Blog-Archiv

Mittwoch, 28. Februar 2018

Film-Rezensionen: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Die (fiktive) Kleinstadt Ebbing irgendwo in Missouri, USA, ist einer dieser Orte… 

Das Städtchen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von jedem anderen Nest, das man bei kurzer Durchfahrt als klein, vielleicht idyllisch, aber nichtssagend einordnen würde. Hinter der harmlosen Fassade schlummert jedoch der ein oder andere Abgrund.


Es hat ein schreckliches Verbrechen gegeben, eine junge Frau ist ermordet und vergewaltigt worden und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand), verhärmt und verbittert, kann sich nicht damit abfinden und mietet eines Tages drei riesige Werbetafeln am Ortsrand, um auf die Untätigkeit der Polizei hinzuweisen, ein Aufschrei und eine öffentliche Anklage, bei der sie den Polizeichef Willoghby (Woody Harrelson) persönlich für die Unfähigkeit der Polizei verantwortlich macht, die sich in ihren Augen mehr auf die Jagd auf schwarze Jugendliche konzentriert, als auf die Aufklärung wirklicher Straftaten. 

Besonders der tumbe Jason Dixon (Sam Rockwell) steht für das Versagen der Staatsmacht, ein unkontrolliert marodierender rassistischer Polizist mit Alkoholproblem, der bei seiner ebenso rassistischen Mutter lebt. Auch für ihn hat Mildred nur Verachtung übrig, dabei wird ihr Kreuzzug für Gerechtigkeit im Laufe des Films selbst immer fragwürdiger. Ihre Radikalität ist zwar für die Mutter eines Verbrechensopfers verständlich, mit rechtsstaatlichen Prinzipien aber nicht immer kompatibel. Um diesen Kern von Protagonisten kreisen noch weitere schräge Figuren, so Mildreds Ex-Ehemann Charlie, der inzwischen mit einem 19-jährigen Dummchen herumzieht und ein kleinwüchsiger Verehrer Mildreds (Peter Dinklage), der ihr bei einer ihrer völlig aus dem Ruder gelaufenen Aktionen beisteht.

Mit dem neugierigen Blick eines Insektenforschers erschafft Regisseur McDonagh ein Biotop der Monstrositäten. Es ist kein Abbild der (amerikanischen) Gesellschaft an sich, vielmehr bekommt der Zuschauer einen Blick hinter die Fassade einer Familie, deren Mitglieder untereinander zutiefst zerstrittenen sind, dann aber doch wieder zusammenhalten, weil man eben irgendwie zusammengehört. Man geht nicht zimperlich miteinander um, die teilweise grobschlächtige Sprache ist oft verletzend und meistens so gemeint, manchmal vermittelt sie aber auch eine Intimität, die es eben nur in Familien gibt, die zusammenhalten, egal, welche Prüfungen das Schicksal bereit hält.
  Die Akteure handeln brutal, sind aber auch gleichzeitig verletzlich, und erst die tröstenden und weisen Worte eines Toten, die dieser in mehreren Abschiedsbriefen an seine Schäfchen richtet, gibt manchem von ihnen eine neue Perspektive und den entscheidenden Denkanstoß, dass die ganze Wut, die sich durch alle ihre Handlungen zieht, nur noch größere Wut erzeugt. Die fragwürdige Läuterung des Rassisten Dixon wird so nachvollziehbar, und wenn er sich am Ende mit seiner größten Widersacherin zusammentut, um einen Fremden zu bestrafen, der zwar leider nicht als Mörder von Mildreds Tochter in Frage kommt, aber offensichtlich ein anderes Verbrechen auf dem Kerbholz hat, haben die beiden immer noch nicht die ganze Lektion gelernt, aber es besteht Hoffnung, es ist noch nicht alles verloren in Ebbing, Missouri.  


Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh 
Kamera: Ben Davis 
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances Mc Dormand, Woody Harrelson; Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Peter Dinklage, Sandy Martin, Lucas Hedges, John Hawkes, Darrell Britt-Gibson

20th Century Fox; Fox Searchlight Pictures
USA, 115 min.
FSK 12
Im Kino seit 25. Januar 2018













Dienstag, 27. Februar 2018

Film-Rezensionen: Red Sparrow


Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) tanzt als Primaballerina bis ihre Karriere durch eine Verletzung abrupt gestoppt wird. Als sie herausfindet, dass sie einer bösen Intrige zum Opfer gefallen ist, rächt sie sich und ihr drastisches Vorgehen dabei liefert bereits recht früh den Hinweis, dass mit ihr nicht zu spaßen ist.

Um ihre kranke Mutter weiter unterstützen zu können, lässt sie sich von ihrem Onkel Vanya Egorov (Matthias Schoenaerts), der ein hohes Tier beim russischen Geheimdienst SWR ist, für eine geheimdienstliche Mission rekrutieren. Hierbei wird voller Körpereinsatz von ihr gefordert und sie erfüllt ihre Aufgabe bravourös. Damit empfiehlt sie sich für eine geheimdienstliche Schule für junge Spione unter Leitung einer beinharten Ausbilderin (Charlotte Rampling).
Die „Red Sparrows“ genannten jungen Leute werden in brutaler Weise darauf gedrillt, Körper und Geist gleichermaßen als Waffe für ihr Land einzusetzen und Dominika erweist sich als eine der besten Absolventinnen. Onkel Vanya ist mehr als zufrieden und betraut sie mit der Mission, einen Maulwurf in den eigenen Reihen aufzuspüren. Hierfür soll sie sich an den amerikanischen CIA-Agenten Nate Nash (Joel Edgerton) heranmacht, der kurz bevor der Maulwurf enttarnt werden konnte, Russland Hals über Kopf verlassen musste. Von Budapest aus setzt er alles daran, seinen Mann zu schützen, während Dominika ihrem Ziel, Nate Nash zu täuschen, um den Maulwurf zu enttarnen, immer näher zu kommen scheint. Aus diesem Katz-und-Maus-Spiel entwickelt sich ein Spionage-Thriller, der immer wieder, wie es sich für das Genre gehört, die Seiten wechselt, und am Ende ist es Dominika, die meisterlich und eiskalt die Fäden zieht.

Der Film, der auf dem Buch des EX-CIA-Mannes Jason Matthews beruht, ist trotz seiner immer wieder überraschenden Wendungen, nichts für Liebhaber der gepflegten Agentengeschichte, und wenn in einer Welt, in der niemand niemandem vertrauen kann, sich die russische Spionin und der amerikanische CIA-Agent mit dem Dialog näher kommen: „Kann ich Dir vertrauen?“ – „Ich verspreche es Dir“, mutet dies schon ein wenig unfreiwillig komisch an. Ungeklärt bleibt zudem die Frage, weshalb trotz Gebrauchs aktueller Handys höchstwichtige geheime Informationen immer noch auf Disketten gespeichert werden und warum alle Russen untereinander Deutsch (bzw. in der Originalfassung Englisch) mit russischem Akzent sprechen.

Wer über solche Dinge hinwegsehen kann und auf knallharte Actionszenen steht, der kommt allerdings auf seine Kosten, hier schöpft der Film aus dem Vollen und zeigt sich in den betreffenden Passagen nicht zimperlich. Jennifer Lawrence wandelt als eiskalte schwarze Witwe mit ebensolchem Gesichtsausdruck durch die insgesamt langen 139 Minuten, Charlotte Rampling und Jeremy Irons sind Russen wie aus dem Bilderbuch des kalten Krieges, während Joel Edgerton den Part des guten Amerikaners gibt, einzig Matthias Schoenaerts verleiht seinem Onkel Vanya eine gefährliche Intensität.

Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Justin Haythe b/a Buch von Jason Matthews 
Musik: James Newton Howard 
Kamera: Jo Willems
Darsteller: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Mary-Louise Parker, Charlotte Rampling

20th Century Fox, 139 min.
FSK 16
Kinostart: 01. März 2018










Donnerstag, 8. Februar 2018

Film-Rezensionen: Alles Geld der Welt (All the Money in the World)


Anfang der 70ger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt der amerikanische Öl-Tycoon J. Paul Getty als der reichste Mensch der Welt, er war bereits Milliardär, als viele andere noch versuchten, in den Kreis der Millionäre zu gelangen. Sein unglaublicher Reichtum weckte Begehrlichkeiten und so wurde 1973 einer seiner Enkel – John Paul Getty III – in Rom entführt. Für dessen Freilassung sollte der Großvater 17 Millionen Dollar zahlen, der Film von Ridley Scott – basierend auf John Pearsons Buch „Painfully Rich: The Outrageous Fortunes and Misfortunes of the Heirs of J. Paul Getty“ – arbeitet die Geschichte dieser Entführung akribisch auf. 

Obwohl es die farbigste Phase des Films ist, lässt Ridley Scott den 16-jährigen Paul (Charlie Plummer) zu Beginn in schwarz-weißen Bildern sorglos durch das Nachtleben des quirligen Roms jener Zeit flanieren, bis er bei einem seiner Streifzüge in einen Lieferwagen gezerrt und entführt wird. Ab diesem Moment kehrt zwar die Farbe in den Film zurück, die durchgehend fahle und bleierne Atmosphäre jedoch schafft Bilder, die viel farbloser wirken, als die schwarz-weißen zuvor.


Der Junge harrt irgendwo auf dem Land in einer erbärmlichen Arrestzelle auf seine Rettung, diese ist jedoch nicht in Sicht, denn der alte Getty (Christopher Plummer) weigert sich strikt, auch nur einen Cent des geforderten Lösegelds zu zahlen. Nach seiner Auffassung liegt die Schwierigkeit nicht darin, viel Geld zu machen, sondern dieses viele Geld auch zu behalten und da er noch 13 weitere Enkel hat, fürchtet er um sein Vermögen, wenn seine Zahlung Nachahmer auf den Plan ruft. Außerdem macht er sich mehr als bereitwillig die These seines Sicherheitsberaters, des Ex-CIA-Agenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg) zu eigen, nach dem die Entführung nur inszeniert wurde, um dem jungen Paul, dessen Vater nicht zu den erfolgreichen Vertretern der Familie Getty gehört, vorzeitig zu seinem Erbe zu verhelfen.


Einzig die verzweifelte Mutter Gail (Michelle Williams) setzt alle Hebel in Bewegung, um ihren Jungen zurückzuholen, dabei hat sie weder Geld noch die nötigen Beziehungen, um zum Erfolg zu kommen, aber das macht sie mit Herzblut und übermächtigem Engagement wett. Obwohl Fletcher Chase ihr schließlich hilft und sie gegen den alten Getty unterstützt, stocken die Verhandlungen mit der für die Entführung verantwortlichen kalabrischen ’Ndrangheta ein ums andere Mal und es vergehen Wochen und Monate, in denen die Situation für den jungen Paul immer auswegloser wird, da der Fall auf Tatsachen beruht, ist es allerdings kein Geheimnis, dass Paul am Ende (fast) unversehrt nach Hause zurückkehrt.

Fasziniert und angewidert zugleich zeichnet Ridley Scott das Porträt eines reichen, geizigen alten Mannes, dem Kunst und Kunstwerke mehr bedeuten als menschliche Nähe. Menschen neigen in seinen Augen dazu, unaufrichtig, geldgierig und faul zu sein und so widmet er sich, ganz in seinen Landsitz und seinen Luxus vergraben, den zwei Dingen, die seinem Leben Sinn geben, dem Geldverdienen und den schönen Künsten. Letzteres lässt ihn zu einem bedeutenden Kunstsammler und –mäzen werden. Ob ihm das Leben seines entführten Enkels am Herzen liegt, ist nicht erkennbar, denn er hat es gegen alle Eindringlinge fest verschlossen. Dass seine Kälte und Griesgrämigkeit die Figur nicht zu einer bösen Karikatur geraten lassen, liegt an dem grandiosen Christopher Plummer, der die Rolle kurzfristig übernommen hat, nachdem der Regisseur Scott sich entschlossen hatte, aufgrund des Skandals um Kevin Spacey, der ursprünglich verpflichtet worden war, diesen komplett aus dem fast fertigen Film herauszuschneiden und sämtliche seiner Szenen mit Plummer nachzudrehen. Überragend ist außerdem Michelle Williams, die sich in ihrer kafkaesken Lage, in der andere Menschen, die Entführer, der alte Mann, die erfolglose Polizei, über das Schicksal ihres Sohnes bestimmen wollen, all ihre Kräfte mobilisiert und letztlich auch Erfolg hat.
Dass der Film trotz des dramatischen Inhalts und der herausragenden Darsteller nicht über 132 Minuten fesseln kann, liegt nicht daran, dass die Geschichte und damit das Ende bekannt ist. Vielmehr fehlt es an einer straffen Erzählweise, die die Handlung konsequent vorantreibt. Ein paar unnötige Rückblenden, die langwierigen Szenen, die den Entführern gewidmet werden, deren Charaktere nicht viel hergeben sowie die überflüssige Geschichte rund um den farblosen FBI-Mann Chase lassen die durchaus aufkommende Spannung leider immer wieder abflauen und der Film quält sich seinem Ende entgegen, an dem nicht nur das Entführungsopfer dankbar ist, als es vorbei ist.



Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa, John Pearson b/a seiner Buchvorlage
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Charlie Plummer, Romain Duris, Mark Wahlberg, Timothy Hutton



USA 132 min.
Deutscher Kinostart: 15. Februar 2018















Dienstag, 23. Januar 2018

Film-Rezensionen: Wunder (Wonder)


August „Auggie“ Pullman (Jacob Tremblay) ist zehn Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern (Julia Roberts, Owen Wilson) und der großen Schwester Via (Izabela Vidovic) in einer Kleinstadt in den USA und möchte einmal Astronaut werden. Den passenden Helm hat er schon, allerdings trägt er ihn immer dann, wenn er einmal nicht angestarrt werden möchte, denn Auggie hat einen Gendefekt, der sein Gesicht verunstaltet, woran auch zahlreiche Operationen nichts haben ändern können. Trotzdem beschließen seine Eltern, nachdem sie Auggie bisher zu Hause unterricht haben, ihn nun auf eine normale öffentliche Schule zu schicken, damit er dort Freunde findet.

Die ganze Familie fürchtet den ersten Tag an der neuen Schule, alle hoffen inständig, dass es gut geht, auch Schwester Via, obwohl sie ihren eigenen Kampf auszufechten hat. Sie hat zwar akzeptiert, dass stets Auggies Probleme im Mittelpunkt stehen, aber manchmal vermisst sie ihren Teil an Aufmerksamkeit, der ihr wegen ihres Bruders oft vorenthalten wird.


Aufmerksamkeit bekommt Auggie in der Schule, wie zu erwarten, wieder einmal reichlich. Dabei stellt er – unerfahren im Umgang mit anderen Kindern – bereits bei der ersten Begegnung mit ihnen ein paar Weichen. So ist er in den Naturwissenschaften seinen Mitschülern weit voraus, was einige, die schon mit seinem Äußeren nicht zurecht kommen, endgültig überfordert und es kommt zu den von den Eltern befürchteten Kränkungen und Schikanen. Es bahnt sich aber auch eine vorsichtige Freundschaft zu dem gleichaltrigen Jack (Noah Jupe) an, die zwar einige Proben zu bestehen hat, sich aber am Ende gegen alle Widrigkeiten durchsetzt. Dabei hilft Auggie, dass er selbst nie seinen Humor und seine positive Sicht auf die Welt verliert, ein Verdienst seiner Eltern, die ihn mit ihrer Liebe und ihrer Stärke auf die Welt da draußen vorbereitet haben.


Es ist ein Film über Toleranz, Freundschaft, Selbstvertrauen und den Mut, mit Ausgrenzung und Engstirnigkeit umzugehen. Obwohl man die Mechanismen durchschaut, die in fast schon schamloser Weise die Gefühle des Zuschauers ansprechen, und trotz einer großen Portion Pathos am Ende, wird der Film seinem Titel absolut gerecht. Der Regisseur Stephen Chbosky inszeniert den hochgelobten und preisgekrönten Debütroman von R.J. Palacio niemals aufdringlich oder aufgesetzt und nimmt seine Figuren in jeder Situation ernst. Die großartigen Darsteller tragen ihren Teil dazu bei, ein positives Gefühl zu erzeugen, dem man sich nicht entziehen kann. Die Welt wird durch den Film sicherlich nicht plötzlich zu einer besseren, aber vielleicht kann er helfen, einen positiven Impuls für Toleranz und Mitgefühl zu erzeugen, für alle Auggies dieser Welt, und letztlich für jeden einzelnen von uns.















 






Regie: Stephen Chbosky 
Drehbucht: Stephen Chbosky, Steve Conrad, Jack Thorne, b/a Roman R.J. Palacio
Kamera: Don Burgess

Musik: Marcelo Zarvos

Darsteller: Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson, Izabela Vidovic, Mandy Patinkin, Noah Jupe




113 min 
Kinostart: 25. Januar 2018
Film- und Fotomaterial: 
presse.studiocanal.de


























Dienstag, 2. Januar 2018

Film-Rezensionen: Das Leuchten der Erinnerung (The Leisure Seeker)


Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland), ein Rentnerehepaar aus Wellesley, Massachusetts an der Ostküste der USA befindet sich auf der Zielgeraden seines Lebens. Sie hat Krebs im Endstadium und er, der ehemalige Literaturprofessor, pendelt erratisch hin und her zwischen eloquenten Ausführungen über amerikanische Dichtung und dem alzheimerbedingten schwarzen Loch, das ihn mehr und mehr aufsaugt. Vernünftige Entscheidungen sind von ihm nicht mehr zu erwarten und so braucht es nicht viel Überredungskraft von Ella, um ihn zu einer spontanen Reise in ihrem uralten Wohnmobil zu überreden, in besseren Tagen „Leisure Seeker“ getauft, als beide noch unbeschwert mitten im Leben standen, und das Gefährt zu längst vergangenen Familienurlauben mit den Kindern genutzt wurde. Jetzt soll es Ella und John die Küste hinunter bis nach Florida bringen, bis zum Hemingway-Haus in Key West, um dem von John so sehr verehrten Lieblingsautor noch einmal Tribut zu zollen. Unterwegs erleben die beiden ein Amerika, das ebenso wie John zwischen bekanntem Vergangenem und einer diffusen Zukunft schwankt, wobei der aufziehende Trumpismus seine Schatten voraus wirft. 

Ella hält dagegen und so betrachten beide abends auf den Zeltplätzen alte Dias, auf denen festgehalten ist, was sich nicht festhalten lässt. Aber wenigstens bleibt beiden mit dieser Reise eine letzte gemeinsame Phase, mit einer letzten subversiven Rebellion gegen Ärzte, ihre erwachsenen Kinder und irgendwie auch die Vernunft – wer lässt schon einen greisen Alzheimerkranken ans Steuer eines Wohnmobils…


Der Italiener Paolo Virzì hat sich in seinem ersten englischsprachigen Film daran gewagt, ein amerikanisches Roadmovie zu drehen. Er hat die Reise aus der Romanvorlage auf der Route 66 von Detroit ins gelobte Land Kalifornien an die Ostküste verlegt, um sich nicht von den vielen Klischees und pittoresken Touristenbildern verführen zu lassen, die auf der anderen Strecke lauern und konzentriert sich ganz auf seine beiden Protagonisten. Wehmütig und demütig zugleich durchleben die beiden alten Menschen ohne Zukunft noch einmal ihre Vergangenheit und lassen den Zuschauer daran teilhaben, wobei die kongenialen Darsteller Helen Mirren und Donald Sutherland eine grandiose Leistung zeigen. Es gibt witzige Szenen, banale, aber auch sehr berührende Momente und der Natur einer Tragikomödie folgend nimmt die Reise kein gutes Ende – oder vielleicht doch?

Der Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2017. Ehrungen für die Schauspieler folgten in Form eines Ehren-Oscars® für Donald Sutherland und einer Golden Globe ®-Nominierung für Helen Mirren.


Regie: Paolo Virzì 
Drehbuch: Stephen Amidou, Francesca Archibugi, Francesco Piccolo, Paolo Virzì b/a Roman von Michael Zadoorian 
Kamera: Luca Bigazzi 
Musik: Carlo Virzì 
Darsteller: Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney, Dana Ivey Dick Gregory



Italien/ USA 2017
113 min. 
FSK 12, Prädikat: Besonders Wertvoll
Kinostart: 04. Januar 2018






  




https://www.youtube.com/watch?v=THhTUZoK23w&feature=youtu.be


Freitag, 29. Dezember 2017

Film-Rezensionen: The Greatest Showman


P.T. Barnum, ein amerikanischer Unterhaltungspionier, der von 1810 bis 1891 lebte, hatte einen Traum: er wollte der größte Unterhalter werden, und bei Träumen darf man nicht klein denken, in diesem Zusammenhang ist „der größte der Welt“ stets angemessen, eine Vorstufe von „der größte des Universums“. Ob dies gelingt und ob sich dieser Ruhm noch über den Tod hinaus erhalten lässt, ist von der Resonanz abhängig, die man zu Lebzeiten erfährt. Für Barnum, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, stehen zwei Dinge im Vordergrund: seinen Zuschauern die beste Show zu bieten, ihnen immer etwas zu zeigen, was sie noch nie gesehen hatten, und dabei Geld zu verdienen, um sich und seiner Familie ein schönes Leben zu bereiten.



Bekanntermaßen jedoch blicken die meisten Kritiker auf die Kunstform der reinen Unterhaltung naserümpfend und überheblich herab, und so kämpft auch Barnum Zeit seines Lebens um die Anerkennung der bourgeoisen Gesellschaft, in die er, der Emporkömmling, so gerne aufsteigen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, versucht er sich als Manager der in Europa erfolgreichen Opernsängerin Jenny Lind, die er auf einer Tour durch Amerika auch dort bekannt macht. Nach zunächst erfolgreichen Aufführungen beschert ihm dieser Ausflug in die „gehobene“ Kunst den finanziellen Bankrott und so kehrt er am Ende dorthin zurück, wo er am besten ist, in das letztlich von ihm erfundene Showbusiness.


Auf der Suche nach einer spektakulären Show schreckt er dabei nicht davor zurück, missgestaltete Menschen zu rekrutieren, die von ihren eigenen Familien versteckt und von allen anderen angestarrt oder verlacht werden, bei ihm in seiner Show verdienen sie zumindest Geld. Der fragwürdige Ansatz wird dadurch zum Gewinn, dass in diesem Umfeld jeder so sein darf, wie er ist und jeder als Teil der Gemeinschaft zu deren Erfolg beiträgt. Damit ist die Botschaft des Films klar: jeder ist wertvoll und kann seinen Platz im Leben finden, wenn man ihm die Chance dazu gibt, den Unterschied im Leben machen letztlich immer die Menschen, die nicht so sind wie alle anderen. Hierauf ein Unternehmen aufzubauen ist sicher als ein Verdienst des P.T. Barnum anzusehen, wenngleich er im Zusammenhang mit seiner Geschäftstüchtigkeit sicherlich auch weniger positive Eigenschaften aufwies. Ob der Film der Figur in seinen ganzen Facetten gerecht wird, ist allerdings unerheblich, denn der Dokumentarfilm ist bekanntermaßen ein anderes Genre.




Der Film „The Greatest Showman“ widmet sich in erster Linie dem Showman Barnum in der einzig möglichen Form, nämlich als Musical und schwelgt von der ersten bis zur letzten Minute in schönen Bildern und mitreißender Musik. Der Soundtrack hat durchweg Ohrwurmcharakter und die Gesangs- und Tanzszenen sind meisterlich choreographiert. Die Seele des Films aber ist Hugh Jackman, der einen Barnum voll unbändigem Elan verkörpert, unwiderstehlich und leidenschaftlich, wenn es darum geht, den Zuschauern eine große Show zu bieten. Dass dieser selbe Jackman noch vor ein paar Monaten den gealterten, lebensüberdrüssigen Logan im gleichnamigen Film in bewegender Weise zu Grabe getragen hat, spricht einmal mehr für dessen Wandelbarkeit und Vielseitigkeit, denn als Barnum sprüht er voller Lebensenergie und lässt die Freude an Show und Gesang auf den Zuschauer überspringen. Aber auch die anderen Darsteller wie Zac Efron, Michelle Williams, Zendaya und die gesamte Truppe überzeugen, man muss schon eine ziemlich miesepetrige Kritikerseele sein, um von dem bunten, lebensfrohen Elan nicht mitgerissen zu werden.

Regie: Michael Gracey

Drehbuch: Jenny Bicks, Bill Condon b/a story von Jenny Bicks

Musik: Benj Pasek & Justin Paul,  John Debney, Joseph Trapanese

Kamera: Seamus McGarvey

Darsteller: Hugh Jackman, Zac Efron, Michelle Williams, Zendaya, Rebecca Ferguson, Keala Settle, Sam Humphrey


20th Century Fox 2017

105 min.

Kinostart: 04. Januar 2018














Dienstag, 19. Dezember 2017

Film-Rezensionen: Dieses bescheuerte Herz

Lars „Lenny“ Reinhard (Elyas M’Barek) ist fast 30 und genießt sein Leben in vollen Zügen. Sein Vater (Uwe Preuss), ein erfolgreicher Herzspezialist, finanziert seinem Sohn ein Luxusleben zwischen Clubs und Nobelkarossen, bis dieser eines Tages den Bogen überspannt und der Vater den Geldhahn zudreht. Statt dem süßen Nichtstun zu frönen soll Lenny sich um einen Patienten des Vaters kümmern, den herzkranken fünfzehnjährigen David (Philip Schwarz), dessen Leben bisher nicht so schön verlaufen ist. Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter (Nadine Wrietz) in bescheidenen Verhältnissen, hat die Hälfte seines Lebens in Krankenhäusern verbracht und es ist nicht sicher, ob er seinen 16. Geburtstag erleben wird.

Lenny macht sich erwartungsgemäß widerwillig an seine Aufgabe, im Vordergrund steht dabei das Abarbeiten einer Liste mit Wünschen, die der Junge aufstellen darf und – wie ebenfalls zu erwarten – es entwickelt sich zwischen den beiden nach und nach eine Beziehung. Lenny wächst erkennbar mit seiner Aufgabe, David hat endlich eine männliche Bezugsperson, mit der er Zeit verbringen und Dinge erleben darf, und so werden beide zu ziemlich besten Freunden... Wie in dem gleichnamigen französischen Film beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit, der Autor Lars Amend – nach eigenen Angaben Mentor, Life Coach und Storyteller – hat sie erlebt und aufgeschrieben.

Leider fehlt dem Film „Dieses bescheuerte Herz“ über weite Strecken der nötige Charme, um voll und ganz zu überzeugen. Indem Lenny – wiederum mit dem Geld des Vaters – Davids Wünsche erfüllt, angefangen von ein paar coolen Klamotten über einen Besuch in einem Tonstudio bis hin zu einer Nacht in einem Luxushotel mit Limousinenfahrt entsteht das etwas schale Gefühl, dass man jeden Menschen glücklich machen kann, vorausgesetzt man hat genügend finanzielle Mittel. Es wird nicht wirklich klar, was die beiden letztlich aneinander bindet, ist es tatsächlich Freundschaft oder hat sich Lenny doch nur das (lädierte) Herz des Jungen erkauft… Lennys Läuterung bleibt fraglich, am Ende des Films steht für ihn immer noch, dass man mit Papas Geld ein schönes Leben bereiten kann, aber zumindest hat er gelernt, dass man dieses mit anderen teilen kann.

Als Weihnachtsfilm bietet sich diese Tragikkomödie dennoch an, denn am Ende bleibt ein positives Gefühl, das Leben ist lebenswert und es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Die Darsteller, allen voran Elyas M’barek und der junge Philip Schwarz, überzeugen und sorgen durchaus für unterhaltsame Momente und es ist auf jeden Fall tröstlich, im Abspann zu erfahren, dass der reale Daniel, um dessen Geschichte es hier geht, mittlerweile Anfang 20 ist und es ihm den Umständen entsprechend gut geht.




Regie: Marc Rothemund

Drehbuch: Andi Rogenhagen, Maggie Peren, b/a Lars Amend und Daniel Meyer

Darsteller: Elyas M’Barek, Philip Schwarz, Nadine Wrietz, Uwe Preuss, Karin Thaler, Jürgen Tonkel, Lisa Bitter

Deutscher Kinostart: 21. Dezember 2017