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Montag, 30. Oktober 2017

Film-Rezensionen: PATTI CAKE$ - Queen of Rap

Patricia Dombrowski (Danielle Macdonald) ist Anfang 20 und lebt mit ihrer desillusionierten Mutter Barb (Bridget Everett) und der Großmutter Nana (Cathy Moriarty) in einer tristen Gegend in New Jersey. Barb stand einst kurz vor einer Karriere als Rocksängerin, aber dann wurde sie mit Patti schwanger, jetzt trinkt sie zuviel und ist mit den falschen Männern zusammen. Nana hat eine gebrochene Hüfte, eine Operation kann sich die Familie nicht leisten und so sitzt sie, von Pattie mit starken Schmerzmitteln versorgt, im Rollstuhl und verbringt ihre Zeit vor dem Fernseher.

Pattie hat einen Job in einer Kneipe, schenkt Jägermeister aus und träumt von einer Musikerkarriere als Rapperin. Allerdings ist sie weiß, eine Frau und ziemlich übergewichtig, nicht gerade die idealen Voraussetzungen für dieses Genre. Ihr bester Freund Jheri (Siddarth Dhananjay), der in einer Apotheke arbeitet und in seiner Freizeit den coolen R&B Sänger gibt, ist der einzige, der an sie glaubt. Er ermutigt sie unermüdlich, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Wenn man in New Jersey lebt und auf die scheinbar so nahe Skyline von Manhattan blickt, hat man das Ziel, eines Tages den verdammten Fluss zu überqueren, um auf der anderen Seite zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Dies gelingt bisher aber nur in ihren Träumen, in denen Patricia a.k.a. Patti Cake$, a.k.a. Killa P., mit Hilfe ihres Idols, Rap-Gott O-Z, in den Rap-Himmel aufsteigt, wo der Champagner fließt und das Leben sorglos und schön ist. 

In ihrem Alltag scheitert sie immer wieder, mal an sich selbst, mal an der Realität. Erst die Begegnung mit dem geheimnisvollen Musiker Basterd gibt Pattie den entscheidenden Impuls und die Unterstützung von Nana und Jheri hilft ihr, sich immer wieder aufzurappeln, schließlich sammelt sie auf diesem Weg den besten Stoff für ihre Rap-Songs. Ob sie es schließlich tatsächlich ganz nach oben schaffen wird, bleibt offen, aber das Ende des Films ist optimistisch und ein Durchbruch scheint tatsächlich in greifbarer Nähe. 

Was wie eine weitere kitschige Story klingt, in der eine verschworene Gruppe von Außenseitern sich zusammenfindet, um einen unmöglich scheinenden Traum zu verwirklichen und diesem am Ende verdammt nahe kommt, weil man nie aufgehört hat, an sich zu glauben, hat Regisseur Geremy Jasper furios und mit originellen Ideen umgesetzt. Er hat in seiner Karriere bisher Musikvideos u.a. für Florence + The Machine und Selena Gomez kreiert, dies kommt ihm vor allem in den Musikszenen zugute. Mit schnellen Schnitten setzt er die Musikperformances grandios in Szene und die Rapsongs, die allesamt aus seiner Feder stammen, haben Ohrwuhrmcharakter. Aber auch die Rahmenhandlung ist frisch und mitreißend umgesetzt, die Charaktere werden jenseits ihrer klischeehaften Anlage lebendig und nehmen den Zuschauer mit in ihre Welt, ein Amerika nicht ganz unten, aber nicht weit davon entfernt, in dem man mit einfachen Jobs nicht in der Lage ist, einen notwendigen Krankenhausaufenthalt zu bezahlen, ohne danach tatsächlich ganz unten anzukommen.

Jasper führt seine Darstellerriege unprätentiös und er verzichtet auf bekannte Stars. Mit Danielle Macdonald hat er aber einen wahren Glücksgriff getan. Sie ist eine Urgewalt, wenn sie voller Inbrunst die nicht jugendfreien Texte herausrotzt und kann im nächsten Moment trotz ihrer Leibesfülle so verletzlich und zart wirken. Aber auch die anderen Akteure kommen so glaubhaft herüber, dass die Geschichte jenseits aller Klischees lebendig wird und die grauen Vorstadtbilder sich mit Pattis Traumsequenzen zu einem unterhaltsamen Mix aus Musical, Drama, Underdog- und Coming-of-Age-Story verbinden.


Regie: Geremy Jasper
Drehbuch: Germey Jasper 
Kamera: Federico Cesca 
Original Songs:  Geremey Jasper
Darsteller: Danielle Macdonald, Bridget, Everett, Siddarth Dhananjay,   Athie, Cathy Moriarty

Fox Searchlight Pictures 
109 min. 
Kinostart: 02. November 2017



Mittwoch, 25. Oktober 2017

Film-Rezensionen: Gauguin


Wer den Namen Paul Gauguin hört hat wahrscheinlich sogleich farbenfrohe Bilder von Palmen und blumengeschmückten jungen Frauen im Kopf, von Tahiti, diesem Sehnsuchtsort inmitten der weiten Südsee, von dem viele Menschen auf der ganzen Welt träumen. 

Der französische Maler Gauguin (Vincent Cassel) wird inmitten der Pariser Tristesse immer wieder von diesem Traum heimgesucht. Ursprünglich aus einem bürgerlichen Leben kommend hat er sich ganz und gar der Malerei verschrieben, aber wie so vielen Kollegen bleibt ihm der Erfolg verwehrt und irgendwann wird die Idee vom einfachen Leben, von Freiheit und künstlerischer Inspiration unter südlicher Sonne immer drängender. Es gelingt ihm nicht, einen einzigen seiner Malerkollegen dafür zu begeistern, mit ihm nach Tahiti zu reisen, auch seine dänische Frau Mette und seine fünf Kinder sind für dieses Abenteuer nicht zu haben. Weil er aber das Gefühl hat, zu ersticken und nach eigener Aussage „keine Landschaft und kein Gesicht mehr findet, die es verdienen, gemalt zu werden“, macht er sich 1891 allein auf den Weg in die Südsee, dorthin, wo man nach seiner Vorstellung mit wenig Geld glücklich werden kann.

Wie so viele Auswanderer holt ihn die Realität sehr schnell ein, das exotische Paradies entpuppt sich als grüne Hölle, in der seine romantischen Vorstellungen schnell zerplatzen. Der Film bietet eindrucksvolle Bilder, allerdings keine bunten und fröhlichen von Sonne, Sand und Palmen, die Landschaft zerfließt vielmehr graugrün im Regen und die Menschen singen und tanzen auch nicht ständig, sie haben sich nach Kolonialisierung und Christianisierung von ihrem ursprünglichen Leben bereits weit entfernt. Gauguin geht es, von Krankheit und Armut gezeichnet, bald so mies wie in Paris und er muss erkennen, dass er, wie alle zugewanderten Weißen, seinen Beitrag dazu leistet, die Ursprünglichkeit und Unbefangenheit der Tahitianer für immer zu zerstören. Um der neuerlichen Tristesse zu entfliehen zieht er, mit einem Pferd und wenigen Vorräten, dafür mit reichlich Farben und Leinwänden versehen, finanziert vom Geld, das er von seiner Frau aus Frankreich erhält, immer tiefer hinein in den Urwald, ausgezehrt, verhärmt – und endlich frei?

Er lebt zusammen mit der jungen Tahitianerin Tehura (Tuhei Adams), die seine Muse und Gefährtin wird, sie verewigt er immer und immer auf seinen später weltbekannten Bildern. Aber ihre Beziehung ist, wie so Vieles in seinem Leben, zum Scheitern verurteilt. Auch eine Rückkehr in die Stadt, wo Gauguin trotz seiner angeschlagenen Gesundheit einen Job im Hafen annimmt, um sich und Tehura durchzubringen, hilft nicht, irgendwann geht Tehura zu ihrer Familie zurück und Gauguin erkennt sein Scheitern im Paradies. Desillusioniert, krank und in einem desolaten Zustand fährt er zunächst heim nach Frankreich, kehrt dann noch einmal nach Polynesien zurück, wo er stirbt, ohne den Ruhm und die Anerkennung zu erleben, die seinen Werken später zuteil wurden.

Der Film basiert auf einem Reisebericht Gauguins mit dem Titel „Noa Noa“, den dieser selbst verfasst hat. Sowohl Bericht als auch Film haben keinen dokumentarischen Charakter, tatsächliche Ereignisse mischen sich mit fiktionalen Elementen. Wie in seinen Bildern hat Gauguin auch in „Noa Noa“ seine eigene Welt erschaffen und als Zeuge einer untergehenden Zivilisation gemalt, was sich gerade auflöste. Es wird einmal mehr klar, dass jeder, der sich auf die Suche nach dem Paradies macht, dieses mit seinem Eintreffen dort dem Untergang weiht.

Regisseur Edouard Deluc orientiert sich an der wahren Lebensgeschichte Gauguins, nimmt sich aber auch künstlerische Freiheiten heraus. So gibt es reale Figuren, aber in Tehura verdichten sich mehrere Frauen, die Gauguin geliebt hat, und auch die dramatische Beziehung eines Liebes-Trios zwischen Gauguin, Tehura und einem jungen Tahitianer hat es so nicht gegeben. Aber es ist ein ambitioniertes Werk, getragen von einem großartigen, tief in seine Figur eintauchenden Vincent Cassel, der mit jeder Faser seines Körpers leidet, um in seinen Bildern das zu schaffen, was es so nicht gibt: Reinheit, Schönheit und ewiges Glück.

Regie: Edouard Deluc 
Drehbuch: Edouard Deluc, Etienne Comar, Thomas Lilti, Sarah Kaminsky, frei adaptiert nach „Noa Noa, Voyage de Tahiti“ von Paul Gauguin 
Produktion: Bruno Levy
Kamera: Pierre Cottereau 
Originalmusik: Warren Ellis 
Darsteller: Vincent Cassel, Tuhei Adams, Malik Zidi, Pua-Tai Hikutini, Pernille Bergendorff

101 min. 
Deutscher Kinostart: 02. November 2017

Montag, 9. Oktober 2017

Film-Rezensionen: What happened to Monday?

Die Zukunft ist düster: Die Weltbevölkerung hat dramatisch zugenommen und Klimaänderungen führen zu Missernten und Hungersnöten. Es gilt daher eine strenge Ein-Kind-Politik, überzählige Babys werden vom Child Allocation Bureau (CAB) unter der Leitung von Nicolette Cayman (Glenn Close) aus den Familien genommen und in einer Art Kältekammer – der sogenannten Cryobank – „zwischengelagert“, bis eines Tages eine Lösung für sie gefunden wird.


Ausgerechnet in dieser Zeit gibt es eine Häufung von Mehrlingsgeburten und so erblicken auch die Siebenlinge der Karen Settman das Licht der Welt. Da der Vater unbekannt bleibt und die Mutter bei der Geburt stirbt, kümmert sich Großvater Terrence Settman (Willem Dafoe) um die Kleinen. Es gelingt ihm, alle sieben zu sich zu holen und er gibt ihnen die Namen Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday. Da es offiziell nur ein Kind gibt – zu Ehren der Mutter Karen Settman genannt – dürfen alle Kinder nur an ihrem Wochentag die Wohnung verlassen und später die Schule besuchen. Abends gibt es dann für alle ein Update über die Geschehnisse des Tages draußen.


Dreißig Jahre später haben sich die Schwestern (alle gespielt von Noomi Rapace) unter dem Namen „Karen Settman“ in ihrem einzigen Leben eingerichtet. Sie haben einen Job, dem jeden Tag eine andere nachgeht, samstags kümmert sich Saturday um die sozialen
Kontakte, während Sunday die Gemeinschaft mütterlich zusammenhält. Da jeder Mensch am Arm einen Chip trägt, der ihn als Einzelkind ausweist und diese Chips überall kontrolliert werden, führen die Settmans ein Leben in ständiger Gefahr, eines Tages doch noch entdeckt zu werden. Ihr Zusammenleben auf engstem Raum, zu dem kein Fremder Zutritt hat, führt immer wieder zu Spannungen, vor allem weil die Schwestern charakterlich und von ihren Interessen her unterschiedlicher nicht sein könnten. Monday scheint die Rolle der Karen Settman und ihre Aufgabe im Job am besten auszufüllen, während Tuesday eher wild und unkonventionell daherkommt. Wednesday stählt und trainiert ihren Körper, Thursday ist die Rebellin, die ihr Leben immer wieder in Frage stellt, Friday ist ein Computernerd, und Saturday ein Partygirl, das am liebsten blondiert ausgeht, während die mütterliche Sunday den Laden zusammenhält. In den eigenen vier Wänden leben alle diese Unterschiede aus, tragen individuelle, ihren Interessen angepasste Kleidung und Frisuren, als Karen Settman müssen sie vor Verlassen der Wohnung mit Hilfe eines Computer-Scans allerdings alle Unterschiede beseitigen, eine lästige und zermürbende Routine, aber der einzige Weg, den Häschern des CAB zu entgehen.


Das Arrangement funktioniert solange, bis eines Tages etwas geschieht, das alles in Frage stellt: Monday kehrt nicht von der Arbeit zurück. Die verbliebenen Schwestern versuchen verzweifelt, herauszufinden, was geschehen ist, wobei sie ziemlich schnell ihre mühsam errichtete Fassade einreißen, und damit wird aus dem familiären Kammerspiel ein furioser Action-Thriller.


Nach Tatiana Maslany in der kanadisch-amerikanischen SF-Serie „Orphan Black“ muss nun auch Noomi Rapace die Herausforderung meistern, mehrere Personen in ihren verschiedenen Facetten darzustellen, vom Heimchen am Herd über die erfolgreiche Geschäftsfrau und den Computernerd bis zur durchtrainierten Kampfmaschine, und es gelingt ihr bravourös.

Neben Rapace konnte Willem Dafoe für die Nebenrolle des Settman-Großvaters gewonnen werden, und Clenn Close verkörpert eine moderne Version der Cruella De Vil, die es diesmal nicht auf kleine Hunde, sondern Kinder abgesehen hat. Eiskalt und mitleidlos setzt sie eine angeblich dem Wohl der Weltbevölkerung dienende Maßnahme durch, bis sie am Ende des Films als Monster dasteht. Zynischerweise stellt sich aber genau dann die Frage, ob ihre Grausamkeiten nicht vielleicht doch gerechtfertigt waren, denn das Problem der Überbevölkerung spitzt sich weiter zu...

Der Film wirft einmal mehr einen pessimistischen Blick in die Zukunft. Die Sorgen der Gegenwart (Überbevölkerung, Klimawandel, Hunger) scheinen unausweichlich in einer dystopischen Gesellschaft zu münden. Im Gegensatz zu vielen anderen SF-Filmen gibt es wenig technische Fortschritt zu bestaunen, aber die Menschen leben und arbeiten in einer überwachten Welt, was bereits George Orwell in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts umtrieb. Da es zumindest offiziell keine Familie mit mehr als einem Kind gibt, wird der private Rückzugsbereich auf ein minimales Maß zurückgefahren. Der Wunsch nach Individualität ist gleichzeitig Segen und Fluch der Settman-Schwestern, ihr geschwisterlicher Zusammenhalt ist ihre Stärke, ihre einzelnen Persönlichkeiten nicht wirklich ausleben zu können treibt jedoch einen Keil in diese anfangs verschworene Gemeinschaft, zumal, wenn dann noch die Liebe zu einem Mann ins Spiel kommt.

Mit dieser Thematik setzt sich der Film dann aber nicht weiter auseinander, sondern nutzt sie als Rahmen für eine actionreiche und spannend inszenierte Tour de Force der Settman-Frauen auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Monday, bei der Noomi Rapace alle Register ziehen darf - eine starke Frau in einem starken Film!

Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Max Botkin, Karry Williamson 
Musik: Christian Wibe 
Kamera: Jose David Montero 
Produzenten: Raffaella De Laurentiis, Philippe Rousselet, Fabrice Gianfermi
Darsteller: Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari

Deutscher Kinostart: 12. Oktober  2017 
ca. 123 min.




Dienstag, 19. September 2017

Filmrezensionen: Kingsman 2 - The Golden Circle



Im ersten Film "Kingsman-The Secret Service" – haben wir den unabhängigen, international operierenden Geheimdienst und dessen Agenten kennen gelernt, deren Stärke diskrete und professionelle Operationen sind. Ihre Tarnnamen sind von König Artus’ Tafelrunde entliehen und ihr Hauptquartier befindet sich gut getarnt im Hinterzimmer eines Londoner Herrenausstatters, von wo aus sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Welt vor allen erdenklichen Gefahren zu retten.


Der seinerzeit als Neumitglied ausgebildete Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) hat sich in Teil zwei zu einem gestandenen Kingsman gemausert und beweist dies gleich in der furiosen Eingangssequenz bei einem Kampf auf Leben und Tod. Im Folgenden muss er allerdings hilflos mit ansehen, dass durch einen plötzlichen und heimtückischen Angriff das Kingsman-Hauptquartier zerstört und fast alle Kollegen getötet werden. Mit Hilfe des einzig verbliebenen Getreuen Merlin (Mark Strong) macht er einen weiteren, mit Kingsman ursprünglich verbundenen Geheimdienst in den USA namens Statesman ausfindig. Dessen Hauptquartier hat sich als Whiskey-Destillerie in Kentucky getarnt, entsprechend sind die Namen der dortigen Agenten gewählt. Eggsy und Merlin machen sich mit den neuen Kollegen Ginger (Halle Berry) und Whiskey (Pedro Pascal) daran, die geheimnisvolle und mächtige Organisation zu finden, die dieses Mal die Welt erobern will, dabei zur Seite steht ihnen der tot geglaubte Harry Hart, Eggsys Mentor, der eine überraschende Wiederauferstehung feiert.

Die Wurzel des zu bekämpfenden Übels liegt tief verborgen im kambodschanischen Dschungel, wo die skrupellose und völlig durchgeknallte Drogenbaronin Poppy (Julianne Moore) ihre teuflischen Fäden zieht, um ihr Geschäft aus der Illegalität ans Licht zu holen. Dabei spielt die Erpressung des amerikanischen Präsidenten eine entscheidende Rolle, der allerdings verfolgt eigene Pläne und verschärft damit die Situation für die unerschrockenen Weltenretter noch einmal...

Der Film ist, wie bereits der erste Teil, eine wilde Mischung aus ernsthaftem Agententhriller mit Bond-Anspruch und comicbunter, völlig überdrehter Action. Er setzt auf vertraute Figuren und bindet geschickt die neuen Charaktere ein, wobei einige der Darsteller mit klangvollem Namen allerdings über einen Kurzauftritt nicht hinauskommen. Die Story ist gut, verliert sich aber immer wieder in Details, vor allem um Gelegenheit für immer neue spektakuläre Actionsequenz zu bieten. Es entsteht der Eindruck, als hätte der Regisseur seiner eigentlichen Geschichte nicht getraut und mit Macht versucht, den ersten Teil auf jeden Fall zu übertreffen, was sich auch in der Länge von 140 Minuten widerspiegelt. 
Unterhaltsam ist "Kingsman 2–The Golden Circle" dennoch, wer schwarzen Humor und Action mag und auch nichts gegen die ein oder andere herbe Szene hat, kommt auf seine Kosten, und wer Elton John einmal anders erleben möchte, sollte diesen Film auch nicht verpassen! Kenntnis des ersten Teils ist nicht notwendig, rundet den Spaß aber ab. 

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn, Mark Millar, Dave Gibbons 
Kamera: George Richmond 
Musik: Henry Jackman, Matthew Margeson 
Darsteller: Taron Egerton, Colin Firth, Mark Strong, Julianne Moore, Edward Holcroft, Pedro Pascal, Halle Berry, Jeff Bridges, Channing Tatum, sowie Elton John als er selbst 

Kinostart: 21.September 2017  
20th Century Fox, 140 min.

Dienstag, 5. September 2017

Film-Rezensionen: Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft (An Inconvenient Sequel: Truth to Power)


Al Gore, amerikanischer Vizepräsident unter Bill Clinton von 1993 bis 2001, wäre beinahe der 43. Präsident der USA geworden. Bei der Wahl im Jahr 2000 hatte er zwar über 500.000 Stimmen mehr als sein Gegner, George W. Bush. Doch Bush vereinte mehr Wahlmännerstimmen auf sich und wurde nach mehreren erneuten Stimmauszählungen und höchstrichterlicher Überprüfung durch den Supreme Court zum Sieger erklärt.  

Gore beschäftigt sich seit längerem mit dem Thema Umweltschutz, nach weltweiten Vorträgen zum Thema globale Erwärmung entstand 2006 die oscarprämierte Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ („An Inconvenient Truth“). 2007 erhielt Gore für sein Engagement zur Bewusstmachung des Klimawandels und dessen globalen Auswirkungen zusammen mit dem Weltklimarat IBCC den Friedensnobelpreis.


Nun kommt eine Fortsetzung seines Films in die Kinos, in der wir Al Gore rund um die Welt begleiten und hautnah dabei sind, wenn er unermüdlich versucht, jedem, der ihm zuzuhören bereit ist in eindrucksvollen Bildern und ebensolchen Worten darzulegen, wo die Welt, wo unser Planet, nach Ansicht der Experten zur Zeit im Kampf gegen die globale Erwärmung steht. Die Aufnahmen von schmelzenden Gletschern, von Überschwemmungen auf der einen und tödlichen Dürren auf der anderen Seite rütteln einmal mehr auf, sie weisen darauf hin, dass die Lage bedrohlich ist, aber dennoch Chancen bestehen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Entwicklung zumindest aufzuhalten. Welche Maßnahmen möglich sind, dafür steht z.B. eindrucksvoll die konservativ geprägte texanischen Kleinstadt Georgetown, der es als einer der ersten Kommunen in den USA gelungen ist, den öffentlichen Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken, wie Al Gore im Film zusammen mit dem republikanischen Bürgermeister der Stadt stolz hervorhebt.

Unterstützt wird er bei seinen Appellen rund um den Globus von Menschen, die in dem von ihm gegründeten „Climate Reality Project“, einer der wichtigsten Umwelschutzorganisationen, als sogenannte Climate Leader geschult werden. Sie geben der Bewegung eine Stimme und sollen Menschen weltweit auf die Thematik aufmerksam machen, um so das Bewusstsein der Menschen, aber vor allem auch der Politik, für die auftretenden Veränderungen zu schärfen.

Es braucht mehr Menschen wie Al Gore, der in allem was er tut oder sagt aufrichtig und seriös daherkommt. Er ist eine Inspiration für alle in seinem unermüdlichen Kampf gegen Widerstände und taube Ohren, einem Kampf, dem er sich ernsthaft und leidenschaftlich verschrieben hat, wobei er im Gegensatz zu früher aber auch hin und wieder Ansätze von Selbstironie zeigt. Dies und seine unbestreitbare Eloquenz lassen ihn noch menschlicher und überzeugender wirken, man wünscht ihm und uns allen, dass er etwas bewirken kann, bevor es zu spät ist, und dabei ist sein Film ein wichtiger Beitrag, insbesondere vor dem Hintergrund der Ankündigung des amtierenden Präsidenten Donald Trump, aus dem Klimaschutzabkommen von Paris auszusteigen. Wer weiß, welche Weichen Al Gore hätte stellen können, wäre er seinerzeit Präsident geworden… 




PARAMOUNT PICTURES und PARTICIPANT MEDIA präsentieren
eine ACTUAL FILMS Produktion
Regie: Bonni Cohen und Jon Shenk
Ausführende Pruduzenten: Jeff Skoll, Davis Guggenheim, Lawrence Bender,
Laurie David, Scott Z. Burns, Lesley Chilcott
Produzenten: Richard Berge und Diane Weyermann 

Deutscher Kinostart: 07. September 2017 
Laufzeit: 99 min.



Montag, 4. September 2017

Film-Rezensionen: Meine Cousine Rachel (My Cousin Rachel)


England in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: Der elternlose Philip Ashley (Sam Claflin) wird als Kind von seinem älteren unverheirateten Cousin Ambrose aufgenommen und wächst auf dessen Landgut in einem frauenlosen Haushalt auf. Als Philip Anfang 20 ist, reist der gesundheitlich angeschlagene Ambrose wegen des besseren Klimas die nächsten Winter über nach Italien.

Im dritten Winter lernt er eine Frau – eine entfernte Cousine – namens Rachel (Rachel Weisz) kennen und lieben. In seinen Briefen an Philip schwärmt Ambrose von dieser Frau, bis schließlich die Nachricht kommt, dass beide geheiratet haben. Einige Zeit danach erreichen Philip ein paar düstere Briefe und es klingt an, als trachte Rachel ihrem frischgebackenen Ehemann nach dem Leben. Besorgt reist Philip daraufhin nach Italien, aber Reisen in dieser Zeit sind lang und mühselig und als er schließlich in Florenz eintrifft, ist Ambrose bereits verstorben, angeblich an einem Hirntumor, was auch seine verworrenen letzten Briefe erklären würde.

Durch den Anwalt Guido Rainaldi erfährt Philip, dass die verwitwete Rachel Hals über Kopf abgereist ist, daraufhin kehrt Philip nach England zurück, ergriffen von tiefem Schmerz über den Verlust aber auch voller Hass gegenüber der unbekannten Ehefrau. Zu Hause angekommen erfährt er, dass nicht, wie vermutet Rachel, sondern er selbst Ambroses Erbe geworden ist, damit entfällt das Motiv für einen Mord am Ehemann. Allerdings soll Philip dieses Erbe erst an seinem 25. Geburtstag antreten, bis dahin wird es von seinem Paten und Vormund Nick Kendall (Iain Glen) verwaltet.

Eines Tages kündigt Rachel überraschend ihren Besuch in England an. Sofort flammen Philips Hassgefühle gegenüber dieser unbekannten Frau wieder auf, von dem Verdacht, dass sie etwas mit Ambroses Tod zu tun haben könnte, hat er sich nie befreien können. Für ihn ist sie ein verabscheuungswürdiges Monster und in seinen Fantasien entwickelt er immer neue Szenarien, was er bei ihrer ersten Begegnung am liebsten mit ihr machen 
würde. Aber dann steht plötzlich eine anziehend schöne Frau vor ihm. Philip, der über keinerlei Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verfügt, erliegt ihrem Charisma vom ersten Augenblick an und entwickelt ganz neue Fantasien darüber, was er am liebsten mit ihr machen würde. Liebeskrank und grenzenlos naiv wirbt er um ihre Gunst, was sein Vormund Kendall und vor allem auch dessen Tochter Louise (Holiday Granger) mit wachsender Sorge beobachten. Mit Louise ist Philip praktisch aufgewachsen, für sie hegt er nicht mehr als geschwisterliche Gefühle, während sie seit langem in ihn verliebt ist.

Philip steigert sich immer tiefer in seine Gefühle hinein, und zu seiner grenzenlosen Freude erhört Rachel ihn tatsächlich, woraufhin bei Philip alle Dämme brechen. Er schenkt ihr zum Entsetzen von Nick Kendall und Louise eine wertvolle Halskette aus
Familienbesitz, ist dabei ihr Haus und Hof zu vermachen, als er 25 wird und über sein Erbe verfügen kann. Rachel bleibt undurchschaubar, mal weist sie seine Geschenke zurück, dann ihn, was seinen Liebeswahn nur noch weiter anfacht. Als er fiebernd und delirierend darniederliegt, pflegt ihn Rachel und versorgt ihn mit selbstgebrautem Heiltee, bis in ihm der alte Verdacht wieder aufkeimt, dass sie nunmehr ihm nach dem Leben trachtet, für Philip eine ausweglose Situation, aus der er sich nur auf sehr dramatische Weise retten zu können glaubt…


Die Frage, ob Rachel eine Mörderin und Erbschleicherin ist oder nicht, bleibt am Ende offen, es ist dem Zuschauer überlassen, sich hierüber ein Urteil zu bilden. Reicht das Geschehene, um in ihr eine eiskalte Verbrecherin zu sehen, oder ist sie einfach eine Frau, in die sich Männer verlieben und dann, wenn sie sich mit ihnen einlässt, ohne sich ihnen zu unterwerfen, wie es sich in damaligen Zeiten geziemte ihren Hass auf sich zieht. Ist es die Schuld der Frau, dass sie verdächtigt und verurteilt wird, nur weil Männer falsche Erwartungen haben?

Die Romanvorlage von Daphne du Maurier wurde 1951 verfasst, deren Handlung liegt auch
da schon etwa hundert Jahre in der Vergangenheit. Der Film versucht, diese längst vergangene Zeit wiederauferstehen zu lassen, in wunderschönen Bildern und in atmosphärischer Kulisse. Der Kontrast zwischen dem heiteren hellen Florenz und dem teilweise sehr düsteren, verstaubten englischen Landsitz mit den nur durch Kerzenlicht erhellten Zimmern und Sälen geben Aufschluss über die beiden Charaktere Philip und Rachel. Er der grüblerische, eigenbrötlerische junge Mann, sie die mondäne, an Licht und Sonne gewöhnte Frau – eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Beziehung. Doch schafft es der Film nicht ganz, den Zuschauer tiefer in die Geschichte hineinzuziehen, Auge und Ohr sind viel zu oft in den Bildern und der fast schon betörenden Musik gefangen, während das Interesse an den Figuren an der Oberfläche bleibt. Regisseur Roger Michell, der auch das Drehbuch verfasst hat, gelingt es nicht durchgehend, die der Geschichte immanente Spannung aufzunehmen und dramaturgisch aufzubereiten. Dass der Film dennoch reizvoll ist, liegt vor allem an der wunderbaren Rachel Weisz, die der geheimnisvollen Rachel die ansonsten fehlende Tiefe verleiht. 




Regie: Roger Michell
Drehbuch: Roger Michell basierend auf einer Romanvorlage von Daphne du Maurier
Kamera: Mike Eley 
Musik: Rael Jones 
Darsteller: Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Granger, Iain Glen, Pierfrancesco Favino, Simon Russell Beale, Vicki Pepperdine



Fox Searchlight Pictures
101 min. 
Deutscher Start: 07. September 2017

Trailer: youtu.be/Dq6QPnL9QBw

Montag, 28. August 2017

Film-Rezensionen: Killer's Bodyguard



Michael Bryce (Ryan Reynolds) ist Bodyguard und einer der besten seines Fachs, bis ihm ein Klient vor seinen Augen von einem Scharfschützen erschossen wird. Danach ist er nur noch ein Schatten seiner selbst und hält sich mit kleinen Aufträgen über Wasser. Die Chance, wieder in die A-Liga seiner Zunft aufzusteigen, kommt mit dem Anruf seiner Ex-Freundin, Interpolagentin Amelia Roussel (Elodie Yung). Ausgerechnet sein langjähriger Gegenspieler, der weltweit beste Auftragskiller Darius Kincaid (Samuel L. Jackson) braucht Schutz, um binnen 24 Stunden aus dem Norden Englands nach Den Haag gebracht zu werden, wo er vor einem Kriegsverbrechertribunal als Kronzeuge gegen den skrupellosen osteuropäischen Diktator Vladislav Dukhovich (Gary Oldman) aussagen soll. Darius, den die Liebe zu seiner Frau Sonia (Salma Hayek) hinter Gitter gebracht hat, geht auf diesen Deal von Interpol ein, seine Aussage gegen die Freilassung Sonias, die ihrerseits in Amsterdam im Gefängnis sitzt. Um Darius’ Auftritt vor Gericht zu verhindern setzt Diktator Dukhovich allerdings eine Armee von blutrünstigen Söldnern in Marsch, außerdem gibt es offensichtlich einen Maulwurf bei Interpol, der ihm mit Rat und Tat zuarbeitet.


Damit sind die Weichen gestellt für eine furiose Verfolgungsjagd, per Auto quer durch England und – klar –  per Boot durch Amsterdam, ein Trip wie ein Computerspiel, wo an jeder Ecke heimtückische Schützen lauern, die eliminiert werden müssen. Dabei bleibt den beiden höchst unterschiedlichen Protagonisten, dem akkuraten, planvollen Michael und dem unkonventionellen, unberechenbaren Darius nichts anderes übrig, als sich zusammenzuraufen und sie kommen sich immer näher, während die Uhr unerbittlich die Stunden – und letztlich auch Minuten – herunterzählt, ehe sich das Zeitfenster für Darius’ Auftritt vor Gericht zu schließen droht.
 
Regisseur Patrick Hughes verknüpft das altbekannte Thema – Kronzeuge muss vor Killern beschützt werden – mit Motiven aus Road- und Buddymovies und serviert mit Gespür für gut getimte Action und einer reichlichen Dosis Humor eine launige Actionkomödie. Die Dritte Ebene, an der er sich versucht, die Bodyguard-Romanze, ist dann allerdings ein bisschen zu viel des Guten. Funktioniert die Amour fou zwischen Darius und seiner Sonia noch, einer heißblütigen, kampferprobten Powerfrau, so bleibt die Liebesgeschichte zwischen Michael und der Interpolagentin Amelia eher blass und sorgt für einige überflüssige und kitschige Momente.


Samuel L. Jackson liefert eine grandiose Vorstellung ab, er und Salma Hayek geben dem Affen Zucker, auch wenn ihre Rolle eher klein ist. Ryan Reynolds scheint die Figur des pedantischen Planers zu liegen, wobei es für jeden Akteur nicht leicht sein dürfte, Jacksons Präsenz etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Der Film bietet keine wirklichen Überraschungen, aber er ist unterhaltsam
genug, um über manch eine Abwegigkeit
bei der wilden Hatz durch zwei Länder
hinwegzusehen, Liebhaber dieses Genres werden insgesamt ihren Spaß haben.

Regie: Patrick Hughes 
Drehbuch: Tom O’Connor 
Kamera: Jules O’Laughlin
Production Design: Russell De Rozario 
Darsteller: Ryan Reynolds, Samuel L. Jackson, Gary Oldman, Salma Hayek, Elodie Yung, Joaquim De Almeida, Kirsty Mitchell, Richard E. Grant

 USA 111 min.   
Deutscher Start: 31.08.2017