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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Film-Rezensionen: Dogman


Der schmächtige Marcello (Marcello Fonte) ist Freund aller Hunde und betreibt in einer kleinen, tristen italienischen Küstenstadt einen Hundesalon. Angst kennt er dabei keine, unter seinen Händen werden die wildesten seiner kaninen Kunden, die er badet, massiert und deren Haare er schneidet, zu braven Kreaturen.
Mit Menschen auszukommen, ist es etwas schwieriger, aber Marcello ist freundlich zu allen und versucht, nirgendwo anzuecken. Seine Arbeit erlaubt ihm nur einen bescheidenes Leben, der einzige Luxus, den er sich gönnt, sind Tauchausflüge mit seiner geliebten kleinen Tochter Alida. Mit den Männern aus der Nachbarschaft spielt er Fußball, dabei fühlt er sich von ihnen geschätzt und anerkannt.

In seinem Bestreben, es allen recht zu machen, lässt sich Marcello, der sein Einkommen mit gelegentlichen Kokainverkäufen aufbessert, auch mit dem ehemaligen Boxer Simone (Edoardo Pesce) ein, der unter Kokain das ganze Viertel tyrannisiert. Niemand hat den Mumm, sich ihm entgegenzustellen, und Marcello lässt sich von ihm bei gelegentlichen Einbrüchen als Helfer ausnutzen. Nach einem Einbruch, den Simone von seinem Hundesalon aus verübt hat, verrät Marcello ihn nicht, sondern nimmt eine einjährige Haftstrafe auf sich. Danach ist seine beschauliche Existenz ruiniert und seine Nachbarn wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Erst jetzt beschließt Marcello, dass jemand Simone in seine Grenzen weisen muss und nimmt fürchterliche Rache, auf eine Art, die ihm niemand zugetraut hätte.
Im Stil des italienischen Neorealismus erzählt Regisseur Garrone von einem Italien, in dem nicht immer die Sonne scheint, weit entfernt von den heiteren Kitschbildern dieses gerade bei den Deutschen so beliebten Urlaubslandes. Es ist die Geschichte eines im Grunde friedlichen Mannes, der durch das Leben so lange gedemütigt wird, bis er auf drastische Weise versucht, seine Würde zurückzubekommen. Dabei geht es nur vordergründig um Rache, eher ist es der Schrei einer geschundenen und gedemütigten Kreatur nach Erlösung. Egal wie wild und zähnefletschend manche der von Marcello betreuten Hunde auch sein mögen, der Mensch erweist sich immer wieder als die größere Bestie. Dafür steht zunächst einmal der bullige Simone, der seine primitivsten Impulse nicht unter Kontrolle bringt, aber auch in der Figur des Marcello steckt tief im Inneren ein Gewaltpotential, das so lange von zivilisatorischen Mauern in Schach gehalten wird, bis diese eingerissen werden, und man in die Hölle menschlicher Abgründe schaut. Und dann, um im Bild des sonnigen Italien zu bleiben, regnet es nicht nur, es schüttet…

Marcello Fonte gelingt ein eindrucksvolles Porträt seines Marcello, diesen kleinen Mann mit den großen Augen und der fast unterwürfigen Liebenswürdigkeit, dessen bescheidene, geordnete Welt so nachhaltig erschüttert wird, wofür er bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes zu Recht mit der Goldenen Palme als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.




 Regie: Matteo Garrone 
Drehbuch: Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Matteo Garrone 
Kamera: Nicolai Brüel 
Musik: Michele Braga
Fotos/ Video: Alamode Film
 http://www.alamodefilm.de/kino/detail/dogman.html

Darsteller:
Marcello Fonte, Eroardo Pesce, Adamo Dionisi, Nunzia Schiano, Francesco Acquaroli, Alida Baldari Calabria, Gianluca Gobbi

Alamode Film
Italien/ Frankreich 2018
102 min. 
Deutscher Kinostart: 18. Oktober 20


Mittwoch, 10. Oktober 2018

Film-Rezensionen: Bad Times at the El Royale


Das El Royale ist ein in die Jahre gekommenes Hotel in der Nähe von Lake Tahoe, genau auf der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien. Es hat bessere Tage gesehen, wenn auch ein Blick hinter die bröckelnde Fassade von üblen Praktiken zeugt, die hier einst stattgefunden haben, in den 50ger Jahren gab es sogar einen Mord. Nun, Mitte der 60ger Jahre, treffen eine Reihe von Gästen ein, die scheinbar in keinerlei Beziehung zueinander stehen, aber im Laufe einer einzigen Nacht einen düster-grotesken Reigen aufführen, der es in sich hat.

Die Geschichte entfaltet sich kammerspielartig und es treten auf: Miles, der Portier (Lewis Pullman), die Sängerin Emily Sweet (Cynthia Erivo), der Staubsaugervertreter Laramie Seymor Sullivan (Jon Hamm), der Priester Father Daniel Flynn (Jeff Bridges), die Schwestern Emily und Ruth Summerspring (Dakota Johnson, Cailee Spainey) und der charismatische Hippie-Guru Billy Lee (Chris Hemsworth).

Die Akteure bewegen sich wie auf einer Bühne, wobei die besondere Bauweise des Hotels den Bühnencharakter unterstreicht. Verlassen wird der geschlossene Schauplatz nur in einigen kurzen Rückblenden. Dass dennoch ein bunter und mitreißender Thriller entstanden ist, liegt an der meisterlichen Inszenierung, die sich Zeit nimmt, Dinge zu entwickeln, um dann aus dem Nichts heraus die Handlung immer wieder furios explodieren zu lassen, bis am Ende nichts mehr so ist, wie es am Anfang zu sein schien. Dass nicht alle Gäste das sind, was sie vorgeben zu sein, versteht sich fast von selbst, und von Anfang ist klar: Das El Royale ist kein Ort für einen Priester!

Dem Regisseur Drew Goddard ist ein Thriller mit Kultpotential gelungen, mit einem bestens aufgelegten Schauspielerensemble, tollem Soundtrack und jeder Menge Überraschungen, bei dem trotz einer Länge von 141 Minuten keinen Moment Langeweile aufkommt! 



Regie: Drew Goddard
Drehbuch: Drew Goddard
Kamera: Seamus McGarvey 
Musik: Michael Giacchino 
Produzenten: Jeremy Latcham, Drew Goddard

Darsteller:
Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Jon Hamm, Chris Hemsworth und Cailee Spainey, Lewis Pullman
Twentieth Century Fox
141 min.
Deutscher Kinostart: 11. Oktober 2018




Film-Rezensionen: Abgeschnitten


Als der Pathologe Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) während einer Obduktion im Kopf eines verstümmelten Mordopfers eine winzige Kapsel findet, in der ein Zettel mit der Handynummer seiner Tochter Hannah (Barbara Prakopenka) steckt, ist dies der Auftakt zu einem gruseligen Albtraum, in dem Herzfeld von einem irren Mörder auf eine blutige Schnitzeljagd geschickt und zum Äußersten getrieben wird, um das Leben seiner entführten Tochter zu retten.

Ein Hauptteil der Handlung spielt auf der während eines Sturms von der Außenwelt abgeschnittenen Insel Helgoland, wo in einem von allen Ärzten verlassenen Krankenhaus die junge Linda (Jasna Fritzi Bauer), die ihrerseits von einem unheimlichen Stalker verfolgt wird, von dem auf dem Festland festsitzenden Herzfeld fernmündlich angeleitet, eine schaurige Obduktion an einer von ihr zufällig am Strand entdeckten Leiche durchführt, die im Zusammenhang mit Herzfelds Schnitzeljagd steht. Unterstützt wird sie dabei von dem Krankenhausfaktotum Ender Müller (Fahri Yardim), während irgendwo draußen im Sturm der Mörder und Entführer seinen nächsten Schachzug plant...

Was auf den ersten Blick ein wenig abstrus klingt, ist es auf den zweiten Blick auch. Vorlage für den Film ist ein Werk des Bestsellerautors Sebastian Fitzek, das dieser gemeinsam mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos verfasst hat, wobei letzterer ein Garant für die Authentizität der Leichenöffnung sein dürfte, deren unappetitliche Einzelheiten in Großaufnahme zu sehen sind.

Durch die furchtbare Situation des Vaters, der verständlicherweise alles zur Rettung seiner Tochter unternimmt, ist der Blick des Zuschauers für die Implausibilität der Handlung, vor allem einiger ihrer Prämissen, ohne die die Geschichte in sich zusammenfallen würde, getrübt. Warum sollte eine junge Frau, die sich vor einem Stalker fürchtet, nachts im Dunkeln die schützende Umgebung einer gut gefüllten Kneipe verlassen, um sich durch menschenleere Gassen und schließlich über einen ebenso menschenleeren Strand zu bewegen, wo sie dann trotz Sturm und Wolkenbraus über eine Leiche stolpert, die auch unbedingt gefunden werden sollte? Warum verlassen sämtliche Ärzte eine von einem Unwetter geplagte Insel und hinterlassen ein leeres Krankenhaus, das obwohl nur ein Inselkrankenhaus über einen gut ausstaffierten Obduktionsraum mit zwei Sektionstischen verfügt? Welcher Fremde schafft es, auf einer überschaubaren Insel wie Helgoland Entführungen und Morde durchzuführen, ohne als Fremder aufzufallen?

So gesehen folgt die Handlung grundsätzlich mehr der Dramaturgie als der Logik, aber wenn man bereit ist, dies zu ignorieren, bietet der Film trotz seiner Länge durchaus spannende Unterhaltung. Der begeisterte Fitzek-Leser, der es liebt, wie bei diesem Autor üblich, immer wieder hinters Licht geführt und auf falsche Spuren gelenkt zu werden, wird sicher auf seine Kosten kommen. Das Manko von Fitzeks Geschichten tritt allerdings auch im Film hervor, vieles ist reine Effekthascherei und die Handlung entwickelt ihre Twists und Turns nicht aus sich selbst heraus, sondern diese sind mit Bedacht konstruiert, was gekonnt gemacht nicht schlimm wäre, aber bei Fitzek scheint diese Konstruktion immer wieder durch, wie in einer schlecht verkleideten Kulisse.

Dennoch lässt der Film, gelungen bebildert und konsequent inszeniert, die düster-schaurige Atmosphäre, die einem solchen Thriller ansteht, hautnah erleben. Die Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu und Jasna Fritzi Bauer überzeugen, die Nebenfiguren allerdings agieren hölzern, wie der bemüht auf schrägen Slapstick angelegte Praktikant Ingolf (Enno Hesse), oder sie bleiben ihrem Rollenklischee treu, wie Fahri Yardim, der wieder einmal den gutmütigen Helfer gibt, bis hin zu dem sardonisch grinsenden Lars Eidinger, der sich gedacht haben mag: Ihr wolltet den Psychopathen, dann kriegt Ihr ihn auch, kompromisslos, bis nahe an die Grenze zur Karikatur.

Wer sich an der bis zum (endgültigen) Schluss hochgehaltenen Spannung delektieren mag, kommt in den Genuss eines trotz aller Kritikpunkte spannenden Thrillers, aber der fragwürdige Populismus eines Selbstjustizdramas, als das sich das Ganze am Ende darstellt, hinterlässt einen mehr als üblen Beigeschmack.




Regie: Christian Alvart 
Drehbuch: Christian Alvart
b/a Bestseller von Sebastian Fitzek & Michael Tsokos
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Musik: Maurus Ronner, Christoph Schauer

Darsteller:
Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger, Fahri Yardim, Enno Hesse, Christian Kuchenbuch, Urs Jucker, Barbara Prakopenka

Warner Brothers
131 min.
Deutscher Kinostart: 11. Oktober 2018

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Film-Rezensionen: Letztendlich sind wir dem Universum egal (Every Day) (Homerelease)


Der Film ist ein weiterer in der Reihe von Geschichten um das Erwachsenwerden und beruht auf dem Jugendroman von David Levithan, der hierfür 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis (Kategorie Jugendjury) gewonnen hat.
Die sechzehnjährige Rihannon schlägt sich mit den gewohnten Problemen um Liebe, Gefühle, Unsicherheit und Freundschaften herum. Ungewöhnlich diesmal ist, dass sie eines Tages einer wandernden Seele mit Namen „A“ begegnet. „A“ wacht jeden Morgen in dem Körper eines anderen gleichaltrigen Jungen oder Mädchens auf und lebt für diesen einen Tag jeweils ein fremdes Leben. Als „A" im Körper von Rihannons Freund Justin erwacht, erlebt Rihannon einen der schönsten Tage ihres jungen Lebens, denn Justin ist plötzlich nicht mehr der übliche gedankenlose Klotz, sondern einfühlsam und liebevoll. Auch für „A“ ist diese Begegnung etwas ganz Besonderes, denn zum ersten Mal hat sie/ er das Bedürfnis, eine Verbindung, die so zufällig wie alle zuvor entstanden ist, aufrecht zu erhalten. Dies erweist sich als schwierig, denn Rihannon muss zunächst einmal die Existenz von „A“ verstehen und akzeptieren, und außerdem herausfinden, in welcher Gestalt sich „A“ ihr wieder zeigen wird. Hieraus entsteht manch überraschende und komische Situation, aber vor allem entwickelt sich eine schöne und zarte Liebesgeschichte, bei der Rihannon erkennt, warum Justin, den sie so angehimmelt hat, nie der Richtige war und wie man eine wirklich verwandte Seele erkennt.
Der Film widmet sich der Geschichte einer Teenager-Liebe behutsam und mit einer Leichtigkeit, die den Zuschauer berührt, dabei wird im Gegensatz zu der Buchvorlage aus Rihannons Perspektive und nicht der wandernden Seele „A“ erzählt, eine nachvollziehbare Änderung, schließlich bleibt „A“ die ganze Zeit unsichtbar. Durch die außergewöhnliche Figur der wandernden Seele bietet der Film einen erfrischenden neuen Ansatz für ein altes Thema und auch die jugendlichen Schauspieler liefern eine frische Darstellung ab, von ihnen ist sicher noch einiges zu erwarten.

In der Rolle der Rhiannon überzeugt die junge Australierin Angourie Rice („Spider-Man: Homecoming“, „The Nice Guys“), sie stand unter anderem bereits neben Nicole Kidman, Kirsten Dunst und Colin Farrell in „Die Verführten“ („The Beguiled“) für Sophia Coppola vor der Kamera. Die Rolle von „A“ wird von verschiedenen Jungstars verkörpert, so von Justice Smith (Margos Spuren), der in diesem Sommer in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ zu sehen sein wird, Owen Teague, der in der Netflix-Serie „Bloodline“ und in der Stephen-King-Neuverfilmung „Es“ zu sehen war, sowie Colin Ford („Wir kaufen einen Zoo“), der zur Zeit für „Captain Marvel“ vor der Kamera steht. 


Regie: Michael Sucsy
Drehbuch: Jesse Andrews b/a Romanvorlage von David Levithan
Kamera: Marina Brackenbury

Darsteller:
Rihannon – Angourie Rice
Justin – Justice Smith
Alexander – Owen Teague
Xavier – Colin Ford
Lindsey – Maria Bello
Jolene – Debby Ryan
Nathan – Lucas Jade Zumann

Splendid Film

Homerealease 
DVD und Blu-ray
Sprachen: Deutsch/ Englisch
Bildformat DVD: 16:9/ 2,39:1
Tonformat DVD: Dolby Digital 5.1
Untertitel: Deutsch
Laufzeit: 94 min. (+ Bonusmaterial)

Bonusmaterial:
- Deleted Scenes
- Featurettes: Vom Buch zum Film - Liebe - Die Charaktere im Film - Die Figur "A
Trailer

Bei den nichtverwendeten Szenen handelt es sich um einzelne Sequenzen, die einige Situationen etwas ausführlicher als im Film zeigen, zum Teil wurden explizite Anspielungen auf Sex gekürzt, außerdem wurde die Rolle des Priesters in der Nathan-Episode zurückgeschnitten.

Bei den Featurettes, die nicht allzu lang sind, gibt es ein paar Hintergrundinformationen, die sich aus der Buchvorlage ableiten, außerdem werden einzelne Charaktere etwas genauer dargestellt.


Mittwoch, 3. Oktober 2018

Film-Rezensionen: A Star is Born

Die Geschichte ist schnell erzählt: Alternder Rockstar mit Alkoholproblem entdeckt und protegiert junge Sängerin, verliebt sich in sie, ihr Stern geht auf, während seiner ungebremst abstürzt, bis am Ende auch ihre Liebesbeziehung scheitert.

Drei Mal zuvor wurde der Stoff bereits auf die Leinwand gebracht, in den dreißiger, fünfziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die aktuelle Version, bei der der Schauspieler Bradley Cooper sein Regiedebüt gibt, fügt der Geschichte nichts wirklich Neues hinzu. Cooper hat den Film mitproduziert und am Drehbuch, das auf der ursprünglichen Vorlage beruht, mitgeschrieben, um dann - lasst mich den Löwen auch spielen! - auch noch die Rolle des Rockstars Jackson Maine selbst zu übernehmen.

Mit Lady Gaga als Schützling Ally ist ihm sicher ein spektakulärer Coup für die Rolle der titelgebenden jungen Sängerin gelungen. Sie macht ihre Sache bei ihrem Leinwanddebüt gut, allerdings ist ihr das, was sie spielt, nicht so ganz fremd, wenn sie als Sängerin den Start einer Sängerinnenkarriere darstellt.

Cooper gönnt ihr durchaus ein paar schöne Szenen, sorgt aber stets dafür, dass er gleich wieder selbst mit einer Großaufnahme im Bild ist, hier hätte der Regisseur Cooper den Darsteller Cooper etwas zurückhaltender inszenieren sollen. So zerstört er am Ende die schönste Szene seiner Hauptdarstellerin, die nur ihr gehört hätte, als Ally ein Lied vorträgt, das Jackson für sie geschrieben hat, und plötzlich in einer Rückblende Jackson selbst übernimmt und das Lied beendet.

Insgesamt ist der mit so vielen Vorschusslorbeeren bedachte Film enttäuschend, vor allem die bisherigen euphorischen Reaktionen, die er in den USA bei Kritikern und ausgewähltem Publikum ausgelöst hat, bleiben unverständlich. Für ein Meisterwerk ist er zu konventionell, die Liebesgeschichte reißt nicht unbedingt mit, es gibt unnötige Längen, und damit der vierte Aufguss desselben Themas noch einmal fesselt, hätte es ein wenig mehr Originalität bedurft. Stattdessen scheint man sich auf die Zugkraft der beiden Hauptdarsteller zu verlassen, die im Hinblick auf die kommende Awards Season bereits überall in Stellung gebracht und ins rechte Licht gerückt werden.




Regie: Bradley Cooper
Drehbuch: Eric Roth, Bradley Cooper, Will Fetters b/a story by William A. Wellman und Robert Carson
Kamera: Matthew Libatique 

Darsteller:
Lady Gaga, Bradley Cooper, Sam Elliott, Dave Chapelle, Anthony Ramos 

USA 2018
Warner Brothers
135 min.
Deutscher Kinostart: 4. Oktober 2018

Freitag, 28. September 2018

Film-Rezensionen: Werk ohne Autor

Im Jahr 1937 wird der kleine Kurt Barnert (Cai Cohrs) Zeuge verstörender Veränderungen in seinem und dem Leben seiner Familie.
Der Besuch einer Ausstellung über entartete Kunst mit seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) beeindruckt den Jungen sehr und als die Tante später selbst als „entartet“ Opfer eines menschenverachtenden Euthanasieprogramms wird und ihm, bevor sie für immer verschwindet, noch einschärfen kann, niemals wegzusehen, sind die Weichen für sein weiteres Leben gestellt.
Der junge Erwachsene Kurt (Tom Schilling) weiß eines Tages ganz sicher, dass für ihn nur ein Leben als Künstler in Frage kommen kann und, einmal erkannt, widmet er sich diesem Ziel über alle weiteren Zeitläufe hinweg. Kunst wird zu seinem Teil der Geschichte.

Der andere Teil der Geschichte beschäftigt sich mit einem Monster. Das Monster heißt Carl Seeband (Sebastian Koch) und ist eine Koryphäe auf dem Fachgebiet der Gynäkologie. Auch er widmet sich diesem seinem Lebenszweck mit Akribie. Dabei kennt er keine Skrupel, seine hervorragende fachliche Kompetenz stets in den Dienst der jeweiligen Herrschenden zu stellen. Wenn er sich an Verbrechen wie der Euthanasie und den damit verbundenen Entscheidungen über Leben und Tod beteiligt, macht er dies mit derselben Selbstverständlichkeit, wie er bei Kriegsende der Frau eines russischen Kommandanten bei der komplizierten Geburt ihres Babys das Leben rettet, was ihm bei seiner Entnazifizierung hilft. Er praktiziert in der DDR ebenso wie später in der BRD, als es opportun ist, und nie scheint er Zweifel zu haben, das Richtige zu tun.

Kompliziert wird die Geschichte, als seine Tochter Elisabeth, genannt Ellie (Paula Beer) sich in den angehenden Künstler Kurt verliebt, der inzwischen an der Ademie in Düsseldorf mit Professor Antonius van Verten (Oliver Masucci) als Mentor studiert. Kurt steht für alles, was Carl Seeband nicht versteht und letztlich auch verachtet, und so scheut Seeband nicht davor zurück, auch in das Leben seiner Tochter einzugreifen, weil es für ihn das Richtige zu sein scheint. Als Kurt erkennt, wer Carl Seeband ist und was er im dritten Reich getan hat, steht er vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens, aber auch hier weist ihm schließlich die Kunst den für ihn richtigen Weg, mit der Schuld Seebands umzugehen.

Mehr als zehn Jahre sind seit seinem mit vielen Preisen bedachten Film „Das Leben der Anderen“ vergangen, der misslungenen Hollywood-Ausflug „The Tourist“ liegt auch schon wieder acht Jahre zurück. Nun kehrt Florian Henckel von Donnersmarck auf die große Leinwand und zu dem zurück, was er so gut beherrscht: anderen beim Leben zuzuschauen. Diesmal richtet sich sein Blick auf mehrere Jahrzehnte deutscher Geschichte und er lässt uns teilhaben an Schicksalen und Ereignissen, die über die Zeitläufe untrennbar miteinander verwoben sind.

Inspiriert wurde der Film vom Leben des Malers Gerhard Richter, und das zentrale Thema
ist die Kunst, Kunst, die für sich selbst spricht, aber auch die Kunst, die, als Lebenszweck und als Gegengewicht zu allem Schrecklichen, was Menschen einander anzutun imstande sind. Kunst macht den Menschen zum Menschen und kann helfen, auch das schlimmste Trauma in etwas Positives zu verwandeln, solange es Künstler gibt, gibt es Hoffnung scheint die Botschaft zu sein, und diese Hoffnung darf man nie aufgeben.

Von Donnersmarck ist ein außergewöhnliches Werk gelungen, dramatisch und poetisch zugleich, das sich wohltuend vom kalkulierten, glattgebügelten Mainstream abhebt. Machtvolle Bilder werden von der betörenden Musik Max Richters untermalt, die noch lange nach Ende des dreistündigen Films nachhallt. Das hervorragende Ensemble der bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzten Schauspieler, allen voran Tom Schilling und Sebastian Koch, die ihren Figuren eine beeindruckende Tiefe geben, machen diesen Film zu einem ganz besonderen Werk, das zu Recht mit dem Prädikat „Besonders Wertvoll“ bedacht wurde und als deutscher Beitrag für den besten nichtenglischsprachigen Film ins Rennen für den Oscar® 2019 geschickt wird.





Regie und Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck 
Kamera: Caleb Deschanel 
Musik: Max Richter 
Produktion: Pergamon/ Wiedemann & Berg Film Produktion 
Präsentiert von 
Buena Vista International 
In Koproduktion mit 
Beta Cinema
ARD Degeto
Bayrischer Rundfunk
in Zusammenarbeit mit 
Sky Deutschland
Rai Cinema
Arte

Darsteller:
Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Cai Cohrs, Hanno Koffler, Jörg Schüttauf, Hinnerk Schönemann, Ina Weisse, Ulrike C. Tscharre
sowie als Gäste: Ben Becker und Lars Eidinger
im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany
Bilder und Video: © Walt Disney Motion Pictures 
Prädikat: Besonders Wertvoll
188 min.
Kinostart: 3. Oktober 2018


Dienstag, 25. September 2018

Film-Rezensionen: The Man Who Killed Don Quixote


Don Quixote: Wer hätte noch nicht von ihm gehört oder gelesen, kaum eine literarische Figur ist so berühmt und wird so oft zitiert, man möchte beinahe glauben, er habe tatsächlich gelebt. Gleiches gilt für seinen treuen Adlatus Sancho Pansa, sein Pferd Rosinante sowie die unerreichbare Schönheit Dulcinea, um die der Ritter von der traurigen Gestalt wirbt, und kaum ein Kampf ist so bekannt, wie der gegen die Windmühlen, für ihn bedrohliche Riesen, für alle anderen die Metapher für Wahnsinn und aussichtlose Unterfangen jeder Art. Der Roman des spanischen Autors Miguel de Cervantes aus dem 17. Jahrhundert ist ohne Übertreibung eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur, ein literarisches Meisterwerk.


 Nachvollziehbar, dass den Regisseur Terry Gilliam, einziger Amerikaner der legendären Monthy-Python-Truppe, dieser Stoff reizte, obwohl er insgeheim glaubt, dass auf der Figur des Don Quixote so etwas wie ein Fluch liegt, dass jeder, der sich zu sehr auf ihn einlässt, selbst zum Don Quixote wird und in den Wahnsinn marschiert, um die Welt so zu machen, wie er sie sich vorstellt.
Wahnsinn war dann tatsächlich die 30-jährige Entstehungszeit, die dieser Film von den ersten Anfängen bis zur Fertigstellung benötigt hat. Nach mehr als 10 Jahren Entwicklungsarbeit wurden im Jahr 2000 die Dreharbeiten nach sechs Tagen wegen diverser Probleme eingestellt. Der ursprüngliche Darsteller des Quixote, Jean Rochefort, ist mittlerweile verstorben, dennoch blieb Gilliam hartnäckig und nun endlich kommt das Ergebnis dieses langen Kampfes in die Kinos.

Allerdings verknüpft der Film die alte Geschichte mit einer modernen Rahmenhandlung. Protagonist ist der zynische Werbefilmer Toby (Adam Driver), der sich auf seine eigene Reise in den Wahnsinn begibt. Während er in Spanien versucht, einen Werbefilm zu drehen, wird er an seinen Film über Don Quixote erinnert, den er einst als Student in einem kleinen Dorf in genau dieser Gegend gedreht hat.
Bei der Suche nach Spuren seiner Vergangenheit, entdeckt er, dass sein vermeintlich unschuldiger Film verheerende Auswirkungen auf alle Beteiligten in dem Dorf hatte, vor allem auf seine beiden Hauptdarsteller: Die damals junge Angelica (Joana Ribeiro), Inkarnation der unschuldigen Dulcinea, ist an ihren Träumen gescheitert und der einfache Handwerker, der seinen Ritter verkörperte (Jonathan Pryce), glaubt seither, er sei tatsächlich Don Quixote.

Toby, der sich mit dem täglichen Irrsinn seines Jobs und den darin liegenden Versuchungen bezüglich Frauen, Macht und Geld herumschlägt, gerät durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die Gegenwart mehr und mehr in einen Strudel, der ihn immer tiefer in eine Welt hinabzieht, in der Realität und Fantasie wild durcheinander wirbeln. Eine gute Gelegenheit für Gilliam, seinen Zuschauern bunte Bilder von ausschweifenden Festen in farbenfroher Kulisse zu präsentieren, bis Toby, der als Werbemann gewohnt ist, Träume zu verkaufen, beginnt, wie Quixote daran zu glauben.

Geht es in der literarischen Vorlage darum, dass die Macht der Fantasie gegen die Macht der Vernunft kämpft und Träume die Kraft haben, die Welt zu verändern, ein Thema, das über alle Zeiten hinweg immer wieder aufgegriffen und weitergeführt wurde, bleibt der Film seiner Hauptfigur in ihrer persönlichen Verirrung verhaftet. Toby ist kein moderner Quixote, die Rolle ist schon besetzt, und so bleibt für ihn nur die des unterstützenden Helfers Sancho Pansa, der Filmemacher ist nicht der Träumer, sondern ein Erfüllungsgehilfe seiner Auftraggeber und letztlich auch der Zuschauer.
Was Gilliam dabei auf die Leinwand bringt, ist typisch für dessen eigene wahnhaften,
überdrehten Fantasien, die er in seiner über 40 Jahre währenden Karriere mit offensichtlicher Lust an visuellen Experimenten inszeniert. Wenn dieser Film trotz aller Bemühungen dann doch nicht der Höhepunkt seines Schaffens geworden ist, werden alle, die sich auf seine überbordende Fantasie einlassen mögen, dennoch ihren Spaß haben. Der Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt wird kein neues Denkmal gesetzt, wohl aber der Figur in Gestalt von Jonathan Pryce, dem eine bewegende und eindrucksvolle Darstellung des Don Quixote gelungen ist, ein Mann, zerbrechlich und alt, und gleichzeitig voller Mut, Kraft und Überzeugung, dem es gelingt, die Riesen für jeden sichtbar zu machen, der bereit ist, sich ihnen zu stellen.
 

 Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Kamera: Nicola Pecorini
Ausstattung: Edou Hydallgo
Musik: Roque Banos 
Bild- und Videomaterial:
 © 2018 Concorde Filmverleih GmbH
 @DiegoLopezCalvin

Darsteller:
Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgard, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Rossy De Palma Hovik Keuchkerian, Jordi Mollá, Sergi López

Concorde Filmverleih
Prädikat: Besonders Wertvoll
Official Selestion Festival de Cannes
133 min.
Kinostart: 27. September 2018