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Mittwoch, 22. März 2017

Film-Rezensionen: The Lost City of Z (Die versunkene Stadt Z)


The Lost City of Z – Die Versunkene Stadt Z



Amazonas, Dschungel, eine versunkene Stadt – wer bei solchen Schlüsselwörtern Fernweh bekommt, der ist bei diesem Abenteuerfilm bestens aufgehoben. Indiana Jones war gestern, dies ist die (wahre) Geschichte des britischen Forschers und Abenteurers Percy Fawcett, wahrscheinlich war dieser sogar das Vorbild für den fiktionalen Professor Jones.


Gleich zu Beginn des Films erleben wir Percy Fawcett (Charlie Hunnam) als Draufgänger im Dienst der britischen Armee. Leider erschöpfen sich seine waghalsigsten Abenteuer darin, auf der Jagd ein Beutetier zur Strecke zu bringen, weiterer Ruhm und Ehre bleiben ihm verwehrt, was auch mit seinem Schicksal zu tun haben mag, dass er, wie es die blasierte britische Gesellschaft auszudrücken pflegt, wenig Glück mit der Auswahl seiner Vorfahren hatte…
  
Seine ebenfalls nicht gerade spannende Ausbildung als Landvermesser eröffnet ihm dann unerwartet die Möglichkeit, im Auftrag der Royal Geographic Society nach Südamerika zu reisen, um dort den genauen Grenzverlauf zwischen Bolivien und Brasilien festzulegen. Bei dieser ersten Expedition im Jahr 1906, begleitet von seinem Adjutanten Henry Costin (Robert Pattinson) und mit Hilfe von Führern eines Indianerstammes, folgt Fawcett dem Fluss Rio Verde durch den Regenwald stromaufwärts. Über zwei Jahre trotzen er und seine Männer allen Strapazen, Hitze, Hunger, Durst und Krankheiten, belohnt werden sie von atemberaubenden Landschaften und Eindrücken und am Ende, im Quellgebiet des Flusses, glaubt Fawcett in einem Fund von Keramikresten die Überreste einer alten, untergegangenen Hochkultur gefunden zu haben, deren versunkene Stadt er „Z“ nennt .

Sein Bericht stößt in England auf taube Ohren und Ablehnung. Eine Hochkultur, hervorgebracht von Menschen, die allgemein als „Wilde“ bezeichnet werden, wird als lächerlich und unmöglich abgetan. Aber Fawcett ist von seiner Sache überzeugt und es gelingt ihm, eine neue Expedition zu organisieren. Neben seinem treuen Begleiter Costin ist diesmal auch ein bekannter weiterer Abenteurer namens Murray (Angus Macfadyen) dabei. Wieder nehmen die Männer alle denkbaren Entbehrungen auf sich, die bei allen ihren Tribut fordern, nur an Percy scheint alles, einschließlich Krankheiten wie Malaria und Gelbfieber, abzuprallen. Dies ist auch von dem echten Fawcett überliefert, was ihn zu einem wahren Mythos seiner Zeit werden ließ.

Wieder entdeckt Fawcett Hinweise auf seine versunkene Stadt, aber auch diesmal gelingt es ihm nicht, den endgültigen Beweis nach Hause zu bringen, schließlich muss die Expedition nach Auseinandersetzungen mit dem völlig geschwächten Murray abgebrochen werden.

Der erste Weltkrieg schickt Fawcett dann an die Front nach Frankreich, wo er sich in den zermürbenden Schlachten eines brutalen Stellungskriegs endlich auch in der Armee als erfolgreicher Offizier und Anführer beweist.

Diesem quasi öffentlichen Schicksal des Percy Fawcett wird als weitere Facette des Films sein privates Leben gegenübergestellt. Seine Vision von der versunkenen Stadt Z ist seine Leidenschaft, eine brennende Leidenschaft, die immer mehr zu einer Obsession wird, der er einfach folgen muss. Daran kann ihn auch die Liebe zu seiner Frau Nina (Sienna Miller) nicht hindern. Seinen Kindern, die ihn wegen seiner jahrelangen Abwesenheit, kaum kennen, ist er ein Fremder, irgendwo wartet immer ein Abenteuer da draußen, das ihn von zu Hause fortholt. Seine Frau ist zwar für damalige Zeiten überraschend emanzipiert, und es wird eine tiefe Liebe und Verbundenheit zwischen beiden sichtbar, aber den Gedanken, sie auf eine seiner Expeditionen mitzunehmen, weist Percy als absurd zurück. Für seinen Traum, die Stadt Z zu finden zahlt er einen hohen Preis, aber zu Hause bei Frau und Kindern zu bleiben ist für ihn in seiner Sturm- und Drangphase einfach keine Option. Die Familie scheint ihm erst als das Glück seiner späten Jahre vorbehalten zu sein.

Aber dann entpuppt sich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland) als Erbe von Percys Abenteurergen, denn er ist es, der seinen Vater im Jahr 1925 überredet, noch einmal gemeinsam loszuziehen, um die Stadt Z doch noch zu finden. Nina hat sich längst in ihr Schicksal ergeben und lässt beide ziehen. Finanziert von einer großen amerikanischen Zeitung und auf diesem Weg über Depeschen quasi „live“ verfolgt von Millionen Lesern, erfährt diese Reise eine hohe Aufmerksamkeit, bis Percy und Jack eines Tages spurlos im südamerikanischen Regenwald verschwinden und bis heute verschollen geblieben sind.

Mittlerweile haben US-Forscher tatsächlich Reste einer tausend Jahre alten Siedlung an der von Fawcett beschriebenen Stelle gefunden, eine späte Genugtuung für alle, die immer an ihn und seine Arbeit geglaubt haben.

Der Film bietet grandiose Bilder und macht die Strapazen der Expeditionen sicht- und fühlbar. Er schafft es, die Person Percy Fawcett als einen Menschen zu begreifen, dessen unstillbarer Drang sein Leben bestimmt, ihn antreibt und gegen alle Widerstände seinen Obsessionen folgen lässt, auch um den Preis des Verlusts von Familie und Heimat. Es sind solche Menschen, die ihrem eigenen Plan folgen und dadurch allen anderen neue Horizonte öffnen, neue Perspektiven bieten und helfen, neue Welten zu entdecken, ungeachtet der Opfer, die sie selbst dafür bringen müssen. Mögen sie niemals aussterben…  

Regie: James Gray  
Drehbuch: James Gray, David Grann basierend auf seinem Buch „Die versunkene Stadt Z“ 
Kamera: Darius Khondji 
Darsteller: Charlie Hunnam, Sienna Miller, Tom Holland, Robert Pattinson, Angus Macfadyen, Edward Ashley

140 Minuten  
Filmstart Deutschland: 30. März 2017

Sonntag, 12. März 2017

Film-Rezensionen: Der Hunderteinjährige der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand



Allan Karlsson lebt noch!
  
Ein Jahr nachdem er sich den Zumutungen der Feier zu seinem einhundertsten Geburtstag durch Flucht aus dem Altenheim entzogen hat – wir erinnern uns: er stieg aus dem Fenster und verschwand – treffen wir Allan (Robert Gustafsson) am Strand von Bali wieder. Dort hat er mit der alten Bande seinen Reichtum fast verprasst, so dass die Feier anlässlich seines einhundertundersten Geburtstags bescheiden ausfällt.

Bei ihm sind noch Freund Julius (Iwar Wiklander), Benny (David Wiberg) und dessen schwangere Freundin Miriam (Shima Niavarani), der Gangster Pike (Jens Hultén), der sich an nichts erinnert, aber gerne bei allem dabei ist, und das Kapuziner-Äffchen Erlander. Weil Miriam aufgrund ihrer Schwangerschaft keinen Alkohol trinken darf, bietet Allan ihr ein eigenartiges rotes Getränk an, von dem er aus früheren Zeiten nur noch ein letztes Fläschchen besitzt. Miriam ist begeistert davon und möchte mehr, leider findet auch Erlander Gefallen an der Flasche und macht sich damit aus dem Staub, nachdem er den letzten Rest der roten Brause – Volkssoda genannt - getrunken hat.
 
Allan kramt tief in seinem Gedächtnis und erinnert sich schließlich, woher das Getränk stammt und diese Geschichte führt uns weit zurück in die Zeiten des Kalten Krieges, als Allan als Spion tätig war. Während des militärischen Wettrüstens zwischen Amerikanern und Russen um die Vormacht gab es, wie wir erfahren, auch einen kulturellen Wettstreit darüber, wer die Welt ansonsten am nachhaltigsten beeinflusste. Mit russischen Jeans und Balalaika-Rock konnte Breschnew zu seinem Ärger nicht punkten, aber das Produkt, das der amerikanischen Cola den Rang streitig machen sollte, war wider Erwarten ein Renner. Aus diesem Grund setzte Präsident Nixon alles daran, hinter das Geheimnis des russischen Volkssoda-Getränks zu kommen und es begann ein aberwitziger Kampf um die Formel dieser Brause, bei dem Allan – wir wundern uns nicht – immer in vorderster Front dabei war. Am Ende gab es ein Stillhalteabkommen zwischen Amerikanern und Russen und wir erfahren endlich, worum es bei den SALT-Verhandlungen zwischen Nixon und Breschnew wirklich ging!

Die Rezeptur für die Volkssoda landete dann irgendwie bei Allan, der sich zu dieser Zeit gerade in Berlin aufhielt. Dort vermutet er die geheime Formel immer noch, in der Wohnung einer alten Freundin, und da Bali ohne Geld nicht mehr so reizvoll erscheint und Benny und Miriam bereits nach Schweden abgereist sind, um dort die Geburt ihres Kindes zu erwarten, beschließen Allan und Julius, sich auf den Weg nach Berlin zu machen. Im Bademantel und ohne die Rechnung zu bezahlen verlassen sie das Hotel, begleitet von Erlander und Pike, dem Gangster ohne Gedächtnis, der glaubt, dass sie alle zum Schwimmen gingen.  




Es beginnt eine aberwitzige Reise, die nach vielen Irrungen und Wirrungen schließlich in Schweden endet, immer auf der Jagd nach der Volkssoda-Formel. Zwei Greise mit Kapuziner-Äffchen und einem tumben Gangster im Schlepptau erregen überall, wo sie auftreten, genug Aufsehen um eine Reihe von weiteren Akteuren – bekannten und neuen – auf den Plan zu rufen. Hierzu gehören unter anderem die Tochter eines russischen Spion-Kollegen von Allan, die glaubt, dass dieser ihren Vater um die Formel betrogen hat, sowie der Sohn eines britischen Gangsters, der sich an Allan für den Tod seines Vaters rächen will. Da Volkssoda in den USA auch heute noch nationale Sicherheitsinteressen berührt, machen sich zwei smarte CIA-Agenten auf den Weg nach Malmköping, wo sie Kontakt mit dem redlichen aber ziemlich unbedarften Inspektor Aronsson aufnehmen, während Benny und Miriam das Altenheim, das Allan vor einem Jahr durch ein Fenster verlassen hat, nach seiner Hinterlassenschaft durchsuchen, in der Hoffnung, dort auf das Rezept zu stoßen.

Den Regisseuren Felix und Måns Herngren gelingt es, dem Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, der auf dem Welterfolg des schwedischen Autors Jonas Jonasson beruht, in Zusammenarbeit mit diesem, einen noch amüsanteren zweiten Teil folgen zu lassen. Die Abenteuer von Allan Karlsson werden mit Charme und Witz weitergesponnen, die Rückblicke bewegen sich aber diesmal ausschließlich in den Zeiten des Kalten Krieges und diese Konzentration tut der Geschichte gut. Es bieten sich wie gehabt verblüffende neue geschichtliche Einblicke mit hervorragend aufgelegten Darstellern, allen voran ein  polternder und launiger Breschnew. Wir sehen, wie es trotz Sicherheitskontrolle beim Einchecken gelingen kann, einen Kapuzineraffen in ein Flugzeug zu schmuggeln, sehen zwei alten Männern mit einer unverwüstlichen Gelassenheit durch die haarsträubendsten Abenteuer schlurfen, freuen uns mit Pike, als dieser endlich zu seinem Bad in einem schwedischen See kommt und wünschen uns dabei die ganze Zeit, wenigstens einmal von diesem offensichtlich köstliche Getränk kosten zu dürfen, das beinahe den Lauf der Weltgeschichte so maßgeblich beeinflusst hätte! Vielleicht besteht dafür noch Hoffnung, denn, am Ende taucht die langgesuchte Formel doch noch auf, an einem Ort, den niemand erwartet hätte, am allerwenigsten Allan, wollte er doch zur Entspannung nur ein heißes Bad im Kreise seiner Freunde nehmen...  

Regie: Felix Herngren, Måns Herngren 
Drehbuch: Felix Herngren, Hans Ingemansson b/a story von Hans Ingemansson, Måns Herngren, Felix Herngren und Jonas Jonasson 
Kamera: Göran Hallberg
Musik: Matti Bye 
Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Shima Niavarani, Jens Hultén, Ralph Carlsson, Svetlana Rodina Ljungkvist, Georg Nikoloff, Crystal der Affe


Schweden, 108 min
Concorde Filmverleih 
Deutscher Start: 16.März 2017
                       


Donnerstag, 23. Februar 2017

Film-Rezensionen: Logan



Im Jahr 2029 ist die Gemeinschaft der Mutanten wieder einmal am Ende, diesmal wohl endgültig, denn seit Jahren wurde kein Mutant mehr geboren.Verantwortlich sind genmanipulierte Lebensmittel in Gestalt von Nahrungszusätzen, Fast Food und Energy-Drinks, die gezielt eingesetzt wurden, auch auf Nicht-Mutanten haben sie keinen guten Einfluss – was eine Erklärung für manche Auswüchse heutzutage sein könnte…


Logan, der scheinbar Unsterbliche, hält sich müde und des Lebens überdrüssig mit einem Chauffeur-Job über Wasser. In einem öden Wüstenkaff an der mexikanischen Grenze fährt er partywütige Gäste in einer schicken Strechlimo herum. Die Zumutungen dieser Beschäftigung erträgt er mehr schlecht als recht mit Drogen und Alkohol. In seiner freien Zeit kümmert er sich um die letzte andere noch lebende Ikone der Mutanten, Charles Xavier, auch nur mehr ein Schatten seiner selbst, zeitweise stark desorientiert und zudem noch von fatalen Krämpfen heimgesucht, die sein einstmals so mächtiges Gehirn zu einer unkontrollierten Massenvernichtungswaffe werden lassen. Nur mit starken Medikamenten lassen sich diese Anfälle unterdrücken, deren Auswirkungen gigantische erdbebengleiche Erschütterungen sind. Damit diese bei aller Vorsicht immer wieder auftretenden Anfälle möglichst wenig Schaden anrichten können, lebt Charles in einem riesigen abgeschotteten Tank einer verlassenen ehemaligen Gießerei, wo sich neben Logan ein weiterer verbliebener Mutant um ihn kümmert, der Albino Caliban (diesmal dargestellt von Stephen Merchant), der sich nur mit verhülltem Körper der Sonne aussetzen kann. In früheren Zeiten war er ein Mutanten-Tracker, jetzt lebt er hier versteckt und isoliert im Exil und Logan ist kein wirklich angenehmer Partner, mürrisch und wortkarg wie immer, aber nun auch noch altersmüde. Dennoch spürt man eine gewisse Vertrautheit und Nähe zwischen ihnen, Logan verdient das Geld während Caliban sich um den Haushalt kümmert, kocht und den dementen Charles versorgt.

Aufgestört wird die Routine der drei durch eine verzweifelte junge Frau, die von einer Cyborgtruppe unter Führung des skrupellosen Donald Pierce (Boyd Holbrook) verfolgt wird. Sie bittet Logan um Hilfe für sich und ihre angebliche Tochter Laura (Schauspieldebütantin Dafne Keen), was dieser zunächst entschieden ablehnt, weil er sich nicht mehr als der Mann fühlt, der sich um die Probleme anderer Menschen schert, er will nur noch seine Ruhe.


Aber eines der Hauptthemen des Films ist die Tatsache, dass niemand aus seiner Haut heraus kann, wie bereits Goethes Mephisto seinem Faust ins Ohr flüstert:

„Du bist am Ende was du bist. Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist.“ Und Logan war eben nie das wilde Tier, zu dem man ihn machen wollte. Als die junge Frau ermordet wird, nimmt er die Aufgabe an, das Mädchen Laura an einen geheimnisvollen Ort namens Eden zu bringen. Da er Charles nicht alleine zurücklassen kann, packt er ihn kurzerhand samt Rollstuhl in die Strechlimo und es beginnt eine Odyssee quer durch öde Landschaften und Wüstenorte, mit einem kurzen Abstecher nach Oklahoma City, wo Charles einen bemerkenswert heftigen Anfall erleidet. Währenddessen wird Caliban von Pierce gekidnapped und gezwungen, seine Tracker-Fähigkeiten wieder einzusetzen, um Logan, Laura und Charles aufzuspüren.


Nach außen hin wirken die drei wie eine Kleinfamilie aus Großvater, Vater und Tochter, wenn auch eine etwas seltsame. Laura spricht nicht, entpuppt sich dafür zu Logans Überraschung bald als kleine Killermaschine, ausgestattet mit denselben Selbstheilungskräften wie er und ebensolchen Adamantium-Klauen, die sie allerdings an Händen und Füßen ausfahren kann. Charles taumelt zwischen lichten Momenten und dementen Phasen hin und her und Logan kümmert sich um beide, eben weil sie auf ihn angewiesen sind und er sich dieser Aufgabe nicht entziehen kann.

Nach und nach entsteht eine rührende Nähe zwischen den dreien im engen Ambiente des Autos, sie wachsen tatsächlich zu einer „Familie“ zusammen, eine Überleitung zu einem weitere Thema des Films, der Suche nach Geborgenheit und Zusammenhalt in einer feindlichen Welt. Dies scheint für den Einzelgänger Logan eine Zumutung, letztlich ist es aber auch für ihn eine Reise an den geheimnisvollen Ort, nach dem er immer gesucht hat. Als auch noch klar wird, dass das Mädchen aus Teilen seiner DNA in den Laboren des skrupellosen Dr. Zander Rice (Richard E. Grant) gezeugt wurde, findet er sich plötzlich tatsächlich in der Vaterrolle wieder, ein Gedanke, den er erst einmal verdauen muss.


Dr. Rice ist ein Mutanten-Gegner in bewährter Tradition, der das vermeintlich Böse in Gestalt der Mutanten vernichten möchte aber gleichzeitig fasziniert von deren Fähigkeiten nach Möglichkeiten suchte, sich diese zunutze zu machen. Unter seiner Leitung wurden daher Kinder als menschliche Waffen gezüchtet, eine Weiterführung des ohnehin perversen Gedanken der Kindersoldaten. Nachdem eine Nachfolgeprojekt – die Entwicklung von erwachsenen Klon-Kriegern – jedoch größere Erfolge verspricht, sollen die Kinder eliminiert werden, was von mitleidigen Menschen verhindert wird. Die Kinder entkommen – unter ihnen auch Laura – machen sich auf den Weg an einen Ort, von wo sie sich in Sicherheit bringen können, eben jenes Eden, und die Cyborg-Truppe hat den Auftrag, dies zu verhindern.


Der Film sucht – und findet – eine gelungene Balance zwischen vertrauten Elementen und Neuem, gefühlvollen Momenten und harter Action. Logans bekannte berserkerhafte Wutausbrüchen lassen diesmal Blut spritzen und Körperteile abtrennen, ein Anblick vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber konsequent und dem letzten Abenteuer Logans angemessen. Neben den furiosen Gewaltszenen steht aber im Vordergrund die Frage nach Vergänglichkeit und Alter, dem Aufgeben von Gewohntem, Aufbruch und Neuanfang. Die Zeit von Charles und auch Logan ist vorüber, selbst ein scheinbar unsterblicher Krieger wird irgendwann müde und ist verbraucht, dies auch dem Material geschuldet, das ihm lange Zeit so viel Stärke und Unbesiegbarkeit verliehen hat, nun aber gegen ihn arbeitet. Es mag uns nicht gefallen, den liebgewordenen unverwundbaren Helden in einem solch lamentablen Zustand zu sehen, aber so ist nun mal der Lauf der Dinge. Man hat versucht, aus ihm eine Waffe zu machen, aber er ist und bleibt ein Mensch, dessen Lebensspanne endlich ist und der mit denselben Alterserscheinungen zu kämpfen hat, wie jeder andere, der sich auch schon einmal widerwillig die Lesebrille aufsetzen muss, weil die Augen nicht mehr mitmachen wie gewohnt, der sich, sein Ende vor Augen, noch einmal aufbäumt, sich selbst zu opfern, um das was er als seine Mission erkannt hat, zu erfüllen. Dabei wird er mit der neuen furchtbaren Waffe aus Dr. Rice’ Labor konfrontiert, die fast alles vernichtet, bis die kleine Laura eingreift und sich als würdige Widergängerin ihres Vaters erweist. Zurück bleibt die Hoffnung, die allen Menschen innewohnt, dass mit dem eigenen Tod nicht alles zu Ende ist, sondern eine neue Generation sich auf den Weg macht, wie Laura und ihre Freunde.



James Mangold hat bei seinem Werk eine Menge aufgeboten, vertraute Western-Mythen – der Film „Shane“ wird in einer längeren Szenen zitiert – und das immerwährende Thema vom einsamen Helden, der (meist) unfreiwillig eine übermenschliche Aufgabe zu erfüllen hat, die ihn das Leben kosten wird. Dabei wird Mangold von der Riege seiner hervorragenden Darsteller, die dem titelgebenden Logan einen würdigen Abgang verschaffen, glänzend unterstützt.



Stephen Merchant verleiht dem Albino Caliban Tiefe und weckt eindrucksvoll Mitgefühl für die geschundene Kreatur, während die Bösewichter Pierce und Rice – entgegen der Faszination, die vom Bösen meistens ausgeht – ein bisschen blass bleiben, aber Boyd Holbrook holt das Beste aus seiner Rolle heraus, die nicht wirklich darauf angelegt ist, den Guten die Schau zu stehlen.


Patrick Stewart gelingt es, die angeschlagene Autorität von Charles Xavier durch kleine Gesten, Blicke aber vor allem seine beeindruckende Präsenz aufrecht zu erhalten. Seine Wortgeplänkel mit Logan geben den Film immer wieder inmitten der ganzen Schwere eine fast heitere Leichtigkeit, die hoffentlich nicht zu subtil für den ein oder anderen Zuschauer bleibt, der nur das blutige Gemetzel im Blick hat.



Dafne Keen in ihrer ersten Rolle schafft es in beeindruckender Weise, Lauras Entwicklung vom stummen, verstört wirkenden kleinen Mädchen mit Killer-Klauen und einer niedrigen Impulskontrolle zur immer stärker werdenden Heldin zu zeigen, die am Ende glaubhaft die neue Zukunft der Mutanten verkörpert.



Und schließlich beweist Hugh Jackman zum Abschluss seines Logan-Lebens noch einmal, wie sehr er sich die Figur des Logan über all die Jahre zu eigen gemacht hat. Er lässt uns allein durch den Blick in sein von vielen Kämpfen geschundenes Gesicht seine ganze Geschichte erkennen, alle Facetten, die dieser in keiner Weise eindimensionale Charakter zu bieten hat. Die Natur hat aus ihm einen Freak gemacht, die Menschen formten daraus eine Waffe und Gott hat ihn das alles viel zu lange ertragen lassen, diesen ganzen (Welt)Schmerz, der in seinem Schicksal steckt, zeigt sich in seinen Augen, aber auch in seiner ganzen Mimik und Gestik. Dazu gibt es noch einmal ein letztes eindrucksvolles Aufbäumen seiner immer schwächer werdenden Kräfte bei seinem finalen furiosen Kampf und die Konfrontation mit seinem letzten Gegner, bis zu seinem bewegenden Ende in den Armen Lauras. 





Nature made me a freak.

Man made me a weapon.

And God made it last too long.


Regie: James Mangold 
Drehbuch: Scott Frank & James Mangold, Michael Green
b/a story von James Mangold
Kamera: John Mathieson, BSC
Produktionsdesign: François Audouy
Musik: Marco Beltrami

Darsteller: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Richard E. Grant, und erstmals: Dafne Keen



Kinostart: ab 02. März 2017

Twentieth Century Fox in Association with Marvel Entertainment


Dienstag, 24. Januar 2017

Film-Rezensionen: Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen


Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen



Das amerikanische Kino liebt Helden und ihre Geschichten. Wie selbstverständlich denkt man dabei an gestandene Männer, die gen Westen reiten, Verbrecher jagen oder in den Weltraum fliegen, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Dass zu Letzterem auch eine Reihe unbekannter Heldinnen einen wichtigen Beitrag geleistet haben, dürfte nur den wirklich eingeweihten Kennern des amerikanischen Weltraumprogramms bekannt sein. Dieser Film erzählt ihre Geschichte.


Die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren das Jahrzehnt des „Space Race“ – Russen und Amerikaner arbeiteten fieberhaft daran, einen Menschen auf den Mond zu befördern. Es war aber auch das Jahrzehnts der Rassenunruhen in den USA, der fortschreitenden Emanzipation der Frau und allgemein der Beginn eines weitreichenden gesellschaftlichen Wandels.


Unter Präsident Lyndon B. Johnson wurde zwischen 1964 und 1968 die Rassentrennung zwar offiziell aufgehoben und der afroamerikanischen Bevölkerung die vollständige verfassungsrechtliche Gleichberechtigung zugesprochen. Ein gleichberechtigtes Leben war aber noch lange nicht selbstverständlich, jeder einzelne Schritt war ein mühsamer Kampf, um Teilhabe, um Anerkennung, um Selbstverständlichkeiten, wie dieselbe Toilette benutzen zu dürfen. Wer es also geschafft hat, in dieser Zeit mit afroamerikanischen Wurzeln und als Frau Karriere im Raumfahrtprogramm zu machen, der musste schon Außergewöhnliches leisten, um überhaupt eine Chance zu haben.

Und genau dies gelingt den Protagonistinnen des Films „Hidden Figures“, den drei mathematisch und naturwissenschaftlich hoch begabten Frauen Katherine Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe), als sie einen entscheidenden Teil dazu beitragen, dass John Glenn als erster US-Astronaut die Erde umrundet – und heil zurückgebracht wird.

Kurz vor Einsatz des ersten IBM Computers bewältigen Scharen von Mathematikern und eben auch Mathematikerinnen unendlich lange Rechenoperationen mit Stift und Papier. Dabei beweist Katherine Johnson ein mathematisches Genie, das es erst zu entdecken gilt, denn selbstverständlich begegnen ihr die männlichen Kollegen und Konkurrenten – allen voran der von Jim Parsons dargestellte Paul Stafford – mit abgrundtiefer Skepsis. Erst als sie ihren Chef Al Harrison (Kevin Kostner) überzeugt hat, vertraut man ihr so sehr, dass der Astronaut John Glenn erst nach ihren Berechnung bereit ist („Get the girl to check the numbers“), in den Orbit aufzusteigen, und das, nachdem das erste IBM Ungetüm bereits seinen Dienst aufgenommen hat.

Dorothy Vaughan, die bereits seit langem Führungsaufgaben wahrnimmt, allerdings ohne den dazugehörigen Status und ohne das entsprechende Gehalt, gelingt es, sich als erste Frau mit den neuen Aufgaben, die durch die Inbetriebnahme von Computern entstehen, vertraut zu machen und die drohende Arbeitslosigkeit ihrer rechnenden Kolleginnen durch Computerschulungen abzuwenden, während Mary Jackson ein Hindernis nach dem anderen ausräumt, bis sie es ebenfalls schafft und als Ingenieurin anerkannt wird.



„Hidden Figures“ – der Titel spielt auf die im Verborgenen agierenden Heldinnen an, aber auch auf die komplizierten Rechenoperationen, die von ihnen bewältigt wurden – setzt allen Menschen ein Denkmal, die jedem Widerstand zum Trotz ihre Wünsche und Ziele verfolgen, unabhängig von Geschlecht oder Hautfarbe. Dabei bleibt der Film unterhaltsam und schüttelt jegliche Schwere ab, die dem Thema innewohnt. Leicht und mit einer Portion (Galgen)Humor durcheilt er so eine Dekade, die für Vieles den Startschuss gegeben hat.
Eine Menge ist seither erreicht worden, die heute absurd anmutenden Auswüchse der Rassen- und Frauendiskriminierung sind in vielen Bereichen überwunden, aber ist die Szene, in der Katherine Johnson an ihrem ersten Arbeitstag als neue Putzfrau angesehen wird und von den Kollegen zunächst einmal einen nicht geleerten Papierkorb in die Hand gedrückt bekommt, heute wirklich undenkbar? Es bleibt also genug zu tun, so dass man sich noch nicht zurücklehnen kann –  außer in seinem Kinosessel, um sich nach dem Film immer wieder sagen zu können: Genie kennt keine Herkunft. Stärke kein Geschlecht. Mut keine Grenzen.

Regie: Theodore Melfi
Drehbuch: Allison Schroeder + Theodore Melfi, b/a Buch von Margot Lee Shetterly
Kamera: Mandy Walker
Musik: Hans Zimmer, Pharrell Williams, Benjamin Wallfisch
Darsteller:
Taraji P. Henson: Katherine Johnson
Octavia Spencer: Dorothy Vaughan
Janelle Monáe: Mary Jackson
Kevin Kostner: Al Harrison
Jim Johnson: Mahershala Ali
Jim Parsons: Paul Stafford
Kirsten Dunst: Vivian Mitchell
Glen Powell: John Glenn
Deutscher Filmstart: 02.02.2017

Donnerstag, 17. November 2016

Film-Rezensionen: Deepwater Horizon



Deepwater Horizon



Seit dem Turmbau zu Babel enden von Menschen geschaffene Projekte immer wieder in einem Desaster. „Deepwater Horizon“ ist ein weiteres Beispiel hierfür.



„Deepwater Horizon“ war der Name einer Explorationsplattform der Schweizer Firma Transocean, auf der im Jahr 2010 im Auftrag des britischen Konzerns BP 70 km vor der Küste im Golf von Mexiko die Förderung von Öl aus einem riesigen Ölfeld unter dem Meeresboden vorbereitet werden soll. Das Projekt endete in einer Katastrophe, als die Anlage den Betreibern bei einer Bohrungstiefe von 1500 Metern buchstäblich um die Ohren flog, für etliche Tote sorgte und den Golf sowie die Küsten von Louisiana, Florida, Alabama und Mississippi mit auslaufendem Öl verseuchte. Über drei Monate lang schossen täglich geschätzt 40.000 Barrel Öl aus dem Bohrloch, bis dieses endlich geschlossen werden konnte. Die Folgen belasteten die betroffene Region auf Jahre hinaus.



Diese Tragödie ist Vorlage für den gleichnamigen Film, der sich allerdings nicht mit der Ölpest und deren Folgen auseinandersetzt, sondern die Geschichte der tapferen Männer und Frauen erzählt, die im Laufe der Ereignisse zu Helden werden.



Zur Einführung werden wir in die raue Welt auf einer Bohrplattform eingeführt, wo die Arbeit hart und der Umgangston kernig ist, wie überall dort, wo gestandene Männer in eingespielten Teams – sei es in Armee, Feuerwehr oder Polizei – zusammenarbeiten, und wo Gefahr ein ständiger Begleiter ist, der man nur trotzen kann, wenn man zusammenhält. Die einzige Frau zur Zeit des Unglücks ist die Technikerin Andrea Fleytas, die die schwimmende Plattform auf Kurs hält.



Die Mannschaften arbeiten wochenweise, zu Beginn werden wir Zeugen eines Schichtwechsels, bei dem auch der Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg) und der bärbeißige, bei allen beliebte und geachtete Offshore Installation Manager Jimmy Harrell (Kurt Russell), genannt Mr. Jimmy, an Bord gehen. Beide beobachten, wie die Mannschaft der Firma Schlumberger, die letzte entscheidende Tests vornehmen sollte, die Plattform verlässt, wie sich später herausstellt, ohne befriedigende Ergebnisse.



Ebenfalls an Bord ist ein Vertreter von BP, Donald Vidrine (John Malkovich), der den Abschluss der Tests forcieren soll, da sich das Projekt bereits sechs Wochen hinter dem Zeitplan befindet.



Während Mr. Jimmy und seine Techniker erhebliche Zweifel haben, dass alle Probleme behoben sind und der Weg zur ersten Bohrung frei ist, setzt sich Vidrine erwartungsgemäß darüber hinweg. Er interpretiert einen nicht befriedigend verlaufenen Drucktest anders als die Techniker, da diese aber auch keine bessere Erklärung für die erhaltenen Ergebnisse haben, fügen sie sich schließlich den Anweisungen Vidrines und beginnen mit einer ersten Bohrung.



Einmal in Gang gesetzt ist das Verhängnis dann nicht mehr aufzuhalten. Wie zuvor in den Tests steigt der unterseeische Druck sofort an und der Technikerin Freytas wird zunächst untersagt, das Bohrloch über ein Ventilsystem am Meeresgrund wieder zu schließen. Als sie den Mut findet, entgegen ihrer Anweisung zu handeln, ist es bereits zu spät, der massive Druck entwickelt sich zu einem  Blowout, bei dem Bohrschlamm, Öl und Gas in einer gewaltigen Fontäne nach oben geschleudert werden. Es kommt zu Explosionen und ein Feuersturm fegt über die Bohrplattform hinweg. In bombastischen Bildern und ebensolchen Effekten werden diese Explosion der Plattform und das anschließende Höllenfeuer so realistisch in Szene gesetzt, dass der Zuschauer in seinem Kinosessel stellenweise das Gefühl hat, mitten im Geschehen dabei zu sein – eine Erfahrung, die man vielleicht nicht unbedingt machen muss.



Man fühlt die Hitze, riecht den Gestank von verbrennendem Öl, leidet mit den Akteuren – allen voran dem hervorragenden Kurt Russell. Die Nahaufnahmen erlauben kein Entrinnen und es ist angesichts des Infernos ein Wunder, dass es letztlich überhaupt Überlebende gibt.



Und dann ist der Film plötzlich zu Ende.



Die Erwartung, dass zum Schluss eine Aufarbeitung stattfindet, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte und – wichtiger noch – wer dafür verantwortlich ist, wird enttäuscht, und das ist das große Manko dieses durchaus mitreißenden Films. Im Abspann wird an die tapferen elf Männer erinnert, die ihr Leben verloren haben und lediglich in einem Satz wird auf die entstandene gigantische Umweltkatastrophe hingewiesen.



Zurück bleibt das schale Gefühl, dass die richtigen Menschen, die in einer schrecklichen Situation über sich hinausgewachsen sind, gesiegt haben, die falschen aber wieder einmal davongekommen sind. John Malkovics Figur dient lediglich dazu, die zu erzählende Geschichte in Gang zu setzten, eine Aufgabe, die er gewohnt gekonnt meistert, danach spielt er keine Rolle mehr.



Wir haben tapferen Helden bei der Arbeit zugesehen, aber wer sich auf diese einfache Geschichte einlässt, wird von dem exzellent in Szene gesetzten Spektakel geblendet und verkennt die fatale Botschaft des Films: Solange es solche Helden gibt, die für die Fehler anderer ihren Kopf hinhalten und sogar sterben, können wir getrost jeden Irrsinn in die Tat umsetzen und solange werden wir immer neue Türme bauen, die uns am Ende über dem Kopf zusammenbrechen.







Regie: Peter Berg

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Matthew Sand

Darsteller: Mark Wahlberg, Kurt Russell, John Malkovich, Gina Rodriguez, Dylan O’Brian, Kate Hudson



Dauer: 107 Minuten

FSK: 12

Donnerstag, 10. November 2016

Film-Rezensionen: Florence Foster Jenkins


Florence Foster Jenkins



Der Film erzählt die (wahre) Geschichte der reichen Erbin Florence Foster Jenkins (hinreißend dargestellt von Meryl Streep), die es sich Im New York der 40ger Jahre zur Aufgabe gemacht hat, unter Einsatz ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens und einer überwältigenden Leidenschaft ihren Mitbürgern klassische Musik näher zu bringen. Unterstützt wird sie dabei von ihrem britischen Ehemann, St. Clair Bayfield (tadellos: Hugh Grant), einem alternden Schauspieler, dem der entscheidende Erfolg auf der Theaterbühne verwehrt geblieben ist. Zusammen tritt das Paar im von beiden gegründeten Verdi-Club vor einem ausgewählten Publikum der New Yorker Society auf. In legendären Tableaux vivants deklamiert St. Clair unsterbliche Verse, während Florence in schrillen Kostümen für deren Untermalung sorgt.



Florences eigentliche Leidenschaft gilt jedoch der Oper, und ein Konzert in der Carnegie Hall weckt in ihr das Verlangen, Gesangsunterricht zu nehmen, ein Wunsch, den ihr St. Clair sogleich erfüllt. Die Aufgabe übernimmt – gegen ein üppiges Honorar – ein renommierter Musiker. Außerdem bekommt der mittellose junge Pianist Cosmé McMoon (herrlich verhuscht: Simon Helberg) die Chance auf ein fürstliches Gehalt, um Madame Florence musikalisch zu begleiten. McMoon kann sein Glück kaum fassen und sieht aufgeregt seiner ersten Stunde mit ihr entgegen. Die Spannung weicht jedoch einem ungläubigen Entsetzen, als Florence ihre Stimme erhebt, denn die Gute ist leider völlig unmusikalisch. Ohne Gefühl für Intonation und Rhythmus verfehlt sie haarscharf jeden Ton, was aber weder Gesangslehrer noch Gatte zu bemerken scheinen, vielmehr wird sie von beiden freundlich ermutigt.



Florence wagt sich an die schwierigsten Arien und nichts kann sie davon abhalten, diese auch in öffentlichen Auftritten zu Gehör zu bringen. St. Clair sorgt allerdings stets peinlich genau dafür, dass wirklich nur ein ausgewähltes Publikum zugelassen ist, so dass Florence nie erfährt, wie untalentiert sie in Wirklichkeit ist. Als sie sich eines Tages in den Kopf setzt, in der Carnegie Hall aufzutreten, wird die Sache brenzlig, denn alles andere als eine unglaubliche Blamage wäre eine Überraschung. Alle Versuche McMoons, sich aus dieser auch für ihn peinlichen Situation herauszuwinden scheitern, letztlich auch daran, dass sein Engagement einfach zu lukrativ ist und er auf andere Art wahrscheinlich nie die Chance erhalten wird, einmal in der Carnegie Hall zu spielen.



Auch St. Clair gelingt es nicht, Florences Auftritt zu verhindern, und diesmal liegt es nicht in seiner Macht, auf die Zusammensetzung des Publikums Einfluss zu nehmen, insbesondere einen besonders kritischen Journalisten fernzuhalten, der die Gelegenheit nutzt, endlich einmal die Wahrheit über Florences Sangeskunst zu schreiben. St. Clair und McMoon setzen alles daran, zumindest zu verhindern, dass Florence seine Rezension zu lesen bekommt, aber auch das misslingt…



Einen weiteren tragischen Aspekt erhält die Geschichte, wenn der Zuschauer erfährt, dass Florence schwer krank ist. Seit jungen Jahren leidet sie an Syphilis, die damalige Behandlung dieser Krankheit mit Quecksilber hat zwar ihr Leben gerettet, aber ihre Gesundheit dauerhaft ruiniert, wovon außer ihrem Mann nur wenige Menschen wissen.



Aufgrund der Krankheit lebt das Paar absolut enthaltsam, weswegen St. Clair eine Beziehung zu einer anderen Frau unterhält, was auch von Florence toleriert wird. Mit seiner „Zweitfrau“ lebt er zusammen, wann immer er das Gefühl hat, dass es Florence gut geht und sie aufs Beste versorgt ist, dafür tut St. Clair alles, aufopfernd, unerschütterlich und mit einer rührenden Zärtlichkeit. Es ist ein Arrangement der besonderen Art, alle Beteiligten scheinen damit glücklich zu sein, wer wollte ihnen dieses Glück streitig machen? Muss man in einem solchen Fall nicht von wahrer Liebe sprechen?



Der Film orientiert sich am Leben der echten Florence Foster Jenkins, und es gelingt Stephen Frears wie gewohnt meisterhaft, die anrührende Geschichte ohne Pathos und Kitsch in Szene zu setzen. Er lässt das New York der 40ger Jahre des vorigen Jahrhunderts lebendig werden, Kulisse und Kostüme schwelgen in nostalgischen Bildern, aufgeschreckt nur durch die schrillen Töne der Hauptperson.



Der Zuschauer ist zunächst hin- und hergerissen, kann es richtig sein, eine offensichtliche Wahrheit nicht auszusprechen und jemanden in einer Fantasiewelt leben zu lassen, auch wenn stets die Gefahr besteht, dass es zu einem bösen Erwachen kommt? Ist die Lüge ein legitimes Mittel um einen Zweck zu erreichen, sei er noch so ehrenvoll? Aber dem von Hugh Grant mit überzeugender Hingabe dargestellten St. Clair stellen sich diese Frage nicht, er handelt aus Liebe, und durch ihn bekommt das Leben seiner Frau eine besondere Würde, ein Leben, das angesichts ihres Schicksals so anders hätte verlaufen können, verhärmt und verbittert, in Schwermut und Melancholie. Stattdessen erlebt Florence viele wunderschöne Momente, die wahrscheinlich nur Meryl Streep mit einer gleichermaßen kindlichen wie überschwänglichen Freude vermitteln kann.



Florence Foster Jenkins lebt ihren Traum und als ihr Ende bevorsteht, zieht sie ihr Fazit: „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“



Besser kann man nicht von der Bühne abgehen…





Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Nicholas Martin

Kamera: Danny Cohen

Musik: Alexandre Desplat

Darsteller: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, Agnes Stark



Dauer: 110 Minuten

Start: 24. November 2016


Donnerstag, 29. September 2016

Film-Rezensionen: Saint Amour - Drei gute Jahrgänge (Saint Amour)


Saint Amour



Wenn man wie Bauer Bruno (Benoît Poelvoorde) im ländlichen Frankreich lebt, ist eine Fahrt nach Paris ein Ereignis, auch wenn es nur in die riesige Halle einer Landwirtschaftsmesse außerhalb der Stadt geht. Er und sein Vater Jean (Gérard Depardieu) stellen dort aus, und wie jedes Jahr hofft Jean auf den ersten Preis für seinen wahrhaft imposanten Prachtbullen.



Der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung ist für Bruno und seine Kumpel allerdings eine rituelle Weinreise, hierfür müssen sie die Hallen nicht verlassen, es genügt ein Zug vorbei an den verschiedenen Ständen der ebenfalls zur Messe angereisten Weinerzeuger. Es geht auch nicht um die Verkostung edler Tropfen, sondern um ein möglichst zügiges Abfüllen, nicht Genuss steht im Vordergrund, sondern der Rausch, der Bruno helfen soll, sein tristes Dasein einigermaßen erträglich zu machen.


Natürlich funktioniert das nicht, dem Rausch folgt stets die Ernüchterung – wer wüsste es besser als Bruno selbst, der diese Reise schon unzählige Male unternommen hat. Er kennt die zehn Etappen des Alkohols – er wird sie später noch genau erläutern – und am Ende, nach dem Exzess, steht auf jeden Fall immer die Scham.


Bruno hat zwei Probleme: einen übermächtigen Vater und die Frauen, bei denen er trotz aller Bemühungen keine Chancen hat. Der Vater (in der wuchtigen Gestalt von Gérard Depardieu) ist ein imposanter Koloss, Bruno wagt es nicht, ihm zu gestehen, dass er Hof und Landwirtschaft gegen einen Job in einem Baumarkt eintauschen möchte. Den Frauen nähert sich Bruno nüchtern nur sehr linkisch, sturzbetrunken stößt er sie unweigerlich ab.


Jean erkennt durchaus, dass Bruno unglücklich ist, auch wenn dieser nichts davon bemerkt, da sich Vater und Sohn über die Jahre voneinander entfremdet haben. Um sich ihm wieder anzunähern, beschließt Jean, mit seinem Sohn während der Messe eine reale Weinreise zu machen, Voraussetzung ist, dass sie zur Prämierung des besten Zuchtbullen am Ende der Woche zurück sind. Man heuert einen jungen Taxifahrer namens Mike (Vincent Lacoste) an, der sie in die gewünschten Weinorte chauffieren soll, beginnend mit dem Anbaugebiet des Saint-Amour im Beaujolais.


 Auf dieser sehr speziellen Reise treffen drei Lebensalter aufeinander, die am Schluss auf wundersame Weise verschmelzen, aber bevor es soweit ist, erleben sie bizarre Situationen und treffen auf ungewöhnliche Menschen.


In Szene gesetzt hat diesen Film das französische Regie-Tandem Gustave Kervern und Benoît Delépine, die beide auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Aus ihrer Zusammenarbeit sind bereits Werke wie „Mammuth“ und „Le grand soir“ („Der Tag wird kommen“) hervorgegangen. In „Saint  Amour“ ist es ihnen gelungen, mit Depardieu und Poelvoorde zwei der großartigsten Akteure des französischsprachigen Films zusammen zu bringen, die aus einem skurrilen Roadmovie eine zutiefst anrührende Liebesgeschichte werden lassen, die noch einige Zeit nach Filmende, sozusagen im Abgang, ein angenehmes Gefühl hinterlässt. 

Es ist meisterlich, wie Gérard Depardieu, mächtig, massig, ein Berg von einem Mann, sich mit einer unendlichen Zärtlichkeit und Liebe seinem Sohn annähert und seine Liebeserklärung am Ende, unbeholfen aber bewegend, gehört zu den anrührendsten Momenten des Films.


Benoît Poelvoorde überzeugt gleichermaßen in seiner Verzweiflung und Zerrissenheit, auf der Suche nach Anerkennung und Zuwendung. Er scheut sich nicht, Einblicke in alle Höhen und Tiefen seiner Seele zu zeigen, bis er schließlich zur Ruhe kommt. 


Der Dritte im Bunde, Vincent Lacoste, ist mehr als ein schmückendes Beiwerk, auch seine Figur des Taxifahrers Mike, jung, gutaussehend, der scheinbar als Einziger heraushat, wie man mit den Frauen richtig umgeht, braucht diese Reise, um zu sich selbst zu finden und die drei Lebensalter eines Mannes abzurunden. Nur alle drei zusammen schaffen es, der Frau mit dem bezeichnenden Namen Vénus, mitreißend dargestellt von Céline Sallette, zu ihrem späten Glück zu verhelfen, ein Glück an dem schließlich alle genesen.


Hochkarätig besetzt auch die Nebenrolle, so überrascht der Schriftsteller Michel Houellebecq als verschrobener Gastwirt, der mit seiner Familie in der Garage nächtigt, um Gäste auf Weinreise in seinen Zimmern unterzubringen. Aber auch die Frauen-Rige kann sich sehen lassen mit Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni und Ana Girardot, alle kleine Leckerbissen, um die ungewöhnliche Weindegustation abzurunden.


Ein paar der derberen Witze oder Situationen sind nicht unbedingt etwas für Feingeister, aber wer sich auf den Film einlässt, wird seinen Spaß haben. „Saint Amour“ ist kein konventionelles Einheitskino und lässt über den schnellen Genuss hinaus durchaus eine poetische Tiefe und Klarheit erkennen. Wie ein guter Wein eben...




Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

ab 13. Oktober 2016 im Kino



Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine

Musik: Sébastien Tellier

Darsteller: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette, sowie Gustave Kervern, Michel Houellebecq, Ovidie, Andréa Ferréol, Chiara Mastroianni, Ana Girardot