für sie bereithält.

Hierfür sind entsprechende, durchaus gewaltige Bilder mit viel Schauwert zu bestaunen, ebenso werden Töne und Stimmen eingesetzt, die dann auch der Schlüssel zur Überwindung der Angst sind und den Ansatz zu einer gegenseitigen Annäherung bringen: lernt, miteinander zu sprechen, dann versteht ihr euch auch und müsst euch nicht bekämpfen!

Diese Botschaft macht aus dem zunächst düsteren Märchen ein schönes Erlebnis für die ganze Familie, wenn man sich darauf einlässt, die Ochis entpuppen sich am Ende als ganz patente Wesen, aber das kleine flauschige Ochi-Baby stiehlt mühelos allen die Show.

 


 Regie: Isaiah Saxon

Drehbuch: Isaiah Saxon

Kamera: Evan Prosofsky

Schnitt: Paul Rogers

Musik: David Longstreth

 

Besetzung:

Helena Zengel, Willem Dafoe, Emily Watson, Finn Wolfhard, Razvan Stoica, Carol Bors

 

AscotElite/ A24

2025

96 min.

FSK 6

Deutscher Kinostart: 01. Mai 2025

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=fHDpYx6-4s0 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=_jTFLg3arYU (Englisch)

Dienstag, 10. September 2024

Im Kino: Beetlejuice Beetlejuice

Nach dem tragischen Tod von Vater Charles bereitet Lydia Deetz (Winona Ryder), die ihren Lebensunterhalt inzwischen mit einer Geister-TV-Show verdient, zusammen mit ihrer Mutter Delia (Catherine O’Hara) die standesgemäße Beerdigung vor, während Tochter Astrid (Jenna Ortega) wegen all dieser Peinlichkeiten am liebsten im Boden versinken möchte. Von dem schmierigen Geist Beetlejuice (Michael Keaton), der einst beinahe ihre Mutter in eine von ihm forcierte Zwangsehe getrieben hätte, hat Astrid keine Ahnung, aber das ändert sich, als sie, von jugendlichem Trotz getrieben, dessen Namen drei Mal ausspricht…

Was folgt, ist ein turbulentes, buntes, schockierend-schönes und spaßiges Abenteuer, bei dem kein Auge trocken bleibt, zumindest bei allen, die Sinn für solche überdrehten Tim-Burton-Ergüsse haben, ein Film für Neulinge, aber natürlich auch für diejenigen, welche 36 Jahre nach dem ersten Teil Lust auf eine Fortsetzung haben. Neben dem titelgebenden Poltergeist mit den schlechten Zähnen gibt es ein Wiedersehen mit Bob, dem Vorsteher des Schrumpfkopf-Sekretariats, in dessen Hände Beetlejuice gerne alle delikaten Aufgaben delegiert, man erfährt, wie es im Zwischenreich vom Leben zum Tod so zugeht – wer hätte gewusst, dass dort ein funkiger Soul-Train wartet? – und dass die Körper Verstorbener immer noch daran zu knabbern haben, wie sie zu Tode gekommen sind – im Fall von Astrids Vater ist das wörtlich zu nehmen, schließlich ertrank er im offensichtlich piranhaverseuchten Amazonas…

Ein besonderer Leckerbissen wartet auf Liebhaber des wunderschönen Songs "MacArthur Park", gesungen von dem unvergleichlichen Richard Harris - die in voller Länge damit unterlegte Hochzeitszeremonie ist ein absolutes Highlight, und es wirkt für mich so, als hätte Tim Burton nur einen Aufhänger für dieses Lied gesucht und seinen ganzen Film darum herum komponiert, aber ich kann mich natürlich irren…

Eine absolute Empfehlung für alle, die auf das Schräge und Verrückte stehen, und das einmal mehr so schwungvoll und ideenreich inszeniert auf der Leinwand sehen möchten, wie es wohl nur Tim Burton hinbekommt!

Aber Vorsicht an der Kinokasse: Es fehlt nur noch ein "Beetlejuice" und er ist da...  

 

 

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Alfred Gough, Miles Millar, Seth Grahame-Smith, b/a auf den Charakteren von Michael McDowell und Larry Wilson

Kamera: Haris Zambarloukos

Schnitt: Jay Prychidny

Musik: Danny Elfman

 

Besetzung:

Michael Keaton, Winona Ryder, Catherine O’Hara, Jenna Ortega, Justin Theroux, Willem Dafoe, Monica Bellucci, Arthur Conti, Danny DeVito

 

Warner Bros. Pictures Germany

2024

105 min.

FSK 12

Deutscher Kinostart: 12. September 2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=rJ6mjpbmf0M (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=mvSJrK8aGaA (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=CoZqL9N6Rx4 (Englisch)

 

Mittwoch, 17. Januar 2024

Im Kino: Poor Things

Dem brillanten Wissenschaftler Godwin Baxter (William Dafoe) gelingt es, auf äußerst unkonventionelle Weise eine junge Selbstmörderin zurück ins Leben zu holen. Das Ergebnis ist Bella Baxter (Emma Stone), ein Wesen, das in Windeseile die Entwicklung vom Baby zur lebenshungrigen und heftig pubertierenden, aber immer selbstbestimmter werdenden jungen Frau durchmacht, die sämtliche Konventionen ihrer Zeit missachtet und auf ihrem Weg alle Männer, vor allem den schmierigen Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo), wie arme Dinger aussehen lässt…

Was zunächst wie die irrwitzige Fantasie eines abgedrehten Filmemachers klingt, ist genau das. Überdreht, komisch und vollkommen schräg, in knalligen Farben liebevoll und bunt bebildert, entsteht eine stets künstlich scheinende Welt, die jedoch unter all diesem Zuckerwerk einen satirischen und durchaus kritischen Blick auf Konventionen wirft, und darauf, wie eine junge Frau sich aus eben diesen befreit, indem sie sie von vorneherein als nicht gegeben anerkennt. Auf dem Weg zu Freiheit und Emanzipation ist nichts eindimensional und schon gar nicht pink, nimm das, Barbie!

Wo der letztgenannte Film nichts anderes ist, als ein aufgeblähtes Vehikel einer unglaublich erfolgreichen Werbekampagne für ein weltbekanntes Spielzeug, der sich dafür den Mantel der Satire mit emanzipatorischen Tupfern und gleichzeitig großen Löchern überstreift, durch die das schamlose Gesicht eines Weltkonzerns blitzt, bietet Lanthimos ein erfrischend originelles, grelles und gleichzeitig liebevoll gezeichnetes Porträt dazu, wie Emanzipation auch gehen kann, und ist dabei auch noch unglaublich unterhaltsam.

Darüber hinaus sehen die in Godwin Baxters Haus herumhuschenden, von ihm neu gestalteten übrigen Geschöpfe nicht aus wie die armen gequälten Kreaturen auf der "Insel des Dr. Moreau", alles wirkt wie ein eigener Kosmos, in dem bei aller Skurrilität Harmonie und Frieden herrscht, ganz im Gegensatz zu der Welt da draußen, und auch Baxter selbst, der von seinem eigenen Vater verunstaltet und tatsächlich gequält worden ist, erscheint als liebenswerter Sonderling, der trotz seiner furchtbaren Erfahrungen optimistisch und ohne Groll seine Welt erschafft, dabei entgegen seinem Äußeren liebenswert und fürsorglich geblieben ist, als Wissenschaftler zwar keine Grenzen anerkennt, aber im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, vor allem im Bereich des Horrorgenres, durchaus Schönes und Gutes zu schöpfen imstande ist.

Wer Sinn für das Schräge hat und den Mut, sich auf das Experiment eines im wahrsten Sinne des Wortes schamlosen, gleichzeitig wunderschönen und auch noch witzigen Filmes einlassen möchte, der ist bei diesem Film goldrichtig! 


Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: TonyMcNamara, Alasdair Gray

Kamera: Robbie Ryan

Schnitt: Yorgos Mavropsaridis

Musik: Jerskin Fendrix

 

Besetzung:

Emma Stone, Willem Dafoe, Mark Ruffalo, Ramy Youssef, Christopher Abbott, Hanna Schygulla

 

Searchlight Pictures/ Walt Disney Motion Pictures

2023

141 min.

FSK 16

Deutscher Kinostart: 18. Januar 2024

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=lpLT_EPMq9k (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=-EfYJWRw2FM (Englisch)

 

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Sneak Preview: Poor Things

Verrückt, originell, witzig und schräg mit einer herausragenden Emma Stone, als Wesen, das sich geistig im Eiltempo vom Kleinkind zu einer eigensinnigen und selbstbestimmen jungen Frau entwickelt. Mehr dazu zum Kinostart…

Regie: Giorgos Lanthimos

Besetzung: Emma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe, Hanna Schygulle

Deutscher Kinostart: 18. Januar 2024

 


Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-EfYJWRw2FM

Donnerstag, 20. Januar 2022

Im Kino: Nightmare Alley

 Während der 1930ger Jahren schlägt sich der smarte Stanton Carlisle (Bradley Cooper) mit Gelegenheitsjobs durch und findet schließlich unter den Schaustellern eines Jahrmarktes einen Job. Dort, wo mit Illusionen und Täuschungen gearbeitet wird, um das Publikum zu unterhalten, scheint er sich wohlzufühlen und von dem Mentalisten Pete (David Strathairn) lernt er genug, um dessen Geschäft – und dessen Frau, die Hellseherin Zeena (Toni Collette) –  zu übernehmen. Aber sein Ehrgeiz treibt ihn weiter, zusammen mit der jungen  Molly (Rooney Mara) will er die besseren Kreise der New Yorker Gesellschaft ausnehmen, bis er eines Tages in der geheimnisvollen Psychoanalytikerin Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett) eine Gegenspielerin trifft, die ihn und sein Können herausfordert.…

Der Titel deutet an, dass sich hier jemand auf einem ganz üblen Weg befindet, worin dieser Alptraum liegt, erahnt und erfährt man allerdings erst kurz vor Schluss. Bis dahin nimmt der Film einen seeehr langen Anlauf, aber der Film hat so viel Kraft und Bildgewalt, dass er diese Länge rechtfertigen kann.

Im Stil eines Film Noir, der den Sprung in den Farbfilm geschafft hat, aus dem die grellen Farben aber gleich wieder herausgefiltert wurden, bietet er einen Blick hinter die Kulissen des Kirmesgewerbes in früheren Zeiten, wo Freaks und Abartigkeiten zum wohligen Schauer der unbedarften und sensationslüsternen Betrachter zur Schau gestellt wurden, nicht so subtil, wie in manchen TV-Shows heute, sondern platt, derb und hässlich. Stanton Carlisle interessiert sich vordergründig mehr für die etwas feineren Täuschungen von Wahrsagern und anderen Taschenspielern, aber auf seinem vermeintlichen Weg nach oben bleibt wenig von seiner aufgesetzten Eleganz und seinem Charme, diese Fassade bröckelt um so schneller, je mehr er sich von seiner Gier und seiner Hybris leiten lässt und seine – wenigen – eigenen Grundsätze vergisst. Er setzt sich über eine deutliche Warnung des alten Mentalisten Pete hinweg, seine Seele nicht an den Teufel zu verkaufen, und macht genau dies, und, das wissen wir, so etwas geht niemals gut.

Die dem Film zugrundeliegende Romanvorlage wurde bereits 1947 unter dem deutschen Titel „Der Scharlatan" verfilmt, Guillermo del Toro hat diesen Stoff nun in seinem wuchtigen Werk mit faszinierenden Bildern und grandioser Ausstattung noch einmal verfilmt, angesiedelt in einem Metier, in dem sich Filmemacher zu Hause fühlen dürften, denn auch sie arbeiten gerne mit Tricks und Täuschungen. Unterstützt wird er dabei von einem bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Cast, allen voran Cate Blanchett, die als geheimnisvolle Femme Fatale wie aus den besten Zeiten Hollywoods besticht, und Bradley Cooper, der in seiner Figur Carlisle – Dreh- und Mittelpunkt der Geschichte –  so glatt und kaltschnäuzig ist, dass am Ende keinerlei Sympathien für ihn übrig bleiben.

Alles in allem pralles Kino mit beeindruckenden Schauwerten, vielleicht etwas zu lang angelegt, aber auf jeden Fall empfehlenswert.

 

 

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan, b/a Roman von William Lindsay Gresham

Kamera: Dan Laustsen

Schnitt: Cam McLauchlin

Musik: Nathan Johnson

 

Besetzung:

Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Rooney Mara, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn

 

20th Century Studios/

Walt Disney Studio Motion Pictures GmbH

USA 2021

139 min.

FSK

Deutscher Kinostart: 20. Januar 2022

 

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=kMZqYE7IfM4 (Deutsch)

https://www.youtube.com/watch?v=h8aCA3aXP_Q (Englisch)

Mittwoch, 12. Februar 2020

Film-Rezensionen: Tommaso und der Tanz der Geister (Tommaso)


Der alternde amerikanische Künstler Tommaso (Willem Dafoe) lebt mit seiner jungen Frau Nikki (Christina Chiriac) und der kleinen Tochter Deedee (Anna Ferrara) in Rom. Sein Leben hat er komplett neu ausgerichtet, zwar versucht er, hin und wieder an einem neuen Filmprojekt zu arbeiten, aber die meiste Zeit des Tages verbringt er mit Italienisch- und Yogakursen, geht einkaufen und kocht für die Familie. Doch auf Dauer scheint das Leben als Hausmann ihn zu überfordern und die Künstlerseele lässt sich nicht einfach unterdrücken, sondern drängt immer fordernder auf Erfüllung. Als dann noch Nikki ihre Rolle nicht so zu spielen bereit ist, wie er es sich vorstellt, gerät Tommaso komplett aus der Balance und wie in einem Fiebertraum entlädt sich eines Tages gewaltsam sein ganzer Frust.

Abel Ferrara präsentiert mit diesem Film ein sehr persönliches Werk, in dem er seine Frau und seine eigene Tochter neben Willem Dafoe agieren lässt, der genau wie Ferrara tatsächlich in Rom lebt und als Ferraras Alter Ego eine gewohnt intensive Vorstellung als ruheloser und zerrissener Künstler gibt. Was wie eine möglicherweise heilsame Therapie für alle am Film Beteiligten wirkt, ist für den Zuschauer ein irritierender Blick durch ein Schlüsselloch, der stellenweise sehr voyeuristisch anmutet. So genau will man es gar nicht wissen, zumal die Figuren nicht wirklich sympathisch wirken und so eine viel zu große Distanz zwischen den Akteuren und dem Zuschauer entsteht. Die Wehmut und der Zorn eines alternden Mannes, der sich durch eine neue kleine Familie seine Jugend zurückzuholen scheint und daran scheitert, lassen sich zwar nachvollziehen, Interesse oder gar Empathie kommt jedoch leider nur an wenigen Stellen des fast zwei Stunden dauernden Films auf.


Regie: Abel Ferrara
Drehbuch: Abel Ferrara
Kamera: Peter Zeitlinger
Schnitt: Fabio Nunziata
Musik: Joe Delia

Darsteller:
Willem Dafoe, Anna Ferrara, Christina Chiriac

 Neue Visionen Filmverleih
2019
115 min.
Deutscher Filmstart: 13. Februar 2020

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Film-Rezensionen: Motherless Brooklyn


Lionel Essrog (Edward Norton) verdient seinen Lebensunterhalt als Detektiv in New York City in der Firma von Frank Minna (Bruce Willis), dem einzigen Menschen und Freund, der sich je um ihn gekümmert hat, denn Lionel hatte als Waisenkind mit Tourette-Syndrom kein einfaches Leben. In den Augen der meisten Menschen ist er ein Sonderling, seine Kollegen und vor allem Frank Minna schätzen ihn jedoch wegen seines bemerkenswerten Gedächtnisses und seiner scharfsinnigen Gedanken. Als Frank eines Tages in eine undurchsichtige Geschichte verwickelt wird, die ihn letztlich das Leben kostet, ist es Lionel, der Franks Ermittlungen weiterführt, unbeirrbar und unbestechlich lässt er sich dabei von den Mächtigen der Stadt weder abschütteln noch einschüchtern.

Der Film ist eine nostalgische Hommage an alte Detektiv-Geschichten, stellenweise erinnert er in seiner Inszenierung an den Polanski-Klassiker „Chinatown", was dort die politischen Schweinereien rund um die Wasserknappheit in Los Angeles waren, sind hier Immobilienspekulation und rücksichtslose Sanierungen von Stadtvierteln auf Kosten der ärmeren, vor allem schwarzen, Bevölkerung. Mit Lionel Essrog gibt es allerdings einen ungewöhnlichen Helden, den Edward Norton liebevoll porträtiert. Seine Tics sind gewöhnungsbedürftig, werden aber nie zu dominant, sondern charakterisieren diesen mutterlosen Verlierer aus Brooklyn, der sich als zäher Gegner eines Baulöwen namens Moses Randolph (Alec Baldwin) erweist.

Norton, gleichzeitig Hauptdarsteller, Regisseur und Co-Autor, nimmt sich für die Entwicklung der Geschichte und deren Details viel Zeit, dabei versetzt er die Romanvorlage von Jonathan Lethem aus den frühen 1970gern in die 1950ger, was tatsächlich besser zu Stimmung und Ton des Films passt. Untermalt von einem entsprechenden Soundtrack sehen wir einen Reigen von übellaunigen Gangstern, lakonischen Privatschnüfflern, alten Autos, einer schönen Frau in Schwierigkeiten und einem einsamen Detektiv, der Stück für Stück sein Puzzle zusammensetzt, bis am Ende ein Bild entsteht, das niemand sehen wollte, und hierbei sind Bezüge zu aktuellen politischen Figuren sicher nicht ganz unbeabsichtigt. 

“Oh, it is excellent to have a giant’s strength,
but it is tyrannous to use it like a giant.”
--William Shakespeare


 Regie: Edward Norton
Drehbuch: Jonathan Lethem b/a seinem Roman, Edward Norton
Kamera: Dick Pope
Schnitt: Joe Klotz
Musik: Daniel Pemberton

Darsteller:
Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Bobby Cannavale, Josh Pais, Ethan Suplee, Dallas Roberts, Willem Dafoe, Bruce Willis
 
Warner Bros.
USA 2019
FSK 12
144 min.
Deutscher Kinostart: 12. Dezember 2019




Donnerstag, 18. April 2019

Film-Rezensionen: Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit (At Eternity's Gate)


Dass zwischen Genie und Wahnsinn nur ein schmaler Grat entlang führt, scheint auf kaum jemanden so zuzutreffen, wie auf den Maler Vincent van Gogh. Der Film widmet sich in beeindruckenden Bildern Van Goghs Aufenthalt in den südfranzösischen Orten Arles und Auvers-sur-Oise und hat ihm mit seinem grandiosen Darsteller Willem Dafoe ein weiteres be- und anrührendes Denkmal errichtet.

Van Goghs Blick  auf die Welt und dessen bildliche Umsetzung widerspricht zu seinen
Lebzeiten völlig dem Empfinden seiner Zeitgenossen. Sie können nicht mit ihm, er aber auch nicht mit ihnen, sein soziales Verhalten macht es ihm oft schwer, zu kommunizieren, er riecht, ist ungeschickt im Umgang mit anderen und driftet so immer weiter in eine unheilvolle Isolation. Zugang hat zunächst noch sein Freund aus alten Tagen, Paul Gauguin (Oscar Isaac), der ihn jedoch irgendwann in Südfrankreich alleine lässt, ab da bleibt ihm nur sein Bruder Theo (Rupert Friend), der ihn finanziell unterstützt und ihm in seinen schlimmsten Momenten beisteht.

Der Film schildert diese Lebensphase, die mit dem bekannten Abtrennen seines linken Ohres ihren verstörenden Höhepunkt findet, basierend auf  Briefen des Malers, aus denen immer wieder Passagen aus dem Off vorgetragen werden. Es öffnet sich so ein Blick auf seine innere Zerrissenheit, während die Kamera ihm auf seinen Streifzügen durch die flirrende Landschaft der Provence folgt, immer auf der Suche nach Motiven, an denen es nicht mangelt. Fast rauschhaft bewegt er sich mit Staffelei und Farben durch die Felder und Wiesen, immer bereit, seine Eindrücke an Ort und Stelle festzuhalten. Ein so entstandenes Skizzenbuch ruhte nach seiner Abreise angeblich lange Zeit vergessen in seiner ehemaligen Unterkunft und wurde erst im Jahr 2013 wiederentdeckt.

Der Regisseur Julian Schnabel, der auch für den Schnitt seines Films verantwortlich
zeichnet, hat für sein Porträt des Malers Van Gogh teils ungewöhnliche, teils irritierende Bilder verwendet, wackelig, unscharf und mit schiefen Blickwinkeln, ein zumindest zu Anfang gewöhnungsbedürftiges Mittel, um sich seinem Protagonisten zu nähern, herausgekommen ist ein kunstvoller Film voller sinnlicher Eindrücke dieser bereits vielfach verfilmten und erzählten Geschichte eines ungewöhnlichen Künstlers.


Vielleicht werden immer wieder Menschen zu früh geboren, vor der Zeit, in die sie besser hineingepasst hätten. Vielleicht braucht es diese Menschen, um die Welt immer wieder mit ihrer Gewöhnlichkeit zu konfrontieren und sie mit Hilfe des Künstlerauges und den neuen Blickwinkeln eines Genies aus der Konformität des Banalen zu holen und zu erleuchten.
 



Regie: Julian Schnabel
Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg
Kamera: Benoit Delhomme
Schnitt: Louise Kugelberg, Julian Schnabel
Musik: Tatiana Lisovskaya

Darsteller:
Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Emanuelle Seigner, Mathieu Amalric, Niels Arestrup, Anne Consigny, Amira Casar

CBS Films
111 min.
Deutscher Kinostart: 18. April 2019



Montag, 9. Oktober 2017

Film-Rezensionen: What happened to Monday?

Die Zukunft ist düster: Die Weltbevölkerung hat dramatisch zugenommen und Klimaänderungen führen zu Missernten und Hungersnöten. Es gilt daher eine strenge Ein-Kind-Politik, überzählige Babys werden vom Child Allocation Bureau (CAB) unter der Leitung von Nicolette Cayman (Glenn Close) aus den Familien genommen und in einer Art Kältekammer – der sogenannten Cryobank – „zwischengelagert“, bis eines Tages eine Lösung für sie gefunden wird.


Ausgerechnet in dieser Zeit gibt es eine Häufung von Mehrlingsgeburten und so erblicken auch die Siebenlinge der Karen Settman das Licht der Welt. Da der Vater unbekannt bleibt und die Mutter bei der Geburt stirbt, kümmert sich Großvater Terrence Settman (Willem Dafoe) um die Kleinen. Es gelingt ihm, alle sieben zu sich zu holen und er gibt ihnen die Namen Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday. Da es offiziell nur ein Kind gibt – zu Ehren der Mutter Karen Settman genannt – dürfen alle Kinder nur an ihrem Wochentag die Wohnung verlassen und später die Schule besuchen. Abends gibt es dann für alle ein Update über die Geschehnisse des Tages draußen.


Dreißig Jahre später haben sich die Schwestern (alle gespielt von Noomi Rapace) unter dem Namen „Karen Settman“ in ihrem einzigen Leben eingerichtet. Sie haben einen Job, dem jeden Tag eine andere nachgeht, samstags kümmert sich Saturday um die sozialen
Kontakte, während Sunday die Gemeinschaft mütterlich zusammenhält. Da jeder Mensch am Arm einen Chip trägt, der ihn als Einzelkind ausweist und diese Chips überall kontrolliert werden, führen die Settmans ein Leben in ständiger Gefahr, eines Tages doch noch entdeckt zu werden. Ihr Zusammenleben auf engstem Raum, zu dem kein Fremder Zutritt hat, führt immer wieder zu Spannungen, vor allem weil die Schwestern charakterlich und von ihren Interessen her unterschiedlicher nicht sein könnten. Monday scheint die Rolle der Karen Settman und ihre Aufgabe im Job am besten auszufüllen, während Tuesday eher wild und unkonventionell daherkommt. Wednesday stählt und trainiert ihren Körper, Thursday ist die Rebellin, die ihr Leben immer wieder in Frage stellt, Friday ist ein Computernerd, und Saturday ein Partygirl, das am liebsten blondiert ausgeht, während die mütterliche Sunday den Laden zusammenhält. In den eigenen vier Wänden leben alle diese Unterschiede aus, tragen individuelle, ihren Interessen angepasste Kleidung und Frisuren, als Karen Settman müssen sie vor Verlassen der Wohnung mit Hilfe eines Computer-Scans allerdings alle Unterschiede beseitigen, eine lästige und zermürbende Routine, aber der einzige Weg, den Häschern des CAB zu entgehen.


Das Arrangement funktioniert solange, bis eines Tages etwas geschieht, das alles in Frage stellt: Monday kehrt nicht von der Arbeit zurück. Die verbliebenen Schwestern versuchen verzweifelt, herauszufinden, was geschehen ist, wobei sie ziemlich schnell ihre mühsam errichtete Fassade einreißen, und damit wird aus dem familiären Kammerspiel ein furioser Action-Thriller.


Nach Tatiana Maslany in der kanadisch-amerikanischen SF-Serie „Orphan Black“ muss nun auch Noomi Rapace die Herausforderung meistern, mehrere Personen in ihren verschiedenen Facetten darzustellen, vom Heimchen am Herd über die erfolgreiche Geschäftsfrau und den Computernerd bis zur durchtrainierten Kampfmaschine, und es gelingt ihr bravourös.

Neben Rapace konnte Willem Dafoe für die Nebenrolle des Settman-Großvaters gewonnen werden, und Clenn Close verkörpert eine moderne Version der Cruella De Vil, die es diesmal nicht auf kleine Hunde, sondern Kinder abgesehen hat. Eiskalt und mitleidlos setzt sie eine angeblich dem Wohl der Weltbevölkerung dienende Maßnahme durch, bis sie am Ende des Films als Monster dasteht. Zynischerweise stellt sich aber genau dann die Frage, ob ihre Grausamkeiten nicht vielleicht doch gerechtfertigt waren, denn das Problem der Überbevölkerung spitzt sich weiter zu...

Der Film wirft einmal mehr einen pessimistischen Blick in die Zukunft. Die Sorgen der Gegenwart (Überbevölkerung, Klimawandel, Hunger) scheinen unausweichlich in einer dystopischen Gesellschaft zu münden. Im Gegensatz zu vielen anderen SF-Filmen gibt es wenig technische Fortschritt zu bestaunen, aber die Menschen leben und arbeiten in einer überwachten Welt, was bereits George Orwell in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts umtrieb. Da es zumindest offiziell keine Familie mit mehr als einem Kind gibt, wird der private Rückzugsbereich auf ein minimales Maß zurückgefahren. Der Wunsch nach Individualität ist gleichzeitig Segen und Fluch der Settman-Schwestern, ihr geschwisterlicher Zusammenhalt ist ihre Stärke, ihre einzelnen Persönlichkeiten nicht wirklich ausleben zu können treibt jedoch einen Keil in diese anfangs verschworene Gemeinschaft, zumal, wenn dann noch die Liebe zu einem Mann ins Spiel kommt.

Mit dieser Thematik setzt sich der Film dann aber nicht weiter auseinander, sondern nutzt sie als Rahmen für eine actionreiche und spannend inszenierte Tour de Force der Settman-Frauen auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Monday, bei der Noomi Rapace alle Register ziehen darf - eine starke Frau in einem starken Film!

Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Max Botkin, Karry Williamson 
Musik: Christian Wibe 
Kamera: Jose David Montero 
Produzenten: Raffaella De Laurentiis, Philippe Rousselet, Fabrice Gianfermi
Darsteller: Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari

Deutscher Kinostart: 12. Oktober  2017 
ca. 123 min.